{"id":72833,"date":"2022-08-26T00:01:16","date_gmt":"2022-08-25T22:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72833"},"modified":"2022-02-24T15:07:30","modified_gmt":"2022-02-24T14:07:30","slug":"im-lbatorium","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/08\/26\/im-lbatorium\/","title":{"rendered":"Im L@b\u00aeatorium"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An der Schnittstelle der Stile ist Wissbegierde der Motor des Fortschritts. Die globalisierte Wirtschaft lockt mit ewiger Jugend, Wachstum ohne Grenzen und Geld ohne Ende. Wer sie in Frage stellt, hat die Zukunft verpasst. Nach dem Ausscheiden seines Vor\u2013Gesetzten ist Heiner Zelmer klar geworden, dass es nur eine M\u00f6glichkeit gibt, sich vor der Maschine zu retten: sie zu benutzen. Er hat den Betrieb v\u00f6llig umstrukturiert, die Gebisstr\u00e4ger in den Fr\u00fchruhestand geschickt und eine hungrige Gene\u00aeation eingestellt. Dienstleistungsk\u00f6rper, gute Mitarbeiter: leistungsbereit, teamf\u00e4hig, fachkundig. Sein Team hat Spirit, Commitment, Motivation. Das unterscheidet sie von anderen, die Stimmung in ihrer kleinen Aktiengesellschaft auch. Management by emotions. Was das Unternehmen will, wollen die Mitarbeiter ebenfalls. Negatives Denken ist nicht angesagt, positive Vibrations schwingen durch Das Labor, in dem 23 Menschen leben, dabei arbeiten und alles daf\u00fcr geben, um die <em>Software des Lebens<\/em> zu entschl\u00fcsseln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heiner Zelmer sieht auf den grossformatigen Monitor, der auf seinem Schreibtisch steht. Auf dem Bildschirm vereinen Tabellen und Schaubilder die Arbeit der unterschiedlichen Teams, die in Vancouver, Bangalore und T\u00f4ky\u00f4 f\u00fcr ihn arbeiten. Als er die grafische Nachbildung seiner \u00fcber den Globus verstreuten Aktiengesellschaft auf dem Bildschirm betrachtet, schmunzelt er:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist die Losl\u00f6sung des Geistes vom K\u00f6rper.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Work hard, party hard. Der Spassfaktor ist extrem wichtig. Diese Welt hat den Tod ausgeblendet und das Nichts tabuisiert. F\u00fcr die Young\u2013Power\u2013Gene\u00aeation ist das Gesch\u00e4ftliche das Geschlechtliche. Sie sind flexibel und leistungsbereit. Beschleunigte Globalisierung, Revolution in der Informationstechnik und der expandierende Kapitalmarkt schreiben die Spielregeln neu. T\u00e4glich geht das Team auf die Suche nach der n\u00e4chsten Goldader. Diese Unternehmergeneration hat den Anspruch, alles zu ver\u00e4ndern. Im Gegensatz zu den revolution\u00e4ren Anspr\u00fcchen ihrer Vorg\u00e4ngergeneration, bleibt der Wirkungsgrad nicht auf ihre Region beschr\u00e4nkt. Sie wollen technische, finanzielle und geografische Grenzen \u00fcberwinden. Ihre Werkzeuge, die K\u00f6rper auf neue Weise herzustellen, sind die Kommunikations\u2013 und Biotechnologien. Diese Werkzeuge verk\u00f6rpern neue gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse. Die Grundlagen des Lebens sind zum unmittelbaren Gegenstand industrieller Bearbeitung und Bewirtschaftung geworden. Mastermind Zelmer hat die treibende Kraft zielf\u00fchrend ausgemacht: Die Entschl\u00fcsselung des Human Genoms wird zum privatwirtschaftlichen Beutezug, die menschliche DNA zur hochspekulativen Aktie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir sind dabei, die wichtigste Entdeckung seit Kolumbus zu