{"id":72462,"date":"1990-04-26T00:01:10","date_gmt":"1990-04-25T22:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72462"},"modified":"2022-02-27T14:06:35","modified_gmt":"2022-02-27T13:06:35","slug":"vom-feinsten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/04\/26\/vom-feinsten\/","title":{"rendered":"Vom Feinsten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Willbert Neumann hat ein Leichenschauhaus besucht, um zu recherchieren. Jeder angehende Arzt muss K\u00f6rper auseinander nehmen und die inneren Organe studieren, niemand findet das anst\u00f6ssig. In der Pathologie bekommt er ein anderes Bewusstsein f\u00fcr Menschen. Sein Interesse ist nicht von krankhafter Natur, sondern reine Neugierde. Er geht nach der Arbeit oft in Caf\u00e9s und beobachtet das Verhalten der Menschen; ihn interessieren alle Formen des Daseins.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAlles ist Ver\u00e4nderung, das ist das einzige, worauf wir z\u00e4hlen k\u00f6nnen\u00ab, schildert Sharon Hoog die einzige Gewissheit, \u00fcber die sie verf\u00fcgt, die Realit\u00e4t ihrer Tr\u00e4ume in Bildern. Sie stanzt als Partytalk ihre Worte aus der Grammatik wie Pl\u00e4tzchen aus dem Teig und nippt an ihrem Drink, um die Kr\u00fcmel in den Schlund zu sp\u00fclen. Ph\u00f6nixe aus der Zigarettenasche. Ein M\u00e4rchenwesen, vom Himmel gefallen und doch ganz von dieser Welt. Sie streicht ihre langen Haare wie einen Vorhang aus dem Gesicht und beglaubigt eine Individualit\u00e4t, die er nicht glauben kann. Eine erotische Aussenseiterin, die allen und keinem geh\u00f6rt, nur sich selbst. Die Identit\u00e4tsfrage zwischen Mann und Frau geht nicht \u00fcber Sexualit\u00e4t hinaus. Die psychologische Ann\u00e4herung hat wahrscheinlich noch nicht stattgefunden, geistige und romantische Haltung sind dieser Spezies wichtiger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Willi dreht sich zu Sharon herum. Hass ist f\u00fcr seinen fr\u00f6stelnden Schauder ein falscher Begriff. Er sucht zu begreifen, doch er greift daneben. Greift in das schwarze schalltote Nichts der Leere. Sieht in glasige Augen. Das aufgequollene Gesicht einer mond\u00e4n zerst\u00f6rten, exzentrischen Schlampe. Ihre Zunge gleitet wie ein schl\u00e4friges Reptil aus ihrem Mund und tastet gierig \u00fcber die trockenen Lippen. Manche Frauen scheinen mit High Heels auf die Welt gekommen zu sein, so m\u00fchelos wirkt ihre Fortbewegung auf diesen Stelzen. Als Sharon jedoch mit ihren langen, sehnigen Beinen auf ihn zust\u00f6ckelt, sieht das so unfallgef\u00e4hrlich aus, dass er jederzeit einen Zusammenbruch erwartet. W\u00e4hrend bei Frauen h\u00f6herer Gesellschaftsschichten immer alles aussehen soll, als sei es angeboren, sind Hauswartsdiven stolz darauf, mit ihrer H\u00e4nde Arbeit Wirkungen zu erzielen. Da darf die Schminke pastos sein und der BH sichtbar einschneiden. M\u00e4nnliche Crossdresser orientieren sich daher am Sonntagsstyling von Bardamen: da ist Nat\u00fcrlichkeit gar nicht erst gefragt. Sharon muss nicht attraktiv sein, um erotisch zu wirken. Es verwirrt ihn, dass sie ihn in hoffende Verlegenheit st\u00fcrzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn Dinge so sind, wie sie wirklich sind, warum soll man versuchen, sie anders darzustellen?