{"id":72550,"date":"2023-10-03T00:01:07","date_gmt":"2023-10-02T22:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72550"},"modified":"2022-02-25T20:46:49","modified_gmt":"2022-02-25T19:46:49","slug":"dekonstruktionen-der-heimat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/03\/dekonstruktionen-der-heimat\/","title":{"rendered":"Dekonstruktionen der Heimat"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">\u201eEs lebe Bonn!<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"color: #999999;\">Es lebe Deutschland!<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"color: #999999;\">Es lebe die deutsch-franz\u00f6sische Freundschaft!\u201c<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Charles de Gaulle<\/span><\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Vater, Theo Schnarhelt, geboren 1908 auf einem Bauernhof in einem damals kleinen Dorf im S\u00fcdoldenburgischen, (in der N\u00e4he von Bremen in Norddeutschland) war der Zweit\u00e4lteste von sieben Kindern. Als \u00e4ltester Junge war er somit der Hoferbe. Als der II. Weltkrieg ausbrach, blieb er als Bauer auf dem Hof, zusammen mit den Gro\u00dfeltern und seinen beiden Schwestern. Die Br\u00fcder waren in Norwegen, Russland und Nordfrankreich im Kriegseinsatz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst gegen Ende des Krieges wurde auch mein Vater eingezogen, er war damals schon \u00fcber 40. Allerdings kam er nur bis Augsburg &#8211; also nach Bayern. Dort wurde er von den franz\u00f6sischen Truppen gefangen genommen und als Gefangener nach Frankreich transportiert. Die erste Station war dabei Toulon. Dort wurde er in einem Gefangenenlager interniert. Mit ihm zusammen auch ein Junge aus Schleswig-Holstein, der war gerade 17 Jahre alt, und mein Vater nahm ihn sofort unter seine Fittiche. Die beiden waren danach bis zum Tod meines Vaters befreundet und die Familien besuchten sich regelm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei erz\u00e4hlten sie nat\u00fcrlich von ihren Erlebnissen w\u00e4hrend der Gefangenschaft. Tags\u00fcber arbeiteten sie in einer Palmeng\u00e4rtnerei, ansonsten waren sie in einem Lager untergebracht, von Stacheldraht umz\u00e4unt. Die Arbeit war hart, das Essen mager, aber mein Vater fand immer wieder eine Gelegenheit, Eier zu besorgen oder auch ab und zu ein Huhn, Zigaretten und Wein. Die n\u00e4chste Station war Hy\u00e8res. Inzwischen hatte er schon ein paar Brocken Franz\u00f6sisch gelernt, mit dem Akzent des Midi. Die dritte Station war dann Figani\u00e8res, und ich glaube fast, mein Vater w\u00e4re am liebsten f\u00fcr immer dort geblieben. In meiner Kindheit und Jugend zu Hause, gab es kaum einen Tag, an dem mein Vater nicht von seiner Zeit in Frankreich erz\u00e4hlte. Von Madame Salomon, die in ihrer Jugend nach Paris ausgeb\u00fcchst war und sp\u00e4ter ihren wesentlich \u00e4lteren Mann heiratete, von ihren rot lackierten Fingern\u00e4geln und dem Baby, Bernadette, die geboren wurde oder gerade zur Welt gekommen war, als mein Vater in Figani\u00e8res war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe sie sp\u00e4ter alle kennen gelernt, als ich in der siebten oder achten Klasse war und mein Vater den Kontakt zu der franz\u00f6sischen Familie wieder aufnahm. Bernadette war damals 21 und kam uns mit ihrem Mann und ihrem damals einj\u00e4hrigen Sohn besuchen. Mein Vater war so stolz und zeigte ihnen alles, was es in unserer nicht besonders attraktiven Gegend zu sehen gab. Und er sprach immer noch Franz\u00f6sisch. Ein Jahr darauf kamen Bernadette, Jean-Claude und ihre beiden Kinder wieder zu uns. 14 Tage Regen, Eintopf, Braten und Kartoffeln. Den franz\u00f6sischen Wein, den sie eigentlich f\u00fcrs Mittagessen mitgebracht hatten, tranken wir abends. Dann kamen die Nachbarn und die Leute aus dem Dorf und erz\u00e4hlten, die einen auf Platt, die anderen auf Franz\u00f6sisch. Mein Vater hatte die ausgebrannte Pfeife im Mund, meine Tanten kochten Tee und ich sa\u00df da und h\u00f6rte ihnen neugierig zu.