{"id":74376,"date":"2021-01-09T00:01:45","date_gmt":"2021-01-08T23:01:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=74376"},"modified":"2022-03-01T10:51:09","modified_gmt":"2022-03-01T09:51:09","slug":"gedichte-in-zeiten-der-corona","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/01\/09\/gedichte-in-zeiten-der-corona\/","title":{"rendered":"Gedichte in Zeiten der Corona\u2019"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer bei einer aufmerksamen Lekt\u00fcre der 240 Gedichte, die \u2013 mit wenigen Ausnahmen &#8211; je eine Druckseite einnehmen, nicht nach einem \u00fcbergreifenden Sujet sucht, sondern all diejenigen Themen markiert, die im Umfeld des Leitgedanken der \u201aWei\u00dfen Pest\u2019 angesiedelt sind, der wird sich bald in den Netzen, die das lyrisch-narrative Ich des Autors aufgespannt hat, verfangen. Es sei denn, er folgt der Empfehlung im Nachwort von Torsten Vo\u00df. Er bescheinigt den Gedichten von Matthias Buth, sie seien an der Erfahrung orientiert, die sich in Bildern und T\u00f6nen artikuliert, \u201edie au\u00dfergew\u00f6hnlich sind und auch die literarhistorische Reihe des Komplexes \u201aDichtung und Seuche\u2019 nicht nur bereichern, sondern radikal durchbrechen.\u201c (S. 253) Die lyrisch-narrative Erfassung und die konzeptuelle Gestaltung der Corona-Krise \u201eals eines allgemeinen und subjektiv erlebten Erfahrungsraumes\u201c erforderten deshalb auch die Schaffung eines Imaginationsfeldes, \u201eum im literarischen Text etwas auszudr\u00fccken und Gestalt werden lassen zu k\u00f6nnen, was im allt\u00e4glichen, medizinischen und medial aufbereiten Diskurs der Pandemie nicht zu Wort kommen kann.\u201c Nicht das Ereignis Corona und dessen Folgen als Zeugnis physischer und materieller Vernichtung st\u00fcnden deshalb im Fokus der Gedichte, sondern \u201eeine subkutan verborgene Tats\u00e4chlichkeit und Evidenz der Corona-Krise\u201c. Mit ihrer Hilfe k\u00f6nnten \u201edas Trans-Diskursive der Phantasie, der Tr\u00e4ume, der \u00c4ngste und der durch sie erschaffenen Bilder\u201c aufscheinen. Begeben wir uns also gemeinsam mit dem Dichter nicht in den \u201efaktizistischen Kosmos pandemischer Reportagen\u201c, sondern folgen seinen flie\u00dfenden Bewusstseinsfeldern, lassen uns von Erscheinungen des Verg\u00e4nglichen und Zuk\u00fcnftigen leiten, nehmen wir die \u00c4ngste der Menschen wie unsere eigenen wahr, lassen wir uns aber auch von gesetzgeberischen Ma\u00dfnahmen und Strategien der politischen M\u00e4chte und deren Manipulationen leiten. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind auf die professionellen Neigungen und F\u00e4higkeiten des Autors zur\u00fcckzuf\u00fchren. Lassen wir uns also wachsam \u00fcberraschen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gedichte in Zeiten der Corona\u2019 lautet der Untertitel des vorliegenden volumin\u00f6sen Lyrikbandes. Das hei\u00dft, Matthias Buth nimmt die Pandemie des Jahres 2020 zum Anlass, um in einem breit gef\u00e4cherten Begriffsnetz viele Ph\u00e4nomene auf der psychischen und mentalen Empfindungsskala so zu erfassen, dass individuelle und gesellschaftliche Topoi einer vielschichtigen Reflexion und kritischen Beurteilung ausgesetzt werden. Aufgrund der bewusst nicht verwendeten Themenfelder zeichnet sich beim kursorischen Lesen und gelegentlichem Rezitieren eine gewisse R\u00fcckversicherung in der rezeptiven Wahrnehmung der Texte ab. Sie besteht aus h\u00e4ufigem Zur\u00fcckbl\u00e4ttern, \u00dcberpr\u00fcfen von Namen und Widmungen, dem Innehalten angesichts gewagter metaphorischer Konstrukte wie auch provozierender Aussagen (\u201enie war K\u00f6ln sch\u00f6ner als in der Virenzeit\u201c). Auf diese Weise entsteht eine wachsende Unruhe, je weiter sich Leser*innen in die Welt der wei\u00df markierten Pest hinein bewegen. Beispiele m\u00f6gen diesen Eindruck belegen. So erweist sich <em>Der Osterspaziergang <\/em>(vgl. S. 36) sowohl als Propellerflug durch die Kliniken Deutschlands wie auch als italienischer Bittgottesdienst und als spanisches Osterglockengebet. Wenig sp\u00e4ter reflektiert ein autokommunikatives Du in <em>Gesundheitssystem <\/em>(vgl. S. 44) die m\u00f6gliche Abschiebung eines aus Tschechien stammenden Corona-Patienten \u201eauf die r\u00f6chelnden Flure\u201c. Es ist eine gewagte Sprachhandlung, in der die \u00dcbersetzung Nemecko Deutschland = Stummland (im Tschechischen) in eine Gestensprache und in den Tr\u00e4nen des geretteten tschechischen Patienten m\u00fcndet. Das vierstrophige Gedicht <em>Corona <\/em>spielt hingegen mit der heimt\u00fcckischen, fluktuierenden Existenz des Virus, das sein Opfer im Blick hat, \u201e<em>um ihn uns zu nehmen.