{"id":7292,"date":"2012-09-13T00:01:18","date_gmt":"2012-09-12T22:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=7292"},"modified":"2022-03-16T15:01:55","modified_gmt":"2022-03-16T14:01:55","slug":"kleinod","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/13\/kleinod\/","title":{"rendered":"Wunderbares poetisches Kleinod  \u00b7 Friederike Mayr\u00f6cker \u00b7 Von den Umarmungen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/51whE0cG72L._SL500_AA300_.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"210\" \/>Drei Jahre nach Erscheinen des fulminanten, knapp 350 Seiten um\u00adfassenden Lyrikbuches <em>dieses J\u00e4ckchen (n\u00e4mlich) des Vogel Greif<\/em> wurde im M\u00e4rz 2012 mit <em>Von den Umarmungen<\/em> ein weiterer Gedicht\u00adband von Friederike Mayr\u00f6cker ver\u00f6ffentlicht. Die sch\u00f6n gestaltete Ausgabe geh\u00f6rt zum Jubil\u00e4umsprogramm \u00bb100 Jahre Insel-B\u00fccherei\u00ab und enth\u00e4lt neben mehreren Zeichnungen der Wiener Autorin 28 Ge\u00addichte, die von Januar bis Anfang Juli 2010 entstanden sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer FAZ-Rezension \u00fcber den 2010 mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeich\u00adneten Vorg\u00e4ngerband befand Wulf Segebrecht es als \u00bbsehr merk\u00adw\u00fcrdig\u00ab, da\u00df Leser, Dichterkollegen und Literaturkritiker, die sich \u00fcber die Poesie Friederike Mayr\u00f6ckers ge\u00e4u\u00dfert haben, begeistert und hingerissen, aber auch zutiefst irritiert seien. Bei aller Bewunde\u00adrung ihrer Gedichte w\u00fcrden sie zugleich bekennen, da\u00df sie sie \u00fcber\u00adhaupt nicht oder allenfalls nur ansatzweise verst\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die filigrane, assoziationsreiche Lyrik der gr\u00f6\u00dften deutschsprachigen Dichterin der Gegenwart entzieht sich gewi\u00df dem schnellen Verste\u00adhen. Wer aber in den Kosmos dieser unverwechselbaren Poesie ein\u00adtaucht, wird schon bald vom unwiderstehlichen Sog eines sich immer wieder verzweigenden und zusammenflie\u00dfenden Sprachstroms ergrif\u00adfen, der einen gefangennimmt und die Frage nach dem Verste\u00adhen nicht unbedingt als vorrangig erscheinen l\u00e4\u00dft. Friederike Mayr\u00f6\u00adcker ist eine im besten Sinne Sprachbesessene, deren unstillbarer Le\u00adbens\u00adhunger auch noch im hohen Alter \u2013 trotz Wehmut, Trauer und Tr\u00e4nen \u2013 aus ihrer Literatur spricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie in zahlreichen fr\u00fcheren Gedichten klingt auch in <em>Von den Umar\u00admungen<\/em> ein elegischer Grundton an, der allerdings selten in Tr\u00fcbsal m\u00fcndet wie im Eingangsgedicht <em>vom Umschlingen der Sperlings\u00adwand mitten im Epheu<\/em> mit dem gro\u00dfartigen Schlu\u00dfbild <em>Tr\u00fcbnisse : Dunkel\u00adrosen der Nacht<\/em>. \u2013 Folgt man Hans Magnus Enzens\u00adbergers An\u00adsicht, da\u00df es in der Lyrik letzten Endes darauf ankomme, den uner\u00adh\u00f6rten Vers zu treffen, dann wird man bei Friederike Mayr\u00f6\u00adcker im\u00admer wie\u00adder f\u00fcndig. Weitere Beispiele aus dem neuen Gedichtband belegen es: <em>und der Winter tappte \/ gegen die Scheiben n\u00e4mlich die tappende Jahreszeit<\/em> \u00b7 <em>die Weiden des Stadtparks haben sich \/ gew\u00f6lbt \u00fcber meine Tr\u00e4nen<\/em> \u00b7 <em>Kommunion \/ von Schnee und zer\u00adschlissenem Herzen<\/em> \u00b7 <em>das schwirrende Ohr des Sommers : mit Libellen Schmetter\u00adlingen \/ und K\u00e4fern<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn in vielen Gedicht\u00fcberschriften auch vom Umarmen und vor allem vom K\u00fcssen die Rede ist, bedeutet das nicht immer, da\u00df Z\u00e4rt\u00adlichkeit angesagt ist. So knallhart wie in <em>vom K\u00fcssen der F\u00fcsze der Braut<\/em> geht es allerdings sonst in <em>Von den Umarmungen<\/em> nur selten zu: <em>ich habe diese Haut dieses Fell meiner Haut meine Haut zerrissen meine \/ Haut in Fetzen zerfetzt zerschossen dieses Fell mei\u00adner Haut und dasz \/ ich winsele heule wer nimmt mich in seine Arme diese Haut diese Wolken- \/ haut so zerst\u00f6rt und der Myrthenkranz tief in die Stirn gedr\u00fcckt damals \/ M\u00e4rz <\/em><em>\u2019<\/em><em>24 &#8230;.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In anderen Gedichten des kleinen Lyrikbandes sind die N\u00e4he Friede\u00adrike Mayr\u00f6ckers zur Natur und ihre Vorliebe f\u00fcr den Fr\u00fchling sp\u00fcrbar. Hier offenbart sich auch wieder der Lebenshunger der Autorin, die selbst unscheinbarste Dinge zum Gegenstand ihrer faszinierenden Poesie macht \u2013 und sei es eine W\u00e4scheklammer:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>\u00fcber das K\u00fcssen<\/em><\/p>\n<address style=\"padding-left: 30px;\">die Kluppe = W\u00e4scheklammer sagt sie, f\u00fcr Puppenw\u00e4sche f\u00fcr kl. aus-<\/address>\n<address style=\"padding-left: 30px;\">geschnittene Schemen von Tiermodellen sagt sie, Puppenw\u00e4sche zum<\/address>\n<address style=\"padding-left: 30px;\">Aufh\u00e4ngen auf bunten F\u00e4den durchs Kabinett gespannt usw., und auf<\/address>\n<address style=\"padding-left: 30px;\">der Kluppe=W\u00e4scheklammer die 1. 