<br \/>\nDann nahmen Bernadette meine Cousine und mich mit nach Frankreich, nach Figani\u00e8res, dorthin, wo mein Vater drei Jahre als Kriegsgefangener gelebt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war hei\u00df, man trank Pastis als Aperitif, Wein zum Essen, Oliven (die ich damals noch nicht mochte, ebenso wenig wie Kaninchen-Braten und Ziegenk\u00e4se). Ich lernte auch Madame Salomon kennen, deren Augen strahlten, als sie von meinem Vater Th\u00e9o erz\u00e4hlte, dem Besitzer des Bar-Tabac, der sich noch sehr gut an meinen Vater erinnerte (\u201eAh, Th\u00e9o, c \u0301etait un bon homme et un filou!\u201c). Das war 1974, ein Jahr bevor mein Vater starb. Sainte Marie, das kleine Haus in den Weinfeldern, in dem mein Vater damals schlief. Ich ging mit Madame Salomon, ihr Mann war l\u00e4ngst gestorben, in die Weinfelder, zu den Olivenb\u00e4umen, mit Bernadette und Jean-Claude abends zum D\u00e9gustif in die Bar, wo wir drau\u00dfen unter den Platanen sa\u00dfen und Bernadette eine Royale nach der anderen rauchte und Espresso trank. Morgens, wenn ihr Mann zur Arbeit gefahren war nach Draguignan in die Cr\u00e9dit Agricole, kamen die ersten Freundinnen, tranken einen Caf\u00e9 noir und erz\u00e4hlten den neuesten Klatsch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meistens zogen sie \u00fcber jemanden her, regten sich auf, palaverten \u00fcber dies und das. Mittags gingen wir zu Madame Salomon: Die ganze Familie und wir zwei Besucherinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie gesagt, ich musste mich zuerst an das Essen gew\u00f6hnen. An manchen Tagen fuhr Bernadette mit uns an den Strand nach Ste. Maxime oder Saint Raphael, am Wochende nach Nizza, Ventimiglia oder Saint Tropez. Am 14. Juli war Fete de l`Aioli. Das ganze Dorf stellt die Tische nach drau\u00dfen. Jeder brachte etwas zum Essen mit, betteraves rouges, Karotten und anderes Gem\u00fcse. Dazu die Aioli. Die beiden H\u00e4user von Madame Salomon und Bernadette lagen mitten im Dorf, davor der Dorfbrunnen, der tags\u00fcber etwas K\u00fchle spendete und den man in der Nacht laut pl\u00e4tschern h\u00f6rte. Unten in dem jahrhundertealten Steinhaus war die Diele mit den Ger\u00e4tschaften f\u00fcr die Felder, aber auch das gro\u00dfe Essiggef\u00e4\u00df aus Ton, in dem alle Weinreste auf eine m\u00e8re gegossen wurden, das selbst gepresste Oliven\u00f6l und die eingemachten Gl\u00e4ser. Bernadette zeigte uns, wie man aus Eigelb, Knoblauch und Oliven\u00f6l eine richtige Aioli machte, in einem gro\u00dfen Steinm\u00f6rser und wo das Holz gestapelt lag. Und ich erinnerte mich an meinen Vater, der der schwangerern Madame Salomon das Holz f\u00fcr den Kamin geholt hatte. Ich erinnere mich an die Gro\u00dfmutter und die damals schon \u00fcber 90-j\u00e4hrige Gro\u00dftante, die tags\u00fcber auf einem Stuhl hinter dem Haus sa\u00df mit Blick auf die Weinfelder. Die beiden alten Frauen waren immer schwarz angezogen und trugen einen Strohhut. Sie sprachen nur Provenzalisch und waren in ihrem Leben noch nie an der Cote gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Figanieres, das war in den Siebzigern noch ein Dorf mit 500 Einwohnern und