<\/em>\u201c Was dann folgt, ist gleichsam eine hypothetische Wanderung des Virus \u201edurch die W\u00e4nde durch die K\u00f6rper \u201e<em>Ist immer schon da wo wir uns setzen<\/em>\u201c (vgl. S. 46).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein besonders auffallendes Ph\u00e4nomen in den vorliegenden <em>Gedichte(n) in Zeiten der Corona<\/em> ist die Vielfalt der Orte, an denen die wei\u00dfen Viren sich gleichsam an die Landschaft und an die von Menschen gestalteten R\u00e4ume angepasst haben. <em>Bodensee im Mai, Aldi, Aero, Komm wieder <\/em>sind solche Beispiele. Andererseits spielt der Text auch mit Etymologien, um einen Ort, wie z. B. Wei\u00dfensee mit Todesmetaphern zu belegen. Ungeachtet der \u00fcberbordenden F\u00fclle solcher metaphorischer Verkn\u00fcpfungen, zahlreicher \u00fcberraschender Bilder, die verschiedene europ\u00e4ische Landschaften beleuchten, des Spiels mit folkloristischen Motiven \u2013 im zweiten Teil des Gedichtbandes \u00fcberwiegen die pers\u00f6nlichen Erinnerungen aus den Zeiten der nunmehr schon w\u00e4hrenden neun Monate, in der die wei\u00dfe Pest ihre schleichende Kraft nunmehr auf einer zweiten Welle bewegt. Eine Feststellung, die nicht ausschlie\u00dft, dass das lyrische Ich sich jetzt \u00a0Naturr\u00e4ume aneignet, die in Zeiten beschleunigter Wahrnehmung verdr\u00e4ngt wurden, wie in <em>Birkenmai<\/em> (S. 203), in dem die Birken ihr Haar ausk\u00e4mmen und \u201e<em>Wolken malen sich den Morgen aus<\/em>\u201c, w\u00e4hrend \u201e<em>Sprache \u2026 nicht weiterkommt \/ Die verl\u00f6scht hinter den Atemmasken\u201c<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Matthias Buths Gedichte zeichnen sich durch scharfsinnige Vergleiche zwischen philosophisch aufgeladenen Begriffen und markanten Naturmetaphern aus, in denen kindliche Wahrnehmungsfelder inmitten sp\u00e4tromantischer Sehnsuchtskaskaden und juristischer Festschreibungen gesellschaftlicher Abl\u00e4ufe ein k\u00fchnes Wechselspiel inszenieren. Epigrammartige urbane Bilder springen, nur durch Rahmen voneinander getrennt, hin\u00fcber zu stimmungsgeladenen Gebirgslandschaften. Dort wo der Blick ausruhen m\u00f6chte, wird er mit immer neuen Eindr\u00fccken angereichert. Diese Ruhelosigkeit wird im Schlu\u00dfakt des Bandes durch die alarmierenden Meldungen des Robert Koch Instituts \u00fcber die wachsende Zahl der an Corvid-19 erkrankten und gestorbenen Patienten gesteigert. Doch der drohende Tod ist bei Buth in ein Wechselspiel von Leben und einem noch nicht beginnendem Sterben eingebettet. <em>Wer jetzt nicht stirbt stirbt lange nicht \u2013 <\/em>der leicht abgewandelte Rilke-Vers verweist deshalb im abschlie\u00dfenden Teil des Gedichtcorpus auf einen unerschrockenen Helden unserer Zeit, Alexej Navalny aus dem fernen Sibirien, dessen couragiertes politisches Handeln jegliche Todesdrohungen zu transzendieren scheint. Folgt die zeitweilige Aufhebung der Finalit\u00e4t somit einem philosophischen Trend, in dem die wei\u00dfe Pest zum Symbol einer Atemschutzmaske (!) wird, deren Tr\u00e4ger*innen f\u00fcr sich sowohl die Entscheidungsfreiheit als auch das \u00dcberleben gew\u00e4hlt haben? Verdeckte Andeutungen f\u00fcr eine solche lebensweltliche L\u00f6sung finden Leser*innen in den vorliegenden Gedichten, soweit sie den manchmal ausschweifenden Gedankenkonstrukten folgen. Eine Suche, die von Spazierg\u00e4ngen durch die Poetiken der Postmoderne belohnt wird!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist der Dichter und Jurist, der seine Leser mit einem rum\u00e4nischen Wiegenlied in die Welt kleiner Schafe einf\u00fchrt, die keine Strafe kennen und \u201eweinen um Dich\u201c. Es folgen zwei musikalische Themen, die aufhorchen lassen: Robert Schumanns <em>Waldszenen<\/em> und Franz Schubert, \u201eder in Dur trauert uns \u00fcber \/ Ohr und Mund\u201c. Ist es eine Introduction in die Bes\u00e4nftigung durch romantisch und klassisch eingestimmmte Klangkaskaden? Nein, denn was folgt, ist ein ethischer und staatsrechtlicher Grundsatz: die W\u00fcrde des Sterbens ist unantastbar. Es geht um Terrorismus und die Reaktion des Staates.