{"id":72993,"date":"2023-12-05T00:01:10","date_gmt":"2023-12-04T23:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72993"},"modified":"2023-01-15T14:29:53","modified_gmt":"2023-01-15T13:29:53","slug":"kunst-ein-kollektivsingular","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/05\/kunst-ein-kollektivsingular\/","title":{"rendered":"Kunst \u2013 ein Kollektivsingular?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine erste Begegnung mit dem Kollektivsingular hatte ich wohl um 1979 in einem der sch\u00f6nsten Arthouse Kinos D\u00fcsseldorfs, dem <em>Bambi<\/em> in der Klosterstra\u00dfe. Der dortige Zuschauerraum war \u00fcber und \u00fcber mit alten Filmplakaten dekoriert. So etwa mit dem eines US-amerikanischen Films mit John Wayne und dem jungen Hardy Kr\u00fcger, <em>Hatari<\/em>, sowie dem eines franz\u00f6sischen Films mit Brigitte Bardot und Curd J\u00fcrgens in den Hauptrollen und dem Kollektivsingular im Titel: <em>Und immer lockt das Weib<\/em>. Allerdings muss ich gestehen, dass mich zum damaligen Zeitpunkt \u201adas Weib\u2018 weniger als Kollektivsingular interessierte. Ich muss sogar gestehen, dass ich zu jener Zeit weder den Begriff \u201aKollektivsingular\u2018 kannte noch wusste, dass er, wie auf Wikipedia zu lesen ist, \u201edie grammatische Lieblingsfigur des Vorurteils\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> ist. Ganz abgesehen davon, dass ich mich, aus heutiger Perspektive die Dinge betrachtend, nur wundern kann, warum das <em>Bambi<\/em> angesichts dieses plakativ zur Schau gestellten Titels nie Ziel von Guerilla-Aktionen feministischer Studentinnen-Gruppen geworden ist. So aber konnte ich mich, noch bar jeder geschlechterspezifischen Sprachsensibilit\u00e4t und sprachanalytischen Kenntnisse, im Dunkeln des Zuschauerraums unsterblich in das Weib meiner Tr\u00e4ume, Fanny Ardant, verlieben.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeiten sind vorbei. Nun bin ich sowohl sensibilisiert als auch in Kenntnis der Bedeutung des Begriffs \u201aKollektivsingular\u2018<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Und wei\u00df, dass \u201adas Weib\u2018 zwar im Singular steht, im Filmtitel <em>Und immer lockt das Weib<\/em> damit aber, ganz im Gegensatz zu meinem einzig wahren Weib Fanny Ardant, der Plural, das Kollektiv gemeint war: n\u00e4mlich alle \u201aWeiber\u2018. Nicht anders verh\u00e4lt es sich bei dem Menschen, der dem Menschen ein Wolf ist. Hier ist nicht ein einzelner Mensch gemeint, hier sind alle Menschen gemeint. Denn alle Menschen begegnen allen Menschen als Wolf. Das hei\u00dft, der Singular \u201ader Mensch\u2018 hat keine qualitativ andere Bedeutung als der Plural \u201adie Menschen\u2018, der Singular \u201adas Weib\u2018 keine qualitativ andere als der Plural \u201adie Weiber\u2018: Kollektivsingular wird ein Begriff genannt, der zwar im Singular steht, f\u00fcr den es aber immer auch einen entsprechenden Plural gibt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Anders verh\u00e4lt es sich mit anderen Begriffen. So zum Beispiel mit dem Begriff \u201aKirche\u2018. Von dem gibt es offensichtlich mindestens zwei verschiedene Begriffe eines gleich lautenden Wortes. Benutze ich beispielsweise das Wort <em>Kirche<\/em>, so kann ich mich auf jenes Geb\u00e4ude mitten im Dorf beziehen, das durch viertelst\u00fcndige Glockenschl\u00e4ge bisweilen so manchen Atheisten zur Wei\u00dfglut treibt. Und spreche ich im Plural von <em>Kirchen<\/em>, so kann ich mich auf die verschiedenen Geb\u00e4ude in verschiedenen D\u00f6rfern beziehen, in denen das Gleiche geschieht. Spreche ich jedoch von der <em>Kirche<\/em>, die sich dringend reformieren muss, weil sie sonst das Zeitliche segnen wird, so ist hier nicht ein Geb\u00e4ude, sondern die heilige Institution \u201aKirche\u2018 gemeint. W\u00fcrde ich in diesem Fall den Plural \u201aKirchen\u2018 bilden, w\u00fcrde sich eine Ver\u00e4nderung der qualitativen Bedeutung ergeben. Aufmerksame Leser werden an dieser Stelle vielleicht einwenden: Aber es gibt doch neben der katholischen auch noch die evangelische, orthodoxe, armenische, syrische, koptische etc. Kirche, mithin also diverse \u201aKirchen\u2018. Das l\u00e4sst sich nicht bestreiten. Doch davon abgesehen, dass sich die katholische Kirche als die Eine Kirche versteht, sie also streng genommen keinen Plural duldet, verstehen sich alle genannten Kirchen als \u201aKirche\u2018 Jesu Christi. Und zumindest dieser Begriff \u201aKirche\u2018 steht ausschlie\u00dflich im Singular.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Begriff, der ausschlie\u00dflich im Singular stehen kann, ist aber, wie wir gesehen haben, kein Kollektivsingular. Denn dieser meint ja, obgleich er im Singular steht, eigentlich den Plural, das Kollektiv. Was jedoch bei der \u201aKirche\u2018 Jesu Christi ganz sicher nicht der Fall ist: Meine ich mit dem Wort <em>Kirche<\/em> das Geb\u00e4ude, so habe ich einen anderen Begriff \u201aKirche\u2018 im Sinn, als wenn ich mit dem Wort <em>Kirche <\/em>die \u201aKirche\u2018 Jesu Christi meine. Bei diesem Begriff \u201aKirche\u2018 handelt es sich nicht, wie \u201adas Weib\u2018 oder \u201ader Mensch\u2018, um ein Kollektivsingular, es handelt sich vielmehr um ein Substantiv, der, wie es auf Wikipedia geschrieben steht \u201eseinen Referenten als einheitliche, nicht unterteilbare Entit\u00e4t konzeptualisiert\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. Ein \u00e4hnliches Ph\u00e4nomen finden wir bei dem Wort <em>Sprache<\/em>. Meinen wir mit <em>Sprache<\/em> die Einzelsprache, so k\u00f6nnen wir davon einen Plural bilden, der qualitativ nichts anderes meint: <em>Sprachen<\/em>. Ob es von dem Wort <em>Sprache<\/em> nun auch einen Begriff \u201aSprache\u2018 als Kollektivsingular gibt, vermag ich ad hoc nicht zu sagen. Aber sehr wohl, dass es einen Begriff \u201aSprache\u2018 gibt, dessen Typus im Deutschen etwas ungl\u00fccklich als \u201aStoffname\u2018 (engl. <em>mass noun<\/em>) bezeichnet wird. Damit ist \u201adie Sprache\u2018 als Oberbegriff, als Kennzeichnung dessen gemeint, was die menschliche Artikulationsf\u00e4higkeit von der tierischen unterscheidet. Von diesem Begriff \u201aSprache\u2018 l\u00e4sst sich, wie schon von der \u201aKirche\u2018 Jesu Christi, kein Plural bilden: Die alte Weisheit <em>unum nomen unum nominatum<\/em> gilt nicht \u2013 es ist eben nicht immer jedes Wort mit dem gleichen Begriff verkn\u00fcpft.