{"id":72957,"date":"2022-11-08T00:01:43","date_gmt":"2022-11-07T23:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72957"},"modified":"2022-02-24T17:56:16","modified_gmt":"2022-02-24T16:56:16","slug":"der-grosse-wurf-eine-sprechblasenoperette","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/08\/der-grosse-wurf-eine-sprechblasenoperette\/","title":{"rendered":"Der grosse Wurf, eine Sprechblasenoperette"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Oh Lord, won&#8217;t you buy me\u2026&#8220;, bittet die Vocalise aus dem blechern t\u00f6nenden Lautsprecher des Autoradios. &#8222;\u2026 my friends all drive Porsche\u2026&#8220;, und genau das w\u00fcrde der Taxifahrer Fridolin Fleppe lieber tun, als eine abgeschriebene Droschke durch die Stadt zu gondeln und Fahrg\u00e4ste auf der k\u00fcrzesten Verbindung von der Innenstadt in die Aussenbezirke zu chauffieren. Seine <em>Fahrgastzelle<\/em> erlebt er als Druckkammer, einem Zwischenreich, einer Zeit\u2013Blase.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb42 f\u00fcr Zentrale. 42 bitte melden\u00ab, st\u00f6rt Rosalinde Ruckes aus der Zentrale wie immer, wenn ein Spott \u00fcber das Establishment l\u00e4uft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbCazzo\u2026 Belinda, jetzt hast&#8217;e schon wieder den R\u00fcckspiegel verstellt, ehj!\u00ab, mault Fridolin seine Beifahrerin an. Sie vervollst\u00e4ndigt ihre Pers\u00f6nlichkeit und zieht den Schwung ihres Mundrands nach. Ihre Beine sind so lang, dass sie zu beschreiben jeder Satz zu kurz w\u00e4re. Ihre blauen Lider und ihre prallen Lippen doppeln die Farben der Bluse und der Strumpfhosen unter den Hotpants.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbTut mir furchtbar traurig, Schatz! Aber irgendwo muss ich mir die Lippen nachziehen. Der Spiegel am Sonnenschutz ist ja noch immer zersplittert\u00ab, auch sie textet in Sprechblasen und l\u00e4sst kein Blubberlativ aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbM\u00fcsste mal jemand reparieren\u00ab, merkt er selbstkritisch an und dringt in die graue Leere seines Lebens ein, in die totale Sinnlosigkeit und Entsinnlichung. Ein Spiegel geh\u00f6rt zum Service, seitdem sich die Weiber einen scharfen Strich um den Lippenstift ziehen, kontrollieren sie den Effekt vor einem Termin. Alle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGib dir mal &#8217;n Tritt in den Arsch, du Asi. Wenn du so weitermachst, wirs&#8217;te zum S\u00e4ufer und dann bis&#8217;te deinen F\u00fchrerschein wieder los. Sie kommt nicht wieder. Die Alte vom Radio kanns&#8217;te abschreiben\u2026\u00ab, changiert sie zwischen schnippisch, cool oder hysterisch, Flintenweib, Schlampe oder Zickendiva, aber meistens ein rasendes K\u00fcken, das mit Klob\u00fcrsten wirft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWahrscheinlich\u00ab, oszilliert er zwischen Anspannung und Geistessch\u00e4rfe, ist ein r\u00fchrender Meister der Selbstverliebtheit und Laie des Lebens. Fridolin liebt ohne Hoffnung auf Erf\u00fcllung und liefert sich f\u00fcr einen Moment schutzlos seiner Trauer aus. Die Liebe ist eine Krankheit, ohne die hypermodernen Menschen nicht leben k\u00f6nnen, sie k\u00f6nnen nicht treu sein, aber sie k\u00f6nnen die Treue auch nicht vergessen, weil es nicht Sex war, was sie wollten. Liebe, das ist eine Krankheit der G\u00f6tter, der Abglanz der g\u00f6ttlichen Idee, die unperfekter als alles sonst in die Welt gekommen ist, von G\u00f6ttern, die in ihrer Selbstvergessenheit l\u00e4ngst versunken sind. Und dennoch nutzen manche Themen ab. Fridolin kann nicht auf Durchzug schalten und nach historischem Vorbild aussitzen. Die Klimakatastrophe hat stattgefunden und die Welt ist versteppt. Grenzen verlaufen nicht mehr zwischen L\u00e4ndern, sondern abgesicherten Metropolen und zur Savanne gewordenem Umland verlaufen. St\u00e4dte sind Sicherheitszonen, die von privaten Sicherheitsdiensten kontrolliert werden. Die Menschen sind meist nachts auf den Beinen, wegen