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch mehr gefordert sind Leser*innen, wenn es um den Artikel 20 Abs. 4 des Grundgesetzes geht. Das Recht auf Widerstand wird dort zitiert. Was dann folgt, ist ein Gang durch die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, in dem jede Zeile einen politischen und religi\u00f6sen Diskurs einleitet. Und dann pl\u00f6tzlich: \u201e<em>Das Corona-Verebben noch vierstellig \/ hat einen Staat aufgerichtet \/ Den lang wir vergessen haben<\/em>\u201c (S. 9). Nicht nur der Staatrechtler ist da gefordert!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann folgt ein l\u00e4ngerer Spaziergang durch kirchliche Gem\u00e4cher und das \u2013 man h\u00f6re und wundere sich &#8211; biblische Hohelied. Covid 19 wird genannt, Viren als Bestimmungsgr\u00f6\u00dfen, die Anfang und Untergang einer Seuche definieren; Rilke, der \u201ein Bildern [sprach] \/ Die Fassungslosigkeiten bannten\u201c, und Papst Franziskus, der allein auf dem Forum Romanum vor den Kameras von TV RAI steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4testens nach der Lekt\u00fcre der ersten zwanzig Texte, in denen es auch um die Unsterblichkeit und die Friedh\u00f6fe geht, die nicht mehr den Himmel erreichen und sich immer tiefer an die Erde dr\u00fccken (vgl. S. 21), stellt sich die Forderung nach einer stetigen sanftm\u00fctigen Interpretation des in vieler Hinsicht nicht Erkl\u00e4rbaren ein. Eine Antwort ist parat: \u201eSterben ist LIEBEN\u201c lautet ein Siebenzeiler: \u201e<em>Corona t\u00f6tet nicht \/ Es liebt bis auf den Grund \/ Die wei\u00dfen H\u00fcgel lieben \/ Den Berg bis ins Tal \u2026\u201c. <\/em>Und sechs Seiten danach setzt eine lyrische Abhandlung \u00fcber die Pest ein:<em> Wei\u00df ist sie wei\u00df und unsichtbar \/ Und so immer pr\u00e4sent am Morgen \/ Wenn die Fenster sich ins Licht stellen \/ Und behaupten wollen mit Glas \/ Das ihnen \u00e4hnlich das ihnen nah \/ Wer die Treppe hintergeht noch schlafwarm \/ Und nach der Zeitung greift drau\u00dfen im Kasten \/ Verbrennt an Zahlen Statistik und Bildern\u00a0 \u2026 <\/em>(S. 33).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die wei\u00dfe Pest<\/strong>. Gedichte in Zeiten der Corona, Hg. von Matthias Buth. Mit einem Nachwort von Torsten Voss. Berlin (PalmArtPress) 2020<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Pest_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-74382 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Pest_Cover-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Pest_Cover-200x300.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Pest_Cover-260x390.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Pest_Cover-160x240.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Pest_Cover.jpg 333w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><\/strong><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer bei einer aufmerksamen Lekt\u00fcre der 240 Gedichte, die \u2013 mit wenigen Ausnahmen &#8211; je eine Druckseite einnehmen, nicht nach einem \u00fcbergreifenden Sujet sucht, sondern all diejenigen Themen markiert, die im Umfeld des Leitgedanken der \u201aWei\u00dfen Pest\u2019 angesiedelt sind,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/01\/09\/gedichte-in-zeiten-der-corona\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[690,2116],"class_list":["post-74376","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-matthias-buth","tag-wolgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74376","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=74376"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74376\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101361,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74376\/revisions\/101361"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=74376"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=74376"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=74376"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}