{"id":72760,"date":"2020-08-19T00:01:32","date_gmt":"2020-08-18T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72760"},"modified":"2022-03-07T12:55:11","modified_gmt":"2022-03-07T11:55:11","slug":"taeglicher-kleinkrieg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/19\/taeglicher-kleinkrieg\/","title":{"rendered":"T\u00e4glicher Kleinkrieg"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Morgengrauen. Der Radiowecker schiesst Maschinengewehrworte aus dem Mund des Nachrichtensprechers ab. Das Sensationelle hat in den Meldungen \u00fcber das Wichtige gesiegt. Das Vaterland ist ein Fitnesscenter. Sportler sind Krieger. Der Staat treibt in die totale Mobilmachung. Die Erde ist eine Frau, die genommen werden will. Beim Verlassen der Wohnung ist man schon im Feindesland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufstehen. Vor der Haust\u00fcr ins Ozonloch fallen. Erste Wortgefechte in der Bahn. Dumpfe Kollektivk\u00f6rper schreien Parolen heraus. Ihre Aussagen haben keinen praktischen Nutzen, erf\u00fcllen eine Funktion in der Hauptstadt der Grossm\u00e4uler. Redegewandt glauben Denkfaule, die Medienwelt sei die Welt. Die Gleichg\u00fcltigkeit der Mitreisenden ist das Vorspiel zu einem neuen Autoritarismus. Man hat ihnen das Letzte geraubt, wof\u00fcr es zu leben lohnt: der Hass.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lift zum Loft. Mitten in der Hypermoderne ankommen. Die Glas\u2013T\u00fcrme der B\u00fcroh\u00e4user sind k\u00fchl, sie behaupten Modernit\u00e4t und Klarheit. P\u00fcnktlich am Platz. Die Kollegen haben sich an die Grabenk\u00e4mpfe gew\u00f6hnt. Jeder besitzt \u00fcber jeden ein belastendes Dossier, um es bei passender Gelegenheit als Druckmittel einzusetzen. Humor ist ihr Mantel, das Messer zu verstecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Scharf belichteter Erinnerungsausschnitt. Verschw\u00f6rungstheorien eignen sich gut f\u00fcr Propagandazwecke, wenn die eigenen Argumente auf schwachen Beinen stehen. Es macht einen Unterschied, ob man auf jemanden h\u00f6rt oder ihm gehorchen muss. Vampyre der <em>visual culture<\/em> werden Virtuosen an der Resterampe und wollen die Spielregeln selbst bestimmen, statt ihnen gehorchen zu m\u00fcssen. Trockenpaddeln mit entpersonalisierten Sprachfl\u00e4chen. Alltagsverrichtungen sind erm\u00fcdend, undankbar, machen aggressiv. Acht Stunden Dauerbeschuss. Man kann sich seine Gesch\u00e4ftspartner nicht aussuchen, aber seine Freunde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gepflegte Gastlichkeit am Abend. In der diffusen Grundstimmung einer neuliberalen Gesellschaft verlagern sich alle Souver\u00e4nit\u00e4tsanstrengungen in das so genannte Private. Hier sollen die Reservate der Einzigartigkeit noch intakt sein, in denen sich <em>Ich<\/em> sagen l\u00e4sst. Als Ressource der Selbstvermarktung verliert das Private den Charakter eines Schutzraumes f\u00fcr ein unverstelltes Sein. Das Leben wird zur Casting\u2013Situation, in der alle f\u00fcr das Unternehmen <em>Ich<\/em>werben. Sie blicken in einen Spiegel und stellen fest, dass er nur ein leeres Bild zur\u00fcckwirft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Geschmack feierlicher Routine annehmen. Auch der Freundeskreis hat Barrikaden errichtet. F\u00e4hrt Fremdwortgesch\u00fctze auf. Mit diesem Crossover entscheiden sie sich f\u00fcr nichts und suggerieren damit Weltl\u00e4ufigkeit. Leben in einer Kaugummiblase, in die keine Keime aus der Aussenwelt dringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachtkastl. Dem Lesen folgt die Auslese, der Lektion die Selektion. Die Augendeckel sinken nach dem f\u00fcnften Absatz nieder. In den Schlaf fallen. Tief getroffen. Herzzerreissend in Selbstzerst\u00f6rung und Selbstaufgabe. Ohne greifbares Ergebnis. Der Schlaf ist nur ein Zwischentod. Tr\u00e4ume sind gestorben. Abget\u00f6tet. Wenn die Nacht am tiefsten ist, werden Ger\u00e4usche zum Weckruf. Klang ist das Unmittelbare. Sucht den direkten Weg \u00fcber die unverschliessbaren Ohren direkt in die Verletzlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem n\u00e4chsten Morgengrauen geht es weiter. Vorw\u00e4rts mit dem Versuch, das Prinzip Eigenverantwortung wiederzubeleben. Eine verschwiegene Arbeit an der eigenen Gesinnung. Es gibt kein Zur\u00fcck mehr. Das Zeitfenster ist geschlossen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div id=\"attachment_20097\" style=\"width: 152px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-image-20097 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"207\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Morgengrauen. Der Radiowecker schiesst Maschinengewehrworte aus dem Mund des Nachrichtensprechers ab. Das Sensationelle hat in den Meldungen \u00fcber das Wichtige gesiegt. Das Vaterland ist ein Fitnesscenter. Sportler sind Krieger. Der Staat treibt in die totale Mobilmachung. 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