3 Buchstaben seines Namens (\u00bbbri.\u00ab)<\/address>\n<address style=\"padding-left: 30px;\">im Seitenfach der Umh\u00e4ngetasche in meinen Lungenfl\u00fcgeln dasz ich<\/address>\n<address style=\"padding-left: 30px;\">raschelnd fliege mit meinen Papierfl\u00fcgeln rauschend berauscht von<\/address>\n<address style=\"padding-left: 30px;\"><em>der Fahle des Morgens<\/em>, aber mit jedem Tritt in den Abgrund der Geistes-<\/address>\n<address style=\"padding-left: 30px;\">existenz st\u00fcrzend \/ Schneew\u00e4chten w\u00e4hrend das Unheil einer (famosen)<\/address>\n<address style=\"padding-left: 30px;\">Person n\u00e4mlich Zwitter des Lichts, <em>als verbl\u00fcffen<\/em><\/address>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\">10.1.2010<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friederike Mayr\u00f6ckers 2009 erschienenes <em>dieses J\u00e4ckchen (n\u00e4mlich) des Vogel Greif <\/em>geh\u00f6rt f\u00fcr mich neben Ernst Jandls <em>Letzte Gedichte<\/em> (2001), Thomas Klings <em>Auswertung der Flugdaten<\/em> (2005) und Ulf Stolterfohts <em>holzrauch \u00fcber heslach<\/em> (2007) zu den exzellentesten deutschsprachigen Lyrikb\u00e4nden, die nach der Jahrtausendwende ver\u00f6ffentlicht worden \u00a0sind. Mit <em>Von den Umarmungen<\/em> hat sie nun ihrem \u00a0gro\u00dfen Gedichtbuch ein wunderbares poetisches Kleinod folgen lassen. Wir warten gespannt auf weitere Werke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Von den Umarmungen<\/strong>, Gedichte von Friederike Mayr\u00f6cker, mit drei Zeichnungen der Autorin, 48 Seiten, Insel Verlag, Berlin 2012.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"d2edcug0 hpfvmrgz qv66sw1b c1et5uql oi732d6d ik7dh3pa ht8s03o8 a8c37x1j keod5gw0 nxhoafnm aigsh9s9 d3f4x2em fe6kdd0r mau55g9w c8b282yb iv3no6db jq4qci2q a3bd9o3v knj5qynh oo9gr5id hzawbc8m\" dir=\"auto\"><span data-offset-key=\"9b540-0-0\"><span class=\"d2edcug0 hpfvmrgz qv66sw1b c1et5uql oi732d6d ik7dh3pa ht8s03o8 a8c37x1j keod5gw0 nxhoafnm aigsh9s9 d3f4x2em fe6kdd0r mau55g9w c8b282yb iv3no6db jq4qci2q a3bd9o3v knj5qynh oo9gr5id\" dir=\"auto\" lang=\"de-DE\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0 <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Friederike Mayr\u00f6cker ist nun doch keine 200 Jahre alt geworden, ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Rezensionsessay<\/a> von Holger Benkel. \u00dcber allem liegt die Melancholie des Erinnerns, Andre Schinkel erinnert an den Band <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/20\/die-vokabulatur-des-knospenspaziergangs\/\">ich sitze nur GRAUSAM da<\/a>. Axel Kutsch \u00fcber die Verhaltensweisen und Wahrnehmungen, aus denen die dichterische Kraft erw\u00e4chst, das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/13\/kleinod\/\">poetische Kleinod<\/a> \u201eVon den Umarmungen\u201c. Friederike Mayr\u00f6cker verkn\u00fcpfte ihr Schreiben mit einer Dimension, die \u00fcber die Wirklichkeit, die sie vorfindet, hinausgeht: \u201eIm atmenden Alphabet\u201c, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/06\/21\/uberschwemmt-die-lust-am-taumel-%e2%80%a2-im-atmenden-alphabet-fur-friederike-mayrocker-%e2%80%a2-1-teil\/\">Hommage<\/a> von Theo Breuer. A.J. Weigoni beschreibt ein St\u00fcck <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/12\/20\/hoer-spiel\/\">Mediengeschichte<\/a>.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Jahre nach Erscheinen des fulminanten, knapp 350 Seiten um\u00adfassenden Lyrikbuches dieses J\u00e4ckchen (n\u00e4mlich) des Vogel Greif wurde im M\u00e4rz 2012 mit Von den Umarmungen ein weiterer Gedicht\u00adband von Friederike Mayr\u00f6cker ver\u00f6ffentlicht. Die sch\u00f6n gestaltete Ausgabe geh\u00f6rt zum Jubil\u00e4umsprogramm \u00bb100&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/13\/kleinod\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":99401,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[104,255,143,568,325],"class_list":["post-7292","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-axel-kutsch","tag-ernst-jandl","tag-friederike-mayrocker","tag-hans-magnus-enzensberger","tag-ulf-stolterfoht"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7292","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7292"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7292\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102278,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7292\/revisions\/102278"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99401"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7292"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7292"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7292"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}