machen. Deshalb fahre ich jeden Morgen gerne zur Arbeit\u00ab, best\u00e4tigt Rajiv Singh, der 26\u2013j\u00e4hrige Personalchef des Labors, auch wenn er nicht danach befragt wird. Auf der Welle der Biotec\u2013Firmen schwimmen sie ganz oben, das gibt ihnen ein Hochgef\u00fchl. Keine Stempeluhr, kein griesgr\u00e4miger Chef schreibt ihnen vor, was sie zu tun und zu lassen haben. Sie sind von M\u00fchsal und Entfremdung befreit, die Arbeit wird ihnen im Turbokapitalismus zum ersten Lebensbed\u00fcrfnis. Neben einem niedrigen Grundgehalt erh\u00e4lt jeder aus dem Team Aktienoptionen. Wechsel auf die Zukunft, den Wert erarbeiten sich die Mitarbeiter selbst und wichtig ist ihnen: Die Arbeit soll Spass machen und nicht spiessig sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMacht, was ihr wollt, aber macht es profitabel!\u00ab, ist der Leitgedanke von Heiner Zelmer. Kolleginnen und Kollegen geh\u00f6ren in die Welt der Old Economy. Regeln sind spiessig wie das Arbeitszeitgesetz oder die europ\u00e4ische Bildschirmrichtlinie. Exponiert im Rampenlicht massenmedialer \u00d6ffentlichkeit verschwimmen die Grenzen zwischen verantwortungsvoller Forschung und dem Rennen um das Gesch\u00e4ft des Lebens. Aus abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten werden unternehmerische Mikrosklaven. Rendite zu erwirtschaften wird zu ihrem ureigensten Interesse. Verantwortung empfinden sie als Befreiung. Es ist weniger eine Arbeit als ein Arbeitserlebnis. Zwischen 9\u00b730 \u2013 20\u00b730 Uhr muss jeder von ihnen im Labor anwesend sein. Manche kommen fr\u00fcher, viele bleiben l\u00e4nger, am Wochenende machen sie nach Bedarf einen oder eineinhalb Tage frei. Das Labor versteht sich als Community, hier arbeiten Freundinnen und Freunde. Freunde brauchen keine Interessenvertreter, sie reden direkt miteinander. Es gibt keine Probleme mehr, nur noch Chancen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Optische Umsetzung eines Managementkonzepts: flache Hierarchien. Heiner Zelmer und Rajiv Singh sitzen zwischen allen anderen. In der Mittagspause diskutieren die Mitarbeiter gemeinsam die anstehenden Fragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAlso dann brauchen wir nur noch intelligente Rechner?\u00ab, merkt Sharon Hoog, die Daktylographin. Sie ist wie alle in der Firma: overworked and underfucked.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbRechenkapazit\u00e4t ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung, um menschlichen Verstand zu besetzen. Sobald Computer die Finesse, den Scharfsinn, die Tiefgr\u00fcndigkeit, den Wissensumfang und die F\u00e4higkeit haben, komplexe Zusammenh\u00e4nge und Emotionen zu verstehen, werden sie sehr schnell noch sehr viel intelligenter werden als jedes menschliche Wesen. Sie k\u00f6nnen ihr Wissen problemlos untereinander austauschen, arbeiten wesentlich schneller als das menschliche Hirn und ihr Ged\u00e4chtnis ist pr\u00e4ziser als bei uns\u00ab, erl\u00e4utert Rajiv Singh seinen Standpunkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Maschinen \u00fcbernehmen die Macht?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs geht hier um keine Invasion. All dies entsteht aus der Mitte unserer Zivilisation heraus. Mensch und Maschine werden verschmelzen. Sie werden eins\u00ab, schaltet sich Zelmer ein. In der Ann\u00e4herung an Ph\u00e4nomene der Gentechnologie f\u00fchlt er sich in das Mittelalter versetzt, mit seiner alchemistischen Suche nach den Grundsubstanzen der Natur und des Lebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKeine Unterschiede mehr?