\u00ab, versucht sie ihn mit ungest\u00fcmer Beweglichkeit in ein Gespr\u00e4ch zu verwickeln. Zieht ihre S\u00e4tze wie Girlanden auseinander, schmeckt jedes Wort ab und scheint erst mal darum herum zu schleichen, um zu gucken, wo die Anh\u00e4ngerkupplung f\u00fcr das n\u00e4chste ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie anderen wollen von einem, was man eigentlich von ihnen will\u00ab, knurrt er mit \u00fcberkandidelter Blasiertheit, mit der er auch four\u2013letter\u2013words wie ein artifizielles Eigenprodukt im Gaumen schnalzen l\u00e4sst. Sein M\u00e4nnlichkeitskost\u00fcm ist ein Akt wahnhaft gewordener sozialer Identit\u00e4t. M\u00e4nner wissen viel, haben viel im Kopf, aber sie wissen nichts \u00fcber den K\u00f6rper. Sie sind verkrampft. <em>Stehen das durch<\/em>, weil sie wie alle Helden ahnen, dass jenseits dieses Lebens eine grosse Leere klafft. Manche M\u00e4nner werden niemals Helden. Und manche Helden niemals M\u00e4nner. Aber manche haben das Gl\u00fcck beides zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sharon und Willi sind Beziehungsjunkies, ihre K\u00fcsse \u00e4hneln Bissen von Vampiren, die sich gegenseitig aussaugen, jeder davon eine Infusion. Das Gespenstische an ihrer Beziehung war die F\u00e4higkeit, sich gegenseitig Brennglas zu sein und die tollsten Sachen beim anderen auszul\u00f6sen und zu sp\u00fcren. Sie l\u00f6sten gegenseitig ihre Ur\u00e4ngste aus, h\u00f6rten beim anderen die Fl\u00f6he husten und verloren sich dennoch in Distanz. Sie waren nie normal zusammen, die normale Paar\u2013Langeweile, bei der man bestrumpfsockt und im Wollpullover auf dem Sofa sitzt und die bestellte Pizza verzehrt, dann \u00fcber Probleme redet, um anschliessend h\u00e4ndchenhaltend durch die Vorstadt zu laufen und romantisch den Mond anzuheulen, diesen Beziehungsalltag gab es bei ihnen nicht. Entweder sie waren selig oder kreuzungl\u00fccklich, dazwischen gab es nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Willi einen wunden Punkt bei ihr traf, war sie sofort ein hilfloses, ver\u00e4ngstigtes Kind, unf\u00e4hig zu reagieren, abgesehen von Vorw\u00fcrfen, Tr\u00e4nen und Gezerre, unf\u00e4hig einen Ausweg zu sehen, in elementarer Abh\u00e4ngigkeit zitternd. Wenn sie in dieser Verfassung war, wurde Willi sogleich auch wahnsinnig und reagierte ebenso elementar, eisig und grausam. Das trieb sie tiefer ins Elend, ihn tiefer in den Selbsthass. Sobald Sharon wieder stabil und locker wurde, war er es auch wieder, egal, was zuvor an b\u00f6sen Worte gefallen waren. Deshalb denkt Sharon, dass noch alles bei ihnen drin ist. In jede Richtung. Den Eifersuchtsmord w\u00fcrde sie ebenso wenig ausschliessen wie die gl\u00fcckliche Paarung. Die V\u00f6gel haben sie an diesem Tag schon sehr fr\u00fch geweckt. Leider l\u00f6st alles, was mit \u00fcberformter Natur und landschaftlicher Sch\u00f6nheit zusammenh\u00e4ngt, grosse Wehmut bei ihr aus. Das dumme Los der Liebenden: alles h\u00e4ngt mit dem Geliebten und gemeinsamen Erinnerungen zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Willi ist an diesem Abend von geradezu explosiver Sch\u00fcchternheit. Er wendet sich ab, sieht auf Fenster der gegen\u00fcberliegenden Wohnmaschine. Metropolen machen aus Menschen nerv\u00f6se Monaden. Wohnraum steht leer. Zur\u00fcck bleibt ein steinernes Korsett. Die alte Stadtstruktur implodiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sharon umflort eine Aura konservierter M\u00e4dchenhaftigkeit. Sie geh\u00f6rt in die Tradition der weiblichen sch\u00f6nen Schmerzensfrau, ein Ballerinentyp: Die Haare zur\u00fcck, unter den Augen dunkle Schatten, das Ephebische lugt hervor. Sie l\u00e4chelt und zieht die Oberlippe zu einem gediegen herablassenden Gesichtsausdruck hoch und beschw\u00f6rt damit Erinnerungen als sich Aggregatzust\u00e4nde \u00e4nderten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lebensgier