{"id":72452,"date":"2010-05-26T00:01:43","date_gmt":"2010-05-25T22:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72452"},"modified":"2022-03-06T19:46:24","modified_gmt":"2022-03-06T18:46:24","slug":"der-staatsbuerger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/05\/26\/der-staatsbuerger\/","title":{"rendered":"Der Staatsb\u00fcrger"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Beruf ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Zum Sozialp\u00e4dagogen ist man geboren. Das Licht der Welt erblickte Detlef, als sich Europa die letzte Asche des Krieges aus den Kleidern gesch\u00fcttelt hat, der Sex noch schmutzig und die Luft noch sauber war. \u201eDen g\u00fcldenen Wirtschaftswunderjahren\u201c, wie sein Grossvater bei den Tischgespr\u00e4chen in tr\u00e4ger Bedeutungslosigkeit des Sonntags ver\u00e4chtlich sagt, um auf <em>Stalingrad<\/em> \u00fcberzuleiten, worauf sein Sohn bemerkt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber Vater, wir leben doch jetzt in einer Demokratie!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Sonntagsmahl der Anspruchs liegt die Serviette zu einem Dreieck gefaltet neben dem Unterteller, das Besteck ist gerade ausgerichtet. Beim Essen wird der Unterarm nicht wie ein Balken auf den Tisch gelegt, Detlef muss sich gerade halten und mit dem Handballen abst\u00fctzen. Hunger weicht dem <em>gesunden<\/em> Appetit. An Feiertagen gibt es reichlich Fleisch, Bier, Schnaps, als Nachtisch eine Zigarre, sowie Kaffee und Eierlik\u00f6r f\u00fcr die Damen. Nach den Entbehrungen geniesst man das Leben. Wohlstand ist eine Realit\u00e4t, die Wahrheit ein neuer K\u00fchlschrank.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinter zugezogenen Vorh\u00e4ngen verschwimmt der Unterschied zwischen dem Verbrechen mit der Intimit\u00e4t der Umarmung. Detlef w\u00e4chst wohlbeh\u00fctet auf. Bekommt, <em>wenn er artig ist<\/em>, Lego\u2013Steine oder ein Spielzeugauto geschenkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gr\u00f6sste Ereignis seiner Kindheit ist die Installation eines Fernsehers im Hause der Anspruchs. Vor diesem neuen Wunderwerk der Technik verbringt er den meisten Teil seiner Freizeit, wenn er nicht <em>etwas ausgefressen<\/em> hat. Und er frisst viel aus. So spielt er gern mit Streichh\u00f6lzern. Davon wird er allerdings durch eine kr\u00e4ftige <em>Tracht Pr\u00fcgel<\/em>, die ihm von seinem Vater verabreicht wird, <em>kuriert<\/em>. Im Alter von f\u00fcnf Jahren wird Detlef eingeschult. Er ist bereits im Kindergarten als besonders intelligent aufgefallen. Vor hier aus beginnt sein steiler gesellschaftlicher Aufstieg. Ganz im Gegensatz zur aufkeimenden <em>antiautorit\u00e4ren Erziehung<\/em> wird er von seinem Vater nach dem Sprichwort <em>mit Zuckerbrot und Peitsche<\/em> erzogen. Direkt nach der Grundschule wechselt Detlef auf die Oberschule. Er wird dort, zum Stolz der Familie und der ganzen Verwandtschaft, <em>Klassenbester<\/em>. Die Zeit ist wildbewegt, vergeht im Sauseschritt, und Detlef scheint eines dieser Wirtschaftswunderkinder zu werden, die unter dem Fernsehhimmel aufwachsen und <em>den geraden Weg<\/em> gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDoch Ausnahmen best\u00e4tigen die Regel\u00ab, weiss Herr Volxmund, Nachbar der Anspruchs, der im Treibhaus fleischfressende Pflanzen z\u00fcchtet. Detlef kommt in <em>das schwierige Alter <\/em>der Bewusstmachung. Verliebt sich in Judith. Sie befreit ihn aus der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, holt ihn aus den Traumwelten in die Wirklichkeit. Er lernt die Menschen, das