{"id":72442,"date":"1990-11-10T00:01:59","date_gmt":"1990-11-09T23:01:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72442"},"modified":"2022-02-18T20:56:19","modified_gmt":"2022-02-18T19:56:19","slug":"ruheleben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/11\/10\/ruheleben\/","title":{"rendered":"Ruheleben"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mauer\u00f6ffnung. Rainer Ernst verfolgt die Live\u2013\u00dcbertragung von Historie am Fernsehger\u00e4t. Er hat vor Unzeiten r\u00fcbergemacht. War nach Wanne\u2013Eickel gezogen, um auf <em>Unser Fritz<\/em> als Hauer unter Tage sein Gl\u00fcck zu suchen. Er k\u00f6pft ein weiteres Bier. Schnippt mit dem Daumennagel den Kronkorken weg. L\u00e4dt das Pinnchen nach. Prostet den Grenzg\u00e4ngern mit einem Wodka zu. Pennt besoffen vor der Glotze ein und scheidet vor seinem Tod aus dem Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fchmorgens weckt ihn die T\u00fcrklingel. Seine Familie aus der DDR steht vor der Haust\u00fcr. Vierzig Jahre lang sind sie von den Bolschewisten schikaniert, unterjocht und ausgebeutet worden. Die Freude des Wiedersehens ist gross, aber leider kurz. Der Vater stirbt vor lauter Aufregung an einem Herzschlag. Das Freudenfest der Wiedervereinigung wird zu einer Trauerfeier. Die Familie kann leider nicht so zusammenwachsen, wie sie zusammengeh\u00f6rt. Der Dauerzustand ihrer Trauer \u00fcber das verlorene Leben geht \u00fcber in eine vakuumverpackte Leere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rainer tritt in die Fussstapfen seines Vaters. Er \u00fcbernimmt das Kommando. Regelt die Angelegenheiten und bestellt den Arzt. F\u00fcr den Mediziner ist der Fall klar: Angina Pectoris. Er stellt ohne Bedenken den Totenschein aus. Das Sozialamt kommt f\u00fcr die Beerdigungskosten nicht auf, erkl\u00e4rt sich in diesem speziellen Fall aber bereit, das Begr\u00fcssungsgeld nachtr\u00e4glich zu zahlen. Der Termin mit einem Beerdigungsinstitut kommt wegen grosser Nachfrage erst am n\u00e4chsten Tag zustande.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir haben nicht viel Geld\u00ab, murmelt seine Mutter Elfriede. Gertrud von Grahm empfiehlt als Unternehmerin im Leichenmanagement eine <em>Komplettvergrabung<\/em>:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir tauschen 1:5. Neu im Angebot ist eine kosteng\u00fcnstige Form: die anonyme Erdbestattung. Bei diesem Verfahren liegen mehrere Leichen \u00fcber\u2013 oder untereinander in einer Gruft. Eine Vorschrift der Gemeinde, denn bei explodierenden Grundst\u00fcckspreisen werden die Liegepl\u00e4tze knapp.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Laufe der Jahre sind die Aufgaben des Bestatters immer komplexer geworden. Gertrud von Grahm hat sich vorgenommen, f\u00fcr mehr gesellschaftliche Akzeptanz des Berufszweiges zu sorgen. Die Zeiten sind vorbei, in denen der Bestatter lediglich S\u00e4rge verkaufte und Beerdigungen organisierte. Vor allem in den Grossst\u00e4dten ist er auch Ansprechpartner f\u00fcr alle Fragen und Probleme, die bei einer Bestattung auftreten k\u00f6nnen. Die Anforderungen an den Fachmann sind in beh\u00f6rdlicher, religi\u00f6ser, versicherungstechnischer und juristischer Hinsicht \u00e4usserst komplex geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas will ich aber nicht! Der Vater zwischen so vielen anderen Menschen\u00ab, kreischt Klara, Rainers j\u00fcngere Schwester hysterisch, weil aus einem uralten Abschiedsritual ein n\u00fcchterner Akt der Entsorgung wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDann rate ich Ihnen zu einer sauberen L\u00f6sung, dem Ein\u00e4schern\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSaubere L\u00f6sung\u2026\u00ab, stammelt Elfriede Ernst. Greift sich ans Herz. Setzt sich. Gertrud von