{"id":73434,"date":"2001-09-11T00:01:37","date_gmt":"2001-09-10T22:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=73434"},"modified":"2022-02-27T14:29:23","modified_gmt":"2022-02-27T13:29:23","slug":"massaker","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/massaker\/","title":{"rendered":"Massaker"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Krunkelige Pflastersteine so weit das Auge reichte. Verstrebungen, Trampelpfade, Labyrinthe in ungepflegten Wiesen, wilder L\u00f6wenzahn und wucherndes Unkraut. Modergeruch. Geschichte, eingegraben in Staub. Das zusammengest\u00fcrzte Schloss lie\u00df man verkommen. Bergsch\u00e4den. Die kleine Kirche hatte man sp\u00e4ter gebaut. Am fr\u00fchen Morgen war hier nicht mehr zu sehen als ein Kohlenschiff, das im Schritttempo den Kanal entlang schipperte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Tennisball flitzte \u00fcber die Pflastersteine. Fredo, der B\u00e4ckerjunge, dribbelte, lie\u00df G\u00fcnter, den Metzgerssohn, aussteigen, schoss und versenkte den Ball im Kasten von J\u00f6rg, dem Sohn des Wirts vom Cranger Hof. Der Keeper wollte den Ball wieder holen, b\u00fcckte sich, fand im Gras ein Einwegfeuerzeug, ratschte und hielt es in die Luft, um es seinen Freunden Fredo und G\u00fcnter zu zeigen. Wie auf ein abgesprochenes Zeichen hin begann Fredo damit, Papier zu sammeln. G\u00fcnter suchte Holzst\u00fccke und \u00c4ste. Sie liefen \u00fcber den Platz, lachten und johlten, hatten f\u00fcr die Roma, die auf dem Platz kampierten, nur Gesp\u00f6tt \u00fcbrig. G\u00fcnter kletterte auf einen Baum, holte aus seiner Hosentasche eine Zwille und beschoss die Sch\u00e4ferhunde der Roma mit spitzen Steinen. Die K\u00f6ter jaulten, zerrten an ihren Ketten. Die Jungen machten sich im eingest\u00fcrzten Gem\u00e4uer des Schlosses eine Feuerstelle, brieten Kartoffeln, sp\u00fclten den Geschmack mit Prickelbrause herunter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gro\u00dfe Ferien k\u00f6nnen unendlich lang sein\u2026 Sie setzten sich auf die brusthohe Mauer, lie\u00dfen die Beine baumeln und stierten auf die Gr\u00e4ber des kleinen Friedhofs. Das L\u00e4uten der Glocken k\u00fcndigte eine Trauergesellschaft an, die sich zur Messe einfand. Die Bande lief \u00fcber den Friedhof. Fand das frisch ausgehobene Grab. Sie stellten sich in Reih und Glied an die Grabstelle und pinkelten ins Erdloch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer hat keine Langeweile mehr\u2026\u00ab, glaubte J\u00f6rg, der Anf\u00fchrer. Der Sarg wurde an ihnen vorbei getragen, f\u00fcr einen Augenblick hatten sie den Eindruck, als h\u00f6rten sie ein leises Lachen, von der alten Drude ausgesto\u00dfen, die an eben dieser Stelle vor f\u00fcnfhundert Jahren auf dem Scheiterhaufen hatte sterben m\u00fcssen. Die Rasselbande stob davon wie junge F\u00fcchse. Vorbei an den Wohnwagen der Roma, die ihre Hunde von der Leine gelassen hatten. Die Jungen br\u00fcllten vor Angst, rannten Richtung Kanal, wo sie ihre Kickboards abgelegt hatten. Die Hunde jagten sie. Schnappten ihnen in die Hosenbeine. Rechtzeitig pfiffen die Roma ihre Hund zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Mittag, als die Sonne br\u00fctend hei\u00df die Luft zum Flirren, das Unkraut zum Verdorren brachte, lag der gro\u00dfe Platz unbeh\u00fctet da; ein unvollendetes Werk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Tag des heiligen Laurentius stand bevor. Der Pfarrer der Cranger Kirche lie\u00df die Glocken zum Mittagsgebet l\u00e4nger l\u00e4uten. Ein LKW fuhr auf das Brachland. M\u00e4nner in blauer Monteurkleidung stiegen aus, tasteten mit den Sohlen den Boden ab, ma\u00dfen mit ihren Schritten den Platz aus. Geblendet von der Sonne hielten die Malocher die Hand sch\u00fctzend \u00fcber ihre Augen, bis sie erahnten, was vor ihnen lag: Fahrgesch\u00e4fte, Budengassen, bunte St\u00e4nde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNur noch sieben Tage\u2026 dann geht\u2018s endlich los\u00ab, brummelte Reiner Kauss, der Chefmechaniker. Sein Kollege kratzte sich das unrasierte Kinn und stimmte zu:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u00dcbermorgen dreht sich das Riesenrad bereits zur ersten Probefahrt.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a><\/span> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a><\/span> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em><span style=\"color: #ff0000;\">Trash<\/span><\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a><\/span>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\"><span style=\"color: #ff0000;\">hier<\/span><\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><span style=\"color: #ff0000;\"><em>Blutrausch<\/em><\/span><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a><\/span> vorgesehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Krunkelige Pflastersteine so weit das Auge reichte. Verstrebungen, Trampelpfade, Labyrinthe in ungepflegten Wiesen, wilder L\u00f6wenzahn und wucherndes Unkraut. Modergeruch. Geschichte, eingegraben in Staub. Das zusammengest\u00fcrzte Schloss lie\u00df man verkommen. Bergsch\u00e4den. Die kleine Kirche hatte man sp\u00e4ter gebaut. 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