Leben kennen und stellt sich seinen eigenen D\u00e4monen. Interessiert sich f\u00fcr kritische Theorie, kreiert einen marxistisch\u2013freudianischen Jargon revolution\u00e4rer Eigentlichkeit. Identifiziert sich mit den Opfern, hinterfragt, ob der Kalte Krieg gesch\u00fcrt wird, um die Waffenproduktion in Gang zu halten, will Herrschaftsstrukturen und falsches Bewusstsein aufdecken, und erkundigt sich bei seinem Grossvater:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSag mal, Opa, du warst doch auch ein hohes Tier in <em>der Partei<\/em>, und dann hast du von den KZs nichts gewusst?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die labile Kleinb\u00fcrger\u2013Seele seines senilen Grossvaters reagiert auf seinen Enkel, <em>den Gammler<\/em>, h\u00f6chst irritiert und heftig, doch meist so:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLoss dir do erst amoi dei Hoar schneid&#8217;n. Schaust ja aus wira Madel. Sowas h\u00e4t&#8217;s beim Adolf &#8217;net geb&#8217;n!\u00ab, \u2013 und alpenl\u00e4ndische Gem\u00fctlichkeit vereist im Masskrug. Weissw\u00fcrste stehen stramm. Nicht nur dieses Verhalten missf\u00e4llt dem Senior, er regt sich auf, wenn Detlef nachts Musik macht. Meint, er soll die <em>Scheiss\u2013Negermusik<\/em> ausmachen. Wer zu dieser Zeit lange Haare tr\u00e4gt, mit Nietenhosen heruml\u00e4uft und progressive Rockmusik h\u00f6rt, z\u00e4hlt schon zu <em>den \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen<\/em> der Umsturzbewegung. Diese Gesellschaft dr\u00e4ngt mit allen Mitteln darauf, das Grauen wieder zum Grusel werden zu lassen, das B\u00f6se in eine andere Welt zu verbannen. Detlef vertritt die Theorie, dass der Opa um sechs Uhr sein H\u00f6rger\u00e4t abschalten soll. Seine Strategie der Provokation zielt darauf ab, die Herrschenden zu zwingen, ihre Maske der repressiven Toleranz fallen zu lassen. Sein liberaler Vater ist von seinen politischen Aktivit\u00e4ten nicht begeistert. Er versucht ihn mahnend, <em>auf den rechten Weg<\/em> zu geleiten. Dieses <em>Mahnen<\/em> nimmt an einem Sonntag im Mai 1968 ein abruptes Ende, als sich Detlef bei seinem Vater erkundigt, ob die Chemiefirma, bei der er t\u00e4tig ist, Napalm nach Vietnam liefert. Sein <em>Alter<\/em> verbrennt sich die Zunge an der Suppe, knallt den L\u00f6ffel auf den Tisch und sagt den historisch gewordenen Satz:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSolange du deine F\u00fcsse unter meinen Tisch stellst\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Klima zwischen den Generationen ist durch das Beschweigen der NS\u2013Zeit vergiftet. Ein Sich\u2013Einrichten in der Bequemlichkeit des b\u00fcrgerlichen Lebens kommt f\u00fcr <em>das schwarze Schaf mit dem roten Stern<\/em> nicht in Frage. Sein Verhalten gilt als unbewusster Protest gegen die herrschenden Verh\u00e4ltnisse: &#8222;Wir haben ja so viel in den Jungen investiert!&#8220;, markiert das Ende des Generationenvertrags.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach seinem <em>Ausstieg<\/em> macht Detlef seine Lehrjahre zu Herrenjahren. Baut sein Abitur. Zieht in eine <em>nonkonformistische<\/em> WG und versucht die <em>Konsumfixiertheit<\/em> der Mehrheitsgesellschaft subkulturell zu unterlaufen. Arbeitet als Zeitungsbote. Verteilt Flugbl\u00e4tter. Ist umfassend politisiert und ideologisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da der Wohlstandsstarrsin der <em>Konsumidioten<\/em> verhindert, dass die Fantasie an die Macht kommt, steigt Detlef aus. Es wird f\u00fcr ihn klar, dass er sich in der Zeit und der Gesellschaft, in der