{"id":72527,"date":"1990-01-31T00:01:44","date_gmt":"1990-01-30T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72527"},"modified":"2022-02-18T20:53:43","modified_gmt":"2022-02-18T19:53:43","slug":"rekonstitution-requiem-auf-das-artnapping","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/31\/rekonstitution-requiem-auf-das-artnapping\/","title":{"rendered":"Rekonstitution, Requiem auf das Artnapping"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vera Strange h\u00e4tte es sich denken k\u00f6nnen: es konnte nur ein grauenhafter Tag werden. Doch, der Reihenschaltung nach. Zuv\u00f6rderst: Vollmond, eine von jenen N\u00e4chten, in denen die Finsternis von Lunas feingesponnenen Lichtf\u00e4den verkl\u00e4rt und Schlafwandeln fast zu einer zwingen\u00adden Notwendigkeit wird. Ihre Blutung setzt gegen 2\u00b730 Uhr\/MEZ ein, folglich ist an Schlaf nicht mehr zu denken; sie greift nach Kleist, genauer: einem Buch, welches seine Erz\u00e4hlungen beinhaltet, um <em>Die Zeichen der Gewalt und die Gewalt der Zeichen<\/em> aufzust\u00f6bern. Einhalt ist den Signifikanten sowieso nicht mehr zu bieten. Gerade als sie das Scrabble von N.I.C.O.L.O. nach C.O.L.I.N.O. umlegen kann und jenes Missing\u2013link zu <em>Suspicion<\/em> offensichtlich wird, scherbelt das Telefon mit einer solch zwingen\u00adden Notwendigkeit, dass ihr nichts anderes \u00fcbrig bleibt, als zuzugreifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine M\u00e4nnerstimme, die so klingt, als k\u00e4me sie von der anderen Seite des Ozeans her\u00fcber, schleicht sich durch den H\u00f6rer in ihre Ohrmuschel und erkundigt sich nach ihrem Namen, worauf sie ihn bittet, zuerst seine Identit\u00e4t preis\u00adzugeben. Mit umst\u00e4ndlichen Spreizschritten in sei\u00adnen Formulierungen stellt er sich als <em>der Sekret\u00e4r von Paul Pozozza<\/em>vor, und bei ihr f\u00e4llt klicke\u2013di\u2013klicke\u2013di\u2013klong die M\u00fcnze <em>Kunstsammler<\/em>, eine mysteri\u00f6se Person, von der b\u00f6se Zungen behaupten, dass sie ein raffiniert angelegter Fake sein soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem \u00f6stlich akzentuierten Zungenschlag, der eine Spur zu realistig klang, bringt die Stimme das Anliegen vor: Nachforschungen in Hinsicht auf ein Kunstwerk anzustellen, welches k\u00fcrzlich auf dem Transportweg von der Hochburg der Provinz nach Domstadt ver\u00adschollen sei. <em>Halt\u2026<\/em> will sie an dieser Stelle einwenden, doch mit einem imagin\u00e4ren Blick auf ihren Kontostand, der sich gef\u00e4hrlich im roten Bereich bewegt, versagt sie sich die Bemerkung, dass ihre Arbeit lediglich darin besteht, den Wert von Kunst zu sch\u00e4tzen und nicht nach ihr zu suchen. Ihr stummes Einverst\u00e4ndnis vorausset\u00adzend, k\u00fcndigt ihr der Sekret\u00e4r abschliessend an, dass ihr n\u00e4here Ausk\u00fcnfte und ausf\u00fchrlichere Informationen \u00fcber seinen Anwalt via Mainhattan zukommen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Zeitrechnungseinheit darauf, sie spielte bereits mit dem Gedanken, einen Job betreff Museumsf\u00fchrungen anzunehmen, wird ihr durch einen Advokaten ein Kuvert mit detaillierten Informationen zugestellt \u2013 includes ebenda: Barscheck mit einem nicht unerhebli\u00adchen Vorschuss. Bei dem ent\u00adwendeten Gem\u00e4lde handelt es sich um eine Arbeit von Adolf Lechtenberg aus dem Jahr 1984 \/ 150 x 500 cm \/ Tempera auf Nessel \/ Titel: portrait paul pozozza\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Logik und Systematik war niemals ihre Sonnenseite, also l\u00e4dt Vera ihre Freundin Charlotte, die als Redakteurin f\u00fcr eine Kunstzeitschrift als <em>Freie<\/em> mitmischt, zu einem Arbeitsfr\u00fchst\u00fcck ein. Innovationen, Str\u00f6mungen, Trends, daf\u00fcr f\u00fchlt sie sich zust\u00e4ndig. \u00dcber den geheimnisumwitterten Paul Pozozza hat Charlotte auch nicht mehr zusammentragen k\u00f6nnen; lediglich den Verdacht, dass der Kunstsammler \/ F\u00f6rderer \/ M\u00e4zen die entwendete Arbeit aus gekr\u00e4nkter Eitelkeit in sei\u00adnen Besitz bringen will, entkr\u00e4ftet sie: bei Pozozza sei das Sammeln von Kunst nicht die Befriedigung einer Profilneurose, wie es bei den meisten Sammlern der Fall ist, vielmehr sei bei ihm ein Understatement festzustellen, in dessen Folge er eine dienende Funktion