{"id":72435,"date":"2010-11-09T00:01:16","date_gmt":"2010-11-08T23:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72435"},"modified":"2022-03-06T19:20:43","modified_gmt":"2022-03-06T18:20:43","slug":"rueckblende-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/11\/09\/rueckblende-2\/","title":{"rendered":"R\u00fcckblende"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sperrstunde naht. Kein Pardon. Hier ist man strenger als anderswo. Peter Nitsche, Inhaber der <em>G\u2013Bierbar<\/em>, stellt noch einen Absacker auf den Tresen. Die verbliebenen G\u00e4ste kippen den Korn, stellen die Gl\u00e4ser mit einem Ruck auf der Theke ab, zahlen und torkeln stumm in die Nacht hinaus. Auf der Friedrichstrasse ist es still, zu ger\u00e4uschlos f\u00fcr eine Grossstadt, zu ruhig f\u00fcr diese windstille Zeit. Der Ex\u2013Boxer beabsichtigt, die T\u00fcr abzuschliessen, bevor er den Rest der Gl\u00e4ser wegsp\u00fclen und den Tresen blankputzen will, da kommt ihm jemand zuvor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHallo, Cowboy!\u00ab, begr\u00fcsst der Altmeister den Kumpel. Stellt eine Lage auf die Theke. Alles an dem Kneipier ist monstr\u00f6s. Er tr\u00e4gt die gef\u00f6nteste F\u00f6nfrisur, die gepolstertsten Polsterjacketts und steingewaschensten Steinwaschhosen der Bekleidungsgeschichte. Dazu hat er eine Glattlederjacke hochgekrempelt, die in Brusth\u00f6he Fransen besitzt. Der Wirt sp\u00fclt beil\u00e4ufig die Gl\u00e4ser und wartet ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKann nich&#8216; schlafen. Gespenster verfolgen mich. Auch tags\u00fcber tr\u00e4ume ich jede Einzelheit\u00ab, murmelt Harry Wachsmann, hustet, h\u00e4lt ein Stofftaschentuch vor den Mund und rotzt hinein. Er hat ein Kinn, das so spitz ist wie ein Kinderspaten, dazu den stechenden Blick eines Fanatikers. So einem stellt man sich nicht freiwillig in den Weg. Zuwendung macht ihn ein wenig bestechlich, Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber seinem Urteil irritiert ihn, woraus wortreiche Exkurse folgen. Privates findet sich selten, nur dann, wenn die Verletzlichkeit auf seinen Narzissmus trifft. Er hat seit Tagen kein Auge zugetan. Peter gibt ihm einen Doppelten. Den kippt Harry ruckartig hinter die Binde. Einen weiteren. Das Zittern der Hand l\u00e4sst nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie lernten sich kennen, als Harry 1954 einen gestohlenen LKW in den Osten verh\u00f6kern will. Peter arbeitete auf dem Zentralviehhof an der Leninallee. Der Metzger kennt sich auf dem Berliner Schwarzmarkt aus. Als ehemaliger Boxer verkehrt er in den Trainingsschuppen der Klubs und bekommt schnell mit, wer hinter den Sportvereinen steckt und in welchen Kneipen sich die Bosse treffen. Nitsche hat diplomatisches Geschick, legt sich nie einseitig fest, unter einem Decknamen arbeitet er f\u00fcr die Hauptabteilung II des MfS. Er hat den Auftrag, M\u00e4nner anzuwerben, die zu allem entschlossen sind, und bei Wachsmann ist er sich sicher, dass er einen Hartverpackten gefunden hat, der keine Furcht kennt. Er bringt ihn nicht zur MfS\u2013Zentrale an die Normannenstrasse, sondern zu einem Gel\u00e4nde der ehemaligen Reichsluftwaffe im Stadtteil Johannisthal. Dort residiert unter der Leitung von Oberst Kiepe ein Spezialtrupp der Stasi. Karl Kiepe ist mit allen Abwassern gewaschen, ein Kommunist aus dem Bilderbuch, der aus dem Befehlsnotstand der \u00dcberzeugung handelt. In den fr\u00fchen Zwanzigern war er zun\u00e4chst der KPD und dann der Roten Hilfe beigetreten, 1933 in die Sowjetunion emigriert und sp\u00e4ter als Partisan in Polen verwundet worden. Als er und Wachsmann sich zum ersten Mal begegnen, hinkt