{"id":72944,"date":"2022-08-08T00:01:23","date_gmt":"2022-08-07T22:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72944"},"modified":"2025-10-15T17:43:33","modified_gmt":"2025-10-15T15:43:33","slug":"ein-nachruf-auf-den-kriminalroman","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/08\/08\/ein-nachruf-auf-den-kriminalroman\/","title":{"rendered":"Der McGuffin, ein Nachruf auf den Kriminalroman"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vera Strange geh\u00f6rt zu dem Typ Frau, der zielstrebig um Haaresbreite an der so genannten <em>Wirklichkeit<\/em> vorbeilebt. Sie sympathisiert mehr mit dem, <em>wie<\/em> es sein k\u00f6nnte, als mit dem, was auf der realen Handlungsebene blossliegt. Die K\u00fcnstlerin ist eine selbstbewusste und sich ihrer inszenatorischen Macht bewusste Frau, die Rollen anprobiert wie Kleider und sich diejenigen aussucht, die am besten zu ihr und ihrer k\u00fcnstlerischen Identit\u00e4t passen. Als Erbin der Pelztasse hat ihre Kunst mit dem K\u00f6rper zu tun, der Parallelschrift des Lebens, ihrer Selbstwahrnehmung, die ihrer Wirkungsabsicht entspricht. F\u00fcr Vera gibt es die Realit\u00e4t des K\u00f6rpers, aus der das Kunstwerk entsteht und mit der es wahrgenommen wird, sie will im Zwiegespr\u00e4ch mit der \u00e4usseren Welt sich selbst \u00fcber sich selbst und die \u00e4ussere Welt \u00fcber ihre innere Wahrheit aufkl\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWo war gleich das Band?!?\u00ab, murmelt sie vor sich hin. Getrieben von einem Produktions\u2013 und Lebensfuror sieht sie sich in ihrem Atelier um. Konzentriert sich. Manch einer stellt sich die Schaltuhr, um sich Morgens von aufdringlichen Radiomoderatoren die Tr\u00e4ume madig machen zu lassen. Vera kann, da sie in einem Loft an der Lower\u2013East\u2013Side \u00fcberlebt hat, kaum mehr ohne dieses prickelnde Fluidum weiterexistieren. Sie hat sich von ihrem einstigen Lover Jack Lucas ein Aufnahme mit Round\u2013About\u2013Midnight\u2013Ger\u00e4uschen anfertigen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWo auch sonst!\u00ab, geht es ihr durch den Kopf. Sie greift neben dem Rechner in den Stapel mit den CD\u2013Rs. H\u00e4tte die Aufnahme \u00fcberspielen wollen\u2026 f\u00e4delt den <em>Senkel<\/em> um den Tonkopf und dr\u00fcckt die Play\u2013Taste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abendr\u00f6te, mit Blut gemalt. Im Terror des Allt\u00e4glichen schien <em>His Satanic Majesty<\/em> h\u00f6chstpers\u00f6nlich unterwegs gewesen, in der von Jack tonal fixierten Mittsommernacht: Weichsp\u00fclprogramme schwappten aus den TVs in die Gosse. Paare, die es <em>immernochnicht<\/em> aufgegeben hatten, das <em>ewiggleiche<\/em> rein\/raus\u2013Spiel zu simulieren. Eine Taube, die ihren gurrenden Kommentar zur Sachlage abgab, bis sie von einem Luftgewehrsch\u00fctzen von ihrem Nistplatz heruntergeholt wurde. Weitere Jerks auf Kamikaze: Massierte Einheiten von Cops, welche die Sirenen ihrer Streifenwagen aufheulen liessen, weil jemand aus der Alphabeth\u2013Street in ein Wespennest gestossen hatte. Last but not least das Sahneh\u00e4ubchen in dieser brausenden Kakophonie, der schweinische Saxophonist, der im gegen\u00fcber liegenden Loft Monks &#8222;Well, you need&#8217;nt&#8220; stilvoll zers\u00e4gte. Ohne Frage, diese Welt ist eine \u00fcberf\u00fcllte Irrenanstalt, in der die Milit\u00e4rs Bleispritzen bereithalten, um Aggressionstriebe wach zu halten und r\u00fchrige Betschwestern kulturelles Valium verabreichen. Dieser Ort ist offensichtlich die Schaltzentrale.