\u00ab, bezweifelt Sharon, dass biomedizinisch m\u00f6glich ist, was in irgendeiner Form auch erlaubt ist. Sie m\u00f6chte die Frage aufwerfen, warum ein Staat, der gegen eine starke gesellschaftliche Opposition durchsetzt, dass eine wissenschaftliche oder \u00f6konomische Elite etwas machen darf, obwohl es m\u00f6glicherweise f\u00fcr das Gemeinwesen h\u00f6chst sch\u00e4dlich ist, als liberaler, antiautorit\u00e4rer Staat gilt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir werden eine ganze Reihe von Kombinationen zwischen Mensch und Maschine haben. Computer werden so klein sein, dass sie innerhalb unseres K\u00f6rpers und unseres Gehirns existieren k\u00f6nnen\u00ab, ist sich Rajiv Singh sicher. Seine Arbeit verbleibt in einer distanziert kommentierenden Aneignung der Problemstellungen. Er betrachtet kulturelle und soziale Perspektiven zuk\u00fcnftiger Reproduktionstechnologien hinsichtlich sozialer und biologischer Festschreibung von Geschlechtsunterschieden mit besonderem Augenmerk auf ihre biologischen, geschlechtsspezifischen und letztlich rassistischen Argumente hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir werden unsere Organe und unseren Geist mit nicht\u2013biologischer Intelligenz aufr\u00fcsten und vervollkommnen?\u00ab, l\u00e4sst Sharon, die Karrierekriegerin, nicht locker. Das blondgelockte Wollweib hat Biss, das gef\u00e4llt dem Boss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKleinst\u2013Computer von der Gr\u00f6sse einer Zelle werden unsere Gehirnfunktion verbessern. Und weil Maschinenintelligenz exponentiell zunimmt, menschliche aber weitgehend gleich bleibt, wird der nicht\u2013biologische Teil unseres Verstands auf Dauer dominieren. Es wird Maschinenwesen gaben, die ganz und gar nicht biologisch sind, aber auf einer genauen Kopie des menschlichen Hirns beruhen. Sie werden absolut menschlich wirken, entsprechende Pers\u00f6nlichkeiten und Reaktionen haben\u00ab, f\u00fchrt das Mastermind aus. Megafusionen h\u00e4lt Heiner Zelmer in der Wissensgesellschaft f\u00fcr sinnlos, Ver\u00e4nderungen werden von kleinen Teams bew\u00e4ltigt. Der Wettbewerb unter den Multis kann weder Gerechtigkeit schaffen, noch kann er Verteilungsprobleme l\u00f6sen. Wichtigster Regulator ist ein funktionierender Wettbewerb. Wo Wettbewerb herrscht, kann niemand Macht aus\u00fcben. Sobald Elemente der Macht hineingeraten, wird der Wettbewerb verzerrt. Und deshalb muss Machtzusammenballung verhindern werden. Wenn M\u00e4rkte offen bleiben, halten sich die Menschen an normative Bindungen, ohne die eine zivilisierte Gesellschaft nicht denkbar ist. Aufgabe des Wettbewerbs ist es, die Fortentwicklung durch positive Zerst\u00f6rung des \u00dcberholten voranzutreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas klingt nach dem Ende der Evolution.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie biologische Evolution ist am Ende, aber menschliche Intelligenz wird sich auf der Basis der technologischen Evolution weiterentwickeln. Wir verf\u00fcgen in unserer Versuchsreihe \u00fcber <em>Nanobots<\/em>, kleine Computer, die wir durch den Blutkreislauf in unser Gehirn schicken, wo sie alles abtasten, Synapse f\u00fcr Synapse, Neurotransmitter f\u00fcr Neurotransmitter. Damit sind wir in der Lage, ein menschliches Hirn genau zu kopieren.