{"id":7442,"date":"2012-10-05T00:01:10","date_gmt":"2012-10-04T22:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=7442"},"modified":"2022-02-19T14:08:20","modified_gmt":"2022-02-19T13:08:20","slug":"digitalgigantomanie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/05\/digitalgigantomanie\/","title":{"rendered":"Digitalgigantomanie trifft auf Monumentalminiatur"},"content":{"rendered":"<p class=\"rez\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Erz\u00e4hle nicht die Wahrheit, wenn Dir etwas Interessanteres einf\u00e4llt<\/em><\/span><\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Karl May<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Weigonis Novellen <em>Cyberspasz, a real virtuality<\/em> trifft Digitalgigantomanie auf Monumentalminiatur. Dieser Romancier protokolliert die Ersch\u00f6pfungszust\u00e4nde von Individuen in einer korporativen Welt, die ohne Au\u00dfen funktioniert. Weigoni ist ein k\u00fchl durchwehter Romantiker seelischer Wildnisforschung; was er bekr\u00e4ftigt, ist die ersch\u00fctternd beschr\u00e4nkte Geltung aller Dinge, sowie alles Denkens. Entzauberung scheint sein t\u00e4gliches Evangelium zu sein. Versteht man Sexualit\u00e4t und Pornografie als Metaphern f\u00fcr das Spiel von Macht und Unterdr\u00fcckung, f\u00fcr den Kampf zwischen Integrierten und ausgeschlossenen Apokalyptikern, f\u00fcr die Sprache der Gewalt und die Gewaltsprache der Ohnm\u00e4chtigen, dann darf man Weigonis Novellen als treueres und radikaleres Abbild des gegenw\u00e4rtigen Zustands der deutschen Gesellschaft lesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Wort Konzeption leitet sich auf dem lateinischen concipere ab: empfangen. Im Werden des Werks setzt sich das Empfangene um, erlischt in seiner Vollendung. Die hybride Metapher der Konzeption zergeht mit der Entstehung des Werks, geht auf in ihm, erf\u00e4hrt eine Metamorphose.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eDas Werk ist die Totenmaske seiner Konzeption\u201c<\/em>, erkannte Walter Benjamin. Die Idee vom Gehirn als Rechner wirkt befreiend. Die Computer\u2013Metapher ist ein Modell daf\u00fcr, wie man das Gehirn verstehen kann, obwohl man es nicht sehen kann. So, wie man die Unterscheidung machen kann zwischen Software und Hardware. Das Gehirn ist die Hardware, der Geist ist die Software. Und dann kann man versuchen, die Algorithmen der menschlichen Software zu entschl\u00fcsseln. Die totale Freiheit der Kommunikation wird propagiert. Das Internet ist ein Produkt dieses Denkens. In jeder Beziehung. Die \u00e4u\u00dferen Zw\u00e4nge m\u00f6gen gelockert sein, aber die Fesseln blieben schmerzhaft sp\u00fcrbar. Wer meint, er habe nur eine Identit\u00e4t, sitzt in der Identit\u00e4tsfalle und verleugnet die vielfachen Identit\u00e4tsbez\u00fcge, die den Menschen ausmachen. Weigoni h\u00e4lt das real existierende Absurde in dem Augenblick festhalten, wo es poetisch wird, seine Kunst ist es, den Figuren stets ihre W\u00fcrde zu lassen, egal in welch desolaten Umst\u00e4nden sie leben. Dieser Romancier will die Reinheit dieser Literaturform bewahren, indem er das Sujet radikal \u00fcbersteigert, ins Perverse hinein. <em>Cyberspasz, a real virtuality<\/em> macht damit die Kainsmale unserer Zivilisation sichtbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Novellen beschreiben eine Welt, die keine G\u00f6tter und keine Gewissheit mehr kennt. Wirkt dieser Zyklus zun\u00e4chst v\u00f6llig unverbunden, so l\u00e4sst er sich im Lauf der Zeit quasi kubistisch aufeinander beziehen. Dabei ergibt sich eine einzige Erz\u00e4hlung. Sie ist aber nicht chronologisch aufgebaut. Was Weigoni mit den Erz\u00e4hlungen <em>Zombies<\/em> begann, f\u00fchrt er mit seinen Novellen ins Grunds\u00e4tzliche zur\u00fcck, weg von den Diskursen, die nicht als relevantes Ph\u00e4nomen, sondern als Krankheitssymptom betrachtet werden: Fernsehen, Medien, Verkehr, Reiz\u00fcberflutung, \u00dcberangebot und \u00dcberinformation \u2013 mitsamt den komischen Seiten, die der so genannte Fortschritt hat. Eine totale Kommunikation bei zunehmender Sprachlosigkeit zieht sich durch den Zyklus <em>Cyberspasz, a real virtuality<\/em>, Novellen, die lose durch Figuren und Schaupl\u00e4tze im digitalen Erz\u00e4hlen vernetzt sind und sich um reale Virtualit\u00e4ten drehen und sich zwischen scheinbaren Realit\u00e4ten und wahrhaften Illusionen bewegen. Hier wird die Realit\u00e4t nicht den Realisten \u00fcberlassen. Der \u201avirtual reality\u2019 zieht Weigoni in den Novellen <em>Cyberspasz<\/em> die reale Virtualit\u00e4t der Poesie vor. Viel mehr subtiles K\u00f6nnen kann man von einem Schriftsteller kaum verlangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">* * *<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Cyberspasz, a real virtuality<\/strong>, Novellen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2012.<\/p>\n<div style=\"width: 182px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=7442&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg\" sizes=\"auto, (max-width: 172px) 100vw, 172px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg 657w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg 194w\" alt=\"\" width=\"172\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Covermontage: Jesko Hagen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO \u00fcbernimmt Artikel von Jo Wei\u00df aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/05\/turbokapitalistischer-realismus\/\">Kultura-extra<\/a>, von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/09\/alles-klappt-in-ihrem-leben-doch-nichts-gluckt\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von <span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Christine Kappe<\/span><\/span> <span data-offset-key=\"cphj4-0-0\">aus der vom Netz gegangenen<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/01\/ein-buch-ist-eine-stadt\/\">fixpoetry<\/a>. Betty Davis sieht in <em>Cyberspasz<\/em> eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/26\/eine-ebenso-poetische-wie-praezise-geschichtsprosa\/\">pr\u00e4zise Geschichtsprosa<\/a>. Margaretha Schnarhelt erkennt in der <em>real virtuality<\/em> eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/30\/cyberzomb\/\">hybride Prosa<\/a>. Enrik Lauer deutet diese Novellen als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/01\/der-cyberspace-als-wille-und-vorstellung\/\">Schopenhauer<\/a>s Nachwirken im Internet. In einem Essay betreibt KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/16\/dystopische-zukunftsforschung\/\">dystopische Zukunftsforschung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erz\u00e4hle nicht die Wahrheit, wenn Dir etwas Interessanteres einf\u00e4llt Karl May Bei Weigonis Novellen Cyberspasz, a real virtuality trifft Digitalgigantomanie auf Monumentalminiatur. 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