Grahm registriert, dass kein weiterer Exitus zu erwarten ist. Sie ist vom <em>Kuratorium Deutsche Bestattungskultu<\/em>r darauf vorbereitet worden, der Familie nicht nur beh\u00f6rdliche Formalit\u00e4ten abzunehmen, sondern auch als Seelsorgerin beizustehen. Die Betreuung der Angeh\u00f6rigen, die mit der Situation \u00fcberfordert sind, nimmt einen grossen Teil ihrer Arbeit ein. Keiner darf vereinzeln, der Tod darf kein Tabu mehr sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBeerdigen ist eine Schadstoffquelle. Zahnf\u00fcllungen, Medikamentenreste im welken Fleisch, giftige Knocheneinlagerungen. Der Mensch ist Sonderm\u00fcll\u00ab, gibt die Dame vom Beerdigungsinstitut k\u00fchl kalkulierend kund. Sie wird noch zu einem lukrativen Hausbesuch erwartet. Viele Grabsteine erz\u00e4hlen von den Verstorbenen, sind quasi die letzte Visitenkarte, und solch eine Epistel will sie jetzt an den Mann bringen, deshalb kann sie sich nicht l\u00e4nger mit Kassenpatienten aufhalten. Und ausserdem h\u00e4lt sie am Abend wieder ihren Kurs &#8222;Sich trauen zu trauern&#8220; ab, ein Seminar, das sich an alle Menschen gleichermassen und nicht nur an Kunden des Hauses richtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbK\u00f6nnen wir nicht bei uns im Garten\u2026\u00ab, versucht Rainer einen Kompromiss anzudenken, wird aber mit einem strengen Blick zurechtgewiesen. Kompostierung gilt nur f\u00fcr Bio\u2013M\u00fcll. Kieferns\u00e4rge dagegen werden h\u00e4ufig f\u00fcr Ein\u00e4scherungen verwendet. Wer sich f\u00fcr eine Feuerbestattung entscheidet, kann auch bei der Urne zwischen unterschiedlichen Materialien ausw\u00e4hlen. Einfache Stahlurnen sind g\u00fcnstiger als schwere Bronze\u2013 oder Marmorurnen. Die Institutsleiterin schiebt ein Formular \u00fcber den Tisch. Legt einen Kugelschreiber dazu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie unterschreiben bitte unten rechts. Die Ein\u00e4scherung findet in drei Tagen statt. 8\u00b730 Uhr, Nordfriedhof. Sein Sie bitte p\u00fcnktlich.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rainer unterschreibt den Vertrag und zahlt per Credit\u2013Card. Die Institutsleiterin begleitet die Trauernden zur T\u00fcr, sieht jedem Familienmitglied mitf\u00fchlend in die Augen. Das geh\u00f6rt zum Service.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Grab auszuheben ist Knochenarbeit. Man braucht daf\u00fcr einen Spaten, eine Spitzhacke und im Winter einen Presslufthammer, um den Boden aufsprengen zu k\u00f6nnen. Manfred Schulz ist eigentlich Pr\u00e4parator, er macht den Job, seitdem ihn die Klinik rausgeschmissen hat. 250,\u2013 Euro bringt ihm jede Leiche. Anfangs hatte er zu Wochenbeginn einen Muskelkater, inzwischen hat er die Sch\u00fcppe im Griff und braucht nur noch sechs bis sieben Stunden, bis ein Grab ausgehoben hat. Dabei h\u00e4lt er sich streng an die Richtlinien der Friedhofs\u2013Ordnung: Ein Grab soll 2,20 Meter lang, 90 Zentimeter breit und 1,60 Meter tief sein. Das gr\u00f6sste Trauma f\u00fcr den Handwerker ist die Vorstellung, dass der Sarg nicht ganz hinein passt oder schief steht und hundert Beerdigungsg\u00e4ste drumherum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eigentlich startet der Zersetzungsprozess umgehend nach dem Tod, weil die Sauerstoffzufuhr endet. Im Gewebe beginnt es zu g\u00e4ren. Die f\u00fcr den Stoffwechsel zust\u00e4ndigen Enzyme l\u00f6sen die Zellstrukturen auf. Die im Darm befindlichen Bakterien erobern Neuland, sie verteilen sich \u00fcber Eingeweide und Blutbahnen im K\u00f6rper. Bei diesen anaeroben F\u00e4ulnisprozessen verwandeln sich Innereien in die Abbauprodukte Kohlendioxid, Wasser, Methan, Alkohol und organische S\u00e4uren. Aus einer Leiche wird Schwefelwasserstoff, Wasserstoff, Ammoniak. Es entweichen geruchsintensive Amine wie Cadaverin und Putrescin. Verfl\u00fcssigtes K\u00f6rpergewebe l\u00e4uft aus. Hat die Grabfauna ihre Arbeit getan, verbleiben im Boden Knorpel\u2013 und Bindegewebreste, Humins\u00e4uren und das Skelett.