{"id":72863,"date":"2022-04-05T00:01:59","date_gmt":"2022-04-04T22:01:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72863"},"modified":"2022-02-20T19:28:05","modified_gmt":"2022-02-20T18:28:05","slug":"nachtflug","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/04\/05\/nachtflug\/","title":{"rendered":"Nachtflug"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es regnet nicht viel an diesem Abend. Doch so viel, um Charlotte von ihrem Vorhaben abzuhalten. Die Tropfen verlaufen sich zu d\u00fcnnen Strichen auf der Fensterscheibe. Langsam folgen ihre Augen den Bahnen, die sie auf das Glas malen. Nach der austaxierten Zeitspanne steht sie auf und \u00f6ffnet das Fenster. Kalte Regentropfen stechen ihr wie kleine Nadeln in die Haut. Ihre Gesichtsmuskeln spannen sich. Sie \u00f6ffnet den Mund. Von ihrer Stirn fliessen kleine Rinnsale an den Augenbrauen entlang. Am Nasenfl\u00fcgel vorbei. In den Mund. Nach einiger Zeit gewinnt sie den Eindruck, dass der Regen Geschmack annimmt. Sehr sauer und merkw\u00fcrdig klebrig, so scheint es ihr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00fcde Gegenwart des Vergangenen. Sie schliesst das Fenster und setzt sich wieder in den Sessel. Beim routinem\u00e4ssigen Blick in den Hinterhof f\u00e4llt ihr ein beleuchtetes Fenster auf, hinter dem sich narzisstisch ein Mann vor dem Spiegel entkleidet. Geschmeidig fahren seine H\u00e4nde \u00fcber seinen muskul\u00f6sen K\u00f6rper. N\u00e4hern sich seinem Geschlecht. Enthemmt onaniert der Nachbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Charlotte blickt auf die gegen\u00fcberliegende Wohnmaschine. Das Modell von der &#8222;Kolonialisierung der Lebenswelt&#8220; scheint in diesem Stadtviertel ebenso wenig zu passen wie das Muster der &#8222;Tyrannei der Intimit\u00e4t&#8220;. Ihre Lebenswelt wird nicht einfach nur mit \u00f6konomischen Imperativen durchzogen; auch umgekehrt ger\u00e4t das \u00d6konomische zunehmend unter Einfluss lebensweltlicher Kompetenzen. Sie braucht Privatheit, um sich ohne Kontrolle durch andere als authentisches Individuum zu entdecken. Das ist ihre Voraussetzung f\u00fcr ein autonomes Leben, das Verm\u00f6gen, so zu leben, wie Sie wirklich will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Zeit zu Zeit werden in verschiedenen Wohnungen die Beleuchtungen eingeschaltet. Geschosswohnungsbau. Licht ist Sinnbild f\u00fcr die Energie der darin lebenden Menschen. In der gegen\u00fcberliegenden Wohnmaschine leuchtet pl\u00f6tzlich eine vertikale Reihe von Lichtern auf. Als sie wieder verl\u00f6scht, wird ihr klar, dass es sich um die Treppenhausbeleuchtung handelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sterbendes Zwielicht. Kein Restlichtverst\u00e4rker. Nur der pralle Mond lugt hinter den schwer beladenen Wolken hervor. Mit einem \u00fcberhitzten Mal \u00fcberkommt sie ein seltsam wohliges Gef\u00fchl. Blitzartigen Erinnerungen hingegeben. Einfach nur stundenlang dasitzen und auf unterschiedlich beleuchtete Fenster blicken. Vorh\u00e4nge, hinter denen sich der Alltag und die Hitze treffen. Ein anderes Leben pulsiert. Oder verstummt. Fenster, hinter denen ein monotonblaues Licht flackert. Schau ins Land mit dem Fern\u2013Seher. Im Sommer, bei offenem Fenster, verwandelt sich dieser Hinterhof akustisch zu einem Kaninchenstall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Charlotte sitzt in der Dunkelheit ihrer Klause. Eine Dunkelheit, die sich nach und nach ihrer bem\u00e4chtigt. Etwas Kindliches liegt in ihrem Vorhaben. Andere Menschen beobachten. Nur die Zeichen sehen. Eine Situation registrieren. Scheinbar objektiv und sinnlos. An Kriminalfilme denken\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Telefon schrillt. Charlotte weigert sich abzuheben. Geht in die K\u00fcche. \u00d6ffnet den K\u00fchlschrank. Eine kleine Funzel strahlt in den Raum. Sie mixt sich einen Drink. Findet eine angebrochene Packung Zigaretten. Entflammt einen L\u00f6tkolben. Das Telefon h\u00f6rt auf zu l\u00e4uten. Sie kehrt in ihr Arbeitszimmer zur\u00fcck. Schaltet den PC an. Das gr\u00fcne Licht erleuchtet den Raum. Der Abend hat sich ver\u00e4ndert. Das klirrende Ger\u00e4usch hat einen Zeitabschnitt beendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hoffnungsfrohes Heute trifft abgekl\u00e4rtes Morgen. Charlotte besch\u00e4ftigt