{"id":73375,"date":"2015-10-01T00:01:19","date_gmt":"2015-09-30T22:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=73375"},"modified":"2020-12-09T10:55:58","modified_gmt":"2020-12-09T09:55:58","slug":"ueber-schatten-und-nebel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/10\/01\/ueber-schatten-und-nebel\/","title":{"rendered":"\u00dcber Schatten und Nebel"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je tiefer ich in die hier versammelten Gedichte einsteige und sie begreife, umso mehr staune ich. Schon das erste Gedicht in dem Zyklus ist ein kleines Wunder. Die Vielschichtigkeit der Verst\u00e4ndnisebenen ist enorm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach wenigen Gedichten merkt der Leser: Es geht um Lebensr\u00fcckblick, Lebenssumme, Erinnerungen, Schmerz, \u00dcberwindung, Verdr\u00e4ngung, und all diese schweren Dinge. Der Titel des Buchs deutet es ja schon an: handverlesen. Selbstdeutung des eigenen Schicksals an handverlesenen Gedichten. Die schreibt die Hand im Hirn. In einem Gedicht gibt es die Formulierung: hinter der Nebelwand. Oder: hinter dem Nebel. Das w\u00e4re auch ein guter Titel f\u00fcr die Gedichte, die \u00fcber ein lange gelebtes Leben reflektieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier und da arbeiten Metrum und Rhythmus inhaltlich mit \u2013 oft da, wo sich Strenge oder H\u00e4rte oder Wunden, Kr\u00e4mpfe oder Erstarrungen l\u00f6sen, da wird auch das Metrum leichter. So im ersten Gedicht [irreal], das wie ein Schl\u00fcssel die T\u00fcr zum Verst\u00e4ndnis des Ganzen aufschlie\u00dft:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">f\u00e4nd ich den Zauberweg\u2028dahin<br \/>\nzu dem der ich mal war<br \/>\ntrieb ich die Unrast aus<br \/>\nwodurch ich eiligst wuchs<br \/>\nverworfen h\u00e4tt ich l\u00e4ngst den Alp<br \/>\nder sich in mir vergrub<br \/>\nl\u00f6ste den Knoten<br \/>\nder mich zum Schweigen zwang<br \/>\nund w\u00fcrde sprechen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist das ganze Leben, nicht nur ein erlebter Teil, nicht nur die politische Vergangenheit und der Tod, der Meister aus Deutschland, ist das Thema &#8230; Flucht: \u201eaus der Wiege gesp\u00fclt | an einen wei\u00dfen Strand &#8230;\u201c und zweisprachige Kindheit: das famili\u00e4re Deutsch einerseits, Spanisch in Uruguay andererseits: \u201ebezweifelte Einwurzelung\u201c (R\u00fcckblende). So wird die Sprache die eigentliche Heimat, obwohl auch immer wieder ein \u201eAbsturz der Worte\u201c (inh\u00e4rent) droht \u2013 das Nichtbegreifenk\u00f6nnen des erfahrenen Grauens. Nichts aber w\u00e4re das Leben ohne das Suchen nach Worten und S\u00e4tzen, um die eigene Existenz und die Fremde zu begreifen, die uns umgibt, und die \u201eErsch\u00fctterung | die dich zwischen T\u00fcr &amp; Angel | kalt erwischt hat\u201c &#8230; \u201edie ererbte Asche | aus heiterem Himmel\u201c. Asche und Sand &#8230; sind nicht zu tragen ohne Hoffnung: \u201edie Last deiner V\u00e4ter | gebeugt zu tragen | brauchst du nicht mehr\u201c (Vision II). Aber qu\u00e4lend vertraut bleiben die \u201elangen Schatten der Mythen\u201c &#8211; und der eigene Tod am Ende des Lebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Tiefen, die das Leben bietet, sind in den Gedichten verhandelt, auch das Leben anderer, nicht nur das eigene Ich. Zum Trotz gegen alle Unsicherheit des Lebens tr\u00e4umt sich das Ich aus der Welt \u201ean erfundene Orte\u201c (festgestellt) und in die Sprache und die lyrischen Bilder der Gedichte, das rettet zuweilen. Dann wieder Zweifel: \u201ewas glauben wir | den Traumfiguren\u201c angesichts der Gefahr, die \u201etags im Dunkeln schlummert\u201c?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es liegt eine Melancholie in den Versen, deren Sch\u00f6nheit bedrohlich glei\u00dft und in die Augen brennt. Schmerzende Wahrheit: homo homini lupus. Und doch \u2013 die Kindheit war \u201enicht nur Schatten und Alb\u201c, es gab \u201ebunte Bl\u00e4tter\u201c und duftende Erde (Herbst). Und es gibt die Poesie der Sprache! Im \u201eLied f\u00fcr Gitarre\u201c hei\u00dft es: \u201ewas das Gedicht sagt | wenn es schweigt | h\u00fcllt sich in Stille | ohne zu verstummen\u201c. Also gibt es doch Hoffnung auf Sagbares und auf Verstehen, auf \u00dcbersetzung der Stille in Wissen und Antwort. In einem der sch\u00f6nsten Gedichte, \u201eLied f\u00fcr Madrid\u201c, scheint das Leben hart und starr und leblos, und doch gibt es<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in meinem Wald aus Stein<br \/>\nbenetzte Utopie<br \/>\nweht sanft eine Brise<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">tr\u00e4gt meine Haut ein