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sieht es nun bei dem Begriff \u201a<em>die<\/em> Kunst\u2018 aus, dem Oberbegriff<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> aller k\u00fcnstlerischen Sch\u00f6pfungen, der nicht schon in der Antike existierte<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>, sondern erst im sp\u00e4ten 18., fr\u00fchen 19. Jahrhundert entstand und auf etwas referiert, dessen Ende angeblich Hegel verk\u00fcndete, kaum war der Begriff sprachlich geboren? Dem allgemeinen Konsens des fachwissenschaftlichen Diskurses zufolge handelt es sich bei ihm, wie bei \u201adas Weib\u2018 und \u201ader Mensch\u2018, um einen Kollektivsingular (entsprechend \u00e4u\u00dfern sich beispielsweise Schm\u00fccker 2006: 241, Roland Kanz 2014, Beat Wyss 2018). Durch unsere \u00dcberlegungen etwas verunsichert wollen wir uns diesem Diktum jedoch nicht so ohne Weiteres anschlie\u00dfen. Sondern ihm stattdessen ein wenig auf den Zahn f\u00fchlen: Handelt es sich bei dem Begriff \u201aKunst\u2018 als dem Oberbegriff aller k\u00fcnstlerischer Sch\u00f6pfungen um einen Begriff, von dem ohne Ver\u00e4nderung der qualitativen Bedeutung ein Plural gebildet werden kann? Oder ist es nicht vielmehr so, dass von ihm <em>kein<\/em> solcher Plural gebildet werden kann? Sollte dem so sein, dann w\u00e4re der fachwissenschaftliche Konsens, dass es sich bei diesem Begriff \u201aKunst\u2018 um einen Kollektivsingular handelt, nicht l\u00e4nger haltbar. Stattdessen w\u00fcrden wir konstatieren m\u00fcssen, dass es sich bei ihm vielmehr um einen Begriff handelt, der im Deutschen die Bezeichnung \u201aStoffname\u2018 (engl. <em>mass noun<\/em>) tr\u00e4gt: ein nicht z\u00e4hlbares Substantiv.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor wir uns aber zu der These versteigen, diesen Begriff \u201aKunst\u2018 g\u00e4be es ausschlie\u00dflich im Singular, sollten wir uns das Wort <em>Kunst<\/em> noch einmal etwas n\u00e4her anschauen: Liegt bei ihm auch, wie bei <em>Sprache<\/em> und <em>Kirche<\/em>, das Ph\u00e4nomen gleich lautender W\u00f6rter vor, die v\u00f6llig verschiedene Begriffe generieren und jeweils anderen Regeln folgen? Schon unsere ersten \u00dcberlegungen zum Begriff \u201aKunst\u2018 als Oberbegriff haben erahnen lassen, dass, wenn wir \u00fcber \u201aKunst\u2018 reden, es entgegen allem Anschein durchaus nicht immer klar ist, wor\u00fcber wir dann eigentlich reden. Weder dem, der redet, noch dem, der zuh\u00f6rt. Und das, obwohl beide meinen, dem w\u00e4re so. Ob dann beide, wenn dem wider Erwarten doch so sein sollte, dass beide \u00fcber das Gleiche reden, sie auch \u00fcber den gleichen Sachverhalt reden, sei einmal dahin gestellt. Zumal selbst in Fachdiskursen Expert*innen ohne jede Scheu fr\u00f6hlich zwischen verschiedenen Gebrauchsweisen dieses zudem inflation\u00e4r gebrauchten Wortes <em>Kunst<\/em> hin und her wechseln (cf. meine Anmerkungen zu einem Vortrag des Medientheoretikers Peter Waibel, in denen ich diese Sprunghaftigkeit exemplarisch aufzeige, in: Oehm 2019b: 327).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">An anderer Stelle haben wir uns bereits einmal an einer systematischen Differenzierung der Begriffe versucht (cf. Oehm 2019b: 83, 92ff.; auch: Oehm 2019a: 10ff), um aufzuzeigen, mit welchen Begriffen \u201aKunst\u2018 wir es im allt\u00e4glichen und fachspezifischen Umgang zu tun haben. Wir stellten dabei fest, dass das Wort <em>Kunst<\/em> sowohl auf Ph\u00e4nomene der Mikroebene des individuellen Kunstschaffens (A<sup>K<\/sup>) als auch auf Ph\u00e4nomene der Makroebene der sozialen Institutionen (B<sup>K<\/sup>) Anwendung findet. Dabei lassen sich mindestens vier Gebrauchsweisen<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> des Wortes <em>Kunst<\/em> identifizieren und differenzieren, die auf unterschiedliche Ph\u00e4nomene der Mikroebene (A<sup>K<\/sup>) referieren und einen je spezifischen Begriff \u201aKunst\u2018 erzeugen. Dar\u00fcber hinaus lassen sich mindestens drei verschiedene Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> identifizieren und differenzieren, die auf Ph\u00e4nomene der Makroebene (B<sup>K<\/sup>) referieren und dabei ebenfalls einen je spezifischen Begriff \u201aKunst\u2018 erzeugen:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><u>Mikroebene des individuellen Kunstschaffens:<\/u><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.1<\/sup><\/strong>\u00a0 : bezogen auf die subjektive Befindlichkeit -&gt; <em>Er lebt seine Kunst.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.2<\/sup><\/strong>\u00a0 : auf den eigentlichen Prozess des Kunstschaffens -&gt; <em>Malen ist Kunst.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.3<\/sup><\/strong>\u00a0 : auf das konkrete Werk -&gt; <em>Das ist Kunst!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.4<\/sup><\/strong>\u00a0 : das gesamte Oeuvre -&gt; <em>Seine Kunst ist in vielen Genres zu Hause.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><u>Makroebene der sozialen Institutionen:<\/u><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>B<sup>K.1<\/sup><\/strong> \u00a0: Kunst als episodales Ereignis einer spezifischen \u00fcberindividuellen sozialen Institution (so z.B. Stile in der Musik: Jazz, Rap, Klassik\u2026; Medien in der bildenden Kunst: Performance, Malerei, Fotografie\u2026) -&gt; <em>Fotografie ist die Kunst, die mich am meisten anspricht.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>B<sup>K.2<\/sup><\/strong>\u00a0 : Kunst als spezifische \u00fcberindividuelle soziale Institution (Kunstgattungen, z.B. die Musik, die bildende Kunst, das Theater\u2026; auf dieser Ebene des Gebrauchs wird, selbst im fachspezifischen und wissenschaftlichen Diskurs, oftmals der Kunstbegriff auf die bildende Kunst beschr\u00e4nkt) -&gt; <em>Im Museum wird die Kunst des 19. Jahrhunderts gezeigt.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>B<sup>K.3<\/sup><\/strong> \u00a0: Kunst als allgemeine \u00fcberindividuelle soziale Institution (\u201adie Kunst\u2018 \u2013 gibt es auf dieser Ebene nur als nicht z\u00e4hlbares Substantiv) -&gt; <em>Die Kunst ist etwas zutiefst Menschliches.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass es mit dieser vorl\u00e4ufigen Differenzierung aber noch l\u00e4ngst nicht getan ist, zeigt bereits ein fl\u00fcchtiger Blick auf den Begriff \u201amoderne Kunst\u2018. Er l\u00e4sst sich als zeitlicher Marker verstehen, der ein differenzierendes Element des Begriffs \u201aKunst\u2018 auf den verschiedenen Horizontalen der Makroebene der sozialen Institutionen darstellt:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>B<sup>K.1.1<\/sup><\/strong><sup>\u00a0 <\/sup>: Moderne Kunst als <em>aktuales<\/em> episodales Ereignis einer spezifischen \u00fcberindividuellen sozialen Institution (z.B. eines Mediums der Kunstgattung \u201abildende Kunst\u2018: die immersive Kunst) -&gt; <em>Die Kunst l\u00e4sst die Illusion als Realit\u00e4t erscheinen.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>B<sup>K.2.1<\/sup><\/strong> : Moderne Kunst als <em>aktuales <\/em>Momentum einer spezifischen \u00fcberindividuellen sozialen Institution (z.B. der Kunstgattung \u201abildende Kunst\u2018) -&gt; <em>Wer Kunst heute nur in Berliner Ateliers sucht, hat das Zeichen der Zeit nicht erkannt.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>B<sup>K.3.1<\/sup><\/strong> : Moderne Kunst als <em>aktuale<\/em> Extraktion des Oberbegriffs \u201aKunst\u2018, das hei\u00dft: als die <em>alle<\/em> Kunstgattungen umfassende Erscheinung der allgemeinen \u00fcberindividuellen sozialen Institution in der aktualen Synchronie (von der Musik bis zur bildenden Kunst) -&gt; <em>Kunst ist heute egalit\u00e4r. <\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass es sich bei den Begriffen \u201amoderne Kunst\u2018 auf den verschiedenen Horizontalen der Makroebene tats\u00e4chlich um verschiedene Begriffe handelt, ist schon dadurch ersichtlich, dass wir in den beiden ersten F\u00e4llen B<sup>K.1.1\u00a0 <\/sup>und B<sup>K.2.1 <\/sup>\u00a0problemlos von \u201amodernen <em>K\u00fcnsten<\/em>\u2018 reden und sie auch benennen k\u00f6nnen, im letzten Fall B<sup>K.3.1<\/sup> jedoch nicht: Auch als aktuale Extraktion des Oberbegriffs \u201aKunst\u2018 bleibt der Begriff \u201amoderne Kunst\u2018 ein Obergriff \u2013 und damit ein nicht z\u00e4hlbares Substantiv. W\u00fcrde ich hier von \u201amodernen <em>K\u00fcnsten<\/em>\u2018 sprechen, w\u00fcrde ich etwas qualitativ anderes meinen.