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Normalerweise schaufelt Manfred Schulz die Gebeine heraus und macht Platz f\u00fcr den N\u00e4chsten. In der letzten Zeit holt der Friedhofsg\u00e4rtner mehr aus dem Boden raus, als ihm lieb ist. Vom vielen Verwesen erm\u00fcdete B\u00f6den, moderne Kleidung, robuste S\u00e4rge und stetes Blumengiessen haben das Verfalldatum sterblicher \u00dcberreste hinausgeschoben. Statt ein paar Knochen findet Manfred Schulz zwischen halb verfaultem Sargholz unverweste Leichen in der Unterwelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dr. Hans Dillenburg steht am Rand des Grabes und l\u00e4sst sich vom Totengr\u00e4ber erl\u00e4utern, warum das Einswerden mit der Erde ins Stocken ger\u00e4t. Schulz begegnet beim Neubestellen des Grabes einer Fettwachsleiche, einem gelblichen K\u00f6rper, der sich mangels Sauerstoff durch die eigenen Abbauprodukte selbst konserviert hat. Weil das Grab bereits verkauft ist, stellt Manfred Schulz die Frage:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWohin mit der Leiche?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Vorgesetzter tr\u00e4gt vern\u00fcnftige Socken und Schuhe, die Halt geben. Er geht schweigend um das Grab herum, sorgsam darauf bedacht, dass er dem Rand nicht zu nahe kommt. Ihm f\u00e4llt auf, dass das meiste, was sich in Sachen Design auf den Friedh\u00f6fen abspielt, ein Trauerspiel in Granitgrau und Goldschnittschrift zwischen Buchshecken und Lebensb\u00e4umen ist. Besinnlichkeit \u00fcberwiegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Ausschachten achtet der <em>Grabmacher<\/em> Manfred Schulz darauf, dass immer eine Leiter in der Gruft steht, damit er schnell herausklettern kann. Wenn die Erde zu locker ist, kann die Grube einst\u00fcrzen und ihn erdr\u00fccken. Auf diese Weise kommen im neuen Deutschland zwei Friedhofsg\u00e4rtner pro Jahr ums Leben. Der <em>Versenkungsrat<\/em> erinnert sich daran, dass alte Mieter bereits tiefer gelegt wurden. Die Verantwortung daf\u00fcr will er seinem Vorgesetzen nicht abnehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon vor dem Kommunalwahkampf wollte Dillenburg das System auf Grabkammern umstellen. Diese Betonkisten liegen unsichtbar unter dem Rasen. Einmal eingebaut, sind sie mehrfach verwendbar. Es m\u00fcssen nur Blumen, Rasen und etwas Erde wegger\u00e4umt, der Deckel gehoben, der neue Sarg hineingestellt werden. Ausgelegt sind die Kammern auf eine Betriebszeit von 100 Jahren. Der Trend zur Grabkammer hat einen entscheidenden Vorteil gegen\u00fcber dem Versenken des Sarges direkt in die Erde. In diesen Flachgr\u00e4bern ist Platz f\u00fcr viel frische Luft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEin 80 Kilogramm schwerer Leichnam braucht gut 40 Kubikmeter Sauerstoff f\u00fcr eine vollst\u00e4ndige Verwesung. Der ber\u00fchmteste aller Christen hat auch in einer Grabkammer gelegen\u00ab, flucht Dillenburg vor sich hin und l\u00e4uft wie ein beidseitig geschliffenes Messer um das Grab herum, so glatt und fiebrig\u2013nerv\u00f6s im nur m\u00fchsam beherrschten \u00dcberdruck, dass man sich st\u00e4ndig an ihm schneiden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNach meiner Beobachtung hat die Zersetzungsst\u00f6rung damit zu tun, dass der Tonboden, das Wasser und der luftdichte Sarg dies verhindern\u00ab, wird es dem Totengr\u00e4ber in der Gruft mulmig, er klettert die Leiter herauf und stellt sich neben Dillenburg. Es gibt nur einen Moment, wo der Mensch mit der Natur eins wird, wenn er unter der Erde vermodert. Er hat seinen Chef wiederholt