er lebt, vertan hat. Die Utopie von morgen begann mit dem Studium der Vergangenheit, der <em>Russischen Revolverlution<\/em> im Kontext der ideologischen Auseinandersetzungen der Weimarer Republik, und fragt sich, was so viele motiviert, sich eine Zeit lang als Akteure einer chim\u00e4rischen Weltrevolution zu f\u00fchlen. Als sich der Prager Fr\u00fchling in einen stalinistischen Winter verwandelt, trampt er nach Indien. Dort l\u00e4sst er sich von einem echten Guru, diversen Joints und Jimi Hendrix im mitgenommenen Cassettenrecorder erleuchten. Wer sich an diese Zeit erinnert, der hat sie nicht erlebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weltreisen ums eigene Selbst. Erst in den 1970\u2013er Jahren kehrt er zur\u00fcck. Hier findet er eine ver\u00e4nderte Gesellschaft vor, die ihm zu Ern\u00fcchterung zuerst einen Einberufungsbescheid vorlegt. Nat\u00fcrlich verweigert er den Kriegsdienst aus Gewissensgr\u00fcnden. Bet\u00e4tigt sich vor der Pr\u00fcfungs\u2013Kommission als Historiker der eigenen Lebensgeschichte. Erkl\u00e4rt diese Geschichte als Geschichte einer ganzen politischen Generation, ihrer ideologischen wie psychischen Triebkr\u00e4fte und als Geschichte eines Jahrhunderts im ewigen Endkampf zwischen Faschismus und Kommunismus. Solidarisch mit <em>revolution\u00e4ren Bewusstseinsgruppen<\/em> arbeitet er daran, den Strand unter dem Pflaster zu finden. Mit seiner Gandhi\u2013Adaption kommt er ohne Schwierigkeiten auf Anhieb durch den <em>Gewissens\u2013T\u00dcV<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Zivildienst, den er in einem nervenzerr\u00fcttenden Schichtdienst einer psychiatrischen Klinik ableistet, ist er reif f\u00fcr eine Selbsterfahrungsgruppe. Detlef zieht in eine Landkommune. Nimmt dort an Wochenendkursen teil und arbeitet in der Furche. Seine Kommunarden waren die Schlimmsten, jetzt sind sie die Besten und Radikalsten. Ihre anarchischen Tagtr\u00e4ume und Sehns\u00fcchte nach den Abenteuern der Aufkl\u00e4rung sind Begriffs\u2013 und Erfahrungshunger. In den Nazis erkennen sie im Kern nichts anderes als eine an die Macht gekommene Bande von Eroberern, die es verstand, in den Menschen Instinkte freizusetzen, die bis dahin zumindest im Zaum gehalten worden waren. Die Generation der V\u00e4ter \u00fcbte eine Gewaltherrschaft ohne jegliche zivilisatorische Idee aus. Alle namhaften Gewaltherrscher in der Geschichte verf\u00fcgten \u00fcber irgendeine emanzipatorische Idee, die Nazis waren in keinster Weise davon angekr\u00e4nkelt. In existentieller Distanzierung vom anhaltenden Urverbrechen der Nazi\u2013Generation und dem nachfolgenden <em>Schweinesystem<\/em> befreien die 68\u2013er mit neuer Erinnerungskultur und S\u00fchnestolz die Welt, auch von sich selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Detlef ist ein l\u00e4chelnder Schlacks, der selten ausflippt. Hat so viel jungenhaften Charme, dass er alle, die er haben will, verf\u00fchrt. Abermals ist es eine Frau, die sein Leben ver\u00e4ndert. Mit Elvira macht er nach dem harten Landleben zur\u00fcck in Dharma\u2013Tourismus. Sie reisen nach Poona zu einem Herrn Bagwahn. W\u00e4hrend sie sich dem Meister v\u00f6llig hingibt, wird er nach Einblick in die Steuererkl\u00e4rung von einem schwindelnden Anfall namens Ratio gepackt. Indien ist ihm fremd geworden. In einer seltsamen Hass\u2013Liebe f\u00fchlt er sich von der Bundesrepublik Deutschland angezogen. Elvira trennt sich aus reinem \u00dcberdruss von ihm. Herr Bagwahn verl\u00e4sst aufgrund steuerlicher Angelegenheiten das Land.