\u00a0\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gibt es weitere Varianten des Gebrauchs des Wortes <em>Kunst<\/em>? Angenommen, wir w\u00fcrden im MdbK Leipzig eine Ausstellung moderner Kunst<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> besuchen und dort Zeuge eines heftigen Disputs \u00fcber den Stellenwert eines bestimmten Werks werden. Eine Besucherin echauffiert sich \u00fcber eine ihrer Ansicht nach dumme Bemerkung ihres offensichtlich inkompetenten Begleiters und ruft, auf das Artefakt zeigend, sichtlich erbost aus:<\/p>\r\n<ul style=\"text-align: justify;\">\r\n<li><em>Das ist <u>Kunst<\/u>!<\/em><\/li>\r\n<\/ul>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Da wir uns in einer Ausstellung <em>moderner<\/em> Kunst befinden, wollen wir annehmen, dass der Ausruf unserer kenntnisreichen Besucherin, bei dem sie das Wort <em>Kunst<\/em> sehr pointiert betont, eine unausgesprochene Attribuierung impliziert:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(a.1) Das ist (moderne) <u>Kunst<\/u>! (und kein Firlefanz)<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit lie\u00dfe sich diese Aussage als eine Variante der Verwendung des Begriffs \u201aKunst\u2018 auf der Horizontalen A<sup>K.3<\/sup> der Mikroebene des individuellen Kunstschaffens beschreiben:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.3.1<\/sup><\/strong>\u00a0 : die kontextuell bedingte Einordnung des konkreten Werks -&gt; <em>Das ist (moderne) <u>Kunst<\/u>!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings kann unsere kenntnisreiche Besucherin den Begriff \u201aKunst\u2018 auch anders gemeint haben. So, wenn sie das Wort <em>Das<\/em> demonstrativ betont und damit f\u00fcr alle vernehmlich anzeigt, dass das betreffende Artefakt f\u00fcr sie ein Sinnbild moderner Kunst ist:<\/p>\r\n<ul style=\"text-align: justify;\">\r\n<li><em><u>Das<\/u><\/em><em> ist Kunst!<\/em><\/li>\r\n<\/ul>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(b.1) <u>Das<\/u> ist (moderne) Kunst!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit w\u00fcrde der Begriff \u201amoderne Kunst\u2018 zwar auf der <em>Mikroebene des individuellen Kunstschaffens<\/em> auf ein konkretes Werk Anwendung finden, gleichzeitig aber auf die <em>Makroebene der sozialen Institutionen<\/em> verweisen \u2013 das konkrete Werk st\u00fcnde hier stellvertretend f\u00fcr die \u201amoderne Kunst\u2018. Vorbehaltlich einer besseren L\u00f6sung wollen wir uns an dieser Stelle damit behelfen, f\u00fcr diesen Fall eine weitere Horizontale auf der Mikroebene des individuellen Kunstschaffens zu etablieren:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.5<\/sup><\/strong>\u00a0 : das konkrete Werk als Prototyp moderner Kunst -&gt; <em><u>Das<\/u> ist (moderne) Kunst!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass es sich, wie schon im Fall <em>(a)<\/em> <em>Das ist <u>Kunst<\/u>!<\/em> (A<sup>K.3.1<\/sup>), auch bei diesem Begriff um einen anderen Begriff handeln muss als jener Begriff \u201amoderne Kunst\u2018, der in B<sup>K.1.1 <\/sup>und B<sup>K.2.1 <\/sup>Anwendung findet, l\u00e4sst sich bereits daran erkennen, dass sich auch vom ihm kein Plural bilden l\u00e4sst. In beiden F\u00e4llen handelt es sich ebenfalls um sogenannte <em>nicht z\u00e4hlbare Substantive<\/em>. Denn w\u00fcrde die Besucherin in dem Disput auf mehrere Artefakte referieren, die f\u00fcr sie entweder eindeutig der Kategorie \u201amoderne Kunst\u2018 (statt der Kategorie \u201aFirlefanz\u2018) zugeschrieben werden k\u00f6nnen (A<sup>K.3.1<\/sup>) oder aber Sinnbilder moderner Kunst (A<sup>K.5<\/sup>) sind, so k\u00f6nnte sie weder <em>(a.2) <\/em>noch <em>(b.2) <\/em>ausrufen, ohne nicht ein allgemeines Kopfsch\u00fctteln hervorzurufen:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(a.2) Das sind (moderne) <u>K\u00fcnste<\/u>!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(b.2) <u>Das<\/u> sind (moderne) K\u00fcnste!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie k\u00e4me nicht umhin, die von ihr angesprochenen Werke entweder (a.1.1 und b.1.1) zusammenfassend im Singular zu benennen oder aber (a.1.2 und b.1.2) auf einen anderen Begriff auszuweichen:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Werk:\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Mehrere Werke:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(a.1) Das ist (moderne) <u>Kunst<\/u>!<\/em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>(a.1.1)<\/em> <em>Das ist (moderne) <u>Kunst<\/u>!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>(a.1.2)<\/em> <em>Das sind (moderne) <u>Kunstwerke<\/u>!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Werk:\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Mehrere Werke:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(b.1) <u>Das<\/u> ist (moderne) Kunst!<\/em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>(b.1.1)<\/em> <em><u>Das<\/u> ist (moderne) Kunst!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>(b.1.2)<\/em> <em><u>Das<\/u> sind (moderne) Kunstwerke!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Fall <em>(a.1.1)<\/em> ordnet die Besucherin die Artefakte kollektiv und kategorisch der <em>Kategorie<\/em> \u201amoderne Kunst\u2018 zu und ber\u00fccksichtigt dabei weniger ihren Status als konkrete Entit\u00e4ten. Demgegen\u00fcber sagt uns unser Sprachgef\u00fchl im Fall <em>(a.1.2)<\/em>, dass sie, wenn sie die Artefakte kollektiv als \u201amoderne Kunstwerke\u2018 identifiziert, damit ihren Status als konkrete Entit\u00e4ten signifikant st\u00e4rker betont als im Fall <em>(a.1.1)<\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Fall <em>(b.1.1)<\/em> spricht die Besucherin, <em>pars pro toto<\/em>, von den Artefakten als Sinnbilder f\u00fcr das, was f\u00fcr sie moderne Kunst darstellt. Spricht sie also diese Artefakte als \u201aKunst\u2018 an, haben sie im Moment ihrer Aussage weniger den Status konkreter Entit\u00e4ten, sondern eher den von Symbolen. Demgegen\u00fcber sagt uns unser Sprachgef\u00fchl im Fall <em>(b.1.2)<\/em>, dass sich da deutlich mehr \u00e4ndert als nur das Nomen. Vielmehr liegt hier ein gegen\u00fcber <em>(b.1.1)<\/em> umgekehrter Status vor: Spricht sie die Artefakte als \u201aKunstwerke\u2018 an, haben diese im Moment ihrer Aussage weniger den Status von Symbolen, sondern eher den konkreter Entit\u00e4ten. Schon deshalb kann ich mich, wie schon im Fall <em>(a.1.1)<\/em> und <em>(a.1.2)<\/em>, nicht der Auffassung des Kunstphilosophen Reinold Schm\u00fccker anschlie\u00dfen, der in seinem Buch <em>Was ist Kunst? <\/em>postuliert, dass \u201edas Wort \u201aKunst\u2018, sofern es sich auf \u00e4sthetische Kunst bezieht, ein Synonym f\u00fcr \u201aKunstwerk(e)\u2018\u201c ist (Schmu\u0308cker 2014: 76), ergo eine \u201ebedeutungsneutrale Ersetzung von \u201aKunst\u2018 durch \u201aKunstwerk\u2018 (resp. \u201aKunstwerke\u2018, Anmerkung S.O.) m\u00f6glich\u201c (ebd.: 73) w\u00e4re. Nach meiner Auffassung spricht aber noch ein weiterer Umstand dagegen, dass in diesem Fall, in dem es ganz offensichtlich um das geht, was Schm\u00fccker \u201a\u00e4sthetische Kunst\u2018 nennt, die Worte <em>Kunst<\/em> und <em>Kunstwerke<\/em> Synonyme sein sollen und sie ohne \u00c4nderung der Bedeutung ausgetauscht werden k\u00f6nnen. Diese Annahme w\u00fcrde implizieren, dass <em>Kunst<\/em> (als nicht z\u00e4hlbares Substantiv) <em>gleichzeitig<\/em> Synonym f\u00fcr <em>Kunstwerk<\/em> (Singular) wie auch f\u00fcr <em>Kunstwerke<\/em> (Plural) sein kann. Was mit der Behauptung einhergehen w\u00fcrde, dass die Numeri hier keine bedeutungsdifferenzierende Komponente bes\u00e4\u00dfen. W\u00fcrde das tats\u00e4chlich der Fall sein, w\u00e4re es, soweit ich es \u00fcberblicken kann, ein einzigartiges sprachliches Ph\u00e4nomen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was, wenn nun der bornierte Begleiter unserer kunstaffinen Begleiterin nicht Besseres zu tun h\u00e4tte, als ihr despektierlich zu antworten:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(c) Ach so, der Klotz da ist Kunst!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist kaum anzunehmen, dass der gute Mann, obgleich wir uns in einer Ausstellung mit moderner Kunst befinden, subtil zwischen \u201aKunst\u2018 und \u201amoderne Kunst\u2018 zu differenzieren versteht. Weshalb die Vermutung naheliegt, dass er bei dem Begriff \u201aKunst\u2018 in <em>(c) <\/em>beide Spielarten, im Gegensatz zur Gebrauchsweise seiner kompetenten Begleiterin, in eins wirft. Sollte das der Fall sein, w\u00fcrden der Banause und die Expertin zwar das gleiche Wort <em>Kunst<\/em> benutzen, aber jeweils einen anderen Begriff \u201aKunst\u2018 meinen. Bei ihr ist anzunehmen, dass sie mit dem Begriff \u201aKunst\u2018 auf die kontextuell bedingte Einordnung des konkreten Werks (A<sup>K.3.1<\/sup>) oder auf das konkrete Werk als Prototyp moderner Kunst (A<sup>K.5<\/sup>) referiert. Bei ihm hingegen gestaltet sich die Zuordnung seiner Begriffsverwendung in unserem aktuellen Organigramm etwas schwieriger. Spontan am n\u00e4chsten l\u00e4ge wohl der Verweis auf:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.3<\/sup><\/strong>\u00a0 : auf das konkrete Werk -&gt; <em>Das ist Kunst!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sollten uns aber nicht vorschnell mit dieser Zuordnung zufrieden geben. Denn da unser Banause den Begriff \u201aKunst\u2018 im Rahmen einer ironischen Bemerkung verwendet, aus der seine ver\u00e4chtliche, absch\u00e4tzige Haltung gegen\u00fcber der \u201aKunst\u2018, die seine Begleiterin so sehr sch\u00e4tzt, zu sprechen scheint, l\u00e4sst sich vermuten, dass er nur formal auf das konkrete Werk \u2013 \u201ader Klotz da\u2018 \u2013 referiert. Vielmehr scheint \u201ader Klotz da\u2018 f\u00fcr ihn geradezu ein <em>Prototyp<\/em> schlechter Kunst, wenn nicht sogar von Nicht-Kunst zu sein. Sollte dem so sein, k\u00f6nnte \u201ader Klotz da\u2018 <em>f\u00fcr ihn<\/em> stellvertretend f\u00fcr \u201aalle Kl\u00f6tze\u2018, wom\u00f6glich sogar f\u00fcr alle Artefakte stehen, die er f\u00fcr schlechte Kunst resp. Nicht-Kunst h\u00e4lt. Damit w\u00fcrde die \u00c4u\u00dferung <em>(c) Ach so, der Klotz da ist Kunst! <\/em>eher eine N\u00e4he zur Horizontalen A<sup>K.5<\/sup> besitzen, f\u00fcr die wir eine eigene, hypothetische Variation formulieren wollen:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.5.1<\/sup><\/strong>\u00a0 : das konkrete Werk als Prototyp schlechter Kunst\/Nicht-Kunst -&gt; <em>Ach so, der Klotz da ist Kunst!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch wenn der Kunstbanause, wie wir vermuten, \u201aKlotz\u2018 hier im Sinne eines Prototyps f\u00fcr schlechte Kunst\/Nicht-Kunst verwendet \u2013 aus dem Begriff \u201aKunst\u2018 wird damit noch lange kein Kollektivsingular. Wie wir gesehen haben, verbleibt er, auch wenn mit ihm auf mehrere Artefakte Bezug genommen wird, im Singular:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Werk:\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Mehrere Werke:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(c) <\/em><em>Ach so, der Klotz da ist Kunst!<\/em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>(c.1)<\/em> <em>Ach so, die Kl\u00f6tze da sind Kunst!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Begriff \u201aKunst\u2018 handelt es sich also selbst in dieser Gebrauchsweise, wie schon in <em>(a.1.1) <\/em>\u00a0und <em>(b.1.1<\/em>), um ein nicht z\u00e4hlbares Substantiv, nicht aber um ein Kollektivsingular. Die Verwendung des Plurals w\u00fcrde, wie auch in <em>(a.2)<\/em> und <em>(b.2)<\/em>, bei halbwegs kompetenten Sprechern des Deutschen nur verst\u00e4ndnisloses Kopfsch\u00fctteln ausl\u00f6sen:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(d) Ach so, die Kl\u00f6tze da sind K\u00fcnste!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ersetze ich in <em>(c.1)<\/em> in Schm\u00fcckers Sinne \u201aKunst\u2018 durch \u201aKunstwerke\u2018, so erhalte ich:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(c.2)<\/em> <em>Ach so, die Kl\u00f6tze da sind Kunstwerke!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Behaupte ich nun, diese Ersetzung w\u00e4re bedeutungsneutral, so lande ich wieder bei den bereits vorgebrachten Gegenargumenten. Nicht nur, dass ich damit behaupten m\u00fcsste, dass Numeri keine bedeutungsdifferenzierende Komponente besitzen. Ich m\u00fcsste auch behaupten, dass \u201aKunst\u2018 entweder, wie \u201aKunstwerk\u2018, hier eher den Status konkreter Entit\u00e4ten hat und nicht von Symbolen \u2013 oder aber umgekehrt, dass \u201aKunstwerk\u2018 hier eher den Status von Symbolen hat und nicht von konkreten Entit\u00e4ten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4.<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz wollen wir noch auf einen weiteren Begriff \u201aKunst\u2018 zu sprechen kommen, bei dem es sich weder um ein Kollektivsingular noch um ein nicht z\u00e4hlbares Substantiv handelt:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.2<\/sup><\/strong>\u00a0 : bezogen auf den eigentlichen Prozess des Kunstschaffens<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">-&gt; <em>Malen ist Kunst. (Singular)<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">-&gt; <em>Malen und Tanzen sind K\u00fcnste. (Plural)<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Reinold Schm\u00fccker f\u00fchrt diesen Begriff \u201aKunst\u2018 in seinem Werk als \u201amechanische Kunst\u2018 ein, der auf eine \u201ehandlungskompetenzbezeichnende Kraft\u201c (Schm\u00fccker 2014: 73) referiert. Er kann <em>nicht<\/em> durch \u201aKunstwerk\u2018 ersetzen werden, da beide Begriffe Verschiedenes bezeichnen: \u201eMechanische K\u00fcnste k\u00f6nnen sich (\u2026) zwar in Kunstwerken manifestieren. Doch sie <em>sind<\/em> selbst <em>niemals<\/em> Kunstwerke, weil sie Fertigkeiten und keine Artefakte sind\u201c (ebd.: 74).