trifft auf Lustangst. Sharon setzt auf den objektiven Zufall, preist die Langeweile als Zugang zum Wunderbaren und glaubt an die Zaubermacht der Liebe, an die Begierde und daran, wie schwer es ist, beides zu trennen. Oder zu vereinen. Sie \u00e4hnelt einer Kobra, die ihr Opfer einpendelt. H\u00e4lt mit ihren kalten Augen Ausschau nach dem n\u00e4chsten Opfer. Will geliebt werden, ist auf einer permanenten Suche. Weg von der Existenz, die nur Behauptung der M\u00e4nner ist. Sharon ist eine Projektionsfl\u00e4che, alles was M\u00e4nner in ihr sehen wollen, ein unwiderstehliches Niemandskind, das in der jeweiligen Situation immer genau das erf\u00fcllt, was der Mann w\u00fcnscht. Willi kommt damit nicht zurecht. Hoffnung ist ein Mangel an Aufkl\u00e4rung. Die hypermodernen Menschen st\u00fcrzen gerade deshalb in tiefe Verzweiflung, weil sie den schrecklichen Sinn ihres Gewordenseins begreifen. Sie w\u00e4hlen die n\u00e4chstliegende Sinnl\u00f6schung. Kaum vorstellbar, dass sie sich je geliebt haben. Eine im Konjunktiv versandete Erinnerung. Sie sind an dem Punkt angelangt, an dem ihr Streit im Schweigen weitergeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWer in der Gegenwart nichts findet, muss hinter sich selbst zur\u00fcckgehen. Es gibt nicht nur sich selbst erf\u00fcllende Prophezeiungen, sondern auch sich selbst erf\u00fcllende Hysterisierungen. Neigen wir nicht alle dazu, die Vergangenheit nach Massgabe unserer Gegenwart zu beurteilen?\u00ab, reisst ihn Rajiv Singh, der Gastgeber, aus den Gedanken und reicht einen Drink.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Aperitif werden von den <em>Multik\u00f6chen<\/em> gew\u00fcrzte Heuschrecken und eine Auswahl von W\u00fcrmern gereicht. Es gibt kein essbares Tier, das nicht ausgekl\u00fcgelten Qu\u00e4lereien ausgesetzt wird: Fischen wird der Gaumen vom dreifachen Widerhaken zerrissen; Hummer werden lebend ins kochende Wasser geworfen, weil ihre Todeszuckungen dem Fleisch eine besondere W\u00fcrze verleihen. Krabben wird bei der Geburt eine Schere amputiert, damit die andere besonders gross und deformiert w\u00e4chst und mehr Fleisch f\u00fcr den Feinschmecker liefert, Aus den vergr\u00f6sserten Lebern von G\u00e4nsen macht man cremige Pat\u00e9. Um dem K\u00f6rper frisches Protein zuzuf\u00fchren, werden Leckerbissen wie Mehlwurmsalat in Gurkensch\u00e4lchen, ger\u00f6stete Skorpione an gr\u00fcnem Spargel und frittierte Taranteln aus dem Bereich der Wimmelscharen serviert. Als Hauptgang kann man zwischen Elefanteneintopf, K\u00e4nguruhfilets und Giraffengulasch w\u00e4hlen. Sp\u00e4ter gibt es Heuschrecken\u2013 und Gem\u00fcsetempura, Mehlwurmb\u00e4llchen in scharfer Tomatensauce und Wurmh\u00e4ppchen mit Pflaumendipping. Die G\u00e4ste der Festivit\u00e4t m\u00fcssen darauf achten, vor dem Verzehr der Heuschrecken deren F\u00fcsse zu entfernen, weil sie zwischen den Z\u00e4hnen h\u00e4ngen bleiben. Willi wendet sich Rajiv, weil er das Gef\u00fchl hat, eine Antwort schuldig zu sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWusstest du, dass Gottesanbeterinnen der Phrase vom kopflosen Sex eine ganz neue Bedeutung geben? W\u00e4hrend der Kopulation verzehren sie den Kopf ihres Partners. Dessen Nervensystem ist so eingerichtet, dass es auch ohne Kopf noch weiter Sex hat. Das Weibchen kaut auf dem Kopf des M\u00e4nnchens herum, aber der Akt geht weiter\u00ab, parliert er. Sein K\u00f6rper wirkt fast ausged\u00f6rrt von seinem g\u00e4nzlich asexuellen Arbeitsethos. Unter der Oberfl\u00e4che seines Gesichts brodelt etwas Unheimliches. Manchmal entl\u00e4dt es