{"id":72534,"date":"2021-08-06T00:01:48","date_gmt":"2021-08-05T22:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72534"},"modified":"2022-02-18T19:17:20","modified_gmt":"2022-02-18T18:17:20","slug":"signum-der-poetizitaet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/08\/06\/signum-der-poetizitaet\/","title":{"rendered":"Signum der Poetizit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">A.J. Weigoni war ein Sprachk\u00fcnstler, Wortverdreher, syntaktischer Anarcho und semantischer Versteckspieler und arbeitet konsequent allem entgegen, was mit einer vordergr\u00fcndigen Verst\u00e4ndlichkeit, Eindeutigkeit und Harmonie zu tun hat. In vielen der Gedichte wird Sprache in den Fokus ger\u00fcckt und es wird immer n\u00e4her hin gezoomt, von Sprache zu Grammatik, zu einzelnen Worten, zu Substantiven, Verben, Adjektiven bis hin zu einzelnen Buchstaben. Es geht um Vieldeutiges, um Ambivalenzen, um etwas Unauslotbares, es geht um die Leerstellen und Zwischenr\u00e4ume, um Assoziationsfl\u00e4chen und Wortvalenzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser &#8222;Schuber&#8220; ist reizvoll, weil Weigonis Arbeiten vielf\u00e4ltigen Gattungen fr\u00f6nt, wer freie Formen wie den LiteraturClip, Twitteratur, Monodramen und H\u00f6rspiel zu einem neuen Ganzen zusammenf\u00fcgt, hat ausreichend Gelegenheit, Witz, Erfindungsgabe und Kennerschaft unter Beweis zu stellen. Bei keinem Lyriker des fr\u00fchen 21. Jahrhunderts gibt es eine gr\u00f6\u00dfere Vielfalt an Themen, Perspektiven, Anspielungen, Formen und bei keinem gibt es mehr Sprachartistik. Aus sinnf\u00e4lligen Signalw\u00f6rtern entstanden Gedichte, deren Musikalit\u00e4t richtiggehend als <em>Letternmusik<\/em> bezeichnet wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der \u00dcberwindung des DaDaismus setzte der Wort\u00fcberpr\u00fcfer in der subtilen Anwendung der Typographie eher Pausenzeichen in der lyrischen Partitur. In vorw\u00e4rts st\u00fcrmenden, dann wieder widerborstigen Sinn- und Klang-Assoziationen l\u00e4sst Weigoni die Kettenhunde der Silben in <em>Unbehaust<\/em> auf den H\u00f6rer los. Tom T\u00e4gers Papierkomposition auf dem beigef\u00fcgten H\u00f6rbuch ist gleichsam Minimaltechno. Welthaltigkeit und Tiefe dieser epischen Dichtung resultiert wesentlich aus der disparaten F\u00fclle des darin verarbeiteten Materials. In diesem \u201aErinnerungsspeicher\u2019 verbinden sich additive Hinzuf\u00fcgungen und klanglich-rhythmische Wiederholungspattern zu einem heterogenen Inhalte. In diesem Monodram ist die Migrantin auf jeder Seite, in jeder Zeile, in jedem Wort gegenw\u00e4rtig \u2013 mit seinem Blick, seinem Denken, seiner Leidenschaft. Von der edlen Wilden \u00fcber Medea zur kannibalischen Barbarin, geh\u00f6ren diese Typen seit der Antike zum Standardinventar des Fremdheits-Diskurses. Wie sich die Faszination und Schrecken des Fremden ver\u00e4ndert hat, zeigt dieses H\u00f6rspiel. Eine dieser Grundannahmen von Weigoni ist, dass in jeder Theorie des Fremden das Eigene immer schon integriert ist &#8211; Alterit\u00e4tstheorie ist hier per se Differenztheorie. Die Schauspielerin Bibiana Heimes spricht in ihrer Rolle als Yo Chang \u00fcber den Verlust des Narrativen in ihrem Leben, sie glaubt nicht mehr an Geschichten, die alles zusammenhalten und pr\u00e4sentiert Fragmente eines Erinnerungsimplantats, das die Migrationsstr\u00f6me einem inneren Bewusstseinsstrom gegen\u00fcberstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Erkenntnisgewinn dieser Gesamtausgabe ersch\u00f6pft sich darin beileibe nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Schuber<\/strong>, Werkausgabe der s\u00e4mtlichen Gedichte von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2017<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div id=\"attachment_46607\" style=\"width: 1290px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Schuber.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-46607\" class=\"wp-image-46607 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Schuber.jpeg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"854\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Schuber.jpeg 1280w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Schuber-300x200.jpeg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Schuber-768x512.jpeg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Schuber-1024x683.jpeg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-46607\" class=\"wp-caption-text\">Der Schuber wurde handgefertigt von Olaf Grevels (Vorwerk Kartonagen) \u2013 Photo: Jesko Hagen<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192\u00a0<\/strong>Jeder Band aus dem <em>Schuber<\/em> von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk. KUNO fa\u00dft die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42570\">Stimmen<\/a> zu dieser verlegerischen Gro\u00dftat zusammen. Last but not least: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grunds\u00e4tze seines Schaffens beschreibt.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p><strong>H\u00f6rproben \u2192 <\/strong>Probeh\u00f6ren kann man Ausz\u00fcge der <a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/schmauchspuren.html\">Schmauchspuren<\/a>, von <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/neige.html\">An der Neige<\/a> und des Monodrams <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a> in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17799\">MetaPhon<\/a>. Zuletzt bei KUNO, eine Polemik von A.J. Weigoni \u00fcber den Sinn einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/02\/07\/bartleby\/\">Lesung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; A.J. Weigoni war ein Sprachk\u00fcnstler, Wortverdreher, syntaktischer Anarcho und semantischer Versteckspieler und arbeitet konsequent allem entgegen, was mit einer vordergr\u00fcndigen Verst\u00e4ndlichkeit, Eindeutigkeit und Harmonie zu tun hat. 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