{"id":72775,"date":"2017-02-05T00:01:05","date_gmt":"2017-02-04T23:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72775"},"modified":"2022-03-07T13:36:04","modified_gmt":"2022-03-07T12:36:04","slug":"nachtschicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/02\/05\/nachtschicht\/","title":{"rendered":"Nachtschicht"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWoher nimmt du eigentlich diese beispiellose Arroganz?\u00ab, kreischt die weibliche Stimme hinter der verschrammten Wohnungst\u00fcr. Das Flurlicht erlischt. In seiner Antwort rezitiert der Mann einen gestrigen \u00dcberlegenheitsgestus. Steffen greift nach seinen Streichh\u00f6lzern. Ratscht einen Z\u00fcndkopf \u00fcber die Reibfl\u00e4che. Illuminiert das d\u00fcstere Treppenhaus. Por\u00f6ser Putz. Die Farbe bl\u00e4ttert von der Wand. Elektrische Leitungen baumeln vom T\u00fcrrahmen herab, weil die Nagelschellen keinen Halt in der Wand finden. Steffen verbrennt sich die Fingerspitzen. Weitere Wortfetzen und Porzellangegenst\u00e4nde fliegen durch die Wohnung. Der Ohryeur ist kurz davor, das Aufnahmeger\u00e4t zu z\u00fccken. Als er den Tastschalter bet\u00e4tigen will, kommt ihm zwei Etagen tiefer jemand zuvor. Die Schritte des anderen scheinen das Echo seiner eigenen zu sein. Sie kommen n\u00e4her. Er geht weiter die Stiege hinauf. Das Licht verlischt erneut, doch er hat die Klinke und damit die Situation im Griff. Durch den Hintereingang gelangt er in der oberen Etage in ein portugiesisches Lokal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine mit Quast und \u00d6lfarbe gepinselte D\u00e4mmerstunde. Ein Abend, wie \u00fcblich nach einer arbeitsreichen und den K\u00f6rper auszehrenden Woche. Ein Freitagabend, der viel, wenn nicht gar jenes ungenannt Letzte verspricht. Eine weitere Nacht, die dies wiederum nicht halten k\u00f6nnen wird. Ein zwielichtiger \u00dcbergang, der in einem Absacker ertr\u00e4nkt werden will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eingeh\u00fcllt in den Dunst der blauen Stunde. Die Gruppe von jungen Diskutanten sitzt schon lange an dem klobigen Eichentisch. Eine Batterie von Flaschen belegt den Schmiermittelverbrauch, den sie als Feuerwasser f\u00fcr ihre hitzigen Diskurse ben\u00f6tigen. Hier werden alter Mief und angestrengte Diskurse auf&#8217;s Beste mit Weirdotum und stranger Hipness vers\u00f6hnt. Kubanische Musik l\u00e4uft auch hier, das ist dem Clave\u2013Rhythmus zu verdanken, der hellt das Gem\u00fct auf. Ausserdem kann man seine Gabel im G\u00fcterzugrhythmus dazu bewegen. Dieser Klangteppich schmiegt sich wie ein Sessel den Bed\u00fcrfnissen der Benutzer an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gruppe ist so sehr mit sich selbst besch\u00e4ftigt, dass sie ihn nicht bemerkt. So bleibt er l\u00e4ssig an einer dorischen S\u00e4ule angelehnt stehen, verschr\u00e4nkt die Arme und be\u00e4ugt voyeuristisch die Szenerie. Nicola hat sich divenhaft auf die Lehne des Stuhls zur\u00fcckgelehnt und bl\u00e4st lasziv den Qualm eines Zigarillos in Richtung des tumben Theo, der, weit \u00fcber den Tisch gebeugt, die eine Ledernummer zu auff\u00e4llig gestylte Brunhild bearbeitet. Im Erscheinungsbild devot, doch im Wesen herrisch, spiegelt sie sich in seinen Augen und glaubt das wahre Bild ihrer selbst zu erkennen, w\u00e4hrend Arno seinen Kopf mit dem rechten Arm abst\u00fctzt und mit der linken Hand \u00fcbertrieben l\u00e4ssig versucht, eine weitere Flasche Altbier mit einem Einwegfeuerzeug zu \u00f6ffnen und sich, wie so h\u00e4ufig, dem Geschehen derart abkehrt, dass er lieber die Komik des Mikrokosmos