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er glaubt lexikalische Indikatoren eruiert zu haben, die aufzeigen, wann ein Sprecher sich auf die mechanische Kunst, also auf Fertigkeiten, Handlungskompetenzen bezieht und wann auf die Kunst im engeren Sinne (die er \u201e\u00e4sthetische Kunst\u201c [ebd.: 69] nennt). Ist die Rede von der Kunst, so zeigt ein \u201e<em>indefiniter Gebrauch<\/em>, bei dem ihr ein unbestimmter Artikel voransteht\u201c (ebd.: 70), an, dass in diesen F\u00e4llen \u201evon einer mechanischen Kunst die Rede\u201c (ebd.: 70) ist:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(f)<\/em> Kugelsto\u00dfen ist eine Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(g)<\/em> Stabhochsprung ist eine Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Entsprechend lie\u00dfen sich die S\u00e4tze <em>(f)<\/em> und <em>(g)<\/em> im Sinne Schm\u00fcckers so pr\u00e4zisieren:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(f.1)<\/em> Kugelsto\u00dfen ist eine mechanische Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(g.1) <\/em>Stabhochsprung ist eine mechanische Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hingegen zeigt ein \u201e<em>absoluter Gebrauch<\/em>, bei dem die Vokabel als Nomen ohne weiteren Zus\u00e4tze (wie Artikel, Pronomen oder Attributionen) auftritt\u201c (ebd.: 70), laut Schm\u00fccker unmissverst\u00e4ndlich an, dass in diesen F\u00e4llen \u201evon \u00e4sthetischer (\u2026) Kunst die Rede ist\u201c (ebd.: 70). Allerdings st\u00f6\u00dft die Kategorisierung anhand dieses vermeintlich so sicheren lexikalischen Indikators schnell an ihre Grenzen. So beispielsweise, wenn ich von Kugelsto\u00dfen und Stabhochsprung in einem Atemzug spreche:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(h)<\/em> Kugelsto\u00dfen und Stabhochsprung sind K\u00fcnste.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Plural wird offensichtlich \u201aKunst\u2018 \u201aals Nomen ohne weiteren Zus\u00e4tze (wie Artikel, Pronomen oder Attributionen)\u2018 verwendet. Was ja eigentlich eindeutig den absoluten Gebrauch und damit die \u00e4sthetische Kunst anzeigen sollte. Jedoch handelt es sich, laut lexikalischer Probe in <em>(f)<\/em> und <em>(g)<\/em>, bei diesen K\u00fcnsten um \u201amechanische K\u00fcnste\u2018. Eine weitere Formulierung d\u00fcrfte ebenfalls ziemliche Bauchschmerzen bereiten:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(f.2)<\/em> Kugelsto\u00dfen ist eine \u00e4sthetische Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(g.2)<\/em> Stabhochsprung ist eine \u00e4sthetische Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesen grammatikalisch und semantisch v\u00f6llig einwandfreien S\u00e4tzen behaupte ich das Gegenteil dessen, was der lexikalische Indikator laut Schm\u00fccker eigentlich eindeutig aufweist. Denn wie gesagt: Ein \u201e<em>indefiniter Gebrauch<\/em>, bei dem ihr (der Kunst, Anmerkung S.O.) ein unbestimmter Artikel voransteht\u201c (ebd.: 70), zeigt das Vorliegen einer mechanischen Kunst an. Da es sich nun aber bei <em>(f.2)<\/em> und <em>(g.2)<\/em> um korrekte deutsche S\u00e4tze handelt, gibt es meines Erachtens drei M\u00f6glichkeiten: (1.) Entweder l\u00fcge ich, wenn ich <em>(f.2)<\/em> und <em>(g.2)<\/em> \u00e4u\u00dfere oder (2.) ich habe keine Ahnung von Kunst oder aber (3.) die Theorie ist nicht wasserdicht. Sehen wir uns ein weiteres Beispiel an:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(f.3)<\/em> Kugelsto\u00dfen ist Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(g.3)<\/em> Stabhochsprung ist Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch hier handelt es sich (cf. unseren Beispielsatz f\u00fcr die Horizontale A<sup>K.2<\/sup>\u00a0 : bezogen auf den eigentlichen Prozess des Kunstschaffens -&gt; <em>Malen ist Kunst<\/em>) um grammatikalisch und semantisch korrekte deutsche S\u00e4tze, an denen nach meinem Daf\u00fcrhalten nichts auszusetzen ist. Da nun bei ihnen gem\u00e4\u00df Schm\u00fccker ein <em>\u201eabsoluter Gebrauch<\/em> (vorliegt), bei dem die Vokabel als Nomen ohne weiteren Zus\u00e4tze (wie Artikel, Pronomen oder Attributionen) auftritt\u201c (ebd.: 70), m\u00fcsste demnach hier konsequenterweise \u201evon \u00e4sthetischer (\u2026) Kunst die Rede sein\u201c (ebd.: 70). Was aber, wie mir scheint, seinen eigenen Aussagen widerspricht. Denn Kugelsto\u00dfen und Stabhochsprung ordnet er unmissverst\u00e4ndlich den mechanischen K\u00fcnsten zu (cf. ebd.: 68). Und diese \u201e<em>sind<\/em> selbst <em>niemals<\/em> Kunstwerke, weil sie Fertigkeiten und keine Artefakte sind\u201c (ebd.: 74). Eine Aussage, die er allerdings selber gleich in Frage stellt. Macht er doch ausdr\u00fccklich darauf aufmerksam, dass \u201edie Entgrenzung des Kunstbegriffs auch auf die transitorischen K\u00fcnste (\u00fcbergegriffen hat): Alles, ob Gegenstand oder Aktion, ist seither potentiell Kunst\u201c (ebd.: 83). Wer wollte da noch die mechanischen K\u00fcnste ausschlie\u00dfen<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>?\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Schm\u00fcckers Ansicht zeigen lexikalische Indikatoren wie \u201abestimmter\/unbestimmter\/gar kein Artikel\u2018 nicht allein verl\u00e4sslich an, ob von \u201a\u00e4sthetischer Kunst\u2018 oder von \u201amechanischer Kunst\u2018 die <em>Rede<\/em> ist<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>, sondern auch, ob in dem Fall, von dem gerade die Rede ist, \u201a\u00e4sthetische Kunst\u2018 oder \u201amechanische Kunst\u2018 <em>faktisch<\/em> vorliegt. Unsere Beispiele scheinen nun aber nahezulegen, dass beides, wenn \u00fcberhaupt, nur recht bedingt der Fall ist. Was vielleicht weniger an den Indikatoren selbst oder an der heute etwas fragw\u00fcrdig gewordenen Differenzierung zwischen \u201a\u00e4sthetischer Kunst\u2018 und \u201amechanischer Kunst\u2018 liegt, sondern vielmehr an der etwas \u00fcberzogenen Erwartung, was lexikalische Indikatoren wie \u201abestimmter\/unbestimmter\/gar kein Artikel\u2018 oder \u201az\u00e4hlbares\/nicht z\u00e4hlbares Substantiv\u2018 zu indizieren imstande sind.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Meines Erachtens sind sie zun\u00e4chst einmal nur dazu geeignet, uns einen ersten, bisweilen recht vagen Hinweis darauf zu geben, welcher Begriff \u201aKunst\u2018 durch die Sprecherin\/den Sprecher verwendet wird. Das hei\u00dft: Wo wir ihn auf den Horizontalen der Mikroebene des individuellen Kunstschaffens resp. der Makroebene der sozialen Institutionen verorten k\u00f6nnen. Dazu haben wir im Rahmen dieses Aufsatzes eine vorl\u00e4ufige, sicherlich ausbauf\u00e4hige und vor allem verbesserungsw\u00fcrdige Zuordnung erstellt:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><u>Mikroebene des individuellen Kunstschaffens:<\/u><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.1<\/sup><\/strong>\u00a0 : bezogen auf die subjektive Befindlichkeit -&gt; <em>Er lebt seine Kunst.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.2<\/sup><\/strong>\u00a0 : auf den eigentlichen Prozess des Kunstschaffens -&gt; <em>Malen ist Kunst.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.3<\/sup><\/strong>\u00a0 : auf das konkrete Werk -&gt; <em>Das ist Kunst!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.3.1<\/sup><\/strong>\u00a0 : die kontextuell bedingte Einordnung des konkreten Werks -&gt; <em>Das ist (moderne) <u>Kunst<\/u>!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.4<\/sup><\/strong>\u00a0 : das gesamte Oeuvre -&gt; <em>Seine Kunst ist in vielen Genres zu Hause.