des Ozonlochs, tags\u00fcber schlafen sie; und so pendelt sich ihre Stimmung zwischen \u00fcbern\u00e4chtigt und nachtaktiv ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbM\u00e4nner t\u00f6ten, was sie lieben, Frauen t\u00f6ten, was sie hassen\u00ab, versucht sie das Andenken von k\u00f6rperlichen Empfindungen zu l\u00f6sen. Dieses Erinnern erschafft ihre pers\u00f6nliche Identit\u00e4t und damit Subjekte. Es gibt keine Gegenwart jenseits dieser Erinnerung. Zukunft pr\u00e4sentiert sich ihnen als retrofuturistisches Gebilde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHast du <em>das<\/em> gesehen? Das gibt&#8217;s doch gar nicht!\u00ab, ist der Droschkenkutscher v\u00f6llig entgeistert und l\u00e4dt einen Kultgegenstand mit sexueller Energie auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs sind nur Icons, aber man muss die Botschaft kommunizieren\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas war der <em>Hartge F 1<\/em>! Weltexklusives Einzelst\u00fcck aus Beckingen mit dem Motor des legend\u00e4ren BMW M 1 in eine Mercedes\u2013W\u2013123\u2013Karosse verpflanzt. Kostet schlappe zwei Millionen der Nobelhobel. F\u00e4hrt einfach hier so rum, irre! Das muss ich unbedingt Justaff erz\u00e4hlen\u00ab, referiert Fridolin ern\u00fcchtert und zugleich v\u00f6llig ausser sich. Der Fahrer redet jedoch mehr zu sich selbst, um sich nicht in weitere Gespr\u00e4che verwickeln zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWar das nicht der Plenz hinter dem Steuer?\u00ab, \u00e4ussert sie einen Verdacht, der sich auch wegen der get\u00f6nten Scheiben nicht eindeutig best\u00e4tigen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbQuatsch, der ist doch im Ausland! Und ausserdem w\u00fcrde der so einen auff\u00e4lligen Wagen nicht fahren!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVielleicht ist das ja gerade der Trick?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu kennst die Beziehung von M\u00e4nnern und Autos nicht!\u00ab, versucht er eine undurchschaubare Verstricktheit zu \u00fcberblicken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKannst du mich da dr\u00fcben rauslassen, direkt am Reiterdenkmal!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJoot\u00ab, brummelt er. Setzt den Blinker. Stoppt die Kiste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbViel Spass und einen wundersch\u00f6nen Abend noch.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDanke f\u00fcr das Mitgef\u00fchl. Hol mich doch bitte in ungef\u00e4hr zwei Stunden wieder hier ab\u00ab, gibt seine Kundin eine Fuhre in Auftrag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGeht klar\u00ab, murmelt er hinter der zuklappenden Autot\u00fcr. Dies kommentiert Janis scheinbar mit &#8222;That&#8217;s it&#8220; und kichert. Der Fahrer ist versucht, das Ger\u00e4t auszuschalten, doch es ert\u00f6nt die vertraute Intromelodie der folgenden Sendung aus dem Autoradio. Er setzt den Blinker. Geheime Codes knacken aus dem anderen Lautsprecher. Interferenzen des Funkverkehrs. Eine Stimme in der Luft. Alle Kollegen h\u00f6ren sie, nur er ist gemeint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb42 f\u00fcr Zentrale. 42 bitte melden.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb42, was gibt&#8217;s Rosalinde?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbZur Messe\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSchon wieder?\u00ab, ist der Fahrer nicht gerade begeistert. Kreisverkehr. Der Sprit setzt in dieser Nacht keinen Gr\u00fcnspan an. Fridolin f\u00e4hrt als Diener fremder Herren ohne eigene Ziele umher, und kehrt immer wieder zu ihrem Standplatz zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Automobilisten wollen nach Hause. Sei doch froh, Fredo. Verdienst du heute Nacht ein paar Ocken mehr!\u00ab, versucht sie ihn aufzumuntern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNimmt mir das Finanzamt sowieso wieder weg. Ende.