{"id":74650,"date":"2019-10-08T00:01:47","date_gmt":"2019-10-07T22:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=74650"},"modified":"2022-02-23T11:43:31","modified_gmt":"2022-02-23T10:43:31","slug":"ein-buch-der-stunde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/10\/08\/ein-buch-der-stunde\/","title":{"rendered":"Ein Buch der Stunde"},"content":{"rendered":"<div class=\"field-name-body\" style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"rtejustify\">Es sind da Dinge, die vergisst man nicht, und man begreift vielleicht erst sp\u00e4t, was sie einerseits bedeuten, andererseits, welche Auswirkungen und schlicht Lebensver\u00e4nderungen sie mit sich bringen. In diesem, dem unseren, an Br\u00fcchen und nunmehr Apokalypsen so reichen Doppeljahrhundert d\u00fcrfte die herbstliche Revolution in Ostdeutschland samt ihrer Nachhut eine der wenigen Leistungen sein, in der sich Aufkl\u00e4rung und Vereinnahmung, Hoffnung, M\u00fcndigkeit und Desillusion begegnen und die Klinke reichen.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\">Es war das ersch\u00fctterndste Ereignis der sp\u00e4ten DDR, ein sanftes Wochenma\u00df :an Atem nach langem Verharren, ihre verhei\u00dfene, nie eingetretene Aurora, ihr Ende zugleich: die Friedliche Revolution 1989. Immerhin spielten The Cure im Sommer vor der Vereinigung in Leipzig, und die Berge an Bierb\u00fcchsen dufteten nach Freiheit und Abendrot. Die widerspr\u00fcchlichen Momente dieses die Weltgeschichte ersch\u00fctternden Vorgangs versucht man seitdem in Reportagen, B\u00fcchern und Aufs\u00e4tzen zu fassen, und Gesang, Streit und Widerstreit \u00fcber Wohl und Wehe des Vonstattengehens wogen bis heute.<\/p>\n<p><span class=\"field-content\"> <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor\">Ralph Gr\u00fcnebergers\u00a0<\/span><\/span>im Gmeiner-Verlag in Me\u00dfkirch erschienener, etwas \u00fcber 300-seitiger Roman \u201eHerbstjahr\u201c d\u00fcrfte, obwohl Fiktion, als eines der pers\u00f6nlichsten und umfassendsten Dokumente einer jahre-, jahrzehntelang eingeforderten Wende-Literatur gelten. Dieses Buch, das, mit Vor- und R\u00fcckblenden, die Geschichte der wohl ungew\u00f6hnlichsten Revolution in drei Str\u00e4ngen erz\u00e4hlt, ist ein ber\u00fchrendes, historiografisches wie h\u00f6chst authentisches Werk, das sich mit dem Paradoxon der friedlichen Wende in Leipzig und im \u00dcbrigen \u00f6stlichen Deutschland und ihren Nachwehen besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\">Erz\u00e4hlt wird in drei lose sich ber\u00fchrenden und sich am Ende in einer Art Rondell sich wieder verbindenden Str\u00e4ngen die Geschichte von Jesse, Monika und Rainer, die als Kollegen und Freunde bzw. als Geschwister miteinander verbunden sind. Gr\u00fcneberger gelingt es stupend, die Mentalit\u00e4t, Duft, Situation vor und im Jahr nach der Wende zu erfassen \u2013 er setzt damit der M\u00fcndigkeit der DDR-B\u00fcrger, die auf die Stra\u00dfe gehen, wie den Versuchen, kurz vor und nach der Wiedervereinigung in dem Neuen anzukommen, ein Denkmal.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\">Jeder, der an den Demonstrationen in der sp\u00e4ter als \u201eHeldenstadt\u201c geehrten Metropole Leipzig teilnahm, erinnert sich an das untr\u00fcgliche Gef\u00fchl, das sich einstellte, wenn aus Furcht und Unbehagen Protest wurde und schlie\u00dflich der Druck der Angst einer i. e. S. Befreiung und eben M\u00fcndigkeit wich: Es ist das Eigentliche und Pr\u00e4gende, das den Demonstranten bis heute geblieben sein d\u00fcrfte, ihr Leben unumkehrbar beeinflusst hat.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\">Andere wiederum ergehen sich zun\u00e4chst aus der Ahnung heraus, verloren zu haben, in Apathie, die aber angesichts der neuen Reize schnell in Anpassung sich wenden kann. Jesse schl\u00e4gt sich zun\u00e4chst durch; Rainer kommt, nachdem seine Flucht durch den Mauerfall obsolet geworden ist, zur\u00fcck und m\u00f6chte gern etwas vom Kuchen der neuen M\u00f6glichkeiten abbekommen. Monika geht ihrem Traum nach, aber die Annahme auf der Schauspielschule gestaltet sich aus nicht zuletzt b\u00fcrokratischen Gr\u00fcnden schwierig.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\">Viel treffender und ber\u00fchrender als in diesem Buch kann man das Schicksal dreier Menschen, die symbolisch f\u00fcr die junge Bev\u00f6lkerung der DDR \u2013 ausgebildet f\u00fcr ein Staatswesen, das es pl\u00f6tzlich nicht mehr gibt \u2013 stehen, kaum beschreiben. Neben der gro\u00dfen fiktiven Kraft, die dieses zugleich behutsam erz\u00e4hlende Buch in sich tr\u00e4gt, ist \u201eHerbstjahr\u201c zugleich ein Dokument einer Zeit, die nun drei\u00dfig Jahre zur\u00fcckliegt und die nicht zuletzt angesichts der Entwicklungen, die momentan diese Errungenschaften unter den Scheffel der Schwierigkeiten beim Ankommen und Sich-zurecht-Finden stellen wollen, und auch ganz klar und historisch plausibel und offen an die Schulen, ins Gespr\u00e4ch gebracht geh\u00f6rt.