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKein Geist in der Maschine. Was ich brauche, ist die Entwicklung meiner Wahrnehmungsf\u00e4higkeiten\u201c, treibt sie sich zur Arbeit an. Auch wenn Vera schl\u00e4ft, was selten der Fall ist, meist kommt sie mit vier Zeitstunden aus, ist dies der geeignete Soundtrack, den sie aus ihrem Atelierfenster in den Hinterhof pumpt. Dort mischt er sich unter das kreiss\u00e4genkreischende H\u00f6llengebreugel, das die dort in Garagen probenden Bands als ihren Beitrag zur Weltlage abgeben. Diesen Basic\u2013Track garniert sie mit anderen Klangwellen. Zeitweise mischen sich asiatische Opern und haitianische Voodookl\u00e4nge darunter. Wilde Sprachgemenge aus experimentellen H\u00f6rspielstudios stehen neben trivialen Weisheiten aus der Fernsehwerbung. Manchmal sogar eine Prise kulturelles Wort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Reise wurde zu ihren Kunstprojekt, sie schuf in N.Y.C eine Art bewegliche Installation des Lebens, jeder Moment stellte ein eigener Tropfen Zeit dar, alle Zeit und Distanz wurden elastisch, und in der Erinnerung bleibt doch nichts haften, da ist nur ein Haufen Schnappsch\u00fcsse, der kein ganzes Bild mehr ergibt. K\u00fcnstler migrieren, ob real oder mental. Vera arbeitet damit, Fernes und Nahes zu verbinden, Fremdes ins eigene Erleben hineinzuholen, Eigenes im Fremden zu inszenieren. Sie kam zur Kunst, weil sie vor dem Leben floh. Nie hat sie sich auf die Bildzweifel eingelassen, die die bildnerische Moderne als erkenntniskritisches Projekt verrieten. Ihre Bilder stellen keine Zitate der ikonischen Moderne dar oder Anspielungen auf bestimmte Schulen oder Agenden, sondern streben trotzig nach Bewahrung ihrer eigenen Autonomie. Aufgehen in der Arbeit und Tod sind f\u00fcr sie eng miteinander verbunden. Das Poetische und das Mechanische gehen in vielen Arbeiten eine spielerische Verbindung ein, die auch gerade da, wo sie das Sch\u00f6pferische der Kunst zu ironisieren scheinen, nie die Lust am Narrativen und an einer z\u00e4rtlichen Zugewandtheit zu jeder Form von Entstehungsprozess verlieren. Sie blieb die Malerin, die dem Bild vertraut, die vom Bild nichts anderes erwartet, als dass es mit seinen sinnlichen Zeichen vom Betrachter langsam Besitz ergreift. Was keineswegs bedeutet hat, dass sie einfach blindlings weitergemalt, die Tradition gegen ihre \u00c4chter verteidigt h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihrem Atelier hat die Zeit ihre eigene Physik. Die Farbe Weiss ist f\u00fcr sie ewig zeitlos, ewig supermodern, ewig leicht, ewig unergr\u00fcndlich. Vera kann sich vor eine Leinwand hinstellen, die eben nicht nur aus einer grundierten Leinwand besteht, es ist die perfekte Projektionsfl\u00e4che, sie kann sich darin verlieren oder einfach mit den Schultern zucken und zum n\u00e4chsten Bild weitergehen. W\u00e4hrend ihre fr\u00fchen Arbeiten mit ihren de konstruktivistischen Anleihen von einer Hard\u2013Edge\u2013\u00c4sthetik gepr\u00e4gt sind, zeigt sich in den j\u00fcngeren Projekten eine Tendenz zur Verfl\u00fcssigung, indem sich die futuristischen Entw\u00fcrfe als geronnene Hohlformen dynamischer Kraftfelder oder als Kommunikations\u2013 und Bewegungskan\u00e4le der Stadt erweisen. Das Thema der Verfl\u00fcssigung des Raumes ist die grundlegende Entwicklungstendenz von Veras Arbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Veras Malerei ist die \u00dcbersetzung der visuellen und materiellen Wirklichkeit in \u00e4sthetische Normen. Sie ist verstrickt in das Zeichensystem moderner Kunst, verstrickt in die eigene kulturelle Bildung, verstrickt in die Interpretation visueller Bez\u00fcge. Der Verlust einer verbindlichen Wirklichkeit erweist sich f\u00fcr sie nicht als Zeichen f\u00fcr Verunsicherung, sondern als Potenzial. Ihre Bilder verlangen dem Betrachter einiges ab: Das Publikum soll nachdenken, und wenn es dazu keine Lust hat. Vera reicht es nicht, die Wirklichkeit abzubilden, sie will der Wahrheit nahe kommen. Die grosse Illusion aller modernen Kunst, ins Leben einzugreifen, wird von ihr als Abgesang beschworen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gelungene Ausstellungen verlassen die Betrachter mit dem begl\u00fcckenden Gef\u00fchl, eine Einsicht gewonnen, einen Zusammenhang verstanden zu haben. Vera lebt in einer Zeit, in der man sich so oft neu erschaffen kann, wie man will. Die Anstrengungen, die unternommen werden, um das Profil einer individuellen K\u00fcnstlerin zu sch\u00e4rfen und die Identit\u00e4t