auf die Verwesungsm\u00fcdigkeit des Bodens hingewiesen. Das Erdreich in diesem Gottesacker ist durch den jahrhundertelangen Dienst am Menschen derart ermattet, dass es ihn quittiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbObwohl der Fichtensarg eine tadellose Verwesung verspricht, hat der Eichensarg einen Marktanteil von 10 bis 25 Prozent erreicht. Mit der verheerenden Folge, dass ein Vordringen der Leicheninsekten in den Zersetzungsraum dadurch unterbunden wird. Sogar das Verbot, Verstorbene im offenen Sarg auszustellen, schafft Verwesungsprobleme, weil sich eine Vielzahl von Fliegen darauf spezialisiert hat, ihre Eier auf toten K\u00f6rpern abzulegen. Die M\u00f6glichkeit zur Erstbesiedlung besteht heute nicht mehr in jedem Fall\u00ab, redet sich Dillenburg in Rage. Die Beerdigung muss verschoben werden, weil Umweltaktivisten den Schornstein besetzt haben. Es liest das Infoblatt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eLiebe B\u00fcrgerInnen! Am Schornstein dieses Ein\u00e4scherungsofens werden hochgef\u00e4hrliche Dioxine und Furane gemessen. Bis zu 144\u2013mal mehr als nach der T.A.\u2013Luft f\u00fcr M\u00fcllverbrennungsanlagen zul\u00e4ssig w\u00e4re. Von Leichnamen r\u00fchren Umweltlasten, die das Grundwasser vergiften. Jedes Bestattungsunternehmen wirft erhebliche Mengen an Schwermetall ab, allein 12 Kilogramm an giftigem Quecksilber. Etwa 42 Liter Fl\u00fcssigkeit speichert der Mensch. Bei rund 800.000 Menschen sickern in Deutschland 32 Millionen Liter Leichenwasser in den Untergrund. Dieser Feuerbestattungsofen muss wegen unertr\u00e4glich hoher Luftverschmutzung stillgelegt werden. Zuerst stirbt der Mensch, dann die Umwelt. Wir fordern das Verbot der letzten \u00d6lung.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Aktion f\u00fchrt zu einem Bestattungsstau. Die K\u00fchlh\u00e4user sind \u00fcberf\u00fcllt. Als Wert an sich droht das Individuum bedeutungslos zu werden. \u00dcberregionale Medien greifen den Fall auf. Kamerateams r\u00fccken an. Kommunalpolitiker machen ihren Kollegen vom Landtag Druck. Weil gerade die Wahlen vor der T\u00fcr stehen, werden alle vorhandenen Kapazit\u00e4ten genutzt. Die verantwortlichen Gremien handeln mit Hilfe eines Feuerwehrfonds des Landes schnell und unb\u00fcrokratisch. Der Verbrennungsofen wird stillgelegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach vorliegenden Pl\u00e4nen r\u00fcstet man das Krematorium in ein K\u00fchlhaus um. Da diese Gesellschaft den Tod nicht zulassen kann, muss sie ihn zuteilen. Ein elektronisch gesteuerter Gabelstapler rollt durch die 60 Meter lange, 15 Meter breite Leichenhalle, stapelt die S\u00e4rge in die 8 Meter hohen Regale. Elektronisch gesteuert, sortiert er die Toten nach Terminen. 60 S\u00e4rge pro Stunde, rund um die Uhr. Sogar Termine von Gerichtsmedizinern merkt sich der Computer. Auf die Sekunde p\u00fcnktlich rollt der Sarg \u00fcber ein F\u00f6rderband ins K\u00fchlhaus. Der Leichnam wird in fl\u00fcssigen Stickstoff getaucht und auf Minus 196\u00b0C schockgefroren. Der extrem zerbrechliche K\u00f6rper zerf\u00e4llt dann auf einem R\u00fcttler in grobk\u00f6rniges Pulver, das in einer Vakuumkammer getrocknet wird. Metallteile wie Amalgamf\u00fcllungen oder k\u00fcnstliche H\u00fcftgelenke werden maschinell entfernt und recycelt. Von einem 75 kg schweren Menschen bleiben so 25 kg trockenes, geruchsloses Pulver. Das ganze wird in einem Beh\u00e4ltnis aus pflanzlicher St\u00e4rke flach unter dem Boden begraben. Nach rund einem Jahr wird daraus Humus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Priester Ludgerius muss \u00dcberstunden machen, weil seine Gemeinde als Gesellschafter an dem neuen Bestattungsverfahren beteiligt ist. Obzwar er davon \u00fcberzeugt ist, dass dieses Verfahren der Bibel am