einnimmt. Er sei ein ums nationale Wohl besorgter Autochthoner, der gern die alten Tugenden hochh\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir sollten ein Journal f\u00fcr Raubkunst gr\u00fcnden. Angesichts zahlloser Bilder mit nicht restlos gekl\u00e4rter Provenienz, die Museen f\u00fcllen und in privaten Sammlungen gl\u00e4nzen, w\u00e4re diesem Medium ein nie versiegender Themenstrom garantiert. Als potente Inserenten bieten sich zahllose Anwaltskanzleien an, die mit dem juristischen Kampf um Bilder Millionen verdienen\u00ab, ereifert sich Vera \u00fcber Karteileichen. Es gibt, ihrer Ansicht nach, zu wenige Menschen, die Mut haben; alle laufen immer der letzten Idee hinterher, die funktioniert hat. Sie akzeptieren die Wirklichkeit nicht voll und leugnen zugleich die Wahrhaftigkeit des Traums.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKulturpolitiker m\u00fcssen politischen Einfluss haben, ein Politiker, der anderen erkl\u00e4rt, was Kultur ist, braucht niemand\u00ab, gibt Charlotte retour und ahnt, dass mit melancholischen Idealisten kein Staat zu machen ist. Wahre M\u00e4zene leihen nicht, sondern schenken. Denn ansonsten darf an der Uneigenn\u00fctzigkeit des Gebers gezweifelt werden. Das Bild an sich \u2013 nota bene \u2013 birgt einen Informationswert in sich, gegebenenfalls unter den Farbschichten, der gewisse skrupellose Menschen zu einer Art von Erpressung bewe\u00adgen k\u00f6nne. Eine andere Theorie nimmt sich objektgebundener aus, da sie eine Methode darstellt, die seit Jahrtausenden prakti\u00adziert wird: man kauft Kunst auf und l\u00e4sst sie danach sang\u2013 und klanglos im Keller der Geschichte verschwinden, diese Kunstwerke sind aus dem \u00f6ffentlichen Bewusstsein verschwunden, als h\u00e4tte es sie nie gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denkans\u00e4tze und Spekulationen, die kein kl\u00e4rendes Licht auf diesen Diebstahl werfen, lediglich M\u00f6glichkeitsformen des bisher Dagewesenen. Charlotte schl\u00e4gt als Zwischenl\u00f6sung vor, <em>das Thema an sich zu untersuchen<\/em>. Ihr Einsatzpunkt sind die sp\u00e4ten 1960\u2013er Jahre. Duchamp, Schwitters, Giacometti und Picabia nimmt sie in spezieller Perspektive auf, als Heroen, die die Kunst aus dem Rahmen des klassischen Tafelbildes herausf\u00fchrten. Eine Gelegenheit, die Formensprache zu \u00fcberpr\u00fcfen, bietet sich bei der Ausstellungser\u00f6ffnung in Domstadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aura des Klassischen. Als es d\u00e4mmert, sehen sie einen \u00fcberm\u00fcdeten Herrn Lechtenberg, der das Ritual des <em>verwesenden<\/em> K\u00fcnstlers \u00fcber sich ergehen l\u00e4sst. Da Charlotte die Ausstellung rezensiert, diskutieren sie dar\u00fcber, was bei bildender Kunst wichtig ist; sie einigen sich auf eine Faustregel: Wor\u00fcber man mit anderen Kritikern auch nach der zweiten Flasche Wein noch redet, muss irgendwie Bedeutung haben. Auch wenn es nicht das ist, was Kritiker am n\u00e4chsten Tag schreiben. Die Kritikerin und der Maler sind sich einig dar\u00fcber, dass Skulptur das ist, wor\u00fcber man stolpert, wenn man zur\u00fccktritt um ein Bild zu betrachten. Dann bringt Charlotte die Sprache auf das Portr\u00e4t. Adolf Lechtenberg ist verbl\u00fcfft und antwortet unwirsch, dass diese Arbeit f\u00fcr diese Pr\u00e4sentation nicht vorgesehen sei und sich im Kellergew\u00f6lbe des paul pozozza museums am F\u00fcrstenwall befinde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Impulse der Entgrenzung. Charlotte ist sich sicher, dass sich im Keller des P.P.M. Objekte von Marcel Hardung und Robert Knuth befinden. Sie erweitert auf dem R\u00fcckweg Veras Kenntnisse \u00fcber das paul pozozza museum und die Aktivisten, die eine derartige Arbeit erm\u00f6glichen; offensichtlich handelt es sich hierbei um die letzten Nomaden im fast\/rest\/postmodernen Kunstbetrieb. Kultur ist nicht nur ein &#8222;Freizeitfaktor&#8220; f\u00fcr den &#8222;Wirtschaftsstandort&#8220;, sondern der Humus, auf dem kulturelle Identit\u00e4t erst entstehen kann; ein Therapeutikum gegen allerlei Verwerfungen: Luft zum Atmen. Charlotte r\u00e4t Vera, sich auf dem Hinterhof\u2013Fest in der Hoffeldstrasse umzusehen, das am Wochenende abgefeiert werden soll und Anlass f\u00fcr weitere Spekulationsm\u00f6glichkeiten sein kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbM\u00f6glicherweise ergibt das einen Sinn\u00ab, sichtet Vera Strange das Ergebnis ihrer Recherche. Das BKA hat eine Liste mit den meistgesuchten Kunstwerken ins Netz gestellt. Ein virtuelles Museum der geraubten Sch\u00e4tze. Grossformatige Gem\u00e4lde, zierliche Skulpturen, verzierte Teller, kunstvoll gekn\u00fcpfte Teppiche, Miniaturen und Schmuck aus vergangenen Epochen dienen als wertbest\u00e4ndiges Unterpfand oder Zahlungsmittel bei Transaktionen der organisierten Kriminalit\u00e4t, beim Rauschgiftschmuggel ebenso wie beim weltweiten Verschieben von Waffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKunstraub ist eine besondere Form von Kriminalit\u00e4t. Die Ware l\u00e4sst sich schwer zu Geld machen, wertvolle Kunstwerke k\u00f6nnen unter normalen Umst\u00e4nden kaum Abnehmer finden\u00ab, best\u00e4tigt der Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes ihre Anfrage. Alles deutet auf ein Artnapping hin, bei der Teile des Kunstwerks als Beweis verschickt oder seine Zerst\u00f6rung angedroht werden. Die Besitzer oder die Versicherungen sind oft bereit, an der Polizei vorbei das verlangte L\u00f6segeld zu zahlen, das in diesen Kreisen &#8222;Belohnung f\u00fcr Hinweise zur Wiederbeschaffung&#8220; heisst. Vera erinnert sich an die Skulptur <em>Das Kind mit der Ziege<\/em> von Marc Chagall, die auf der Art Cologne verschwand und den in Oslo geraubten <em>Schrei<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am darauf folgenden Tag f\u00e4hrt sie noch einmal nach Domstadt; weniger der Kunst wegen, sondern um in der Galerie nachzusehen, <em>wie<\/em> die Arbeiten dort angebracht sind und in der Tat findet sie das, was sie erahnt hat: eine schlecht kaschierte L\u00fccke. Ohne Frage, ein Beweis, aber noch keine Spur, denn Grazia Terribile, die smarte Galeristin, behauptet steif und fest, dass besagtes Gem\u00e4lde nicht in ihr Ausstellungskonzept passe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Marketing\u2013Schachzug. Zwei Schmiergeldaktionen erwiesen sich f\u00fcr beide Seiten als ergiebiger. In der Druckerei, die den Katalog hergestellt hatte, kann sie die Druckplatte mit dem portrait paul pozozza gegen einen angemes\u00adsenen Betrag unter dem Vorwand erstehen, sie f\u00fcr eine Dokumentation zu ben\u00f6tigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der Fahrtenschreiber des LKWs, mit dem der Transport vom Landeshauptdorf nach Domstadt bewerkstelligt wurde, weist eine L\u00fccke auf. Der Fahrer, so die Annahme, hat eine Pause eingelegt und in diesem Zeitraum k\u00f6nnte das Bild ver\u00adschwunden sein. Es w\u00e4re sicherlich von Interesse gewesen, sich mit dem Fahrer zu unterhalten, aber jener hielt sich zu dieser Zeit in der Herzegowina auf. Die Reise auf den Balkan erspart sie sich, diese Spur scheint gelegt, um vom Wesentlichen abzulen\u00adken. Es steckt etwas anderes dahinter, und wie merkte ihre teuerste Freundin so treffend an: <em>bleiben wir beim Thema!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich in einen Arbeitsbereich vertieft hat, des\u00adsen Blickfeld verengt sich auf eine solche Art und Weise, dass die Umwelt die Form einer Kulisse einnimmt. Vera will zwischen gemachter Meldung und von den Medien entworfenen Ph\u00e4nomenen und den Dingen, die den Gang der Welt wirklich bestimmen, unterscheiden k\u00f6nnen. Charlotte muss sie darauf hin\u00adweisen, dass jemand in das goethe museum eingebrochen ist. Wie aus dem Polizeibericht her\u00advorgeht, hat der Einbrecher nichts gestohlen, vielmehr hat er eine Einladung verloren, auf der mit Graphitstift einiges vermerkt war; aus diesen Notizen ging hervor, dass er sich mit der <em>Farbenlehre<\/em> besch\u00e4ftigt haben musste: \u201eMit Farbe Wirkung erzeu\u00adgen! Der Mensch braucht Licht und damit Farbe!