{"id":72949,"date":"2022-09-03T00:01:26","date_gmt":"2022-09-02T22:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72949"},"modified":"2022-02-24T15:23:59","modified_gmt":"2022-02-24T14:23:59","slug":"kopfkino-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/03\/kopfkino-2\/","title":{"rendered":"Kopfkino"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kohlestaub scheint \u00fcber diesem Stadtteil zu liegen, die Paraffinlampen verd\u00fcstern mehr, als sie erhellen. Auf dem Weg zur Corova\u2013Milchbar beobachtet Georg Halbw\u00fcchsige. Sie \u00fcben die Tritte und Handkantenschl\u00e4ge eines Kampfsports und st\u00fcrmen johlend die Treppe ihres Hauses hinab. Auf der letzten Stufe nehmen sie den Anlauf, den es braucht, um auf die Aussenwand einzutreten. Ihre Faulheit und Grossspurigkeit ist mit H\u00e4nden zu greifen, ihre Brutalit\u00e4t ist so selbstverliebt, dass sie von einem geschlagenen Gegner Fotos machen und den Akt seiner Dem\u00fctigung herumzeigen als sei es ein Pornobildchen. In der Corova\u2013Milchbar l\u00e4uft stilgerecht das &#8222;Suicide Scherzo&#8220; von Walter Carlos. Georg muss sich durch den vollen Laden dr\u00e4ngeln und ger\u00e4t mit einem Droog zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu bist &#8217;n Five\u2013F\u2013Man: Find them, flirt them, fuck them, fool them, forget them\u00ab, geh\u00f6rt die sich leer anf\u00fchlende Sloganhaftigkeit zu Alex Ritual. Sein Lachen ist ein Fletschen. Tiere zeigen die Z\u00e4hne, weil sie um Gnade bitten. Er ist kurz davor, handgreiflich zu werden. Gewaltexzesse treffen auf eine krude Authentizit\u00e4t. Georg und Alex tummeln sich kurzzeitig zwischen notorischer Punk\u2013Provo\u2013Attit\u00fcde und absurder Clownerie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVersch\u00fctt&#8216; die Milch &#8217;nit\u00ab, kehlt Georg auf Rheinisch und fragt sich, ob der Typ ein St\u00fcck seiner eigenen Vergangenheit ist, das es mit Macht abzustossen gilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEhj, dat is Moloco\u2013plus\u00ab moderiert Alex seinen eigenen Zusammenbruch und l\u00e4chelt attraktiv aus seinem brennenden Nervenkost\u00fcm heraus. Georg hat keine Zeit, sich auf Nickligkeiten einzulassen, an einem reservierten Tisch wartet eine strahlende Tina. Das weibliche Ideal, dem die meisten Filmstars entsprechen, ist die gr\u00f6sstm\u00f6gliche Ann\u00e4herung an das Kindchenschema: grosse Augen, kleines N\u00e4schen, aufgeworfene Lippen, herzf\u00f6rmige Backenknochen. Sie spielen weniger Rollen, sie spielen auf dem Markt der K\u00f6rper. Stars sind Kreaturen ihrer Zeit, und sie vergehen mit ihrer Zeit. Tina spielt im Privatleben nicht, sie ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHast du den Typen im weissen Anzug gesehen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSalzingers rechte Hand. Ein Hund der bellt, und dazu auch beisst\u00ab, stellt Tina fest. Zieht Georg an sich und knabbert ein wenig an seiner Oberlippe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie war&#8217;s in Hollywoods Pappbergen?\u00ab, erkundigt er sich, nachdem sie sich ausgiebig begr\u00fcsst haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIst gut gelaufen. Hab&#8216; was f\u00fcr uns kaltgestellt\u00ab, weist sie mit einladender Geste auf den K\u00fcbel. Auf ihr Zeichen entkorkt der Ober, den Champagner, \u00bbWie war es in den Aktenbergen des Stadtarchivs, auf eine Goldader gestossen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIm Stadtarchiv m\u00fcsste &#8217;ne ABM\u2013Kraft angestellt werden. Sind auf&#8217;m Stand von 1995, blickt keiner mehr durch. Kein Zufall, seit Information zu einem Rohstoff geworden sind \u2026 vergangene Zeiten sind f\u00fcr manche nur im Lichte sanfter Verkl\u00e4rung zu ertragen, dem alten Leland geht&#8217;s auch ganz sch\u00f6n dreckig\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLebt der denn noch?\u00ab, ist Tina erstaunt, dass Georg einen Veteranen der Filmgeschichte ausgegraben hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn man das Leben nennen kann. Von ihm hab&#8216; ich den Tipp mit Salzinger\u2026\u00ab, vollbringt er das Kunstst\u00fcck, die neuen Medien zugleich extrem zu nutzen und kritisch zu reflektieren. Seine furiosen Zusammentreffen von menschlichem Bewusstsein und dessen technologischen Erweiterungen r\u00fctteln an einer Erfahrungsdimension, die im Alltag unter der Pr\u00e4misse des reibungslosen Kommunizierens meistens ausgeblendet wird. Technik ist seine Ansicht nach weder Spielzeug noch Sinnesprothese.