Kiepe ein wenig, riecht streng nach Knoblauch und spricht besser russisch als deutsch. Nur eins ist gleich: sie sind alle anders. Die von Kiepe zusammengestellte Spezialtruppe ist ein bunt zusammengew\u00fcrfelter Haufen aus trinkfesten Kriegsveteranen, verdienten Spanienk\u00e4mpfern, Maul\u2013 und Frauenhelden. Wachsmann f\u00fchlt sich sofort wohl. Auch er ist nicht ohne. Nach der Kapitulation sass er in amerikanischer Gefangenschaft; kaum entlassen, wurde er wegen Diebstahls und Schwarzmarktgesch\u00e4ften gekrallt und kam f\u00fcr drei Jahre in den Knast.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Utopie\u00fcberfrachtete Kollektivsymbolik. Dieses Trio bildete eine Untergruppe an der <em>Unsichtbaren Front<\/em>, die in den folgenden Jahren abtr\u00fcnnige Mitarbeiter aus dem Westen zur\u00fcckbringt oder gegnerische Agenten ins Johannisthal holt. Im Osten des Landes sind die Geheimdienstler nicht zimperlich, weil mit dem Neubeginn nach Kriegsende die Vorurteile zwischen Kommunismus und Kapitalismus wiederkehren. Agenten und Aufwiegler auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs schmiedeten auch nach der Tauwetterzeit immer neue Pl\u00e4ne, um das feindliche System zu schw\u00e4chen und sich den entscheidenden Vorteil zu verschaffen. Heerscharen von Spionen wurden in Marsch gesetzt, Sabotagetrupps auf den Weg geschickt, smarte Typen auf Sekret\u00e4rinnen angesetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Karl Kiepe, Peter Nitsche und Harry Wachsmann sind Meister der Tarnung. Was immer das Trio an Eins\u00e4tzen hinter sich hat, stets kehren sie nach der formativen Phase an ihre <em>normalen<\/em> Arbeitspl\u00e4tze zur\u00fcck, als w\u00e4re nichts gewesen. Im f\u00fcnften Stock der Kant\u2013Garagen, Europas erstem Parkhaus, repariert Harry Wachsmann mit einem Dutzend Mitarbeitern italienische Autos, sie frisieren Motoren und bauen Rennwagen f\u00fcr die Touren\u2013Serie. Nach aussen gibt sich Wachsmann als normaler B\u00fcrger, hinter der Fassade der Autowerkstatt bereitet er mit seinen Kumpanen die Eins\u00e4tze mit Feindber\u00fchrung vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEin Wernesgr\u00fcner zum Nachsp\u00fclen w\u00e4re nicht schlecht\u00ab, \u00e4ussert sich der Kfz\u2013Meister nach einiger Zeit. Manchmal ist er pr\u00e4tenti\u00f6s, meistens ist der ehemalige Garagist langweilig, oft ist er unertr\u00e4glich eitel, aber meist ist es schlicht grossartig. Der erfahrene B\u00fcffetier hat das bereits kommen sehen und arbeitet seit sieben Minuten wie ein Uhrmacher an einem Spitzenpilsener, fehlt lediglich die Schaumkrone, die er kurz nach dem ge\u00e4usserten Wunsch behutsam auftupft. Er stellt das kleine Meisterwerk auf dem Tresen ab. Harry zieht kennerhaft die Braunen hoch und l\u00e4sst das Bier in einer Welle \u00fcber den Gaumen schwappen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWeisst du noch, die Aktion damals in W\u00fcrzburg?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDenke immer daran, wenn ich mir den alten Defa\u2013Streifen <em>For eyes only<\/em> ansehe, solltest du auch mal tun.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWozu, ich hab kein Geld f\u00fcr die Drehbuchvorlage bekommen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDaf\u00fcr bekommst du von mir noch&#8217;n Pils\u00ab, gibt sich der Wirt spendabel und stellt ein weiteres Glas auf dem Tresen ab. Sein alter Kumpel nimmt dankend an, nimmt einen tiefen Zug und erinnert sich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs war ein strahlender Sonnenmorgen, ich erinnere mich noch heute an diesen Tag im Mai, Pfingst\u00adsonntag &#8217;56. Wir mit dem 190 SL, \u00fcbrigens mein Traumauto, von Westen kommend an den Schlagbaum heran. Das Heck meines Wagens schaukelt gef\u00e4hrlich knapp \u00fcber dem Asphalt, der Mercedes ist schwer beladen. Am westdeutschen Kontrollh\u00e4uschen lenke ich das Auto auf den Mittelstrei\u00adfen, steige aus und begr\u00fcsse die Grenzbe\u00adamten per Handschlag.