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.5<\/sup><\/strong>\u00a0 : das konkrete Werk als Prototyp moderner Kunst -&gt; <em><u>Das<\/u> ist (moderne) Kunst!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A<sup>K.5.1<\/sup><\/strong>\u00a0 : das konkrete Werk als Prototyp schlechter Kunst\/Nicht-Kunst -&gt; <em>Ach so, der Klotz da ist Kunst!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><u>Makroebene der sozialen Institutionen:<\/u><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>B<sup>K.1<\/sup><\/strong> \u00a0: Kunst als episodales Ereignis einer spezifischen \u00fcberindividuellen sozialen Institution (so z.B. Stile in der Musik: Jazz, Rap, Klassik\u2026; Medien in der bildenden Kunst: Performance, Malerei, Fotografie\u2026) -&gt; <em>Fotografie ist die Kunst, die mich am meisten anspricht.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>B<sup>K.1.1<\/sup><\/strong><sup>\u00a0 <\/sup>: Moderne Kunst als <em>aktuales<\/em> episodales Ereignis einer spezifischen \u00fcberindividuellen sozialen Institution (z.B. eines Mediums der Kunstgattung \u201abildende Kunst\u2018: die immersive Kunst) -&gt; <em>Die Kunst l\u00e4sst die Illusion als Realit\u00e4t erscheinen.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>B<sup>K.2<\/sup><\/strong>\u00a0 : Kunst als spezifische \u00fcberindividuelle soziale Institution (Kunstgattungen, z.B. die Musik, die bildende Kunst, das Theater\u2026; auf dieser Ebene des Gebrauchs wird, selbst im fachspezifischen und wissenschaftlichen Diskurs, oftmals der Kunstbegriff auf die bildende Kunst beschr\u00e4nkt) -&gt; <em>Im Museum wird die Kunst des 19. Jahrhunderts gezeigt.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>B<sup>K.2.1<\/sup><\/strong> : Moderne Kunst als <em>aktuales <\/em>Momentum einer spezifischen \u00fcberindividuellen sozialen Institution (z.B. der Kunstgattung \u201abildende Kunst\u2018) -&gt; <em>Wer Kunst heute nur in Berliner Ateliers sucht, hat das Zeichen der Zeit nicht erkannt.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>B<sup>K.3<\/sup><\/strong>\u00a0 : Kunst als allgemeine \u00fcberindividuelle soziale Institution (\u201adie Kunst\u2018 \u2013 gibt es auf dieser Ebene nur als nicht z\u00e4hlbares Substantiv) -&gt; <em>Die Kunst ist etwas zutiefst Menschliches.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>B<sup>K.3.1<\/sup><\/strong> : Moderne Kunst als <em>aktuale<\/em> Extraktion des Oberbegriffs \u201aKunst\u2018, das hei\u00dft: als die <em>alle<\/em> Kunstgattungen umfassende Erscheinung der allgemeinen \u00fcberindividuellen sozialen Institution in der aktualen Synchronie (von der Musik bis zur bildenden Kunst) -&gt; <em>Kunst ist heute egalit\u00e4r. <\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Solange wir aber den Begriff \u201aKunst\u2018 nicht \u201ein dem Acte ihres wirklichen Hervorbringens\u201c (Humboldt 2008: 325) betrachten, werden wir mit unseren Zuordnungsversuchen nicht weiter kommen. Denn welcher Begriff \u201aKunst\u2018 jeweils vorliegt, l\u00e4sst sich nur aus dem Kontext einer konkreten Situation und auf Basis eines f\u00fcr ein solches Procedere erforderliches allgemeines Weltwissen halbwegs angemessen erschlie\u00dfen. Vorausgesetzt, wir verstehen die Sprache \u201aim Schlaf\u2018 und verf\u00fcgen \u00fcber die elementare psychologische Infrastruktur menschlich-kooperativer Akte: die Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t. Mit ihr besitzen wir die ontogenetische Basis, auf der unsere operative F\u00e4higkeit zur geteilten Intentionalit\u00e4t als die im Vollzug einer aktualen Handlung situativ vorliegende Intentionalit\u00e4tsvariante gr\u00fcndet, durch die wir zum Beispiel in einem Gespr\u00e4ch imstande sind, zu \u201averstehen\u2018, was ein Sprecher jeweils <em>gemeint<\/em> hat. Ob nun aber meine Interpretation tats\u00e4chlich mit dem \u00fcbereinstimmt, was er gemeint hat, steht auf einem anderen Blatt \u2013 und ob ich dies jemals werde verbindlich herausfinden k\u00f6nnen, noch einmal auf einem ganz anderen: Ich kann dies zwar durch gezielte Nachfrage in Erfahrung zu bringen versuchen, es kann mich aber nie zu einer endg\u00fcltigen Gewissheit f\u00fchren, da jede Nachfrage, bei der ich ja nicht umhin komme, wiederum solcherart nachfragebed\u00fcrftige Begriffe zu benutzen, immer wieder dasselbe Problem erzeugt: Aus diesem Zirkel kann ich nie entkommen (was mich mit einer gewisser Demut erf\u00fcllt).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zumindest das Eine wissen wir jetzt: Mit dem einen Wort <em>Kunst<\/em> generieren wir im Gebrauch unz\u00e4hlige Begriffe \u201aKunst\u2018. Und mit einem Blick auf die folgenden Beispiele mag jeder die Frage, welche und wie viele es sind, vielleicht f\u00fcr sich f\u00fcrs Erste mit zu beantworten suchen:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kugelsto\u00dfen ist Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kugelsto\u00dfen und Stabhochsprung sind K\u00fcnste.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kugelsto\u00dfen ist Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kugelsto\u00dfen und Stabhochsprung sind Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kugelsto\u00dfen ist eine Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kugelsto\u00dfen geh\u00f6rt, wie Malen und Schreiben, zur Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kugelsto\u00dfen geh\u00f6rt, wie das Theater und die Literatur, zur Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kugelsto\u00dfen geh\u00f6rt, wie das Theater und die Literatur, zu den K\u00fcnsten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kunst ist Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur Kunst geh\u00f6ren alle K\u00fcnste.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kunstwerk ist Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist Kunst?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Malen ist Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Malen und Tanzen sind K\u00fcnste.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Malen ist Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Malen und Tanzen sind Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Malen ist eine Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Malen und Tanzen sind K\u00fcnste.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Literatur ist Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Literatur und Bildhauerei sind K\u00fcnste.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Literatur ist Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Literatur und Bildhauerei sind Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Literatur ist eine Kunst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kunst des literarischen Schreibens ist eine Kunst f\u00fcr sich.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kunst der Literatur ist eine Kunst f\u00fcr sich.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(Liste ist individuell beliebig zu erweitern)<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} --><\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was gibt es in der Kunst zu \u201everstehen\u201c?