erforscht als kommunikative Strukturen. Die Combo spielt seit der Studienzeit <em>Fangen<\/em> mit den M\u00f6glichkeiten, und ist sich einig dar\u00fcber, dass die besten Chancen die ungenutzten sind. Als es Arno endlich gelingt, den Kronkorken abzusch\u00e4len, quillt der Gerstensaft auf den Tisch. Er deckt die \u00dcberschwemmung mit Bierdeckeln zu, stellt den Aschenbecher auf dem Gebilde ab und nimmt sich vor, sein autistisches Gef\u00e4ngnis zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt \u00f6ffnen. Theo greift sich die ge\u00f6ffnet Flasche und schenkt Brunhild eilfertig nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als h\u00e4tte sie seine N\u00e4he gewittert, sieht Nicola aus den Augenwinkeln zu ihm her\u00fcber. Zwinkert, grinst, winkt. Er h\u00e4tte den vier Pa<em>lovern<\/em> noch stundenlang zuschauen k\u00f6nnen. Die Gang beeindruckt in ihrem Kammertheater durch fahrige Posen und dandyhafte Exaltiertheit. Was vorher als gemischter Haufen erschien, scheint sich jetzt einig in der Abneigung gegen den Eindringling. Irgendwem musste bei ihren Aktionen die schwarze Petra zugeschoben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHast Gl\u00fcck, dass du uns noch erwischst!\u00ab, zirpt Nicola gedehnt her\u00fcber. Damit werden die abgegriffenen Karten neu verteilt. Er muss wohl oder \u00fcbel das Blatt in die Hand nehmen und ausgeben. Dreht den freien Stuhl herum. Setzt sich zu ihnen an den Tisch. Ordert bei dem Kellner, der einen Teil des Gedecks abr\u00e4umt, f\u00fcnf Kannen. Das Eigene will so gut gelernt sein wie das Fremde. Er lehnt sich gelassen zur\u00fcck. Klappt den abgeschabten Tabaksbeutel auf. Rollt sich eine Zigarette. Leckt \u00fcber die Gummierung. Rupft das \u00fcberstehende Kraut. Reisst ein Streichholz \u00fcber die Reibfl\u00e4che. Saugt die Flamme ein und bl\u00e4st sie \u00fcber die Glut hinweg aus. Arno beobachtet die Aktionen seines Gesinnungsgef\u00e4hrten l\u00e4chelnd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKannst du dir vorstellen, mit drei anderen Leuten in die Camargue zu fahren?\u00ab, durchbricht Brunhild die Schallmauer, schiebt ihren Oberk\u00f6rper in sein Blickfeld und versucht, ihn durchdringend anzusehen. Er blickt auf. Sieht in ihre gr\u00fcnen Katzenaugen. Runzelt die Stirn. Bl\u00e4st Rauch aus und denkt nach. Am liebsten w\u00fcrde er den Spielstand halten wollen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn du im M\u00e4rz ins Rh\u00f4nedelta f\u00e4hrst, kannst du nach der R\u00fcckkehr den Fr\u00fchling, oder vielleicht gilt das ja auch f\u00fcr den Herbst, doppelt erleben. Es kommt immer auf das Timing des Zufallsgenerators an. Meteorologie ist eine geheimnisvolle Wissenschaft\u00ab, denkt Steffen dar\u00fcber nach, dass in dem Wort Gabe sowohl das Wort Vergabe als auch das Wort Vergeblichkeit steckt. Es ist meist das Vergangene, das nicht vergehen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbRedet der immer so&#8217;n poetopathologischen Schwachsinn?\u00ab, wendet sich Brunhild an ihre Busenfreundin. Nicola ist vermutlich die letzte Intellektuelle Deutschlands, die \u00fcber ein <em>Weltbild<\/em> im starken Sinn verf\u00fcgt; die j\u00fcngeren leben mit heftigen Meinungen und beweglichen Ideologemen. Doch die Entropie der Jahre hat davon wenig mehr \u00fcbrig gelassen als Paranoia. Man sollte erst dann zu sprechen beginnen, wenn die Stille endlich still ist. Die schnoddrigschnutige Nicola nickt best\u00e4tigend und grinst \u00fcber ihre Freundin, die ihn f\u00fcrderhin mit ihrem Raubtierblick fixiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn wir gegen 6\u00b700 Uhr fahren wollen, werde ich mich jetzt verabschieden!