\u201c, ist in hinge\u00adhuschter Schrift auf eine Einladung zu der Lechtenberg\u2013Ausstellung in Domstadt notiert. Polizei und Lokalpresse behalten ihre Vermutungen vorerst f\u00fcr sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kunstsymbole im \u00f6ffentlichen Raum bleiben m\u00e4chtige Indikatoren f\u00fcr die diskursive Verfasstheit einer Gesellschaft. Deshalb bemerkt Vera ein Graffity, der aus dem Rah\u00admen der \u00fcblichen Politspr\u00fcche f\u00e4llt: proun. Ein Wort, bei dem wieder einmal eine M\u00fcnze f\u00e4llt, jedoch auf der falschen Seite liegen bleibt, so dass sie abermals die Hilfe der Freundin ben\u00f6tigt, die ihr zu dem Code\u2013Wort den Namen <em>El Lissitzky<\/em> nen\u00adnen kann. Da sie in der Universit\u00e4tsbibliothek nach Methodiken anderer F\u00e4llen von Kunstraub forschen will, um sie als Vergleich f\u00fcr diesen Fall von Artnapping heran zu ziehen, ist das Timing perfekt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und in der Tat erwiesen sich die Aussagen von El Lissitzky, nicht nur wegen dem <em>ky<\/em> (sic!) in seinem Namen, als Schl\u00fcssel f\u00fcr die Eingangst\u00fcr: \u201eErfinden kann man auch Utopien. Entdecken kann man nur das, was existiert. Sch\u00f6pferisch ist der Weg der Entdeckungen und diese schaffen ein Ziel. Aus dem Ziel folgt die N\u00fctzlichkeit und die Verlagerung von Qualit\u00e4t in Quantit\u00e4t. Jede Arbeit ist eine kurze Haltestelle auf dem Weg zur Vollendung. Nat\u00fcrlich geschieht es, dass man sich auf den Weg nach Indien macht und Amerika entdeckt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Split\u2013Screen\u2013Optik. Vera kann ihr Erstaunen kaum verbergen und fahn\u00addet in den Unterlagen nach Notizen, die sie sich betreffs des Raums und des Problems der Tiefenwirkung gemacht hat. Delaunay sagt dazu: \u201eSehen ist eine Bewegung, sie reicht bis zu den Sternen. Die Farbe ist ein Mass in Vibration!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen k\u00f6nnen die Menschen in den Weltraum fliegen, dort arbeiten und wieder zur\u00fcckkehren, aber sie haben keine nat\u00fcrliche menschliche Bet\u00e4tigung im Zustand der Schwerelosigkeit gefunden. Bis jetzt haben sie keine produktive T\u00e4tigkeit im All entwickeln k\u00f6nnen. Der Rausch des Archivs hatte sie ergriffen, und so fol\u00adgerte sie von hier aus mit dem n\u00e4chsten Schritt zu El Lissitzkys &#8222;Projekt f\u00fcr die Affirmation des Neuen&#8220;: \u201eProun kreist um die Erde, weil die Erde Proun noch nicht aufnehmen will. Die neue Welt wird dennoch durch eine direkte pr\u00e4zise Kraft gestal\u00adtet, der Weg des Monds\u00fcchtigen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicherlich Synchronizit\u00e4ten, vielleicht falschverstan\u00addenes Rollback, doch wohl kaum Zierrat und schon gar nicht jene hohle Kunst des klassizistischen Zitats! Vera begibt sich zur Ausleihe, um die Kataloge zur Entleihe eintragen zu lassen und stellt fest, dass sie zum ersten Mal in diesem Fall die Nase vorn zu haben scheint. Aus dem Gespr\u00e4ch einer Frau, von der sie annimmt, sie in ihrem Ged\u00e4chtnis gespeichert zu haben, mit dem Bibliothekar, erlauscht sie, dass sie dieselben Nachschlagewerke ausleihen will, die sie unter dem Arm tr\u00e4gt, ein Blick auf ihre Benutzerkarte liefert ihr den Namen zu dem Ged\u00e4chtnisfoto: Julia Lohmann. Aus taktischen Gr\u00fcnden bietet sie ihr an, Kopien aus den Werken f\u00fcr sie anzuferti\u00adgen, als sie erw\u00e4hnt, dass sie lediglich einige Ausz\u00fcge ben\u00f6tigt. Sie belauern sich wie zwei Katzen, die in eben demselben Augenblick eine Schale warmer Milch ent\u00addeckt haben. Es tr\u00e4gt erheblich zu Veras Irritation bei, als es sich nahezu um selbige handelt, die sie zuvor \u00fcberflogen hat, plus einer Aussage, welcher sie bis dahin keine weitere Beachtung geschenkt hat:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFarbe ist Barometer des Materials und die Farbe dr\u00e4ngt das Material zur weiteren Verwandlung.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDiese Feststellung von El Lissitzky steht f\u00fcr den Umschlag der malerischen in die materielle Kultur!\u00ab, brummelt Julia Lohmann vor sich hin und kopierte zur Ablenkung (?) noch zwei Passagen aus Blochs <em>Prinzip Hoffnung<\/em>, die sie Vera, unterstri\u00adchen durch einen sophisticated\u2013smile als <em>Gegenleistung<\/em> schenkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Aussagen sind Teile zu ihrem gedankli\u00adchen Puzzle, das Vera zu ordnen versucht; obwohl sich einige Ableitungsfunktionen aufdr\u00e4ngen, deutet sich unabh\u00e4n\u00adgig von dem entwendeten Portr\u00e4t vage eine Konzeption an, eine Grundlagenforschung. K\u00fcrzlich hat sich der OB als kulturpolitischer Provinzf\u00fcrst zu erkennen gegeben, dessen