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNa, Chef, Sie haben aber heute ganz sch\u00f6n geladen\u00ab, r\u00e4uspert sich der Wirt und spricht ihn in der Rolle des Z\u00f6llners auf die schwere Wagenlast an. Sie erh\u00f6hen die Fallh\u00f6he f\u00fcr ihre Verschrobenheit, sind in der eigenen Nostalgie vereinsamt, spielen das kleine Dramolett \u00f6fter; inzwischen ist es reif f\u00fcr eine H\u00f6rspielfassung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas sind neue Motorteile aus Italien, die brauche ich f\u00fcrs n\u00e4chste Rennen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDann muss man Ihnen ja wieder Gl\u00fcck f\u00fcr den N\u00fcrburgring w\u00fcnschen. Danke f\u00fcr die\u2026 hmmm <em>Handelsgold<\/em>diesmal. Gute Fahrt dann.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMotorenteile!\u00ab, gluckst Peter. Harry schwelgt weiter:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEin Panzerschrank aus dem US\u2013Milit\u00e4rspionagedienst samt Agentenkartei; wenn ich mich daran erinnere, wie wir zuerst eine Baubude in Butzbach geknackt haben, um mit den Werkzeugen daraus den Tresor zu knacken. Zwei Sees\u00e4cke, zahllose Pappk\u00e4rtchen, die Agentenkartei des amerikanischen Milit\u00e4r\u2013Spionagedienstes MID. Kann mich gut daran erinnern, wie Otto Grotewohl der \u00d6ffentlichkeit stolz den angeblichen Hauptakteur vorstellte. Ein ehemaliger MID\u2013Mitarbeiter sei zur DDR \u00fcbergewechselt, als Zeichen <em>seines guten Willens<\/em> habe er einen Tresor voller Akten mitgebracht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das n\u00e4chste schaumgekr\u00f6nte Wernesgr\u00fcner wechselt den Besitzer. Diesmal stellt der Wirt ein Sch\u00e4lchen Erdn\u00fcsse dazu. Wachsmann sinniert dar\u00fcber, wie er den Mercedes mit schusssicheren Reifen, vom Fahrer verriegelbaren Innent\u00fcren und einem schalldichten, gut verschliessbaren Kofferraum umger\u00fcstet hatte. Im Sommer &#8217;58 gelang ihm ein weiterer Coup: im Alleingang hatte er einen von russischen Emigranten betriebenen Propagandasender in die Luft gesprengt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLieber 100 Prozent zuviel Sprengstoff als zuwenig\u00ab, murmelt er ein altes Motto vor sich hin. Wie zur Bekr\u00e4ftigung seiner hedonistischen Sentenz holt der wendige Pykniker das gerippte Lederetui aus dem Jackett, und schon glimmt heimelig die Zigarre von Fidel Castros Gestaden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie sagte der Minister: \u201eDie Macht der Arbeiterklasse ist so gross und reicht so weit, dass jeder Verr\u00e4ter zur\u00fcckgeholt wird, oder ihn in seinem vermeintlich sicheren Versteck die gerechte Strafe ereilt.\u201c \u2013 und det ham wir ooch jemacht\u00ab, best\u00e4tigt der Wirt, wobei er sich dar\u00fcber klar ist, dass es kein geschlossenes Auftreten des Proletariates mehr gibt. Fr\u00fcher war die Klasse der Werkt\u00e4tigen voller W\u00e4rme und Solidarit\u00e4t. Die Werkt\u00e4tigen hatten Selbstachtung und waren stolz auf das, was sie taten. Inzwischen m\u00f6chte jeder, der zur Unterschicht geh\u00f6rt, jemand anderes sein, als er eigentlich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wachsmann erinnert sich an eine fr\u00fche Niederlage, wie der Mechaniker seine erste Werkstatt in die Pleite gef\u00fchrt und 