{"id":74659,"date":"2014-08-31T00:01:14","date_gmt":"2014-08-30T22:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=74659"},"modified":"2022-02-23T13:15:30","modified_gmt":"2022-02-23T12:15:30","slug":"ziegelsteingroesse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/08\/31\/ziegelsteingroesse\/","title":{"rendered":"Ziegelsteingr\u00f6\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hat\u2019s wieder getan. Wuchtig, in Ziegelsteingr\u00f6\u00dfe kommt Clemens Meyers neuer Roman daher \u2013 nach dem rasanten Deb\u00fct \u201eAls wir tr\u00e4umten\u201c, dem Bestseller \u201eDie Nacht, die Lichter\u201c, der als Tagebuch bem\u00e4ntelten Textsammlung \u201eGewalten\u201c ist \u201eIm Stein\u201c sein viertes Buch. Kaum eines wurde hierorts so hei\u00df erwartet, und mindestens das Cover des Bands h\u00e4lt den Grad der Erwartung aufrecht: Aus der wabernden Schw\u00e4rze sticht ein menschliches Auge hervor, dem eine Tr\u00e4nenspur entspringt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Inhalt des Romans ist starker Tobak, er k\u00fcndete sich \u00fcberdies im Vor-Werk schon an, dort lagen die Pl\u00e4tze der Verlockung noch tief in der Stille, nun sind sie aufs Tablet einer Provinz-Metropole gehoben. In 22 zumeist monologisch gehaltenen Kapiteln entwirft Meyer das omin\u00f6se Sexgewerbe-Gebaren von \u201eEden-City\u201c, einer Gro\u00dfstadt in der Tiefebene, am Ende der Jetztzeit. Sprachlich partiell auf h\u00f6chstem Niveau, krankt das Buch immer mal wieder an seinem Bramarbasieren und ins Deklinieren dessen, von dem man meint, es sollte schlicht jedes Gel\u00fcst befriedigen; nur um festzustellen: es bleibt nach wie vor reichlich Anlass zum Ungl\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mutig, diese Wahl, in der sich gern bedeckt haltenden Selbstkolportage dieses Landes, in dem man, nat\u00fcrlich! zum Reden in den Puff geht \u2026 und im aufkommenden Sturm, der sich soeben gegen das Gewerbe, nicht immer zu Diensten seiner im weitesten Sinn \u201adienenden Insassen\u2018, wie man angesichts des virulenten Fernsehgekreisches zum Thema verwundert feststellen darf, zusammenbraut. Und zugleich muss die Frage gestellt sein, inwieweit Meyer damit das omin\u00f6se Gerede vom gro\u00dfen \u201aZeitroman\u2018 bedient. Allenfalls, und das ist der Punkt und die Leistung von \u201eIm Stein\u201c, schlie\u00dft der Text in seiner Befindungs- und Beobachtungsgabe an die Blickachsen des gr\u00f6\u00dften mitteldeutschen Dichters des letzten Halbjahrhunderts an: die H\u00f6llenvisionen eines Wolfgang Hilbig erfahren eine gewisse, etwas durchscheinende Teleportation ins neue Jahrzehnt.<br \/>\nJene Stadt, sie tr\u00e4gt zahlreiche Elemente der ungleichen mitteldeutschen Schwestern Halle, Leipzig, Chemnitz in sich, ist als Gesellschaftsbild ein gro\u00dfer Gef\u00fchls- wie Gel\u00fcstpool zugleich \u2013 Huren und Zuh\u00e4lter kommen hier zu Wort, der Alltag von Freiern und Bikern schleppt sich oder klingelt durch die engbedruckten Zeilen. Ja, nicht zuletzt aufgrund seiner F\u00fclle ist \u201eIm Stein\u201c ein schwerwiegendes St\u00fcck Lesestoff, in literaturbeflisseneren Zeiten h\u00e4tte man wohl zwei B\u00e4nde draus gemacht, um Eden City ein wenig mehr Raum zu lassen, sich zu entbl\u00e4ttern (sic!) und: etwas atmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der anderen Seite ist die Atemlosigkeit eines der treibenden Stilmittel des Buchs. Im Ton und in der Abfolge entwickelt \u201eIm Stein\u201c nicht ganz den Sog der Vorg\u00e4ngerb\u00e4nde, f\u00fcr die das Erz\u00e4hlwunderkind Meyer vielfach ausgezeichnet wurde. Das wird sicher darin liegen, dass sich ein tats\u00e4chlicher Plot nicht entfaltet, vielmehr handelt sich um eine Folge mosaikartig aneinandergestellter Selbstverortungen, die zeitweise miteinander F\u00fchlung aufnehmen. In \u201eGewalten\u201c klingt das Sujet schon vehement an: dort nimmt das Zittern der Begierde nach k\u00e4uflichem Sex den Umweg \u00fcber die B\u00f6rde-Provinz.<br \/>\nClemens Meyer, in Halle geboren, in Leipzig aufgewachsen und verwurzelt, ein Seitenspross der aufs Hervorbringen bedeutender K\u00fcnstler abonnierten M\u00f6hwald-Dynastie, schl\u00e4gt in seinem Roman einen so z\u00e4rtlichen wie rabiaten Bogen \u2013 seine \u201aKlienten\u2018 treten als zutiefst menschliche Wesen auf. Ob man alles, was man hinter Bordellt\u00fcren so zur Druckentlastung der Freier unternimmt, wissen mag, sei dahingestellt. Vielleicht ist es gut, dr\u00fcber gesprochen zu haben. Es bleibt vor allem die Faszination, wie Clemens Meyer mit der ihm gegebenen Sprachkraft und Erz\u00e4hlgabe arbeitet. Inzwischen ist ein weiteres, schmales Buch des Autors in einem Leipziger Verlag erschienen: mit demTitel \u201eR\u00fcckkehr in die Nacht\u201c impliziert es irgendwie die Besinnung auf die ber\u00fcckenden Hallr\u00e4ume der Erz\u00e4hlungen Meyers, die ihn mehr noch als sein Deb\u00fct ber\u00fchmt gemacht haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie die Sterne stehn in Eden-City, man mag es sich zuweilen, auch weil einem das Schicksal der in diesen Roman Eingeschlossenen besch\u00e4ftigt, nicht ausmalen \u2013 Fakt ist jedoch, dass unter eben diesen Sternen auch der um ein Haar unerkannt gebliebene Outlaw-Erz\u00e4hler Meyer einhergeht \u2026 und von den G\u00f6ttern geliebt wird. Soeben wurde die Vergabe des hochrenommierten Bremer Literaturpreises an den Verfasser von \u201eIm Stein\u201c bekannt: eine Ehrung, die Meyer nicht zuletzt aufgrund der gewaltigen Phalanx an Vorpreistr\u00e4gern, in die er sich nun einreiht, freuen wird. M\u00f6ge es sein, dass man sich gew\u00e4rtig macht: diese Preisung, sie w\u00e4re bei \u201eDie Nacht, die Lichter\u201c schon f\u00e4llig gewesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Im Stein<\/strong>, Roman von Clemens Meyer, Fischer Verlag 2014<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\" style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"220\" height=\"334\" class=\"wp-image-61394\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Stein_Cover.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Stein_Cover.jpg 220w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Stein_Cover-198x300.jpg 198w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Stein_Cover-160x243.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Er hat\u2019s wieder getan. 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