Selbstherrlichkeit durch keinerlei Kompetenz getr\u00fcbt ist. Es gibt in diesem Dorf keine wirkliche Kulturpolitik, weil die Wirtschaft die eigentliche Stelle von Politik vertritt. Das einzige Kriterium, nach dem Verwaltungsr\u00e4te die K\u00fcnste beurteilen, ist ihre Wirtschaftlichkeit. Gleichzeitig halten sich die Bleistiftanspitzer in k\u00fcnstlerischen Fragen nicht zur\u00fcck, sondern mischen sich, eben mit dem Hinweis auf Wirtschaftlichkeit, in alles ein. Mit diesem Hintergrund fragt sich Vera, welches Spiel von den Menschen des P.P.M. nach welchen Regeln gespielt wird. \u201eHandelt ob es sich hierbei um die letzten Mohikaner eines Kunstbetriebs, der nach\u00adhaltig den restlosen Ausverkauf sei\u00adner Ideale und Innovationen betreibt?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aussagen \u00fcber die Malerei lassen sich als Schl\u00fcs\u00adselerlebnis deuten, das dazugeh\u00f6rige Schloss beabsich\u00adtigt sie auf der Hinterhofparty zu suchen. Am Samstag ruft Charlotte an, um Vera ins Kino einzuladen, um dort mit offenen Augen zu tr\u00e4umen; sie ist der Meinung, dass sie sich unbe\u00addingt <em>Citizen Kane<\/em> in Hinsicht auf ihre Nachforschungen durchsehen sollten. Eine Geb\u00fchreneinheit darauf ruft ein Typ an, der sich McGuffin nennt und darum bittet, die Druckplatte an ein Postfach zu senden. Er gestattet keine R\u00fcckfragen. Sie vermummt das Telefon mit ihrem Kopfkissen und stellt ihren K\u00f6rper unter eine heiss\/kalte Dusche, um den Kreislauf anzuregen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vera ist mit im Spiel; nachdem sie das Ei einen Kopf k\u00fcrzer gemacht hat, beschliesst sie, ein stilles Solo zu spielen und die Karte, sprich: Druckplatte, auszureizen, aller\u00addings nicht auf dem Postweg, sondern auf ihre <em>art<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kinobesuch erweist sich als Fundgrube, Parallelen zu Delaunay betreffs der Tiefenwirkung sind augenscheinlich. <em>Citizen Kane<\/em> ist ein grandioser Film, weil er das Geheimnis, das entdeckt werden kann, und das R\u00e4tsel, das eine L\u00f6sung fordert, durch ein Mysterium ersetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein gelun\u00adgener Auftakt zu dem Hinterhoffest, das sich als ausgelassene Mitsommerparty entpuppt, fort\u00adw\u00e4hrend sich ineinander aufl\u00f6sende Gruppen von Diskutanten und Tanzenden bewegen sich strudelf\u00f6r\u00admig \u00fcber den Hinterhof, reiben die K\u00f6pfe aneinander und spr\u00fchen Funken. Ein lecker Oberg\u00e4rig vom Fass ist das Schmiermittel f\u00fcr ihre Diskurse. Dee Jay Dionysos hinter dem Mischpult heizt an. Immer die N\u00e4chte durchmachen; es ist anstrengend, bis 4\u00b700 Uhr morgens in der Kneipe zu sitzen und zu saufen. Mit Menschen rumzuh\u00e4ngen, mit denen man eigentlich gar nichts zu tun hat, mit denen man nur zusammen den Abend verbringt, weil sie genauso auf der Suche sind wie man selbst. Da sitzt man dann mit tausend anderen einsamen Menschen rum und findet sich auch noch supercool. Auf diese Art alt zu werden, ist f\u00fcr Charlotte zu deprimierend. Sie verabschiedete sich mit einem Fingerzeig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb<em>4 rose<\/em>, but!?!\u00ab, fl\u00fcstert sie Vera in die Ohrmuschel und weist sie auf eine Gruppe hin, die sie mit der ihr eigenen fein\u00adf\u00fchligen Ironie als <em>Ostblock<\/em> kennzeichnete. Es han\u00addelt sich um den Polen Robert Knuth, dem man Kontakte zur<em>Solidarnosc<\/em> nachsagt, den <em>Maschinenschlosser<\/em> Wasa Marjanov aus der Herzegowina und dem ungarischen Schriftsteller B\u00e9la L\u00f3gos\u00ef.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vera ist im Begriff, sich der Gruppe unauff\u00e4llig zu n\u00e4hern, als Marjanov einen Autoschl\u00fcssel an B\u00e9la weitergibt, worauf dieser mit Knuth durch das Hoftor verschwindet. Unter dem Vorwand, eine Toilette zu suchen, folgt sie den beiden, kann aber nur noch beobachten, wie sie mit einem LKW in Richtung Innenstadt davonfahren. So entschliesst sie sich, Marjanov zu beschatten, der sich in einem angeregten Gespr\u00e4ch mit Hilmar Boehle und Marcel Hardung befindet, sie leiht sich Charlottes Diktierger\u00e4t und schneidet folgenden Wortlaut mit:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M.:\u2026 wer keine Anspr\u00fcche