\u00ab, erkennt Theo clever die Gunst der Stunde, sich auf dem H\u00f6hepunkt des Abends ohne weitere Verletzungen und Dem\u00fctigungen verabschieden zu k\u00f6nnen. Man muss kein Spezialist der forensischen Wortschatzanalyse sein, um zu erkennen, wie bei ihm eine konservative Weltanschauung und eine konservative Kunstauffassung eins geworden sind werden. Theo verk\u00f6rpert den konservativen Vogue, f\u00fchrt seinen Erfolg auf Pflichtbewusstsein zur\u00fcck und darauf, dass er sich keine genialischen Lethargien erlaubt. Nachdem der Platzhalter seinen Stuhl ger\u00e4umt hat, legt sich eine elektrisierende Spannung \u00fcber die Kontinuumschicht dieses Tages. Das Kartenspiel hat sich in einen Street\u2013Poker verwandelt. Jeder glaubt gute Karten zu haben. Nur Arno macht sich erneut mit dem Feuerzeug an den restlichen beiden Bierflaschen zu schaffen und schnippt die Kronkorken l\u00e4ssig vom Flaschenhals. Eine Kanne schiebt er westernlike zu Steffen hin\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer Inhalt dieser Pulle verst\u00f6sst gegen die Strassenverkehrsordnung.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWillst du etwa schon nach Hause?\u00ab, l\u00e4sst Nicola die Wimpern klimpern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEigentlich ja. Wir haben morgen Vormittag eine Live\u2013Sendung von einem Kinderfest. Da m\u00fcssen wir schon sehr fr\u00fch mit dem \u00dc\u2013Wagen hin und dieses mediale Ereignis vorbereiten. Der \u00fcbliche Kladderradatsch eben\u00ab, bleibt er Meister der Luftblase, ein exzellenter Provokateur, der unter den polemischen Girlanden seines Textes eine klare Botschaft formuliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbTanderadei, tanderadei. du k\u00f6nntest bei uns \u00fcbernachten. Ich muss auch fr\u00fch raus\u2026 Wir k\u00f6nnten noch zusammen fr\u00fchst\u00fccken.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVerlockende Offerte! Habt ihr denn noch ein Pils im K\u00fchlschrank?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir k\u00f6nnen ja bei der Tanke vorbeifahren\u00ab, presst Arno zwischen den Zahnl\u00fccken heraus. Er blickt entt\u00e4uscht auf die ge\u00f6ffneten Flaschen. Krallt sich eine Kanne, zieht sie ex. Will sich mit der zweiten zul\u00f6ten, Nicola und Brunhild kommen ihm zuvor und legen nach. Flaschendrehen wird nicht mehr gespielt. Sie legen dem Gastwirt das Geld auf den Tresen und verlassen die Startrampe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neumond. Die Nacht liegt tiefschwarz vor dem Hauseingang und droht, die Stadt zu verschlucken. Ein paar Strassenlaternen legen gleissende Lichtbalken auf die B\u00fcrgersteige. Die Lichtzeichenanlage ist auf Durchgang geschaltet. Ein Blinder steht an der Ampel und h\u00e4lt seine Hand auf den Summer. Sie folgen dem klappernden Stock. Unter einem der erleuchteten Flecken steht Steffens klappriger K\u00e4fer. Der Motor keucht los. Die Strasse scheint an diesem Abend der geeignete Drehort f\u00fcr ein Roadmovie. Doch kein Kamerateam ist zur Stelle, um einen Film \u00fcber eine Kleinstadtodyssee zu drehen. Sie fahren aus dem toten Herzen der Stadt in den Wohnsilobereich hinaus. Die Freiheit wohnt anderswo, und die Sch\u00f6nheit ist vor langer Zeit ausgezogen. Vom Zubringer her erinnert die Nachttanke durch scharf abgegrenzte Licht\u2013 und Schattenzonen mit noch gesteigerter Farbintensit\u00e4t an ein Bild von Edward Hopper.