{"id":72725,"date":"2017-04-08T00:01:09","date_gmt":"2017-04-07T22:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72725"},"modified":"2022-03-07T13:09:49","modified_gmt":"2022-03-07T12:09:49","slug":"seebaeren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/04\/08\/seebaeren\/","title":{"rendered":"Seeb\u00e4ren"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie nennen ihn den Admiral. Er ist der Erfahrenste unter ihnen, obwohl er nie zur See gefahren ist. Skipper, seine rechte Hand, hat wenigstens schon einmal auf einem Rheinschiff gejobt. Paul, Kurt und Fritz sind Landratten. Sie treffen sich jeden Sonntag. Um dieselbe Uhrzeit. Bei Schnee und Regen im Klubhaus. Bei gutem Wetter am Goldbergerteich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Admiral ist immer der erste. Gen\u00fcsslich z\u00fcndet er seine Pfeife an. Zieht seine M\u00fctze in die Stirn. Gegen 14\u00b750 Uhr l\u00e4sst er sein Segelschiff vom Stapel laufen. Vorerst nur von Wind und Wellen treiben. Seine Mannschaft gesteht ihm dieses Privileg zu. Sie wissen, dass der Gorch\u2013Fock\u2013Nachbau auf dem friedlichen Weiher ein erhebender Anblick f\u00fcr den r\u00fcstigen Rentner ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Skipper, sein Juniorpartner und nat\u00fcrlicher Nachfolger, ist der n\u00e4chste. F\u00fcnf Minuten vor der Zeit setzt er sein Rennboot auf dem Wasser auf. Mit dem Start wartet er immer, bis der Admiral ihm mit der Flagge das Zeichen gibt. Heute ist er besonders aufgeregt. Er hat den Motor frisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paul, Kurt und Fritz kommen immer gemeinsam. Punkt 15:00 Uhr. Exakt auf den Glockenschlag. Sie reden beim N\u00e4herkommen \u00fcber ihre Skatrunde. Der zweiten Leidenschaft neben ihrem liebsten Hobby. In H\u00f6rweite des Admirals verstummen auch sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Admiral gibt das Zeichen. Paul l\u00e4sst seinen langen \u00d6ltanker zu Wasser. Kurt sein wendiges Polizeischiff. Fritz sein Schlachtschiff, ein filigraner Nachbau der Tirpitz. Sie achten darauf, dass sie nie in die N\u00e4he der Schw\u00e4ne kommen. Ein Fl\u00fcgelschlag kann ein Schiff zum Kentern bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLeichte Brise heute\u00ab, er\u00f6ffnet der Admiral das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSchiffsladung voller Rum\u00ab, gibt Paul durch, w\u00e4hrend der Skipper voller Stolz sein Rennboot \u00fcber den Weiher r\u00f6hren l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBootsmann, Leinen los\u00ab, ruft Fritz und l\u00e4sst das Kriegsschiff in See stechen, w\u00e4hrend Kurt das Polizeischiff in Hafenn\u00e4he kreuzen l\u00e4sst. Gelegentlich bet\u00e4tigt er das Blaulicht. Den Spazierg\u00e4ngern soll schliesslich auch etwas geboten werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kinder zerren vehement an den \u00c4rmeln ihrer Eltern. Sie sind ein dankbares Publikum. Stehen mit Glubschaugen am Weiher. Die Eltern haben sich an den schrulligen klub der seeb\u00e4ren gew\u00f6hnt. Menschliche Schw\u00e4chen bis zu einem gewissen Grad zuzulassen, ist menschlich. Sie l\u00e4cheln, reden \u00fcber ihren Beruf, die totgeschlagene Zeit, eine verbrauchte Woche, den n\u00e4chsten Urlaub und die Schulden, die noch f\u00fcr den Letzten abzubezahlen sind. Es wird ihnen leicht gemacht, die Wirklichkeit nicht zu sehen. Erst wenn sie in die Welt m\u00fcssen, stellen sie fest, dass sie nicht daf\u00fcr ausger\u00fcstet sind. Rechtschaffene B\u00fcrger mit dem Blick f\u00fcrs Wesentliche. Betriebsame Betriebsblinde. Ihre Geschichten klingen so plausibel, dass man glatt vergessen m\u00f6chte, dass sie gar nicht stimmen. Klassisches Mimikry: nach mehr aussehen als man ist. Viel bliebt nicht \u00fcbrig aus den Zeiten des Flokatiteppichs, in denen man mit Aufbruchsgeist einer Umsturzromantik nachgehen konnte. Sie sind Nostalgiker, die weniger einem politischen Programm als ihrer verlorenen Jugendzeit nachtrauern. Dieser Jugendwahn ist eine fixe Idee der Alten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWillkommen im Club der Cholesterinfreien\u00ab, wirbt Fritz neue Mitglieder und wirkt dabei so h\u00f6lzern wie ein Zahnstocher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSeit 50 Jahren baust du Schiffe. Keiner hat dich jemals griesgr\u00e4mig gesehen. Wie schafft man das?\u00ab, erkundigt sich der Skipper beim Admiral.