n\u00e4chsten ist, verf\u00e4ngt er sich im pastoralen Wortnetzdasein und leiert sein Pax vobiscum ersch\u00f6pft herunter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im K\u00fchlhaus wird eine zus\u00e4tzliche Stelle eingerichtet werden. Eleonore Knippenk\u00f6tter bessert ihre Rente auf, sie ist f\u00fcr das Grobe zust\u00e4ndig. Was nach Luxus aussieht, kommt auf die Seite. Die neue Kollegin klappt den Sargdeckel hoch. Nimmt die Innenseite in Augenschein. Tastet das Totenbett auf seine Beschaffenheit ab. \u00dcberzeugt sich, ob das letzte Hemd des Leichnams m\u00f6glichst aus Baumwolle ist. Zieht dem Toten die Schuhe aus und legt sie f\u00fcr eine karitative Sammlung zu Gunsten der 3. Welt beiseite. Sie hat viele Menschen bestattet, weiss, wie Leid aussieht, und wie sie es von sich fernh\u00e4lt. \u00dcber bestimmte Dinge sollte man nicht st\u00e4ndig nachdenken, wenn man gesund bleiben will. Wenn sie die Verstorbenen auszieht, konzentriert sie sich nur darauf. Erst wenn sie rausgeht und die T\u00fcr schliesst, macht es <em>klick<\/em> im Kopf und sie lacht \u00fcber den Tod, der sie mit jeder Bestattung dem Leben n\u00e4her bringt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Leben kann weitergehen, wenn der Tod sein Recht bekommt. Stille Beisetzungsfeier im Familienkreis, die eine lautlose Lebensmusik verklingen lassen, um im Tod v\u00f6llige Freiheit zu gewinnen. Sie repr\u00e4sentieren in ihren Trauerkleidern das grosskarierte, verwaschene Ungl\u00fcck des enteigneten Lebens. Durchschauen, das tote Menschen wie alle anderen sind. Murmeln Beschw\u00f6rungsformeln. Die Mutter versteht, dass ihr Mann ein Leben lang zu ihr gesprochen, nie mit ihr. Sie macht im Gram noch Konversation und will zusammenhalten, was nicht mehr existiert: die Familie. Auch wenn alle im Raum sind, sind sie nicht wirklich da. Erhalten kein Aphrodisiakum f\u00fcr Nekrophile, das morbide Romantik mit Angstlust verbindet, eher eine glasklare Heiterkeit und die unnachgiebige Menschenliebe, die sich im Angesicht des offenen Grabs einstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fassade aus pulverbeschichteten Aluminium\u2013Platten wirkt klar und leicht, seitlich strukturieren Lamellen die grosse Fensterfront. Das Changieren zwischen opakem Sichtbeton und transparentem Glas, das Nebeneinander von funktionalen und szenischen Elementen f\u00fcgt sich wie ein Mysterium zum rationalen Baustil. Im Innern setzen sich die Lamellen als Gel\u00e4nder an den langen Rampen fort, die ins K\u00fchlhaus f\u00fchren. Eine viertel Stunde nachdem die Leiche schockgefroren wurde, \u00f6ffnet der technische Leiter die Zwischent\u00fcr. Priester Ludgerius reicht das Beh\u00e4ltnis aus pflanzlicher St\u00e4rke an Elfriede. Den Tod sieht sie als ein Provisorium, ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen und denkt: \u201eIch bin, was ich war\u201c. Die Erinnerung wird ihr Leben. Sie versteinert in eisiger Vergletscherung. Ihr Mund ist ein Werkzeug, Worte wie Krustenwesen, die bei lebendigem Leib geknackt und heruntergeschl\u00fcrft werden. So eine langweilige Zeit hat sie zuletzt im Wartezimmer ihres Zahnarztes erlebt. Die Stimmung f\u00e4hrt Rolltreppe abw\u00e4rts. Zu ihrer Lebenswelt geh\u00f6ren nun die Abwicklung alter Ideale, westliche \u00dcberheblichkeit, Ausnutzung ostdeutscher Unterw\u00fcrfigkeit bis zur kriminellen Beutelschneiderei. So hat sie sich den goldenen Westen nicht vorgestellt. Schwarze, elegante Limousinen mit dunkelgrauen Vorh\u00e4ngen, den klassischen Leichenwagen von einst gibt es nicht mehr. Die Fahrzeuge sind unauff\u00e4lliger, dezent in grau, kaum von anderen Kombis zu unterscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verabschiedung von seiner Mutter in der Bahnhofshalle von Wanne\u2013Eickel verl\u00e4uft ohne Worte. Ein