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist konsequent, dass Detlef mit der linken Therapiekultur begann, um mit einer orientalischen Meditation aufzuh\u00f6ren. Er kl\u00e4rt in einem Kloster in Nepal die bis ins Privateste gehende Gemengelage aus Generationenkampf, revolution\u00e4rer Identit\u00e4t und deutscher Schuld. \u00dcben heisst Erz\u00e4hlen, der Aufstand ist die Evokation von W\u00f6rtern, von Bildern. Sie endlich versprechen den Freispruch: <em>Wann, wenn nicht jetzt?<\/em> Detlef analysiert Tiefenschichten, zergliedert die Entgleisung der Elterngeneration aus der Nazi\u2013Zeit. Versteht im Nachhinein die Scham angesichts der Unfassbarkeit des Holocaust. Will seine stellvertretende, reinigende Rebellion abgetragen wissen in einer Gnade des sp\u00e4ten Aufstands. Aus diesem moralischen Negativkapital wachsen bei ihm Euphorie und Entlastung. Freisinnig kehrt er mit dem fruchtbaren Gedanken in seine Heimat zur\u00fcck, um <em>etwas f\u00fcr Menschen zu tun<\/em>. Sein Zivildienst hat ihm den richtungsweisenden Wink gegeben. <em>Soziales Engagement<\/em> ist das Zauberwort, das er aus seinem Kaftan sch\u00fcttelt. Er schreibt sich ein und erh\u00e4lt eine Immatrikulationsbescheinigung und die wichtige Clubkarte, den Studentenausweis. Ohne jede Anstrengung \u00fcbersteht er die Einf\u00fchrungswoche. Lernt viele nette Menschen in Arbeitsgruppen kennen. Sch\u00e4tzt ihre ungebrochene narzisstische Treue zu sich selbst. Verliebt sich in mehrere Studentinnen, die einer Frauengruppe angeh\u00f6ren. Dieser f\u00fcr ihn Staudamm, der sich gegen seine sexuellen Bed\u00fcrfnisse aufrichtet, determiniert den Weg in seiner Studentenkarriere erheblich. Zwischen Sex und Sexismus liegt nur ein Wimpernschlag Durch seine Auslandsaufenthalte ist er nicht gew\u00f6hnt an herausgeheiserte Verbalkeulen wie &#8222;Heteronormativit\u00e4t&#8220;, &#8222;Phallozentrismus&#8220;, &#8222;repressive Penetration&#8220; und &#8222;klitoraler Orgasmus&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00d6ffnet sich das Sprachrohr einer Generation, wird der Mund zur Fl\u00fcstert\u00fcte, und Sprechblasen pl\u00f6ppen heraus: <em>Einvernehmlicher Sex<\/em> wird durch hierarchische Unterschiede erzwungen. <em>Vergangenheit zu bew\u00e4ltigen<\/em> ist deutsche <em>Lebensform<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Detlef wird vom Renegaten zum Revisionisten, tut sich schwer und gr\u00fcndet mit Kommilitonen eine M\u00e4nnergruppe. Rituale der Labilit\u00e4t. Der sanfte \u00dcbergang vom <em>TuNix<\/em>\u2013Kongress zu den <em>Spontis<\/em> in die Alternativbewegung bewahrt den Torpedok\u00e4fer vor der tiefergehenden Einsicht seines politischen Scheiterns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Du musst dich kristallklar entscheiden: Bist du ein Teil der L\u00f6sung oder ein Teil des Problems?&#8220; lautet die Frage, die ihnen grosse Janus\u2013Kopf\u2013Schmerzen bereitet. Falsch verstandene Restbest\u00e4nde der antiautorit\u00e4ren Ideologie maskieren die Bequemlichkeit eines einge\u00fcbten Selbstverwirklichungsrituals. Die Bewegung, der er sich anschliesst, ist hedonistisch und puritanisch, egalit\u00e4r und elit\u00e4r, von kalter Theorie getragen und romantisch bis in die Knochen. Diese Anti\u2013Partei macht die Organisation zum revolution\u00e4ren Fetisch und gibt ihm den Anlass, sich mit seiner Vergangenheit auszus\u00f6hnen. Ihre Mitglieder unterziehen sich einer kollektiven Psychohistorie, setzen sich intensiv mit der Wiederkunft des Verdr\u00e4ngten auseinander und vermindern den Leidensdruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Autistenrodeo