eines Werks zu definieren dekonstruieren diese Zielsetzung. Das Suggestive ihres Werks liegt in der Melange aus aufgel\u00f6ster Faktur und m\u00e4andernden Farbformen, im Changieren zwischen Situation und Symbol, in der geheimnisvollen Verweigerung der Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fl\u00e4che und Linie, Rasterstruktur, Malerei und Collage \u2013 bei Vera existiert alles gleichzeitig. Sie erhebt die hybride Formensprache das Br\u00fcchige, Uneinheitliche und Diskontinuierliche zum Gestaltungsprinzip und korrespondiert mit dem psychosozialen Profil des ungebundenen, flexiblen Menschen, dessen Lebensplanung mehr denn je dem Zufall unterworfen ist. Die Artistin interessiert sich f\u00fcr Zust\u00e4nde des Dazwischen, die Farb\u2013Licht\u2013Konzentrationen. Das einzige Thema ihrer Malerei ist jedoch: die Farbe. Als Leinwandk\u00fcsserin geniesst sie es, im Zentrum dieser Kakophonie Farbe aufeinander zu schichten. Die Galerien sind voll Bildern mit schwarzen Streifen auf rotem Grund, die gern f\u00fcr Foyers angekauft werden. Ihres Erachtens ist diese Art der Malerei in einer Welt, die auf Effizienz und Arbeitsteiligkeit angelegt ist, nichts als ein opportunistischer Reflex. Wenn Vera historische Fotos ausw\u00e4hlt, einscannt, Motive vergr\u00f6ssert und daraus Kompositionen entwickelt, will sie aufzeigen, wie unscharf das Bildged\u00e4chtnis ist. Malerei ist die einzige Form der Bildherstellung, die sich leiblich vollzieht. F\u00fcr Vera ist das ein Bed\u00fcrfnis, sie hat Spass daran und h\u00e4lt es f\u00fcr unzul\u00e4ssig, wenn man aus der Krise der Moderne auch eine generelle Krise der Malerei ableitet. Wenn man vom Ende der Malerei spricht, spielt das darauf an, dass sich der Fortschrittsgedanke in der Kunst allgemein \u00fcberlebt hat. Die Natur, der alte Ort poetischer Erfahrung, ist f\u00fcr sie schon an den Stadtrand ger\u00fcckt. In der Natur wachsen nicht die <em>Blumen des B\u00f6sen<\/em>, wie in Megalopolis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">* * *<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">Die komplette Novelle findet sich in: <strong>Cyberspasz, a real virtuality<\/strong>, Novellen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2012.<\/p>\n<div id=\"attachment_44223\" style=\"width: 204px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44223\" class=\"wp-image-44223 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"194\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg 194w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg 657w\" sizes=\"auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-44223\" class=\"wp-caption-text\">Covermontage: Jesko Hagen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend \u2192 <\/strong>KUNO \u00fcbernimmt Artikel von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/05\/turbokapitalistischer-realismus\/\">Kultura-extra<\/a>, aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/09\/alles-klappt-in-ihrem-leben-doch-nichts-gluckt\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/01\/ein-buch-ist-eine-stadt-2\/\">fixpoetry<\/a>. Betty Davis sieht darin eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/26\/eine-ebenso-poetische-wie-praezise-geschichtsprosa\/\">pr\u00e4zise Geschichtsprosa<\/a>. Margaretha Schnarhelt erkennt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/30\/cyberzomb\/\">hybride Prosa<\/a>. Enrik Lauer deutet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/01\/der-cyberspace-als-wille-und-vorstellung\/\">Schopenhauer<\/a> im Internet. In einem Essay betreibt KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/16\/dystopische-zukunftsforschung\/\">dystopische Zukunftsforschung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vera Strange geh\u00f6rt zu dem Typ Frau, der zielstrebig um Haaresbreite an der so genannten Wirklichkeit vorbeilebt. Sie sympathisiert mehr mit dem, wie es sein k\u00f6nnte, als mit dem, was auf der realen Handlungsebene blossliegt. 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