Lied<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gedichte sind pr\u00e4gnant strukturiert und oft wirkungsvoll pointiert. In ihrer zyklischen Einheit verst\u00e4rken sich die Gedichte noch. Es geht um die gro\u00dfen Fragen im Leben: wie kann ich \u00fcberhaupt etwas erkennen, warum lebe ich, was bedeuten meine Tr\u00e4ume, was bedeuten die Schatten in meinem Herzen, in meinem Gehirn, in meinem Denken, in meinem F\u00fchlen, in meiner Erinnerung &#8230;<br \/>\nAuch das Schreiben und die Literatur ist ein Thema in den Gedichten. Die Poesie ist ein Erkenntnismittel. Sie hilft, mit dem Leben konstruktiv fertig zu werden oder es wenigstens auszuhalten. Ja, manchmal erschaffen die Worte das Leben, oder sie machen es farbiger, wertvoller. Keine fragw\u00fcrdige Verdr\u00e4ngung ist gemeint, sondern Bewusstwerdung in der Sch\u00f6nheit von Form und Bild, also der Wahrheit, so gut sie der Schreibende und der Lesende zu verstehen vermag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch wichtiger als Schreiben und Lesen ist die t\u00e4tige Poesie der Liebe zwischen zwei Menschen. Sie kann, sie soll auch zur gro\u00dfen sozialen Liebe f\u00fcr alle werden. Politik als Poesie! (So sieht es der Philosoph Richard Rorty.) Mit der Liebe im Kleinen m\u00fcssen wir beginnen. Sie rettet uns als Einzelne, trotz aller Schwierigkeiten und allen Scheiterns. Voraussetzungen f\u00fcr ein gelingendes Leben:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bleib schweigsam mit dir | im Einklang [Imperativ]<br \/>\nund genie\u00dfe | das Ende dieser Verse [wenn]<br \/>\nauf dem Steg zum Du | Gratwanderung | Grenzwall &amp;<br \/>\nGraben | wo das Schweigen gebrochen wird [Werdung]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sanft deutet das ein und andere Gedicht auf die M\u00f6glichkeit einer besseren Welt hin: \u201eGewehre kr\u00fcmmen sich &#8230; Ophelia steigt aus dem Wasser &#8230; &amp; f\u00e4llt mir in die Arme\u201c. Deswegen gilt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">brich dein Schweigen<br \/>\nwirf ein Wort in den Ring<br \/>\nund bring dich in Stellung<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der eigene Tod? In den letzten Gedichten taucht die N\u00e4he des Todes auf. Er kann nur \u00fcberdauert werden durch das Werk, durch das Geschriebene, durch die Verse, die Gedichte, die Gedanken, die Ideen &#8230; vielleicht auch durch die Liebe, die einem anderen gegeben wird, die nun weiter wirkt im anderen. Oder &#8230; wenns zu weit kommt, so hei\u00dft es augenzwinkernd:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&amp; meditierend<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wird der Tag kommen<br \/>\nan dem hinter dem Wort<br \/>\nW\u00e4rme &amp; Brise<br \/>\nmich heimlich davontragen<br \/>\n&amp; wenns zu weit kommt<br \/>\nwerd ich das Schweigen<br \/>\n\u00fcbersetzen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Zyklus ergreift mich. Ich bin \u00fcberzeugt: handverlesen kann in einem Atemzug genannt werden mit der Poesie von Nelly Sachs. Alles gelingt so gro\u00dfartig in den Bildern, in der Sprache, in den Gedanken!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>handverlesen<\/strong>: Gedichte von Ines Hagemeyer. Mit 15 Tuschezeichnungen von PAPI. POP-Verlag, Ludwigsburg 2015<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/handverlesen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-73378 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/handverlesen-210x300.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/handverlesen-210x300.jpg 210w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/handverlesen-260x371.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/handverlesen-160x228.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/handverlesen.jpg 350w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es herrscht die Annahme, das <em>Netzwerk<\/em> sei erst mit dem Internet erfunden worden, es gab jedoch eine Zusammenarbeit von Individuen bereits auf analoger Ebene. KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25201\">dokumentierte<\/a> den Grenzverkehr im Dreil\u00e4ndereck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Kollegengespr\u00e4ch von A.J. Weigoni mit Bruno Kartheuser finden Sie <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/kollegen\/kartheuser.htm\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Je tiefer ich in die hier versammelten Gedichte einsteige und sie begreife, umso mehr staune ich. Schon das erste Gedicht in dem Zyklus ist ein kleines Wunder. Die Vielschichtigkeit der Verst\u00e4ndnisebenen ist enorm. 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