des Tagungswesens. Detlef geh\u00f6rt nun zu den Menschen, vor denen ihn seine Eltern gewarnt haben. Er versucht die Profs kunstvoll zu demaskieren, ohne sie blosszustellen. So beginnt ein Aufstieg in studentische und Partei\u2013Gremien. In den Vollversammlungen f\u00e4llt er aufgrund seiner geschliffenen Reden auf. Schnell ist der Kampf gegen die politischen Weltuntergangssekten entschieden, die von den Finanzangelegenheiten ihrer Mitglieder, \u00fcber deren Liebesleben, bis zu dem selbstzerst\u00f6rerischen und oft genug suizidalen politischen Aktivismus, ihr gesamtes Leben und Sterben nicht im Griff haben. Seine MitstreiterInnen besinnen sich auf die demokratische Mehrheitskultur. Politisch engagiert er sich so vielschichtig, dass selbst seine Gegner dies anerkennen m\u00fcssen. \u00dcber die Hausbesetzer\u2013Szene weiss er genau Bescheid, da er selbst ein Haus instandbesetzt. So kann er diese Kenntnisse praxisnah f\u00fcr den soziologischen Bereich seines Studiums verwenden. <em>Immer an vorderster Front<\/em>, ist einer seiner Wahlspr\u00fcche. So bringt er es in bewundernswerter Weise fertig, seine Erfahrungen aus einer Demonstration gegen KKWs in den Fachbereich Recht einzubringen. <em>Praxisn\u00e4he ist alles<\/em> steht auf der T\u00fcr des Wohngemeinschaftklos neben den bekannten Forderungen <em>Gemeinsam leben, arbeiten, kiffen, flippen<\/em>, zusammen kreativ sein, den grauen Alltag umkrempeln, im Hier und Jetzt leben. Sich zusammensetzen, gegenseitig L\u00fccken im Hirn f\u00fcllen, Ideen zusammenwerfen, und voneinander lernen. Begriffe aus dem Vulg\u00e4rmarcusianismus in die Diskurs\u2013Umlaufbahn bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6hepunkt des Semesters ist das Konzert der Anarcho\u2013Rock\u2013Gruppe Nr. 1. Die popkulturhistorische Bedeutung dieser Band l\u00e4sst sich mathematisch exakt daran ablesen, wie viele ihrer Anh\u00e4nger sich \u00e4usserlich an die Bandmitglieder angeglichen haben. Dieses Publikum bezahlt daf\u00fcr, anderen Menschen dabei zuzusehen, an sich selbst zu glauben. Und dass die Typen auch noch im Dialekt singen, unheimlich dufte. In den Semesterferien das erste studienbegleitende Praktikum. Randgruppenarbeit mit Punkern. In den reichen L\u00e4ndern werden soziale Probleme mit Geld gel\u00f6st. Es wird bezahlt, was den sozialen Frieden f\u00f6rdert. Detlef macht diese Arbeit sechs Wochen. Lernt dabei Annette kennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbProtest ist, wenn ich sage, was mir nicht passt. Widerstand bedeutet, dass ich daf\u00fcr sorge, dass es abgestellt wird!\u00ab, postuliert die eloquente Rothaarige. Sie f\u00e4llt unter den \u00d6koschlampen sofort auf. Handtasche, G\u00fcrtel und Schuhe haben die gleiche Farbe. Wenige Frauen achteten auf solche Kleinigkeiten. Schon gar nicht in einem sozialen Brennpunkt, wo blonde Per\u00fcckenschafe mit goldenen Ohrringen das Sch\u00f6nheitsideal vorgeben. Fashionable gelingt es ihr, das unheilige Zusammenspiel von demonstrativer Selbstzerst\u00f6rung und melancholischem Schuldgef\u00fchl zu beenden. Schult ihre Probanden in respektvollem Umgang und betreibt Integration als sozialen Aufstieg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Praktikum fliegen sie nach Indien. Suchen gemeinsam das Reich der Ekstase, der letzten Wahrheit. Jeder, der seinem N\u00e4chsten bei der sexuellen Befreiung beistehen will, darf sich hier als Psychotherapeut ausgeben. Annette f\u00fchrt ihn aus dem Theorie\u2013Labyrinth heraus, leistet die eigentliche Arbeit des Verstehens als eine psychoanalytische, macht ihm klar, dass