{"id":72843,"date":"2023-08-18T00:01:08","date_gmt":"2023-08-17T22:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72843"},"modified":"2022-02-25T19:00:03","modified_gmt":"2022-02-25T18:00:03","slug":"nachbarn-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/18\/nachbarn-2\/","title":{"rendered":"Nachbarn"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Florin hat sich v\u00f6llig zur\u00fcckgezogen. Er will in Ruhe seine Dissertation \u00fcber die so genannte Rote Armee Fraktion zu Ende bringen. Die Gliederung \u00fcber den <em>Deutschen Herbst<\/em> ist stimmig. Die Sekund\u00e4rliteratur komplett. Seine Notizen hat er bereits vollst\u00e4ndig geordnet. Das Vorwort \u00fcber die Beziehung zwischen <em>Sinnverlust und Gewalt<\/em> geht ihm v\u00f6llig locker von der Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Leben der Anderen macht ihn fassungslos. Damit ihn nichts aus seinem normalen Umfeld ablenken kann, hat er sich eine spartanische Klause in einem Vorort gemietet. Hierher zieht er sich tagt\u00e4glich zur\u00fcck, um diszipliniert und konzentriert zu arbeiten. Mit der Magnetbahn f\u00e4hrt er bereits morgens um 5\u00b719 Uhr in den Vorort. Liest auf der ger\u00e4uscharmen Fahrt die Tageszeitung. Kauft in der Backstube an der Endhaltestelle ein Rosinenh\u00f6rnchen und zwei belegte Br\u00f6tchen. Betritt um 5\u00b753 Uhr sein spartanisch eingerichtetes Appartement. Stellt den Gasofen auf Sparflamme. Kocht sich mit dem Tauchsieder eine Tasse l\u00f6slichen Kaffee. L\u00e4sst auf dem Bildschirm die Arbeit des vorherigen Tages Revue passieren. Nimmt Korrekturen vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den letzten drei Wochen ist er sehr gut vorangekommen. Die Struktur ist klar. Nur der Mittelteil bereitet ihm Schwierigkeiten. Stil ist nicht nur die autonome Entscheidung des schreibenden Subjekts, sondern immer auch Sache der medialen Vorgaben. Er sichtet die Grundsatzpapiere mit einen Computerprogramm, das den Titel <em>Gewaltliteratur\u2013lnformationssystem<\/em> tr\u00e4gt. Analysiert jedes Strategiepapier sorgf\u00e4ltig. Mit der M\u00f6glichkeit, das Material digital zu befragen, hat er sich Vertrautes vorgenommen, Fremdes gefunden und sich im Detail verlustiert: Als Logo verwendeten die Terroristen den roten, f\u00fcnfzackigen Stern mit den weissen Grossbuchstaben RAF auf schwarzer Maschinenpistole. Bei ihren Pamphleten wurde Papier mit dem Wasserzeichen <em>R\u00f6merturm Klanghart<\/em> verwendet. Die Terroristen frankierten ihre Post mit Briefmarken, die Frauenmotive zeigen. Bei ihren fiktiven Absenderangaben war der Vorname stets abgek\u00fcrzt und ihre Tarnadresse war stets eine mit B\u00e4umen. So brillant der Student der Geschichte die \u00d6konomie des Erinnerns und Vergessens beherrscht, die Kulisse seines Schreibens komponiert er aus nichts als Erlebtem, dabei bedient er sich einer ausgekl\u00fcgelten, gleichzeitig pr\u00e4zisen und ver\u00e4stelten Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Florin beginnt an der Arbeit zu zweifeln. Er seziert den ausgebluteten Textk\u00f6rper wie ein Pr\u00e4parator, Wort um Wort, Satz f\u00fcr Satz setzt er Schnitte, die im Leben t\u00f6dlich w\u00e4ren. Aber hier ist kein Leben. Oft sieht er zum Fenster hinaus. Dort findet er keine Inspiration. Unscheinbare M\u00e4nner, verschn\u00fcrt mit Schlips und Kragen verabschieden sich von ihren Ehefrauen. Energisch greifen sie den Aktenkoffer nach ihren Abstauberk\u00fcssen und fahren mit ihren Mittelklassewagen in ihre B\u00fcros. Ein Leben inmitten einer maroden Maschinenhaftigkeit. Wohin Florin auch schaut: Gediegener Wohlstand, Beschaulichkeit. Weichbild der Vorstadt. Die Zugfrequenz l\u00e4sst mit zunehmendem Abstand zu Schichtbeginn und Schichtende j\u00e4h nach. Perfekte Normalit\u00e4t, sattes Idyll in optimierter Anonymit\u00e4t. In diesem Vorort leben Menschen, die f\u00e4hig zu effizienter Emotionalit\u00e4t sind. Was geschieht, bleibt Reflex auf den Alltag, der niemanden mehr anspornt, weil dahinter kein Traum mehr ist. Eine halbe Stunde sp\u00e4ter wiederholt sich das Ritual. Die T\u00f6chter werden zu ihren Vorlesungen geschickt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Realit\u00e4tseffekt. Florin entdeckt einen Kosmos, in dem die sozialen Bez\u00fcge so klar umrissen sind wie die Tapetenmuster. Lichtverh\u00e4ltnisse korrespondieren mit Einkommensverh\u00e4ltnissen, je mehr Geld im Spiel ist, um so heller sind die R\u00e4ume. Er schaltet das Transistorradio ein, um sich auf den aktuellen Stand der Dinge zu bringen. Kurbelt an der Skala und findet sich in den \u00c4therwellen nicht mehr zurecht. Das moderne Erfolgsradio kommt aus der Retorte. Trendgurus, Software\u2013Programmierer und Sound\u2013Designer haben die Macht \u00fcbernommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSchwachmatenfunk!\u00ab, flucht er vor sich hin und kocht eine weitere Tasse Kaffee. Die Frau von gegen\u00fcber nimmt die Gardinen ab. Er verbrennt sich die Zunge am heissen Kaffee und flucht. Die Nachbarin setzt die Waschmaschine in Gang. Er ist blockiert. Die Sprache beginnt zu schweigen. Sie will nicht auf den Bildschirm. Denken auf verlorenem Posten. Vergeblich versucht Florin, unbeseelte Materie durch Strom zum Leben zu erwecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMan m\u00fcsste \u00fcber das Leben schreiben, als st\u00fcnde man auf der anderen Seite\u00ab, seufzt er. Wenn er schreibt, geschieht das meist in aller Stille, er vertraut dem Leser ein Geheimnis an. Er geht auf und ab. Wird sich klar, dass grossartige Ideen immer aus einem Mangel entstehen. Blickt zweifelnd auf den Bildschirm. F\u00fcrchtet sich vor der Folgenlosigkeit seines Schreibens. Was grosse Denker alle gemeinsam haben: Sie stehen mittendrin, aber sie geh\u00f6ren nie richtig dazu. Die Frau im Haus gegen\u00fcber schmust mit der fetten Katze. Er mustert diese Frau mit nie gekannter Blicksch\u00e4rfe, um sich abzulenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hannelore legt der Katze kleine Leckereien aus. Diese H\u00e4ppchen bilden eine Spur. In ihrer Physiognomie zeigen sich keinerlei Affekte. Statt dessen ein Gef\u00fchlsausdruck, den die Situation jeweils von ihr verlangt, hinter der Maske des Make\u2013ups und dem aufgesetzten L\u00e4cheln ist die Person kaum zu erkennen. Als Fl\u00fcchtlingskind lebt sie eine weibliche Kindheit, die bei Kriegsende der Illusion beraubt wird, beh\u00fctet zu sein. Sie lernt ihren Mann beim Tanzen in einem Lokal kennen. Er ist ein machtbesessener Karrieremensch, der vor allem eines im Sinn hat: immer im Mittelpunkt zu stehen. Hannelore meistert die Logistik eines Politikerhaushalts. Zieht zwei M\u00e4dchen mit dem Ethos der Selbstbeherrschung und F\u00fcrsorge einer Hausfrau gross. Ihre T\u00f6chter sind gepr\u00e4gt durch ein neues Frauenverst\u00e4ndnis, k\u00f6nnen sich dank der Bildungsreform anders einrichten. Sind T\u00f6chter mit einem unruhigen Gewissen, die das Leben f\u00fchren k\u00f6nnen, das ihre Mutter gern gef\u00fchrt h\u00e4tte. Fragen sich, ob sie die Kraft zur Kinderlosigkeit gehabt h\u00e4tten oder zur Scheidung, ob sie auf das Einfamilienhaus verzichtet h\u00e4tten, um statt dessen als be\u00e4ugte Alleinstehende den Normen einen Tritt dorthin zu versetzten, wo die krumme Wirbels\u00e4ule aufh\u00f6rt. F\u00fcrsorge, Aufopferung, Selbstbeherrschung, wenige Frauen stellen ihr Leben freiwillig unter diese Vorzeichen. Die Spur kleiner H\u00e4ppchen endet im Schlafzimmer. Die Frau hat sich ausgezogen und liegt auf dem Bett. Sie reibt sich Br\u00fcste, Schenkel und Scham mit Milch ein. Die Katze kommt in das Schlafzimmer und springt auf das Bett. Sie leckt die Milch. Die Frau windet sich lustvoll, als die Katze ihre Scham schleckt. Sie krampft die Beine zusammen und erw\u00fcrgt die Katze beim Orgasmus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Voyeur z\u00fcndet sich eine Zigarette an. Verbrennt sich an dem Streichholz die Finger. St\u00fcrzt zum Wasserhahn und k\u00fchlt sich ab. Die Hausfrau wirft den Abfall in den Container. M\u00fcllm\u00e4nner fahren vor. Die Stadtwerke entsorgen den Vorort. Alle Spuren sind beseitigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div id=\"attachment_20097\" style=\"width: 152px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-image-20097 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"207\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Florin hat sich v\u00f6llig zur\u00fcckgezogen. Er will in Ruhe seine Dissertation \u00fcber die so genannte Rote Armee Fraktion zu Ende bringen. Die Gliederung \u00fcber den Deutschen Herbst ist stimmig. Die Sekund\u00e4rliteratur komplett. Seine Notizen hat er bereits vollst\u00e4ndig geordnet.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/18\/nachbarn-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":97950,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628],"class_list":["post-72843","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72843","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=72843"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72843\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100688,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72843\/revisions\/100688"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97950"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=72843"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=72843"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=72843"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}