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mitarbeiter des Labors setzen zur Neukonstruktion von Leben an, um uns von den Unzul\u00e4nglichkeiten des biologischen Zufalls befreien. Ein Prozess, dessen Beginn in der Auspr\u00e4gung von unbekannten F\u00e4higkeiten zur Kommunikation, Erinnerung und Selbstreflexion liegt und in weiterer Folge zur Adaption der Lebensr\u00e4ume, zur Ausnutzung von Rohstoffen, zur chemischen Synthese von Kunststoffen, zur k\u00fcnstlichen Intelligenz der Computer f\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Kopie des menschlichen Gehirns wird heruntergeladen in einen Computer; wie wird die Kommunikation mit anderen Menschencomputern ablaufen?\u00ab, l\u00e4sst Sharon nicht locker. Sie will punkten, will einen Job, wenn es sein muss, sogar mit ganzem K\u00f6rpereinsatz, wobei ihr Cremehaut lieber w\u00e4re als Runzelfalte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir werden Milliarden Neuronen ins Hirn schicken, die sich an jedem, von unseren Sinnesorganen herkommenden Nervenstrang festsetzen. Wenn wir Realit\u00e4t erleben wollen, halten die Nanobots still. F\u00fcr das Erlebnis virtueller Realit\u00e4t unterbrechen sie die Zufuhr realer Reize und setzen k\u00fcnstliche Signale an ihre Stelle\u00ab, gibt Mastermind Zelmer das Firmenziel vor. Alle nicken zustimmend. Im Labor vermengen sich positive Vibrations mit der aufgekratzten Hyperaktivit\u00e4t des Spielers. Die Mitarbeiter sind dazu verdammt, an ihr Gl\u00fcck zu glauben, das ist ihre Leidenschaft, dies l\u00e4sst sie nicht zur Ruhe kommen, treibt sie unaufhaltsam vor sich selbst her. Der \u00fcberanstrengte K\u00f6rper setzt Endorphine frei. Wer das High sp\u00fcrt, arbeitet leidenschaftlich bis zur Ersch\u00f6pfung. Ihm wird nie langweilig. St\u00e4ndig werden seine Sinne und Gef\u00fchle beansprucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbOb wir in der Lage sein werden, tats\u00e4chlich einen Erkenntnisgewinn \u00fcber unsere Natur, \u00fcber die Frage nach unserer Bestimmung umzum\u00fcnzen, scheint fraglich\u2026\u00ab, zweifelt Rajiv Singh den Wert dieser Arbeit als quasireligi\u00f6se Selbsterf\u00fcllung an. Nach dem Crash der grossen Ideologien haben Utopien ausgedient. An die Stelle des lesenden Voraussehens ist das Berechnen der Zukunft getreten, und hinter diesem Wechsel der Methode verbirgt sich mehr als eine Kompetenzverlagerung von der einen zur anderen Expertenkaste. Bisher kreiste die Diskussion um die Frage: Bist du gegen die Zukunft oder daf\u00fcr? Die industrielle Revolution hat sich zwischen den Fronten Links und Rechts abgespielt. Im Jahrhundert der Biotechnologie ver\u00e4ndert sich das Spektrum: Auf der einen Seite steht der inh\u00e4rente Wert des Lebens, auf der anderen der instrumentelle. Es geht nicht um die Wissenschaft selbst, sondern darum, was die Mitarbeiter des Labors mit ihren Ergebnissen anstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sharon hat ein starkes Empfinden f\u00fcr die N\u00e4he potenzieller Katastrophen. Sie hinterfragt, ob \u00d6konomie und Ethik \u00fcberhaupt voneinander zu trennen sind. Sie erinnert sich an ihre Familie in den S\u00fcdstaaten. Es gab \u00f6konomische Interessen, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Abschaffung der Sklaverei entgegenstanden. Diese Interessen trugen mit dazu bei, dass sich die Vereinigten Staaten in einen f\u00fcnf Jahre w\u00e4hrenden B\u00fcrgerkrieg gest\u00fcrzt haben. Die