an den Raum stellt, kann sich auch nicht enteignet f\u00fchlen\u2026 Durch Gesten menschlicher K\u00f6rper werden Raumfelder umschrieben und Raumkanten aufgebrochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">B.: An die Grenzen architek\u00adtonischer Ausdrucksm\u00f6glich\u00adkeiten gelangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M.: Architektur von ihrem rein funktionalen Standard be\u00adfreien, und sie zum Tr\u00e4ger von Aktion, das bedeutet: Ereignis, Bewegung und Raum werden lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">B.: Nun, eine Idee repr\u00e4sen\u00adtieren, selbst, wenn sie nicht im\u00admer realistisch ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H.: Eben, eine Geschichte erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M.: Durch Konzentration verdeutlichen, welche Aktivi\u00adt\u00e4ten auff\u00fchrbar sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">B.: Das Innere des Museums passt sich dem Programm und den Aktivit\u00e4ten an, die Ebenen und die R\u00e4ume k\u00f6nnen sich st\u00e4n\u00addig unabh\u00e4ngig von einander \u00e4ndern, ohne die \u00e4ussere H\u00fclle zu beeinflussen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M.: Die Leere wird zur archi\u00adtektonischen Landschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H.: Die Grenzen verr\u00fccken, ausdehnen, experimentieren, aber keinen Schlussstrich ziehen einen Tempel der Gegenstandslosigkeit schaffen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">B.: Das Museum lebt von den Ereignissen, wehe dem Museum, das keine Sensationen bringt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M.: Es ist der Ordnungs\u00adzwang, mit dem wir uns vom Warenhaus der Wirklichkeit abgrenzen m\u00fcssen. Was uns bleibt, ist das Chaos als Methode, um die herrschenden harmonisie\u00adrenden Ordnungsbegriffe anzugreifen. Es soll daran erin\u00adnern, was wir verloren haben. An den heutigen Widerwillen, das Bauen als eine Gelegenheit zur Schaffung eines heroischen Ge\u00adf\u00fcges zu begreifen und die uns allen gemeinsame Unf\u00e4higkeit, die latente poetische Kraft eines bestimmten Baus zu entdecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H.: Der P.P.M\u2013Neubau soll als s\u00e4kulares Geb\u00e4ude eine Atmosph\u00e4re der Entspannung und der geistigen Anregung vermitteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem Vera das Tape abgeh\u00f6rt hat, d\u00e4mmert ihr, dass es nicht um ein verschwundenes Bild geht. Bildhauer dehnen K\u00f6rper zu Raumkunst, und Baumeister feilen an Grossskulpturen. Architektur hat ein parasit\u00e4res Verh\u00e4ltnis zur Bildhauerei. Der P.P.M\u2013Neubau kopiert die Natur nicht formalistisch. Sein Metabolismus nimmt Anleihen an der Funktionsweise des Lebens. Leben ist Wandel, Austausch, st\u00e4ndige Erneuerung. Vera hat es mit einer Metaphysik der Materie zu tun, die den alten Platonismus umdreht und das aristotelischen Primat der Form vor der Materie korrigiert. Durch alle Verkleidungen und T\u00e4uschungen dr\u00e4ngt eine grosse Wahrheit ans Licht: die Organisation der Materie als ein g\u00f6ttliches Prinzip der Metamorphose. Austauschbarkeit und Recycling, wie im Stoffwechsel der Natur oder innerhalb eines Organismus, das ist die Kernidee des Metabolismus. Er geht um Einsichten in den universalen Zusammenhang der Dinge, in den kontinuierlichen Formenwechsel der Materie, in die Verwandtschaft der Lebensformen insgesamt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Museums f\u00fcr moderne Kunst reiht nicht Daten und Fakten aneinander, hier werden Kraftfelder herausgearbeitet, zwischen denen sich die Identit\u00e4t der Stadt kristallisiert. Das Museum wird zu einem Amalgam, einer Nahtstelle zwischen Zivilgesellschaft und Staat. Es l\u00e4sst sich der Utopieverlust ersp\u00fcren, der die Kunst auf ihrem Weg ins 21. Jahrhundert begleitet. Die Artisten wollen keine blosse Kunstausstellung unter einem Sheddach, sondern Kunst in einem Feld anderer kultureller Aktivit\u00e4ten und Formen zeigen und eine Plattform bieten, auf der das sinnbildlich vermittelt werden kann. Die Arbeit geht weiter, verselbstst\u00e4ndigt sich und macht die Artisten vergessen, dass sie st\u00e4ndig an diesem Projekt arbeiten. Der Leerlauf von Handlung l\u00e4sst neue Arbeit entstehen. Das