sich, in heftigen Zuckungen oder einem irren Blitzen der Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBis du dreissig bist, brauchst du ein Fitness\u2013Center und einen guten Lehrer, danach einen Therapeuten einen guten Chirurgen. Sich Vergegenw\u00e4rtigung einzugestehen, ist meist ein schmerzhafter Prozess. Unsere Schere im Kopf hat nicht nur den Schmerz gekappt. Das Schlimmste am Alter ist die Erinnerung an die Zeit, als man jung war. Unseren geistigen und k\u00f6rperlichen Zerfall stellen wir uns nur selten als den Weg zum Tod vor\u00ab, schreckt Rajiv zur\u00fcck. Sie haben voneinander noch immer Auffassungen, die durch keinerlei Sachkenntnis getr\u00fcbt sind. Eigentlich hat er keine festen \u00dcberzeugungen. So kann er sie leichter \u00e4ndern. Hat jahrelang am Rad gedreht und erst an diesem Abend gemerkt, dass er drinsitzt. Der alte Kollege wirbt daf\u00fcr zu akzeptieren, was eines Tages so oder so gekommen w\u00e4re. Tiefgang auf einer Party ist f\u00fcr seinen Geschmack zu viel des Guten. Bei Champagner perlen Belanglosigkeiten, in denen sich Menschen zu Kenntnis und Kontur bringen. Sie \u00fcbersetzten das Grundlose, die Abgehobenheit und das Hinf\u00e4llige ihrer sozialen Schicht in Einzelschicksale. Ihre Stunden sind sinnlose Stunden, im Wissen um die absolute K\u00fcnstlichkeit ihrer Existenz. Man sollte sich in Gesellschaft immer in Andeutungen ergehen, damit man einen Grund hat, sp\u00e4ter darauf zur\u00fcckzukommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer befreiende Dilettantismus ist Anfang und Ende zugleich!\u00ab, gibt Rajiv den ernsten Narren unter lauter lustigen und zieht seine G\u00e4ste in den Bann der Unentscheidbarkeit. Weil er an knallharte und offene Debatten gew\u00f6hnt ist, f\u00e4llt ihm der Grad an Konformit\u00e4t, Befangenheit, betretenem Schweigen und sich selbst herabsetzendem Philosemitismus auf. Er wandelt sich vom expressiven Selbstzerst\u00f6rer zum romantisch gebrochenen Sch\u00f6ngeist und ist dabei ein blendender, auf unterhaltsame Weise eitler Mann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Ergriffenheit bringt uns weiter. Gerade Pathetik hilft uns, mit den ernsten Dingen umzugehen\u00ab, parodiert Willi Party\u2013Dialoge, die in ihrer herzzerreissenden Schmachtigkeit kaum an Inhaltsleere zu \u00fcberbieten sind. Die Menschen sind nicht zum Klagen geboren, aber es scheint, als w\u00e4ren sie daf\u00fcr geschaffen. Sie sind zu allem f\u00e4hig, zum Leiden, zum Verzweifeln, zum Hoffen\u2026 nur nicht zum Handeln. Sie leben von der Sucht nach Spass und Geld. Die Vorstellung, dass Wissen nicht nur Macht, sondern auch Gefahr darstellt, ist in ihrer Geschichte tief verwurzelt. Sein Drang zum Pers\u00f6nlichen entspricht nicht dem Drang zum Subjektiven, um eine Szene zu vermeiden verabschiedet er sich still von Sharon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas schl\u00e4gst du vor?\u00ab, erkundigt sich Rajiv mit einer Klammerbemerkung, weil er nicht weiss, was sein Kollege damit exakt meint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch werde m\u00f6glichst unauff\u00e4llig verschwinden.