meisten ihrer Verwandten glaubten, dass die Sklaverei nicht nur f\u00fcr die Sklaven, sondern auch f\u00fcr sie \u00f6konomische Nachteile hatte. Diese Nachteile waren nicht so gross, der Lebensstandard ihrer Sklaven lag h\u00f6her als der eines freien Arbeiters in einem englischen Bergwerk. Hier lag kein \u00f6konomisches Argument f\u00fcr die Sklaverei. Wenn alle Menschen frei geboren und mit dem Recht ausgestattet sind auf Leben, Freiheit und das Streben nach Gl\u00fcck, dann kann es keine \u00f6konomischen Gr\u00fcnde daf\u00fcr geben, die Menschenrechte einzuschr\u00e4nken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEine k\u00fcnstliche Natur schaffen?\u00ab, regt Sharon an. Gegen die Leitbilder des Genom\u2013Zeitalters l\u00e4sst sich, ihrer Ansicht nach, nur opponieren, wenn man die transparenten K\u00f6rperwelten der Wissenschaftler zur\u00fcckverwandelt in eine r\u00e4tselhafte Sch\u00f6nheit, der man bereits auf den ersten Blick ansieht, dass sie konstruiert ist, und auch \u00fcberhaupt keine Umst\u00e4nde macht, diesen Umstand zu kaschieren. Identit\u00e4ten sind h\u00f6chst fragile Wesen, die meist auf Zuschreibungen beruhen. Bildgewitter zwischen Technoscience, K\u00f6rperkult und Rollenklischees. Jeder hat Talent, das Problem besteht darin, herauszufinden, wozu. Sharon lebt selbst in einer Zwischenwelt, im Status der Unsicherheit und des Zweifels und besetzt damit R\u00e4ume, in welche die Wissenschaft bisher nicht vordringen durfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heiner Zelmer dagegen sieht zwei Wege zum genetischen Zeitalter, den harten, rein reduktionistischen und den weichen, systematischen. Zurzeit verfolgt seine kleine Aktiengesellschaft den harten Weg, etwa indem sie Gentherapie oder gentechnisch manipulierte Lebensmittel forciert. Die Idee ist: Die Natur ist der Gegner, und wir brauchen Gensoldaten, um sie zu bek\u00e4mpfen. Das High ist t\u00fcckisch. Es verl\u00e4sst einen, wenn man allein ist. Und das High ist w\u00e4hlerisch, es grenzt aus. Wer keine positive Stimmung verbreitet, geh\u00f6rt nicht dazu. \u00bb\u2026frei entfaltete Identit\u00e4t hat mit dem Selbstverh\u00e4ltnis zur eigenen Biologie zu tun. Das blosse Eigentumsrecht an einer Maschine, die meine Biologie erg\u00e4nzt, kann nicht ausreichen, um sie als Tr\u00e4ger meines Selbstverh\u00e4ltnisses akzeptabel zu machen. An welchem Punkt w\u00fcrde das Ergebnis aufh\u00f6ren, menschlich zu sein?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir m\u00fcssen die Evolution verbessern, sofern wir damit ges\u00fcndere und kl\u00fcgere menschliche Wesen schaffen. Menschliches Leben ist nicht durch Gott geschaffen, sondern entsteht durch einen evolution\u00e4ren Prozess. Jede technische Kombination, die absichtsvolle Formver\u00e4nderung erreichen kann, muss als menschlich betrachtet werden. Logische Konsequenz ist ein Terminator\u2013Gen in unserer Keimbahn, das uns dazu zwingt, jede Fortpflanzung neu lizenzieren zu lassen\u00ab, weist das Mastermind den Weg. Mit der modernen Biologie sind sie an einem Punkt, wo die M\u00f6glichkeiten der Erkenntnis und des Eingriffs tief in den Zellkern hineinreichen, der vorher verpackt war und den man fr\u00fcher nur von aussen betrachten konnte. Fr\u00fcher haben die Menschen die Bibel gelesen und den Lauf der Sterne gedeutet, nun sehen sie in den Zellkern. Es ist eine neue Stufe, wenn man jetzt in den intimen Informationsbestand des biologischen