ist dann der Moment, in dem sie einen neuen Raum im Raum bauen. Vera reflektiert einen Zugang:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas wissen wir \u00fcber die F\u00e4higkeit, sich selbst immer wieder neu zu erfinden? Die Wirklichkeit ist immer eindeutig, M\u00f6glichkeiten sind vielf\u00e4ltig. Vergleichen heisst nicht gleichsetzen. Von der digitalen Bildbearbeitung haben wir gelernt, dem auf Fotos Sichtbaren nicht mehr zu glauben. Sehen organisiert nichts mehr. K\u00fcnstler erkl\u00e4ren uns, dass es keine Bilder mehr gibt. Einst riss man Zitate aus dem Zusammenhang\u2026 heutigentags gibt es keine Zusammenh\u00e4nge mehr, nur noch Erregungswellen auf dem Meinungsmarkt. Der Schl\u00fcssel, will sagen: konzentrier\u00adter Humus zur Malerei, und das Schloss, sprich Stellung der Kunst zur Architektur oder auch: Kunst als Architektur \u2013 passen!\u201c Sie muss nur noch die T\u00fcr finden, um zu sehen, was dahinter steckt. Die Spur, die sich daraus ergibt, f\u00fchrt in ein altes Bilker Kino, von dem auf dem Fest die Rede war und das in ein Fotostudio umgebaut worden ist. Durch den alten unverschlossenen Notausgang gelangt sie in den ehe\u00admaligen Projektionsraum und kann von dort aus zusehen, ohne gesehen zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben einem Fotografen befinden sich dort f\u00fcnf T\u00e4nzerinnen, sowie Marjanov, Lohmann und L\u00f3gos\u00ef. Die T\u00e4nzerinnen bewegen sich in einem nebul\u00f6sen Raum ohne Tiefe und stellen gem\u00e4ss den Anweisungen von Lohmann und Marjanov f\u00fcnf Begriffe dar. Wahrnehmungsvirtuosit\u00e4t trifft auf Intelligenzartistik. Geistige Gastarbeiter. Zur\u00fcckgenommen bis an die Grenze der Selbstvernachl\u00e4ssigung. In die Wandlung des Raums wurde der K\u00f6rper selbst mit einbezogen, die Magie der vollendeten Bewegung, \u00fcbertragen in materialmanifestierte Form, welche sich aus der K\u00f6rperstatik ergibt, der menschliche K\u00f6rper als Vorgabe f\u00fcr die sp\u00e4teren Studien am Reissbrett. Man sch\u00f6pft zu wenig aus der Realit\u00e4t und kopiert statt dessen zu h\u00e4ufig, was man von den Medien vorgesetzt bekommt. Aber solange es Geistesgegenwart gibt, ist nichts verloren. Hier dienen Bewegungen des K\u00f6rpers als Grundlage f\u00fcr die, im wahrsten Sinne des Ortes: <em>humane Architektur<\/em>, eine Bewegung im Hyperraum zu der Musik der <em>Cyber\u00adnetic Sisters,<\/em> dem verf\u00fchrerischen Klang der Sirenen auf der Transzenden\u00ad<em>talfahrt<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBeim Tanz ist man intuitiver, st\u00e4rker Gef\u00fchlsmensch, die Arbeit konstituiert sich eher \u00fcber das intuitive Schauen als \u00fcber die rationale Begrifflichkeit. In einer sprachlosen Lage tritt Tanz als <em>eine andere Sprache<\/em> ein\u00ab, charakterisiert Helga D\u00fcrr, die Tanzlehrerin, in der Pause die Choreografische Installation. Tanz ist auf zwei Weisen politisch: Entweder spiegelt er die Machtverh\u00e4ltnisse wider und tr\u00e4gt so zu deren St\u00e4rkung bei, oder er opponiert gegen die herrschenden M\u00e4chte und unterl\u00e4uft deren Ordnung. Der Choreographin geht es darum, Neues zuzulassen, Kunst als weite Form von Verstehen zu begreifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Blick auf das Modell zeigt einen Neubau, der an ein von Bauhaus\u2013Sch\u00fclern designtes UFO erinnert, ein Fremdk\u00f6rper, der die M\u00f6glichkeiten des Bauens, die Erinnerungen aufgreift, ohne historizistisch zu werden, und pragmatisch das Vorhandene nutzt, um daraus atemberaubende Kunstfluchten zu entwickeln. Der Raum kann als Metapher begriffen werden: Hier gibt es Geradeauswahrheit so wenig wie Geradeausgeometrie, hier wird Geschichte nicht linear, nicht in den Rastern des Rationalen pr\u00e4sentiert. Hier erzwingt die Architektur auf sanfte Weise den permanenten Orts\u2013 und Perspektivenwechsel. Atemberaubende Fluchten, dramatische Perspektiven. Hinter der Glasfassade wird der Bau innen statisch gehalten von einem dreist\u00f6ckigen Sockel aus betoniertem, warmgelbem Muschelkalk, der nachts effektvoll angestrahlt wird und den Kubus selbst zu einer bildhauerischen Geste macht. Denn der Bau wandelt sich mit den Tageszeiten: Manchmal wirkt er durchsichtig, manchmal opak, je nach St\u00e4rke und Standort der Sonne; nachts