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDiese Stadt sagt dir nicht, wer du bist\u00ab, murmelt Arno. Es ist Mummenschanz, ein Schauspiel von vorget\u00e4uschtem Leben, dessen Anspr\u00fcchen er in Wirklichkeit nicht mehr gewachsen sind. \u00bbSeeing is believing, sagt das Kino, aber nat\u00fcrlich meint es das nicht wirklich so\u00ab, beruhigt ihn Steffen. Die bew\u00e4hrte Duchamp\u2013Geste der radikalen Kontextverschiebung, das Transformieren von Vertrautem in neue Zusammenh\u00e4nge, ist Grundlage popmoderner Auschauung. Die Nachfalken besch\u00e4ftigen sich mit der Kopie des Vorhandenen, der Manipulation der Realit\u00e4t, und sucht nach literarischen Readymades. Seine Methodik zielt auf versch\u00e4rfte Wahrnehmung und Reflexion von Welt. Neben \u00d6l und Benzin verkaufen \u00fcbern\u00e4chtigte Angestellten nahezu alles, was der Kr\u00e4merseele des Besitzers Geld einbringt. Sie decken sich in dem Mini\u2013Markt mit mehreren Six\u2013Packs ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wohnung von Nicola und Arno ist zwei Querstrassen entfernt. Eigentlich k\u00f6nnten sie das Gef\u00e4hrt an der <em>Tanke<\/em>stehen lassen, doch die Kleinstadtdiva will sich partout vor die Haust\u00fcr chauffieren lassen. Schmollend setzt sie ihren Willen durch. \u201eJung\u2013Sein ohne Rebellion und subjektive Selbstvergottung?\u201c Die 1968er\u2013Generation hat einen bestimmten Jugendbegriff gepachtet: Autorit\u00e4t angreifen. F\u00fcr ihre Generation stimmt dieses Denken nicht mehr. Sie schleppen den Kram in die grosse Wohnk\u00fcche und breiten ihn auf dem Tisch aus. Ein Pott kanadischer Erdnussbutter, den Sabine f\u00fcr Steffen aus der neuen Welt mitgebracht hat, sorgt f\u00fcr Entz\u00fccken. Gierig fallen die Schleckerm\u00e4uler dar\u00fcber her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bequemen M\u00f6bel in der Wohnung von Nicola und Arno vermitteln das Lebensgef\u00fchl einer unangestrengten Moderne. Das Paar erinnert an Menschen, die in eine Falle geraten ist. Steffen sp\u00fcrt die Wut der Eingekreisten. Brunhild ist weder zum Sprechen noch zum Schmeicheln aufgelegt, sie mutiert allm\u00e4hlich von der l\u00e4chelnden Sch\u00f6nrednerin zur eiskalten Automate. Der Wechsel vollzieht sich zun\u00e4chst derart glatt, dass es Arno schaudert. Ein Strahlen wird zur Fratze, ein Fingerzeig zur entseelten Geste, Worte zu leeren Sprachh\u00fclsen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIhr k\u00f6nnt auf der Couch schlafen, hab&#8216; euch das Bettzeug bereitgelegt\u00ab, wirft Arno jedem ein Handtuch zu. Linguistisches Fingerspitzengef\u00fchl ist nicht vonn\u00f6ten, um sich \u00fcber das kraftmeierische Vokabular mokieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brunhild verschwindet auf der Toilette. Steffen schnappt sich noch einen Schlaftrunk. Schlurft in das Wohnzimmer, bleibt vor der Anlage stehen und kramt eine Operetten\u2013LP aus dem Archiv. Stellt die Schaltuhr auf 6\u00b700 Uhr. W\u00fcrgt den Strom ab. Legt den Tontr\u00e4ger exakt in die Rille eines Evergreens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEhj, Kerl, was zum Teufel tust du da?\u00ab, emp\u00f6rt sich Brunhild mit smartem Dekonstruktivistensound.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch richte den Weckservice ein.