die Spannung zwischen der Sch\u00f6nheit des Einzelnen und seiner Sehnsucht, zu einer Gemeinschaft zu geh\u00f6ren. Ihr Augenmerk gilt den Menschen in ihrer sozialen Umgebung und sie begibt sich in die kaum auszuhaltende N\u00e4he des behutsamen Blicks. Sie beobachtet einen R\u00fcckzug aus dem Aufbegehren, das nachdenkliche Sicheinrichten im Gegebenen. Die hypermodernen Menschen bewegen sich schlafwandlerisch sicher im Fangen und Ver\u00e4ndern von Stimmungen, harren aus in ihrem vergeblichen Wollen, ihrer Trauer, ihren \u00c4ngsten. Ein grosses Verzeihen \u00fcber Unzul\u00e4nglichkeit bestimmt ihr Leben. Es f\u00fchrt durch die sanften, verwehenden Melodien eines Abschieds von revolution\u00e4ren Hoffnungen in die eigent\u00fcmliche Gefangenschaft der Entsagung. Es gibt eine Art Verschw\u00f6rung zwischen der Vergangenheit und der Zukunft in der hypermodernen Gesellschaft. Alles wird im Namen der Zukunft getan, alle Revolutionen finden im Namen der Zukunft statt; aber die Vergangenheit hat ihre eigene Macht. In der globalisierten Welt verbirgt sich die Vergangenheit unter der Maske der Zukunft, und die Zukunft unter der Maske der Vergangenheit; und die Gegenwart wird immer geopfert um der Zukunft willen. Sie versuchen das haptische Einkaufserlebnis samt seinen sozialen Kontakten mit der neuesten Technologie zu verkn\u00fcpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Charlotte ist eine rastlos Suchende, die etwas finden m\u00f6chte, nur keine Gewissheit; sie h\u00e4lt sich nicht an die Regeln, weil sie das Fiktive biographisch, das Biographische als Fiktion liest; der stete Kampf zweier Gehirnh\u00e4lften um das narrative Steuerrad. Wie meist entfaltet sich ihr Fabulieren in der gleichzeitigen Reflexion dessen, was sie zeigt: in den Zwischenr\u00e4umen der aneinander gef\u00fcgten Bilder, in Arrangements von Bildern und S\u00e4tzen, die Fragen blosslegen und messerscharfe Paradoxien. In den Zwischenr\u00e4umen, wo Skepsis und ein grosser Pessimismus herrschen, wo alles ungesichert bleibt, mit Ausnahme der sch\u00f6nen Behauptung, dass Bilder und W\u00f6rter nie f\u00fcr sich allein sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zigarette schmeckt schal. Der Drink bitter. Sie kann nichts anderes tun, als ihre Ohnmacht in ein trotziges Weitermachen \u00fcberf\u00fchren. Das Ohr aufwecken, die Augen, das menschliche Denken, die Intelligenz ist das Entscheidende. Vielleicht kann sie sich damit selbst retten und auf dem Grab ihrer verloren gegangenen Idealismen ein trotziges Unkraut s\u00e4en. Charlotte greift zum Drehschalter und schafft auch in ihrer Wohnung eine k\u00fcnstliche Atmosph\u00e4re. Geht zum B\u00fccherregal. Platz f\u00fcr neue B\u00fccher hat sie nur noch, wenn sie andere hinauswirft, und das bringt sie nicht fertig. Bildung ist Umgang mit der Tradition; aber nicht jeder Umgang mit Tradition zeugt von Bildung. Die elektronische Revolution baut die Bewusstseinsstruktur um. Das Alphabet, auf dem die alte r\u00e4umliche Wahrnehmung beruht, verliert seine pr\u00e4gende Kraft. Jugendliche k\u00f6nnen nicht mehr in einem Buch lesen, auf dem Monitor jedoch die Zeichen decodieren. Eine Kulturtechnik geht bei einer bestimmten Generation unter. Die alte Vorstellung von Geschichte verschwindet, l\u00f6st sich in Gleichzeitigkeiten auf. Als junge Frau war sie eine Handgranatenjongleurin, beleidigte ununterbrochen ihre Mitmenschen, war angef\u00fcllt mit Komplexen, mit Unsicherheit, mit Wut \u2013 weil sie verstanden hatte, dass es ewig dauern w\u00fcrde, bis sie so eine Wahrnehmungsf\u00e4higkeit und Genauigkeit entwickeln w\u00fcrde wie Hanns Henny Jahnn\u2026 Sie nimmt wahllos ein Buch heraus. Quetscht so lange daran herum, bis die Druckerschw\u00e4rze auf den Teppichboden tropft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div id=\"attachment_20097\" style=\"width: 152px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-image-20097 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"207\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es regnet nicht viel an diesem Abend. Doch so viel, um Charlotte von ihrem Vorhaben abzuhalten. Die Tropfen verlaufen sich zu d\u00fcnnen Strichen auf der Fensterscheibe. Langsam folgen ihre Augen den Bahnen, die sie auf das Glas malen. 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