letztes Mal betrachtet Elfriede ihren Sohn. Die restlichen Haare sind nach hinten geklatscht, Kinn und Nase stechen hager nach vorn, das zerknitterte Sakko h\u00e4ngt \u00fcber den gekr\u00fcmmten Schultern, um die d\u00fcnnen Beine schlottert eine weite Hose, an den F\u00fcssen stecken spitze Slippers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Seele von Rainer Ernst hat die St\u00e4rke eines rohen Eis. Niemand kann dem Faktum seiner Verletzbarkeit entrinnen. Von seiner Familie abh\u00e4ngig zu sein, zeichnet das Menschliche gerade aus. Es geht ihm um die liebensw\u00fcrdigen Seiten das so genannte einfache Leben haben kann. Er versucht in seiner Lebensweisheit, die tragikomischen Momente seiner selbst wahrzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Boden der Tatsachen direkt zu den Sternen. Elfriede legt das Beh\u00e4ltnis aus pflanzlicher St\u00e4rke ins Familiengrab. Ihre Augen g\u00e4hnen unter halb geschlossenen Lidern. Sie hat f\u00fcr die Welt nurmehr gelangweilte Verachtung \u00fcbrig. Es gibt kein humanes Sterben, und es gibt den Tod nicht als verwaltbaren Rest. Die Beisetzung findet im Freilichtmuseum deutscher Klassik auf dem Friedhof in Weimar statt, in direkter Nachbarschaft zu den unsterblichen Geistesgr\u00f6ssen der Nation. Ein kleiner Trost in Zeiten transzendentaler Obdachlosigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Monster<\/strong>, Short-Stories von A.J. Weigoni. Krash-Verlag 1990<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1990\/01\/Monster_Cover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-48067\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1990\/01\/Monster_Cover.jpeg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"281\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff <em>Trash<\/em> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. Daher sei sei Enno Stahls fulminantes Zeitdokument\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26047\">Deutscher Trash<\/a> ebenso eindr\u00fccklich empfohlen wie Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <strong>Monster<\/strong> Short-Stories waren die Vorstufe zu <strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A.J. Weigoni, Edition Das Labor 2010<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt zu <strong>Zombies<\/strong> einen Artikel von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/05\/turbokapitalistischer-realismus\/\">Kultura-extra<\/a> aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.fixpoetry.com\/feuilleton\/kritiken\/andrascz-j-weigoni\/zombies-0\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>. Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Mauer\u00f6ffnung. Rainer Ernst verfolgt die Live\u2013\u00dcbertragung von Historie am Fernsehger\u00e4t. Er hat vor Unzeiten r\u00fcbergemacht. War nach Wanne\u2013Eickel gezogen, um auf Unser Fritz als Hauer unter Tage sein Gl\u00fcck zu suchen. Er k\u00f6pft ein weiteres Bier. Schnippt mit dem&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/11\/10\/ruheleben\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":98402,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628],"class_list":["post-72442","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72442","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=72442"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72442\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98460,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72442\/revisions\/98460"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98402"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=72442"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=72442"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=72442"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}