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbOh, nein! Ich kann ausschlafen. H\u00e4ttest du nicht bei Nicola schlafen k\u00f6nnen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er verkneift sich darauf die Antwort. Fragt aber auch nicht, mit wem sie gerne das Nachtlager geteilt h\u00e4tte. Selbstverst\u00e4ndlich w\u00fcrde er nichts lieber als das tun, nicht nur wegen des gemeinsamen Fr\u00fchst\u00fccks. Aber auch in diesen Kreisen gelten Sitte und Anstand. Er rollt sich wohlig in die Bettdecke ein und geht seinem liebsten Hobby nach: Frauen beim Ausziehen zusehen und studiert den seltsamen Mechanismus zwischen den Geschlechtern, das absurde Wechselspiel aus k\u00fcnstlichen Verz\u00f6gerungen und holpriger Beschleunigung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brunhild scheint dies instinktiv zu sp\u00fcren. Sie entkleidet sich vor dem Spiegel mit dem Gestus einer professionellen Stripperin. Zuv\u00f6rderst l\u00e4sst sie langsam ihre Bluse von den Schultern gleiten. Danach hakt sie in ihrem k\u00f6rpereigenen Groove den BH aus und l\u00e4sst ihn verspielt auf den Boden sinken. Mit einem Schlenker aus der H\u00fcfte rutscht der Rock knisternd \u00fcber die Knie. Sie stellt abwechselnd die Fersen auf den Stuhl und pellt die schwarzen Netzstr\u00fcmpfe von den Beinen. Mit den H\u00e4nden f\u00e4hrt sie kreisend um ihr Becken. L\u00e4sst den winzigen Slip an den Oberschenkeln herunterrutschen. Dreht sich herum. Ihr rotes Schamhaar funkelt. Brunhild richtet ihre Scheinwerfer auf ihn und fragt provozierend:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNa, wie war&#8217;s f\u00fcr den Anfang?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSoll ich nun etwa <em>Beiphall<\/em> klatschen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBist du immer so eine eiskalte Hundeschnauze?\u00bb<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMich gibt es \u00fcberhaupt nicht mehr. Ich komme mir vor wie jemand, der sich bei einem noch nicht zu Ende gelebten Leben interessiert zusieht\u00ab, scheinen ihm alle guten Ideen vernutzt und das Pathos der ver\u00f6ffentlichten Meinung folgenlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSchlaf ist der Bruder des Todes?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVorher h\u00e4tte ich gern eine M\u00fctze Schlaf. Muss wegen der Live\u2013\u00dcbertragung fr\u00fch raus. W\u00e4r&#8216; gerne leidlich auf dem Damm\u00ab, nuschelt er beim Herumdrehen und will einschlafen. Er hat von der medienpolitischen Erfahrung die Ohren voll, dass man elektronische Medien und das skandalisierbare Bewusstsein benutzen kann, um eine extraordin\u00e4re \u00f6ffentliche Wirkung zu erzielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMutieren Gef\u00fchle etwa zu Wahrnehmungen?\u00ab, will Brunhild wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGef\u00fchle sind nicht widerlegbar!\u00ab, gibt Steffen nach einigem Z\u00f6gern eine Erwiderung \u00fcber das einzig unbezweifelbare Eigentum des Menschen. Frauen wollen ihren M\u00e4nnern n\u00e4her sein als ihre M\u00e4nner ihnen. Brunhild schl\u00e4ngelt sich aufreizend langsam unter das Plumeau, reibt ihren rechten Oberschenkel an seinem H\u00fcftknochen und elektrisiert mit ihrer Hand seine Brusthaare. Sex ist die beste M\u00f6glichkeit, einem anderen Menschen nahe zu kommen, es ist das Einzige, das in dieser Gesellschaft noch halbwegs funktioniert. Brunhild setzt ihren Sex als Waffe ein. Erobert Zentimeter um Zentimeter von seiner Haut. Es bleibt ihm keine andere Wahl, er kapituliert. Gibt sich ihr jedoch nicht hin. Sie zieht ihn zu sich herunter und presst seinen Kopf zischen ihre ge\u00f6ffneten Schenkel. Die rosa Farbe von Brunhildes M\u00f6se gegen die weisse Haut der Schenkel verschwimmt ihm vor den Augen. Mit zitternden Fingern schiebt er die Lippen beiseite, um die knospenartig geschwollene Spitze des erregten Kitzlers zu enth\u00fcllen. Leicht ber\u00fchrt er diese Bl\u00fcte mit