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer Grossmogul hat dir eine Audienz gew\u00e4hrt?\u00ab, intoniert Tina mit ihrer geheimnisvollen Aura den feinen Widerspruch zwischen Sanftmut, trotzigem Widerstand und fragiler Verlorenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHat zwar viel geredet, aber nichts erz\u00e4hlt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIrgend etwas wird er gesagt haben\u2026 zwischen den Zeilen?\u00ab, versucht sie ihn auszuhorchen und giesst etwas Champagner nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEr blufft. Salzinger behauptet, das Original zu besitzen, mein Instinkt sagt mir, dass er mit falsch spielt. Hab&#8216; jemanden kennen gelernt, der mir das Original vom &#8222;Herz der Finsternis&#8220; zeigen will\u00ab, versucht er, sie \u00fcber den Fakt von viel Lebenszeit vs. Erkenntnisgewinn, zu einer un\u00fcberlegten \u00c4usserung zu reizen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMach&#8217;s nicht so spannend\u00ab, mag sie das Schwanken und Schlendern und die Best\u00e4ndigkeit, die er in der suchenden Bewegung zeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn du heute Abend Zeit hast, kannst du gerne mitkommen. Hab&#8216; da eine interessante Einladung zu einer privaten Vorf\u00fchrung.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas w\u00fcrde mich bei ihm nicht wundern. Dein Informant hat also das Original?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, aber er weiss, wer es hat. Es muss wohl eine steinreiche Schnepfe sein, die ausser taiwanesischen Sportwagen auch &#8217;n Hang f\u00fcr Filmklassiker hat. Wer \u00fcber ausreichend Kleingeld verf\u00fcgt, kann eben Unikate sammeln\u00ab, gibt er sich im Triumph nur halbwegs geh\u00e4ssig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVielleicht ist sie ja die letzte Idealistin?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch dachte die w\u00e4ren ausgestorben?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMan weiss es nicht so genau\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWaren wir eigentlich schon mal zusammen im Kino und haben H\u00e4ndchen gehalten?\u00ab, erkundigt sich Georg rhetorisch bei ihr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">* * *<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">Die komplette Novelle findet sich in: <strong>Cyberspasz, a real virtuality<\/strong>, Novellen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2012.<\/p>\n<div id=\"attachment_44223\" style=\"width: 204px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44223\" class=\"wp-image-44223 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"194\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg 194w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg 657w\" sizes=\"auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-44223\" class=\"wp-caption-text\">Covermontage: Jesko Hagen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO \u00fcbernimmt Artikel von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/05\/turbokapitalistischer-realismus\/\">Kultura-extra<\/a>, aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/09\/alles-klappt-in-ihrem-leben-doch-nichts-gluckt\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/01\/ein-buch-ist-eine-stadt-2\/\">fixpoetry<\/a>. Betty Davis sieht darin eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/26\/eine-ebenso-poetische-wie-praezise-geschichtsprosa\/\">pr\u00e4zise Geschichtsprosa<\/a>. Margaretha Schnarhelt erkennt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/30\/cyberzomb\/\">hybride Prosa<\/a>. Enrik Lauer deutet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/01\/der-cyberspace-als-wille-und-vorstellung\/\">Schopenhauer<\/a> im Internet. In einem Essay betreibt KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/16\/dystopische-zukunftsforschung\/\">dystopische Zukunftsforschung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\">*<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Kohlestaub scheint \u00fcber diesem Stadtteil zu liegen, die Paraffinlampen verd\u00fcstern mehr, als sie erhellen. Auf dem Weg zur Corova\u2013Milchbar beobachtet Georg Halbw\u00fcchsige. 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