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fridolin bringt den Wagen auf Touren. Dreht das Radio lauter. Wird von einer entz\u00fcckenden Stimme aus dem Autoradio anges\u00e4uselt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHier ist wieder <em>Das Nachtradio<\/em>, das Sp\u00e4tprogramm f\u00fcr alle freiwilligen und unfreiwilligen Nachtschw\u00e4rmer. Am Mikrophon ist wieder eure gutgelaunte Trixie Tr\u00fcmmer. Als n\u00e4chsten Titel spielen wir jetzt den unsterblichen Klassiker f\u00fcr alle Brummi\u2013Fahrer, die in unserem Verbreitungsgebiet unterwegs sind.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stilgerecht folgt der &#8222;King of the road&#8220;, selbstverst\u00e4ndlich in der Urfassung von Roger Dean Miller! Eins muss man Trixie lassen, sie spielt nur Originale. Coverversionen kommen bei ihr nicht vor, weil sie nicht interessiert, was sonst im Radio gespielt wird, sondern das, was nicht gespielt wird. Leider w\u00e4hrt der Klanggenuss nicht lange. Die T\u00fcren klappen auf, eine spezielle Fuhre steht an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">* * *<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">Die komplette Novelle findet sich in: <strong>Cyberspasz, a real virtuality<\/strong>, Novellen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2012.<\/p>\n<div id=\"attachment_44223\" style=\"width: 204px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44223\" class=\"wp-image-44223 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"194\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg 194w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg 657w\" sizes=\"auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-44223\" class=\"wp-caption-text\">Covermontage: Jesko Hagen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO \u00fcbernimmt Artikel von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/05\/turbokapitalistischer-realismus\/\">Kultura-extra<\/a>, aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/09\/alles-klappt-in-ihrem-leben-doch-nichts-gluckt\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/01\/ein-buch-ist-eine-stadt-2\/\">fixpoetry<\/a>. Betty Davis sieht darin eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/26\/eine-ebenso-poetische-wie-praezise-geschichtsprosa\/\">pr\u00e4zise Geschichtsprosa<\/a>. Margaretha Schnarhelt erkennt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/30\/cyberzomb\/\">hybride Prosa<\/a>. Enrik Lauer deutet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/01\/der-cyberspace-als-wille-und-vorstellung\/\">Schopenhauer<\/a> im Internet. In einem Essay betreibt KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/16\/dystopische-zukunftsforschung\/\">dystopische Zukunftsforschung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\">*<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &#8222;Oh Lord, won&#8217;t you buy me\u2026&#8220;, bittet die Vocalise aus dem blechern t\u00f6nenden Lautsprecher des Autoradios. &#8222;\u2026 my friends all drive Porsche\u2026&#8220;, und genau das w\u00fcrde der Taxifahrer Fridolin Fleppe lieber tun, als eine abgeschriebene Droschke durch die Stadt&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/08\/der-grosse-wurf-eine-sprechblasenoperette\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":98173,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628],"class_list":["post-72957","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72957","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=72957"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72957\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100319,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72957\/revisions\/100319"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98173"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=72957"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=72957"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=72957"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}