der Zungenspitze. Dann zieht er den Kopf zur\u00fcck und bl\u00e4st den Kitzler leicht an\u2026 Sie krallt die Fingern\u00e4gel in das Bettlaken und zerreisst es. Das Spiel ist noch nicht beendet. Die Nachspielzeit beginnt. W\u00e4hrend sich Brunhild in ihrem Orgasmus windet, streift sich Steffen ein Kondom \u00fcber seinen Schwanz. L\u00e4sst seine Rute langsam in sie hineingleiten. Zieht sie bis zur Eichel wieder heraus und verweilt. Langsam bewegen sich ihre Becken in einem Rhythmus. Sie winden sich umeinander. Beim gleichzeitigen Orgasmus zerkratzt sie ihm brutal den R\u00fccken und \u00fcberschwemmt ihn mit einem Strahl von Urin. Die atembare Luft besteht aus einem Gemisch von \u00fcberhitztem Gummi, Schweiss, Sperma, geronnenem Blut und Pisse. Zwei gleichwertige Gegner sitzen sich keuchend gegen\u00fcber. Sie haben das Bett in das verwandelt, was es ist \u2013 und woraus immer ein Sieger hervorgeht: ein blutiges Schlachtfeld.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Knacken, Knistern, Schnurpseln. Die Schaltuhr startet punktgenau um 6\u00b700 Uhr. Die Nadel f\u00e4llt in die Schallplattenrille, eine sinfonische Fantasie setzt mit leisem Knistern ein; defekte Stille macht sich breit; hernach: ein Trompetenmotiv \u00fcber ged\u00e4mpftem Tremolo der Kontrab\u00e4sse, Kontrafagott und grosse Trommel, raumf\u00fcllend, weltschaffend. Es sticht ein extrem nat\u00fcrliches Klangbild ins Ohr, warm, jede Regung des Orchesterapparats dringt wohltuend durch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbOh no!\u00ab, st\u00f6hnt Brunhild und w\u00e4lzt sich auf die andere Seite, w\u00e4hrend Steffen sich einem Stilett gleich aus dem Bett klappt, mit einer Robinsonade den Schukostecker erreicht und ihn aus der Steckdose zerrt. Die Musik eiert aus. Der nackte Torh\u00fcter greift nach seiner Hose unter ihren Netzstr\u00fcmpfen. Alles, was \u00fcber das diffizile Geflecht von Beziehungen zwischen M\u00e4nner und Frauen gesagt wird, dokumentiert nur die v\u00f6llige Verst\u00e4ndnislosigkeit. Partiell k\u00f6nnen sie sich in der Begierde dem Gef\u00fchl des v\u00f6lligen Verstr\u00f6mens anheimgeben, doch nach dem Erwachen sind sie sich wieder fremd. Gefangen zwischen ritterlichem Fatalismus und einer richtungslosen Sehnsucht, schultert Steffen die Last, dem allt\u00e4glichen Klassenkampf einen endg\u00fcltigen Ausdruck zu verleihen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor der Haust\u00fcr liegen frische Br\u00f6tchen in einer T\u00fcte. Daneben steht eine Flasche Milch. Der Zeitungsjunge legt die Wochenendausgabe dazu. Die Strasse g\u00e4hnt wochenendfriedlich. Ein paar Dauerl\u00e4ufer streifen zielorientiert vorbei. Steffen startet die alte Kiste und macht Platz f\u00fcr Theo, der ihn mit Stinkefinger und Lichthupe aus der Parkl\u00fccke verscheucht. Vom Licht geblendet, nimmt Steffen den Entgegenkommenden nicht wahr und verursacht einen Frontalunfall.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div id=\"attachment_20097\" style=\"width: 152px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-image-20097 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"207\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00bbWoher nimmt du eigentlich diese beispiellose Arroganz?\u00ab, kreischt die weibliche Stimme hinter der verschrammten Wohnungst\u00fcr. Das Flurlicht erlischt. In seiner Antwort rezitiert der Mann einen gestrigen \u00dcberlegenheitsgestus. Steffen greift nach seinen Streichh\u00f6lzern. Ratscht einen Z\u00fcndkopf \u00fcber die Reibfl\u00e4che. 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