{"id":72487,"date":"2010-09-18T00:01:44","date_gmt":"2010-09-17T22:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72487"},"modified":"2022-03-06T19:48:02","modified_gmt":"2022-03-06T18:48:02","slug":"familienbande","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/18\/familienbande\/","title":{"rendered":"Familienbande"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Theobald Ulbricht verl\u00e4sst die Haftanstalt. Sieht sich nicht um. Achtet nicht auf den Gruss. Die gusseiserne T\u00fcr schl\u00e4gt hinter ihm zu. Er ist resozialisiert. F\u00fchlt sich frei. Geht ein paar federnde Schritte. Bleibt auf dem B\u00fcrgersteig stehen. Setzt den Koffer ab. Lehnt den Kopf zur\u00fcck. Breitet die Arme aus. Blinzelt in die Sonne. Schliesst die Augen. H\u00e4lt sich das linke Nasenloch zu. Atmet tief durch das rechte ein. Wiederholt den Vorgang seitenverkehrt. \u00d6ffnet seine Augen. Nimmt seinen Koffer. Geht zielgerichtet auf die Telefonzelle mit dem M\u00fcnztelefon zu. \u00d6ffnet die T\u00fcr. Stellt den Koffer erneut ab. L\u00e4sst ein paar M\u00fcnzen in den Schlitz klappern. W\u00e4hlt die Rufzentrale eines Taxiunternehmens. Bestellt eine Droschke. In der Buchbinderei hat er am Schluss seinen Stundenlohn verdoppelt und gut verdient. Versteuern muss er seinen Verdienst nicht, also f\u00fchrt er es dem Wirtschaftskreislauf wieder zu. Er h\u00e4ngt den H\u00f6rer ein. Greift den Koffer. Dreht sich herum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jemand reisst die T\u00fcr auf. Legt ein Kleinkalibergewehr der Marke Browning Arms Company in Anschlag. Feuert zw\u00f6lfmal ab. Pr\u00fcgelt mit dem Gewehrkolben auf den Sterbenden ein. Schliesst die T\u00fcr der Telefonzelle. Der H\u00f6rer baumelt am Apparat herunter. Das Freizeichen der Post summt ein Kontinuum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernhard Merks hastet zu seinem metallicschwarzen Auto zur\u00fcck. Reisst die T\u00fcr auf. Wirft das Gewehr auf den R\u00fccksitz. Knallt die T\u00fcr zu. Seine Frau Monika startet den Wagen. Gibt Gas. Wartet nicht, bis ihr Mann sich angeschnallt hat. Sie sp\u00fcrte als Kind die Spannungen, eine latente Gewalt, die immer in der Luft lag. Oft schickte die Mutter sie zu Nachbarn, bevor Streit ausbrach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Mutter Judith, im Wagen dahinter, hat M\u00fche zu folgen. Im R\u00fcckspiegel blickt sie kurz auf ihren verblutenden Exmann. 13 Jahre zuvor musste er zum ersten Mal in eine psychiatrische Klinik. Vier weitere Aufenthalte folgten. Ohne die Einnahme starker Antidepressiva kam er nicht mehr aus. In seinen Wahnsch\u00fcben war er so gef\u00e4hrlich, dass sie sich um die Unversehrtheit ihres Kindes sorgte. Wann ihr das Leben aus den H\u00e4nden geglitten ist, kann sie nicht sagen. Wahrscheinlich, als sie in das <em>Land der Gottlosen<\/em> zogen. Sie wollten nie weg aus der Heimatstadt, wollten raus aus der Sozialhilfe, ran an die Arbeit. Glaubten an ihren Abgeordneten, der die Arbeitsgesellschaft f\u00fcr die beste Form der Sozialhilfe h\u00e4lt. In das <em>Land der Gottlosen <\/em>wurden jene Sozialf\u00e4lle eingewiesen, die kein Vermieter mehr haben wollte. \u00dcber Berge von Matratzen, M\u00fclls\u00e4cken und rostigen Hundefutterdosen f\u00fchrt der Weg zu ihrer Behausung. Man musste eine verkohlte Holzstiege hochgehen, am Schlafraum mit der verkeimten Matratze vorbei zum Kinderzimmer. Der Arzt verschrieb ihr Antidepressiva, ihre Tochter kam untergewichtig zur Welt, weil Judith w\u00e4hrend der Schwangerschaft stark rauchte, Alkohol trank und sich miserabel ern\u00e4hrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Wort von Judith Ulbricht h\u00e4tte damals gen\u00fcgt, um ihren Ehemann f\u00fcr den Rest seines Lebens in die Klapse zu bringen. Statt dessen k\u00e4mpfte sie jedes Mal um seine Entlassung, verhandelte mit Beh\u00f6rden und bettelte bei den \u00c4rzten. Ihre Geduld langte an einem Endpunkt an, als er volltrunken versuchte, sie mit einem Schlachtermesser zu t\u00f6ten. Sie floh mitten in der Nacht mit ihrer Tochter aus der Wohnung. In Gedanken \u00fcbersieht Judith das stop\u2013Schild. Legt den 4. Gang ein. Folgt ihrem Schwiegersohn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bestellte Droschke biegt um die Ecke. Travis merkt, dass er kein Geld mehr an einem Transport verdienen kann. Der Taxifahrer bestellt \u00fcber Funk einen Notarztwagen und liefert eine Skizze des Tatorts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Polizei leitet die Fahndung ein. Alarmstufe rot. Hektischer Funkverkehr. Fahndungsbriefe \u00fcber Telefax. Der b\u00fcrokratische Apparat l\u00e4uft l\u00fcckenlos. Das Objekt ist geortet. Die Familie wird an einem Grenz\u00fcbergang gefasst und ins Gef\u00e4ngnis gebracht. Ironie des Schicksals: weil keine andere Zelle frei ist, n\u00e4chtigt Bernhard Merks in der Gef\u00e4ngniszelle seines Schwiegervaters.