Treppen, die zur h\u00f6her gelegenen Kirche f\u00fchrten. Jahr f\u00fcr Jahr wurden es mehr, immer mehr Pariser bauten Wochenendh\u00e4user oder zogen ganz in das nur 40 Kilometer von der K\u00fcste gelegene Dorf mit seinem unvergleichlichen provenzalischen Charme. Ich liebte das Dorf, die Menschen, die Sprache, das Essen, das ruhige Leben, \u00fcberhaupt alles in S\u00fcd-Frankreich. Ich wollte in dem darauf folgenden Jahr mit meinem Vater dorthin fahren, mit dem Auto. Aber mein Vater starb. Sein gr\u00f6\u00dftes Geschenk, das er mir hinterlie\u00df, war meine Liebe zu diesem wunderbaren Land, der Sprache, deren Klang ich von Kindesbeinen auf geh\u00f6rt hatte und zu den Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter studierte ich Franz\u00f6sisch, lebte in Niort und jahrelang in Paris und fuhr in den Ferien immer wieder dorthin, wo mein Vater die wohl gl\u00fccklichsten Jahre seines Lebens verbracht hatte. Ich glaube, er hat es Zeit seines Lebens bereut, dass er zur\u00fcck kommen und den Bauernhof in Norddeutschland weiterf\u00fchren musste.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wie passt das alles zu Rivesaltes, einem Lager f\u00fcr die unterschiedlichsten Opfergruppen im 20. Jahrhundert?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den ersten Blick gar nicht. Bis auf die vergleichbar kurze Zeit in dem Lager in Toulon, hat mein Vater ein freies, selbstbestimmtes und , man m\u00f6chte fast sagen \u201eparadiesisches Leben\u201c gef\u00fchrt, angesichts all der Zerst\u00f6rung, Zerbombung, Feindschaft, der Gr\u00e4ueltaten, der Flucht, dem Tod, dem Elend, Hunger&#8230; Er wurde in seiner franz\u00f6sischen Umgebung als das angesehen, was er war: ein Mensch, ein Bauer, ein Mann, der eine andere Sprache sprach, aber die ihre lernen wollte, mit dem man lachen konnte und \u00fcber das sprechen, was die Menschen auf dem Lande immer und zu jeder Zeit besch\u00e4ftigt hatte und wof\u00fcr es nur weniger Worte bedurfte: das Wetter, die Ernte, das Essen oder die Familie. Ein Gefangener? Ein Feind \u2013 ein Gegner? Nein. Ein Deutscher? Nur ein einfacher Mensch, der f\u00fcr eine Zeit mit ihnen lebte und den man auch 30 Jahre sp\u00e4ter nicht vergessen hatte und der sie niemals verga\u00df. In dessen Erinnerung die Jahre in Figani\u00e8res kostbare waren, so kostbar, dass er immer und immer wieder davon erz\u00e4hlte und die Liebe zu diesem Land, den Menschen und ihrer Kultur in das Herz seiner Tochter pflanzte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Voila &#8211; mes souvenirs toujours si pr\u00e9sents<br \/>\nqui m&#8217;ont accompagn\u00e9e toute ma vie.<\/p>\n<p>Je vous embrasse!<br \/>\nMargaretha Schnarhelt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_50088\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-50088\" class=\"wp-image-50088 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Sammelgebiet_Cover-1-e1523975024523.jpeg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"309\" \/><p id=\"caption-attachment-50088\" class=\"wp-caption-text\">Postwertzeichen erschienen zum 20. Jahrestag der DDR. Entwertet am 9. November 1989<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Auf <span data-offset-key=\"cphj4-0-0\">der vom Netz gegangenen<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/26\/parallelfuehrung-der-liebesverhaeltnisse\/\">Fixpoetry<\/a> arbeitet Margretha Schnarhelt einen Vergleich zwischen A.J. Weigoni und Haruki Murakami heraus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs lebe Bonn! Es lebe Deutschland! 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