1961 r\u00fcbergemacht hat. In Biesdorf hat er eine Fabrikhalle hochgezogen, in der er Boote aus Polyester baut. Der Laden brummt. Mielkes Stellvertreter hat sein Herz f\u00fcr die Seefahrt entdeckt, er l\u00e4sst sich ein Kaj\u00fctenboot bauen. Nach und nach werden alle Freunde mit solchen Booten bedacht, der Mielke\u2013Vize benutzt die schneidigen Polyesterschalen zum Ausbau seiner G\u00fcnstlingswirtschaft. Das st\u00f6sst einigen B\u00fcrokraten b\u00f6se auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbPeter, jetzt machen sie mich fertig!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbRed&#8216; keinen Quatsch, Erich Mielke hat gesagt, du marschierst unter den Ersten. Und ausserdem bist du mit der Verdienstmedaille der Nationalen Volksarmee in Gold ausgezeichnet worden!\u00ab, tr\u00f6stet der alte K\u00e4mpe seinen Kumpel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVielleicht liegt es auch nicht am Gl\u00fcck, sondern am Talent, dem wenn nicht das Gl\u00fcck, so das Ungl\u00fcck hilft, wie es im russischen Sprichwort heisst. Nie weiss man Gewisses, man h\u00f6rt viel auf den Fluren, Konrad Kiepe, unser alter G\u00f6nner, soll entmachtet werden.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDann \u00fcbernehmen die Technokraten jetzt die Macht?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMich hat immer gest\u00f6rt, dass man bei uns in Mammutsitzungen philosophiert und Dogmatik betreibt, anstatt die \u00c4rmel hochzukrempeln, um die neue, bessere Gesellschaft aufzubauen\u00ab, best\u00e4tigt er mit der ungeheuren Ernsthaftigkeit eines wahren Humoristen. Kickt seinen Kumpel mit dem Ellbogen an und glaubt daran, dass sich in der Not allein der Adel grosser Seelen bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem er nicht mehr zu Eins\u00e4tzen ins <em>Operationsgebiet<\/em> geschickt wird, steckt der hyperaktive Harry Wachsmann alle Energien in die Entwicklung neuer Produkte. Der Collectoholic pusht sich jeden Tag mit 20 Tassen Kaffee und 70 Zigaretten auf. In seiner chaotischen Werkstatt stapeln sich die Baupl\u00e4ne und Konstruktionszeichnungen, Gipsformen liegen herum. Der Mechaniker baut Duschwannen aus Polyester, entwickelt einen beheizbaren Auto\u2013R\u00fcckspiegel und vieles mehr. F\u00fcr die beamteten Bolschewisten ist der Erfinder etwas Unheimliches, dieser Mann setzt Normen, anstatt sich in sie zu f\u00fcgen. Er winkt mit dem leeren Glas, der Wirt hat das n\u00e4chste Pils in Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGrenzg\u00e4nger k\u00f6nnen gelegentlich eine st\u00e4rkere Kraft entwickeln als Insider. Jedoch nicht kontinuierlich. Alle Versuche, seine Pers\u00f6nlichkeit in unserer Gesellschaftsordnung zu verankern, haben nicht zu dem erw\u00fcnschten Erfolg gef\u00fchrt\u00ab, res\u00fcmiert der Vorgesetzte von Oberst Kiepe, die geniesserische Sucht gehasst zu werden, nachdem sie das Dramolett bis hierher \u00fcber eine gut versteckte Wanze mitgeh\u00f6rt haben. Graue Gestalten aus einem Spukschloss der Vergangenheit nehmen Aufstellung. Die Welt ist auf die Gr\u00f6sse ihrer nagetierhaften Pupillen zusammengeschrumpft. Die Lachf\u00e4ltchen sind abgelegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kiepe gibt den Frauenhasser, den Verklemmten und brilliert als Unsympath. Sie halten ihn auf den schallschluckenden Teppichb\u00f6den am Werderschen Markt, im <em>Hochsicherheitstrakt der Macht<\/em>, f\u00fcr einen, der aussieht wie ein Streber aus einer Mathematik\u2013Abschlussklasse, ein lebender Taschenkalkulator, der sich ins Gesch\u00e4ft verirrt hat, aber dummerweise nicht rechnen kann. Lack der Selbstverkl\u00e4rung aus narzisstischem