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pressekonferenz. Fototermin. Der Staatsanwalt l\u00e4chelt messerscharf. Zeigt den Vertretern der Presse sein Gebiss. Er macht seine Arbeit erst, nachdem er sein Image produziert hat. Verabscheut alle vorgefertigten Gewissheiten, ist ein tougher Typ, nicht ohne Pers\u00f6nlichkeit, aber ohne jede Selbstironie. Ist der festen Ansicht, dass Gutgl\u00e4ubigkeit und Vertrauensbereitschaft den Machtinstinkt schw\u00e4chen. Der Anklagevertreter ist herrschs\u00fcchtig, beherrscht, was immer er vorfindet. Nachdem er seinen Mund ge\u00f6ffnet hat, gibt er den Journalisten die harten Facts \u00fcber diesen Fall von <em>Blutschande<\/em> bekannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der T\u00e4ter sei gest\u00e4ndig. Bernhard Merks habe seinen Schwiegervater get\u00f6tet. Der Grund sei die unbew\u00e4ltigte Vergangenheit. F\u00fcr Theobald Ulbricht war seine Tochter sein pers\u00f6nlicher Besitz. Er steigerte seinen Selbstwert damit, seine Kinder zu beherrschen und hat das M\u00e4dchen im Alter von dreizehn Jahren zum ersten Mal vergewaltigt. Die Momente, in denen er sich sexuell beschaffen konnte, was er brauchte, waren die einzigen, in denen er seinen Selbsthass und seinen Zorn nicht sp\u00fcrte. Wie die meisten Menschen konnte er die Welt nur im Spiegel der eigenen Person begreifen. Theobald Ulbricht war v\u00f6llig auf Eroberung fixiert. Die Jagd verschaffte ihm kurze Momente von Anerkennung, sogar von Hoffnung. Er wollte dominieren, keine Intimit\u00e4t, keine Gef\u00fchle, kein Risiko. Es ging nicht um Frauen, es ging um K\u00f6rperteile.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Theobald Ulbrichts Generation ist nicht spontan, weil sie glaubt, bereits alles zu kennen. Und ist trotzdem \u00fcberrascht, wenn die eigene Erfahrung wehtut. Sie sind wie ihre Zeit: grobschl\u00e4chtig, taktlos, derb. Eine dumpfe K\u00f6rperlichkeit, Intrigen, Ausgrenzungsmechanismen und \u00fcble Nachrede sind im <em>Land der Gottlosen<\/em> an der Tagesordnung. Seine Frau Judith hat aus Angst vor den Nachbarn geschwiegen und bei Foto\u2013 und Videoaufnahmen mitgemacht, um die Sozialhilfe aufzubessern. F\u00fcr einen Verleiher in Belgien hat das Ehepaar Kinderpornos hergestellt. Niemand aus der Nachbarschaft wunderte sich, warum sich die Familie einen Neuwagen und Fernreisen leisten konnte. Drei Jahre nach der ersten Vergewaltigung wurde eine Schwangerschaft festgestellt. Monika gebar ein geistig behindertes Kind. Erst als sie Bernhard Merks heiratete, hatte sie den Mut, das Jugendamt in Kenntnis zu setzen. Ihr Vater wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt und wegen guter F\u00fchrung nach vier Jahren entlassen, auch weil er sich bei seinem Hafturlaub nichts hat zu schulden kommen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer der Vergangenheit nachjagt, muss schnell sein. Der Anschlag wird zur Schlagzeile. Spalten k\u00f6nnen aufgef\u00fcllt werden. Kamerateams verzahnen die Realit\u00e4t und mit der Medialit\u00e4t. Der Tod ist der unverbrauchbare K\u00f6der der Medien, Tote werden in die Augen der Zuschauer hinein beerdigt und auf diese Weise entgegen aller sonstigen Verdr\u00e4ngung des Todes zu einem \u00f6ffentlichen Ereignis. Das Sommerloch wird abgef\u00fcllt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div id=\"attachment_97950\" style=\"width: 217px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-97950\" class=\"wp-image-97950 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Zombies-e1645795065341.jpeg\" alt=\"\" width=\"207\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-97950\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Theobald Ulbricht verl\u00e4sst die Haftanstalt. Sieht sich nicht um. Achtet nicht auf den Gruss. Die gusseiserne T\u00fcr schl\u00e4gt hinter ihm zu. Er ist resozialisiert. F\u00fchlt sich frei. Geht ein paar federnde Schritte. Bleibt auf dem B\u00fcrgersteig stehen. 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