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas schafft man leicht! Egal, ob irgend jemand zu dir sagt: &#8222;Das ist aber jetzt totale Scheisse, was du da machst!&#8220; Du musst sagen k\u00f6nnen: &#8222;Mir doch egal. Ich stehe dazu.&#8220; Dann kannst du besser durchs Leben gehen, als wenn du nur das tust, was andere von dir verlangen!\u00ab, redet der Alte langsam und l\u00e4sst sich von der Wortlosigkeit seines Gegen\u00fcbers nicht bluffen. Das Bekannte ist zu sehr im Ohr, um zu st\u00f6ren, das Neue so individuell, dass es nicht als Kopie geh\u00f6rt werden muss. Moden verraten sich an ihre Zeit und altern schnell. Der Admiral macht nichts falsch, wenn er richtig steht und hinten dicht macht. Er hat keinen Besitz. Seine Wohnung ist gemietet, fast leer, und die geliebte Frau in seiner Wohnung ist seine geliebte Frau. Der alte K\u00e4mpe kann aber nicht behaupten, dass er sie besitzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn einem das Wasser bis zum Hals steht, kann man den Kopf nicht sinken lassen\u00ab, lallt Paul, der schon halb einen in der Kiste hat. Ihre Wohnungen sind Archive auf kleinstem Raum, ihre Leiber neigen zur Unf\u00f6rmigkeit, erz\u00e4hlen vom Sesseldasein und Stressfressen. Der klub der seeb\u00e4ren entzieht sich jeglicher Gruppenetikettierung, und doch sind sie sich in diesem Trotz kollektiv einig, gefangen in einem Purgatorium. Sie geraten \u00fcber die Niedergeschlagenheit zur Trance, zum Rausch. \u00c4rger gab es nur mit dem Anglerverein &#8222;Die Blinker e.V.&#8220;. Anfangs f\u00fchlten sich Petris J\u00fcnger dadurch gest\u00f6rt, dass man vermutete, die Boote verjagten ihnen die Fische. Seitdem der Anglerverband herausgefunden hat, dass die Fregatten und Dampfer ihnen die Fische zutreiben, haben sie das Ohr am Wasser und sich am Weiher genau gegen\u00fcber platziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord\u2026\u00ab, gr\u00f6lt Kurt, der eine Schiffsladung Rum von Paul geordert hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um 17\u00b745 Uhr sinkt das Rennboot. Der Skipper heult vor Wut auf. Er verliert nicht den Verstand\u2026 doch die Beherrschung. Wirft seine Jacke auf den Boden. Zieht die Schuhe aus und springt in den Teich. Er krault in Rekordzeit zum Bermudadreieck. Das Polizeischiff eilt zur Hilfe. Kurt ermittelt. Hilflos muss er mit ansehen, wie auch sein Boot sinkt. Er platscht auf die Wasseroberfl\u00e4che. Sackt zusammen. Ein Dumpfbeutel mit individueller Perspektivlosigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch kann nicht schwimmen\u00ab, jammert er. Gl\u00fccklicherweise hat der Tanker kein schwarzes Gold geladen. Die Enten danken es Paul und schnattern aufgeregt. Fritz hantiert aufgeregt mit der Fernsteuerung. Die Tirpitz hat einen schweren Treffer erhalten. Der Skipper ist aufgetaucht. Er h\u00e4lt das Boot in der Linken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbFrauen und Kinder zuerst\u00ab, bekundet der Admiral mit tonloser Stimme. H\u00e4lt in diesem Augenblick die M\u00f6glichkeit eines dritten Weltkriegs f\u00fcr viel wahrscheinlicher, als zu Zeiten des kalten Krieges. Greift sich an seine linke Brust. Versucht, der l\u00e4rmenden Gegenwart ein Schweigen abzugewinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAlles in die Rettungsboote!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sinkt in die Knie und f\u00e4llt ins Gras. Der Skipper hat das Ufer wieder erreicht und kreischt als Schutzheiliger des gepflegten Weltschmerzes:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDiese Schweine! Die haben ein Luftgewehr!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurt und Fritz durchk\u00e4mmen das Ufer zur rechten und zur linken Seite. Paul ruft einen Krankenwagen. Das Motto: &#8222;Dabeisein ist alles&#8220;, erweist sich als fromme Lebensl\u00fcge, um mit der Niederlage leben zu k\u00f6nnen. Die <em>Blinker<\/em> senden Signale. An der grossen Pappel hissen die Punx eine Piratenflagge.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div id=\"attachment_20097\" style=\"width: 152px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-image-20097 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"207\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sie nennen ihn den Admiral. Er ist der Erfahrenste unter ihnen, obwohl er nie zur See gefahren ist. Skipper, seine rechte Hand, hat wenigstens schon einmal auf einem Rheinschiff gejobt. Paul, Kurt und Fritz sind Landratten. 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