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Willi l\u00e4sst die T\u00fcr ins Schloss fallen. Greift eine Flasche uerige aus seinem K\u00fchlschrank. L\u00e4sst den Schnappverschluss pl\u00f6ppen. H\u00e4lt das Glas schr\u00e4g, um m\u00f6glichst viel von dem leckeren Oberg\u00e4rigen einsch\u00fctten zu k\u00f6nnen. Schaltet die Aufzeichnungsmaschine an. Die herzlich h\u00f6lzerne Einladung seiner Eltern zum Essen stimmt ihn heiter. Er schaltet die Maschine ab. L\u00e4sst die angebrochene Flasche auf der Fensterbank stehen. Auf dem Weg zum Schlafplatz \u00fcbersieht er mit einem Blick die trostlose \u00d6dnis seines Lebens, die ganze Nutzlosigkeit all seiner Bestrebungen. Der Mensch ist als Tier gescheitert. Er hat sich durch die Verwendung von Werkzeugen von der Natur distanziert. Durch jede T\u00e4tigkeit mit einem Wurf\u2013, Schlag\u2013 oder Schneideinstrument wuchs dieser Abstand. Parallel zu diesem Erfolg der harten Mittel entwickelten sich die weichen Mittel, das Sprechen und das Zeichnen. Damit vergr\u00f6sserte sich nicht nur der Aktionsradius, sondern auch sein Bewusstsein. Heraus kam der <em>Hobo Sapiens<\/em>, ein ehemaliges Tier, das von Kultur abh\u00e4ngig wurde, weil es ohne Technik nicht mehr \u00fcberlebensf\u00e4hig war. Die Geschichte der Technik ist eine Naturgeschichte der Naturdistanzierung, die mehr denn je weitergeht. Die hypermodernen Menschen verwechseln Leben mit \u00dcberleben. Ihr Wahnsinn hat die Grundstruktur einer Selbsterhaltungspanik auf der Basis einer falschen Selbstbeschreibung. Sie halten sich mit ihrer Selbsterhaltung auf und haben sich mit den tats\u00e4chlichen Gefahren noch nicht bekannt gemacht. Sie zimmern sich eine falsche Identit\u00e4t zurecht und k\u00e4mpfen f\u00fcr sie, bis zum bitteren Ende. Willis Leben schwankt wie ein Perpendikel zwischen Schmerz und Langeweile. Es bleibt ihm nichts anderes \u00fcbrig, als die Arme zu verschr\u00e4nken und zu versuchen einzuschlafen. Er f\u00e4llt in voller Bekleidung auf die Daunen, der Illusion wegen, sofort und jederzeit fl\u00fcchten zu k\u00f6nnen. Alles zur\u00fccklassen und Tr\u00e4nens\u00e4cke als einziges Gep\u00e4ck mitnehmen. Schlaf ist der Bruder des Todes, nach einem kurzen Schlaf wird ewiges Erwachen sein. Es wird keinen Tod mehr geben, weil der Tod sterben wird. Ihn interessiert an der Welt nurmehr eins: ob sie f\u00fcr einen Witz taugt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Monster<\/strong>, Short-Stories von A.J. Weigoni. Krash-Verlag 1990<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1990\/01\/Monster_Cover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-48067\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1990\/01\/Monster_Cover.jpeg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"281\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff <em>Trash<\/em> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. Daher sei sei Enno Stahls fulminantes Zeitdokument\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26047\">Deutscher Trash<\/a> ebenso eindr\u00fccklich empfohlen wie Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <strong>Monster<\/strong> Short-Stories waren die Vorstufe zu <strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A.J. Weigoni, Edition Das Labor 2010<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt zu <strong>Zombies<\/strong> einen Artikel von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/05\/turbokapitalistischer-realismus\/\">Kultura-extra<\/a> aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.fixpoetry.com\/feuilleton\/kritiken\/andrascz-j-weigoni\/zombies-0\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>. Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Willbert Neumann hat ein Leichenschauhaus besucht, um zu recherchieren. Jeder angehende Arzt muss K\u00f6rper auseinander nehmen und die inneren Organe studieren, niemand findet das anst\u00f6ssig. In der Pathologie bekommt er ein anderes Bewusstsein f\u00fcr Menschen. 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