ist er eine Leuchtskulptur. Stahl spriesst aus dem Boden, Beton eckt an, und Treppen zacken durch die Luft. Sie zielen ins Zentrum der Baukultur, wollten \u00fcberraschen, schockieren mit schr\u00e4gen Ideen und noch schr\u00e4gerer Architektur, mit schiefen St\u00fctzen, wankenden Glasfronten und Erkern, die aus dem Bau hervorbrechen wie Maschinenteile. Auf der R\u00fcckseite, an der unwirtlichen Kreuzung zweier Verkehrsachsen gibt eine riesige Laterne direkt \u00fcber die Tunneleinfahrt der ortlosen Durchfahrt ein Gesicht. \u00dcber dem Vordach des Erdgeschosses bildet das Geb\u00e4ude einen Leuchtk\u00f6rper, dessen Kontur eine steile Parabel beschreibt und der f\u00fcr die Vor\u00fcberfahrenden schon von weitem zu sehen ist. Aus der N\u00e4he wird klar, dass es sich um den transparenten Kopfbau einer kompliziert gebogenen Glasfassade handelt, der eigentlichen Schauseite des Hauses. Diese Museumsmaschine ist eine in die Zukunft weisende High\u2013Tech\u2013Konstruktion. Der mehrfach gebogene Glask\u00f6rper, der sich wie ein gebl\u00e4htes Segel vor das Geb\u00e4ude legt und mit seinem computergenerierten Schlauchdesign allerlei biologische Assoziationen zul\u00e4sst. Der Blop reicht vom Tunnelmund bis zur Gasse und schwingt dort vor der kleinen mittelalterlichen Kirche elegant beiseite. So m\u00fcndet die optisch zugem\u00fcllte Einkaufsstrasse in einen noblen Platz, der sich wie der beruhigte Altarm eines Flusses verzweigt, um unter anderem auf der Terrasse eines benachbarten Caf\u00e9s hinter den Strebepfeilern der Kirche zu versickern. Im st\u00e4dtebaulichen Chaos aus verwahrlostem Wiederaufbau und billig angeh\u00fcbschten Schachteln schenkt dieses Glaswunder in Spiegelungen dem Himmel Beachtung, den Wolken und der gotischen Kirche und es schenkt den Passanten etwas Poesie. Der eindrucksvollste Blick auf die Konstruktion der Glasfassade und die Stadt dahinter bietet sich von der obersten Plattform aus, die g\u00e4nzlich von Glas \u00fcberw\u00f6lbt ist. Dieses Bauwerk ist ein sinnlich entwickelter K\u00f6rper, der sinnlich erfahren werden muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gute Architektur fordert sie mit Sensationen. Vera lernt, zu sehen, und traut sich, r\u00e4umlich zu f\u00fchlen. Aufgrund dieser Informationen schickt sie eine fe\u2013mail an den McGuffin und fordert einen Termin f\u00fcr die \u00dcbergabe. Der McGuffin besteht aus: Lohmann, Marjanov und Bela L\u00f3gos\u00ef. Sie haben es in der Technik des L\u00fcgens schon so weit gebracht, dass sie deren h\u00f6chste Stufe anwenden kann: einfach die Wahrheit zu sagen. Ihre Kunst ist grenzenlos geworden, gerade in ihrer zur Schau gestellten Aufrichtigkeit. Vera ist der Wahrnehmungseinfalt \u00fcberdr\u00fcssig, sie m\u00f6chte nicht mehr aufkl\u00e4ren, was bereits offenbar ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Monster<\/strong>, Short-Stories von A.J. Weigoni. Krash-Verlag 1990<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1990\/01\/Monster_Cover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-48067\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1990\/01\/Monster_Cover.jpeg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"281\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff <em>Trash<\/em> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. Daher sei sei Enno Stahls fulminantes Zeitdokument\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26047\">Deutscher Trash<\/a> ebenso eindr\u00fccklich empfohlen wie Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <strong>Monster<\/strong> Short-Stories waren die Vorstufe zu <strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A.J. Weigoni, Edition Das Labor 2010<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt zu <strong>Zombies<\/strong> einen Artikel von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/05\/turbokapitalistischer-realismus\/\">Kultura-extra<\/a> aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.fixpoetry.com\/feuilleton\/kritiken\/andrascz-j-weigoni\/zombies-0\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>. Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vera Strange h\u00e4tte es sich denken k\u00f6nnen: es konnte nur ein grauenhafter Tag werden. Doch, der Reihenschaltung nach. 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