und speziell des menschlichen Lebens hineingreift. Die Menschwerdung ist mit der Befreiung aus dem Naturzusammenhang und mit der technischen Manipulation des K\u00f6rpers verbunden. Dieses Wissen muss kommuniziert werden. Die Kollegen befinden sich in einem massiven Wettbewerb um die bessere Kommunikation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Raum und Zeit sind entgrenzt. Es geht Zelmer um die Aktivierung vorhandener Potentiale. Werbung f\u00fcr die absichtsvolle Formver\u00e4nderung muss nicht in Formaten oder Medien denken, sondern in Aufgaben, die zu l\u00f6sen sind. Daf\u00fcr braucht sie intelligente Ideen, die die Menschen wirklich ber\u00fchren. Konsumstile haben sich fragmentiert. Einst gab es wenige Konsumstile, sauber in Klassen geordnet. Wer reich war, fuhr Benz und rauchte Zigarre. Nun ist das Konsumverhalten total individualisiert. Werbung muss neue Wege finden. Breitband\u2013TV bietet ganz neue M\u00f6glichkeiten, den Kunden direkt anzusprechen. Wenn man eine neue Limonade platzieren will, nimmt man einen guten Regisseur und bekannte Schauspieler, investiert 100 Millionen Euro in einen Spielfilm, der l\u00e4uft kostenlos in s\u00e4mtlichen Kinos der Welt. Er hat bereits ein Treatment entworfen und l\u00e4sst es in Handlung \u00fcbertragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas passiert, wenn Gemachtheit an die Stelle des Gewordenseins tritt? Wo bleibt Kapitalbesteuerung, ein wirksames Klimaschutzabkommen, die Entschuldung der Drittweltl\u00e4nder? Was wird gegen die Armut getan, f\u00fcr Afrika und gegen Aids, die Kinderprostitution, die Versklavung von Arbeitskr\u00e4ften\u2026\u201c, hinterfragt Sharon, warum sie weiter dem Herrn \u00fcber Atome, Gene und K\u00fcnstliche Intelligenzen dienen soll. Morgen geht Gestern nicht weiter. Differenzierungen in Zeiten der globalisierten Wissens\u2013 und Netzwerkgesellschaft in regionale Eigenheiten und lokale Tollpatschigkeiten wirken zur\u00fcck auf das grosse Ganze. Orte und R\u00e4ume werden als Identit\u00e4t stiftende Alltagserscheinungen theoretisch erfasst, und es erweist sich, dass Raum, Region und Stadt aus dem gesellschaftlichen Alltag verschwinden. Identit\u00e4t ist in Aufl\u00f6sung begriffen. Diese Gene\u00aeation will die Natur nicht so haben, wie sie ist, sondern so gut, wie sie sein k\u00f6nnte. Wenn die Mitarbeiter des Labors Biologie wirklich verstehen wollen, m\u00fcssen sie sich von der dreidimensionalen Sprache der DNS verabschieden und sich in die eindimensionale Sprache der Proteine bewegen. Wissen verpflichtet. Jede Moderne wirkt am Ende moralisch. Die Qualit\u00e4ten seiner Mitarbeiter geben Heiner Zelmer bislang Recht:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geistesgeschichte beginnt mit dem ersten Satz der Genesis: &#8222;Im Anfang war das Wort.&#8220; \u2013 am Ende steht die v\u00f6llig entschl\u00fcsselte DNS\u2013Struktur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div id=\"attachment_20097\" style=\"width: 152px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-image-20097 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"207\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; An der Schnittstelle der Stile ist Wissbegierde der Motor des Fortschritts. Die globalisierte Wirtschaft lockt mit ewiger Jugend, Wachstum ohne Grenzen und Geld ohne Ende. Wer sie in Frage stellt, hat die Zukunft verpasst. 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