Gr\u00f6ssenwahn und moralisierender Selbstanmassung. Im d\u00fcster marmorierten ZK\u2013Geb\u00e4ude sitzen Lebende, die vom Geist eines Toten beseelt sind. Das Revoluzzerfeuer ist ausgegl\u00fcht. \u00dcberall: Kalte klassenk\u00e4mpferische Asche von einst. Vergangenheit, die nicht vergehen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs braucht Despoten und nicht Demokraten, wenn fremdes Terrain erobert werden muss\u2026\u00ab, verk\u00fcndet Konrad Kiepe, er h\u00e4lt es f\u00fcr eine Tugend, seinen Standpunkt deutlich zu sagen, \u201e\u2026und es braucht Republikaner, wenn das Land zivilisiert werden soll\u201c, denkt sich den zweiten Teil und macht sich gegen seine pers\u00f6nliche Verbundenheit umgehend auf den Weg. Dem alten K\u00e4mpen ist klar, dass sein bester Mann zu viel weiss und zuviel dar\u00fcber redet; seit einiger Zeit auch gegen\u00fcber dem KGB. Dass Begriffe wie Elite, Anstand, Pflichten von den Nazis missbraucht wurden, kann nicht heissen, sie auf Dauer aus unserem Denkschatz zu verbannen. Harry Wachsmann ist nicht zynisch, sondern die Geschichte, die er in seinen Geschichten erz\u00e4hlt. Was, wenn Wachsmann nun auch ge\u00adgen\u00fcber dem Klassenfeind plaudert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konrad Kiepe l\u00e4uft mit einer betr\u00e4chtlichen Bugwelle ein. Schiesst das Schloss der <em>G\u2013Bierbar<\/em> kaputt. Tritt vor die Klinke. Die T\u00fcr fliegt auf. Er reisst die Schnellfeuer\u2013Waffe hoch und m\u00e4ht den Gast durch gezielte Feuerst\u00f6sse um. Dann sackt er selber zusammen, Wachsmann hat ihn im Fallen mit einem gezielten Schuss zwischen die Augen getroffen. Er hat keine Worte mehr, nur Emotionen, die bedr\u00e4ngen, ein Rudern und Wedeln und verkrampftes Zucken der Arme, der H\u00e4nde, die gerade noch gebremste Geb\u00e4rde von Aufbegehren, abgrundtiefer Verzweiflung, diese letzten stummen Minuten vor der Explosion von Gewalt. Mit dem Eintreffen der Totenstarre bleibt der Abzug durchgezogen. In Konrad Kiepes Totenmaske sprechen nur noch die Gesichtsz\u00fcge, sie sagen der Stasi wenig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div id=\"attachment_20097\" style=\"width: 152px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-image-20097 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"207\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Redaktionelle Anmerkung: Dieses Thema sollte Weigoni in seinem ersten Roman <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\"><em>Abgeschlossenes Sammelgebiet <\/em><\/a>vertriefen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Sperrstunde naht. Kein Pardon. Hier ist man strenger als anderswo. Peter Nitsche, Inhaber der G\u2013Bierbar, stellt noch einen Absacker auf den Tresen. Die verbliebenen G\u00e4ste kippen den Korn, stellen die Gl\u00e4ser mit einem Ruck auf der Theke ab,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/11\/09\/rueckblende-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":97950,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628],"class_list":["post-72435","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72435","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=72435"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72435\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101903,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72435\/revisions\/101903"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97950"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=72435"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=72435"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=72435"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}