<\/strong>, Rigorose Reflexionen zum Kunstbegriff von Stefan Oehm.\u00a0 K\u00f6nigshausen &amp; Neumann, 2021<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/oehm_Kunst2-scaled-e1617188402283.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-81219 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/oehm_Kunst2-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" \/><\/a>Die inflation\u00e4re Verwendung des zentralen Terminus technicus im Kunstdiskurs geht mit einer befremdlichen sprachlichen Sorglosigkeit einher. Keiner der Beteiligten nimmt eine systematische Begriffsdifferenzierung vor, um sicherzustellen, dass alle wissen, wor\u00fcber sie reden, wor\u00fcber sie miteinander reden und wor\u00fcber der Andere redet. Wie kann ein Verstehen gew\u00e4hrleistet sein, wenn nicht dieses Wissen gew\u00e4hrleistet ist? \u00dcber welchen Begriff \u203averstehen\u2039 reden wir in der Kunst? Geht es in der Kunst \u00fcberhaupt darum, etwas zu verstehen oder verstehen zu geben? Die hier vorliegenden f\u00fcnf Aufs\u00e4tze widmen sich einigen grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen, um von diversen liebgewonnenen Topoi Abschied zu nehmen. Helfen werden Gedanken des Ethnologen Clifford Geertz, den sein Unbehagen an der mangelnden begrifflichen Pr\u00e4zision deutender Ans\u00e4tze zum Konzept der \u203aDichten Beschreibung\u2039 f\u00fchrte. Des Weiteren jene des Historikers Quentin Skinner, der den Mythen der R\u00fcckprojektion bestehender Konzepte in die Vergangenheit und historischer Kontinuit\u00e4ten Einhalt bot. Und nicht zuletzt des Anthropologen Michael Tomasello, der die Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t als Basis menschlicher Kommunikation und kooperativen Handelns identifizierte \u2013 die Basis dessen, was wir so gerne Kunst nennen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO w\u00fcrdigte das Buch <em>Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?<\/em> von Stefan Oehm mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/15\/nachdenken-ueber-kunst\/\">Rezensionsessay<\/a>. &#8211; Eine Leseprobe finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/01\/worueber-reden-wir-wenn-wir-ueber-kunst-reden-teil-1\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Literatur: <\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Humboldt<\/strong>, Wilhelm von (2008): Schriften zur Sprache, Frankfurt a.M.: Zweitausendeins.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kanz<\/strong>, Roland (2014): Kunst\u201a in: Enzyklop\u00e4die der Neuzeit Online; online<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">unter: http:\/\/dx.doi.org\/10.1163\/2352-0248_edn_a5043000 (zuletzt abgerufen:<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"23\">\r\n<li>Dezember 2018)<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Keller<\/strong>, Rudi (<sup>4<\/sup>2014): Sprachwandel, T\u00fcbingen: A. Francke Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Keller<\/strong>, Rudi (<sup>2<\/sup>2018): Zeichentheorie, Tu\u0308bingen: UTB\/A. Francke Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schm\u00fccker<\/strong>, Reinold (2006): Kann das sch\u00f6nste M\u00e4dchen jemals h\u00e4\u00dflich sein?, in: Im Schatten des Sch\u00f6nen \u2013 Die \u00c4sthetik des H\u00e4\u00dflichen in historischen Ans\u00e4tzen und aktuellen Debatten, Bielefeld: Aisthesis Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schmu\u0308cker<\/strong>, Reinold (<sup>2<\/sup>2014): Was ist Kunst? Eine Grundlegung, Frankfurt<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>M.: Verlag Vittorio Klostermann.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Oehm<\/strong>, Stefan (2019a): Entwurf einer grunds\u00e4tzlichen Er\u00f6rterung des Begriffs &#8218;Kunst&#8216;, in: Mythos Magazin (<a href=\"http:\/\/www.mythos-magazin.de\/erklaerendehermeneutik\/so_kunst.htm\">http:\/\/www.mythos-magazin.de\/erklaerendehermeneutik\/so_kunst.htm<\/a>)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Oehm<\/strong>, Stefan (2019b): Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?, W\u00fcrzburg: Verlag K\u00f6nigshausen &amp; Neumann.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wikipedia<\/strong>-Eintrag: Kollektivsingular; online unter: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kollektivsingular\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kollektivsingular<\/a> (zuletzt abgerufen: 02. Dezember 2020)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wikipedia<\/strong>-Eintrag: Stoffname; online unter: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stoffname (zuletzt abgerufen: 02. Dezember 2020)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wyss<\/strong>, Beat (2018): Reiche sind immer reich geblieben, Artikel in: F.A.S. 23.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dezember 2018.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Wikipedia-Eintrag: Kollektivsingular; online unter: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kollektivsingular\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kollektivsingular<\/a> (zuletzt abgerufen: 02. Dezember 2020)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Die sprachlichen Reaktionen w\u00e4hrend der Corona-Krise 2020 liefern dazu reichlich Anschauungsmaterial. So zeigte sich, dass sich typische Sprachmuster selbst in Kreisen finden lassen, in denen man sie vielleicht weniger vermutet h\u00e4tte \u2013 beispielsweise bei der Zielgruppe der Leser der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.). Hier echauffierte sich ein Leserbriefschreiber \u00fcber einen kritischen Artikel in der F.A.S. zu dem Mikrobiologen Prof. Sucharit Bhakdi, der die Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung der Corona-Pandemie f\u00fcr v\u00f6llig \u00fcberzogen und unangebracht h\u00e4lt, und schloss seinen Beitrag mit den Worten: \u201eFragen Sie doch einfach mal <em>den B\u00fcrger<\/em>\u201c (F.A.S. Nr. 49, 06. Dezember 2020, Hervorhebung S.O.).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Wikipedia-Eintrag: Stoffname; online unter: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stoffname (zuletzt abgerufen: 02. Dezember 2020)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Dabei muss man sich des Umstands bewusst sein, dass ein solcher Oberbegriff ein Abstraktum kennzeichnet, also keine real existierende Entit\u00e4t. Es handelt sich um eine Universalie, eine hypothetische Gr\u00f6\u00dfe, mit der sich ausgezeichnet arbeiten l\u00e4sst. Allerdings sollte man es tunlichst vermeiden, diesen Umstand im Umgang mit ihr irgendwann unter den Tisch fallen zu lassen und das Abstraktum f\u00fcr bare M\u00fcnze zu nehmen, um dann so mit ihr zu operieren, als handle es sich um eine real existierende Entit\u00e4t. \u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Bei dem Begriff \u201aKunst\u2018, der auch in der essentialistischen Kernfrage <em>Was ist Kunst?