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\">Gerade der Schluss des Buchs macht die Zerbrechlichkeit des Errungenen wie Ertr\u00e4umten sichtbar \u2013 der Anfang, der einem Ende innewohnt, geh\u00f6rt gehegt und gesch\u00fctzt im Sinne einer fortgesetzten Aufkl\u00e4rung, die sich gegen Gewalt, gegen jede \u00dcbert\u00f6lpelung und Pers\u00f6nlichkeitsbeschneidung richtet. Eine aufgekl\u00e4rte Gesellschaft sollte es verstehen, seine B\u00fcrger zu sch\u00fctzen, ohne sie auszuliefern.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\">Ralph Gr\u00fcneberger, der sich einen Namen als Lyriker wie Erz\u00e4hler und umsichtiger \u201aprimus inter pares\u2018 der Gesellschaft f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Lyrik einen Namen gemacht hat, gelingt mit diesem Roman ein bedeutendes Buch, das in die \u00d6ffentlichkeit geh\u00f6rt und gleichsam zur zeigenden, nicht belehrenden Unterweisung und Anregung zu Erinnerung wie Diskussion vortrefflich geeignet ist. \u201eHerbstjahr\u201c, dieser pers\u00f6nliche, pers\u00f6nlichste Versuch, \u00fcber die Erlebnisse der mittleren wie der j\u00fcngsten Generation im \u00f6stlichen Deutschland zu erz\u00e4hlen, ist ein Buch, das ich jedem empfehlen m\u00f6chte, der \u00fcber die Gnade und Herausforderung dieser Monate und Jahre, da ein halbes Volk sich befreite und schnell in ein neues, g\u00e4nzlich anderes System geriet und sich so auf den Weg machte, gleichsam, wie.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\">Drei\u00dfig Jahre nach dem Mauerfall und in Jahren, die angesichts der Vielzahl Verwerfungen in ihnen [sic!]Schnappatmung machen, ist \u201eHerbstjahr\u201c ein Buch der Stunde, es wird lange dar\u00fcber hinaus von den Jahren, die uns pr\u00e4gten, ihrem Licht und ihren Widerspr\u00fcchen, k\u00fcnden. Respekt dem Mann, der dieses festhielt und schrieb. Respekt den Menschen, die dies auf sich nahmen und Ver\u00e4nderungen in Kauf, f\u00fcr unter anderen Umst\u00e4nden zwei Leben kaum reichen m\u00f6gen. Und Mut f\u00fcr die, die angehalten werden und sich entscheiden, von dieser gewaltigen Zeit Kunde zu bekommen, die auf das Leben so vieler Menschen \u2013 auf die eine oder die andere Weise \u2013 Einfluss nahm.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><span class=\"field-content\"><strong>Herbstjahr<\/strong>, Roman von <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor\">Ralph Gr\u00fcneberger.\u00a0<\/span><\/span>GMEINER\u00a0<span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-jahr\"><span class=\"field-content\">2019<\/span><\/span><\/p>\n<div class=\"views-field views-field-title\" style=\"text-align: justify;\"><span class=\"field-content\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Herbstjahr_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-74653 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Herbstjahr_Cover-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Herbstjahr_Cover-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Herbstjahr_Cover-260x356.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Herbstjahr_Cover-160x219.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Herbstjahr_Cover.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a><\/strong><\/span><strong>Weiterf\u00fchend \u2192<\/strong><\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur historischen Abfolge, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25344\">Einf\u00fchrung<\/a>.\u00a0Eine Rezension von Jo Wei\u00df zu <strong>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/strong>, Roman von A. J. Weigoni, findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24394\">hier<\/a>. Einen Essay von Regine M\u00fcller lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\">hier<\/a>. Beim <em>vordenker<\/em> <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/abg_sammelgebiet.html\">entdeckt<\/a> Constanze Schmidt in diesem Roman einen Dreiklang. Auf <a href=\"http:\/\/www.fixpoetry.com\/feuilleton\/kritiken\/a-j-weigoni\/abgeschlossenes-sammelgebiet\">Fixpoetry<\/a> arbeitet Margretha Schnarhelt einen Vergleich zwischen A.J. Weigoni und Haruki Murakami heraus. Eine weitere Parallele zu <em>Jahrestage<\/em> von Uwe Johnson wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24922\">hier<\/a> gezogen. Die Dualit\u00e4t des Erscheinens mit Lutz Seilers \u201cKruso\u201d wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26315\">hier<\/a> thematisiert. In der <a href=\"http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=21327\">Neuen Rheinischen Zeitung<\/a> w\u00fcrdigt Karl Feldkamp wie A.J. Weigoni in seinem ersten Roman den Leser zu Hochgenuss verf\u00fchrt. Einen <a href=\"http:\/\/www.buecher-wiki.de\/index.php\/BuecherWiki\/AbgeschlossenesSammelgebiet\">Essay<\/a> lesen Sie bei Buecher-Wicki.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es sind da Dinge, die vergisst man nicht, und man begreift vielleicht erst sp\u00e4t, was sie einerseits bedeuten, andererseits, welche Auswirkungen und schlicht Lebensver\u00e4nderungen sie mit sich bringen. 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