der wahre Anarchist <em>das System<\/em> bejahen, benutzen und von innen zersetzen muss. Rebellische Trauer wandelt sich zu staatstragender Wut. Das Paar oszilliert auf dieser Reise zwischen der Fr\u00fchromantik, den Sprachen des Ernstes und findet als Synthese zur ironischen Republik. Ihm gef\u00e4llt die \u00c4sthetisierung ihres Lebenslaufes als Gegengewicht zum starken politisch\u2013ideologischen Einfluss. Der Begriff des <em>Fremden<\/em> verwandelt sich nach dieser Anschauung aus staatsrechtlicher in eine soziokulturelle Kategorie. Seine Glaubenslehre ist der hedonistische Humanismus. Freiheit und Individuum, werden seine Begriffe. Die Politik der Anerkennung zum Mittelpunkt seiner Ideen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spurwechsel. Der Mittelstand krebst im Schrottgekr\u00f6se der Industriegesellschaft herum. Dienstleister kommen schleppend ins Land, um das Wegbrechen ganzer Fabrikationen zu kompensieren. Glamour trifft auf Revoluzzertum, Hochglanz auf Protestkultur. Niemand braucht Prominente, was vonn\u00f6ten ist, sind Vorbilder. Detlef erkennt, dass der liberale, soziale und f\u00f6derale Verfassungsstaat des Grundgesetzes nicht wertneutral ist und auch nicht auf wertneutralen Grundlagen beruht. Massstab f\u00fcr erfolgreiches Wirtschaften sind nicht allein Wachstum und Produktivit\u00e4tssteigerung, sondern materieller, kultureller und geistiger Reichtum. Eine Kulturnation, die sich auf das \u00d6konomische beschr\u00e4nkt, ver\u00f6det. Detlef setzt sich f\u00fcr den Eigenwert kultureller Differenzen und die darauf gest\u00fctzte Behauptung von Identit\u00e4t ein, tr\u00e4umt von einem v\u00f6lkerrechtlichen Minderheitenschutz und einer multikulturellen Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er p\u00fcnktich Europawahl heimkehrt, \u00fcberspringt seine Partei die 5%\u2013H\u00fcrde. Detlef rotiert als Abgeordneter zwischen seinen Wohnsitzen Strassburg \/ Br\u00fcssel und geh\u00f6rt zur Welt der interpretierenden Klasse. Als Wirklichkeitsdeuter, lebt der Abgeordnete in einem Paralleluniversum, redet zwar \u00fcber Politik und Gesellschaft, benutzt aber keine politischen Begriffe mehr. Hat einen analytischen Begriff von Gerechtigkeit, scheitert aber am synthetischen Begriff der Fairness. Aus dem Lehrling der Konspiration wird ein Meister der Macht. Er erkennt: \u201eEmotionale Emp\u00f6rung schadet der Demokratie\u201c, will mit cham\u00e4leonhafter Realit\u00e4tst\u00fcchtigkeit die Vision des geeinten Europa im Osten dynamisch vorantreiben und fordert ein gr\u00f6sseres Mass an Ungleichheit heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem langen Weg zu sich selbst wurde Detlef Anspruch Politiker, denn dieser Beruf ist selbstverst\u00e4ndlich kein Beruf, sondern eine Berufung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div id=\"attachment_97950\" style=\"width: 217px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-97950\" class=\"wp-image-97950 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Zombies-e1645795065341.jpeg\" alt=\"\" width=\"207\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-97950\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Redaktionelle Anmerkung:<\/span> Der Figur Detlef Anspruch ist ein entfernter Verwandter von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/22\/lilakappchen-und-der-steppdeckenwolf\/\">Lilak\u00e4ppchen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Dieser Beruf ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Zum Sozialp\u00e4dagogen ist man geboren. 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