<\/em> Anwendung findet, handelt es sich um jenen Oberbegriff, der alle k\u00fcnstlerischen Sch\u00f6pfungen umfasst. Da dieser Begriff nun aber noch nicht in der Antike existierte, sondern ein neuzeitlicher, mitteleurop\u00e4ischer Neologismus ist, w\u00fcrde, sollte die Frage dem roten Wesensfaden der Komprehension k\u00fcnstlerischer Sch\u00f6pfungen (d.h. der Menge aller vergangener, gegenw\u00e4rtiger sowie k\u00fcnftiger Sch\u00f6pfungen) gelten, entweder eine heutige Denkfigur unzul\u00e4ssig in die Vergangenheit r\u00fcckprojiziert resp. in die Zukunft projiziert werden. Oder aber es m\u00fcsste ernsthaft die These aufgestellt werden, bei diesem Begriff \u201aKunst\u2018 handle es sich um den gleichen Begriffstypus (der Sprachwissenschaftler Rudi Keller nennt sie \u201eFregesche Begriffe\u201c [Keller 2018: 120]) wie die Begriffe \u201aGold\u2018 oder \u201aPrimzahl\u2018: \u201aGold\u2018 und \u201aPrimzahl\u2018 sind zeit- und kulturinvariant, zudem im allgemein akzeptierten Konsens eindeutig definiert. So kommt der Aussage <em>2 ist eine Primzahl<\/em> immer und \u00fcberall der Wahrheitswert f zu, der Aussage <em>3 ist eine Primzahl <\/em>hingegen immer und \u00fcberall der Wahrheitswert w. Eine solche zeit- und kulturinvariante, im allgemein akzeptierten Konsens getroffene Definition gibt es bei dem Oberbegriff \u201aKunst\u2018 nicht. Entsprechend gibt es auch keine g\u00fcltigen Wahrheitswerte-Aussagen. Und eben auch keine aus einer solchen Definition abgeleiteten Aussagen \u00fcber die Zuschreibung des Begriffs \u201aKunst\u2018 zu Genres, Stilen oder konkreten Artefakten, von denen dann verbindlich gesagt werden k\u00f6nnte, dass ihnen der Wahrheitswert w oder f zukommt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Es darf dabei nat\u00fcrlich nicht vergessen werden, dass die Bestimmung der Gebrauchsweisen immer nur den Gebrauchsweisen in der jeweils aktualen Synchronie gelten kann (die vom Zeitpunkt ihrer Bestimmung bis zu dem ihrer Darlegung schon wieder gewandelt haben k\u00f6nnen). Genauer gesagt: den Gebrauchsweisen in einer bestimmten Kultur, einer bestimmten Sprachgemeinschaft, einer bestimmten kunstaffinen Peergroup etc. in der jeweils aktualen Synchronie. Zudem unterliegen alle Gebrauchsweisen einem steten, zumal asynchronen Wandel. Die eine Gebrauchsweise h\u00e4lt sich l\u00e4nger als die andere, in der einen Peergroup geht der eine oder andere Wandel der einen oder anderen Gebrauchsweise langsamer oder schneller vonstatten als in der anderen. Gleiches gilt f\u00fcr allgemein akzeptierte Gebrauchsweisen innerhalb einer Sprachgemeinschaft oder einer Kultur. Wobei gerade heute, im Zeitalter weltumspannender Kommunikation in Echtzeit, in der die Einbettung der Gebrauchsweisen in spezifische Lebenswelten einer zunehmenden Aufweichung und Diffusion weicht, kaum mehr trennscharfe Differenzierungen zwischen den Gebrauchsweisen relevanter <em>termini technici<\/em> in den einzelnen Kulturen, Sprachgemeinschaften, Peergroups etc. auszumachen sind \u2013 sie \u00fcberlappen sich da und dort, bei dem einen mehr als bei dem anderen. Morgen vielleicht mehr als heute.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Das Museum der bildenden K\u00fcnste (MdbK) in Leipzig ist ein Ort, an dem die \u201amoderne Kunst\u2018 als <em>aktuales <\/em>Momentum einer spezifischen \u00fcberindividuellen sozialen Institution gezeigt wird \u2013 n\u00e4mlich besagter \u00fcbergreifender Kunstgattung \u201abildende Kunst\u2018 (B<sup>K.2.1<\/sup>). Der Begriff \u201amoderne Kunst\u2018 als <em>aktuales<\/em> episodales Ereignis einer spezifischen \u00fcberindividuellen sozialen Institution bezieht sich auf das, was dort aktuell zu sehen ist \u2013 eine Ausstellung mit Artefakten der Kategorie \u201amoderne Kunst\u2018, die der \u00fcbergeordneten Kunstgattung \u201abildende Kunst\u2018 zuzuordnen sind (B<sup>K.1.1<\/sup>). W\u00fcrde hier John Cage aufgef\u00fchrt werden oder an einem Ballettabend ein St\u00fcck von Pina Bausch, h\u00e4tten wir es mit einer Variation des Begriffs \u201amoderne Kunst\u2018 zu tun, da er sich hier nicht auf die Kunstgattung \u201abildende Kunst\u2018 bezieht. Wobei sowohl Cage, Bauch als auch die namenlose Ausstellung bildender Kunst in meinem Beispiel wiederum unter dem Begriff \u201amoderne Kunst\u2018 als Beispiele einer <em>aktualen<\/em> Extraktion des Oberbegriffs \u201aKunst\u2018, das hei\u00dft als die <em>alle<\/em> Kunstgattungen umfassende Erscheinung der allgemeinen \u00fcberindividuellen sozialen Institution in der aktualen Synchronie, subsumiert werden k\u00f6nnen (B<sup>K.3.1<\/sup>).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Sind etwa Richard Longs <em>Walks<\/em>, seine konzeptionellen Wanderungen, nur \u201amechanische Kunst\u2018, nicht aber k\u00fcnstlerische Happenings, mithin also \u201a\u00e4sthetische Kunst\u2018? Ist Arpad Dobribans Kochkunst keine Kunst? Und was wird morgen sein, dem <em>Day After<\/em> einer v\u00f6lligen Entgrenzung des Kunstbegriffs, wenn ein heute noch namenloser k\u00fcnstlerischer Kugelsto\u00dfer den formsch\u00f6nsten Kugelsto\u00df aller Zeiten inszeniert? Was, wenn das kollektive, nicht intendierte Resultat aller individuellen intentionalen Zuschreibungen dieses Aktes dann besagt, dass es sich um \u201aKunst\u2018 handelt? Sp\u00e4testens dann muss dieses Konzept lexikalischer Indikatoren zu Grabe getragen werden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Da sich jede Sprache unaufh\u00f6rlich wandelt, solange sie nur \u00fcber eine ausreichende Anzahl Sprecher verf\u00fcgt, die sie aktiv sprechen (cf. Rudi Keller: Sprachwandel, T\u00fcbingen: A. Francke Verlag), besteht\u00a0 zumindest die theoretische M\u00f6glichkeit, dass Schm\u00fccker in gewisser Weise doch recht hat: Angenommen, er h\u00e4tte mit seinen Ausf\u00fchrungen den allgemein \u00fcblichen Gebrauch zutreffend beschrieben. Da sein Buch <em>Was ist Kunst? Eine Grundlegung<\/em> 1998 erschienen ist, w\u00fcrde es sich dabei um die Beschreibung der Gebrauchsweisen von 1998 handeln. Seitdem kann sich nat\u00fcrlich der Gebrauch, von uns unbemerkt, selbst in dieser historisch recht kurzen Zeit, durchaus gewandelt haben (ob es sich in diesem Fall tats\u00e4chlich so verh\u00e4lt, vermag ich ad hoc allerdings nicht zu sagen).<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 1. Meine erste Begegnung mit dem Kollektivsingular hatte ich wohl um 1979 in einem der sch\u00f6nsten Arthouse Kinos D\u00fcsseldorfs, dem Bambi in der Klosterstra\u00dfe. Der dortige Zuschauerraum war \u00fcber und \u00fcber mit alten Filmplakaten dekoriert. So etwa mit dem&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/05\/kunst-ein-kollektivsingular\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":169,"featured_media":100363,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2074],"class_list":["post-72993","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-stefan-oehm"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72993","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/169"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=72993"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72993\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100412,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72993\/revisions\/100412"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100363"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=72993"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=72993"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=72993"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}