{"id":72402,"date":"1990-02-26T00:01:42","date_gmt":"1990-02-25T23:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72402"},"modified":"2022-02-27T14:00:41","modified_gmt":"2022-02-27T13:00:41","slug":"exhibition","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/02\/26\/exhibition\/","title":{"rendered":"Exhibition"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Name klingt nach dem Echo von zwei Peitschenschl\u00e4gen: Grazia Terribile. Die Ausstellungen der Galeristin sind am ersten Abend <em>gepunktet<\/em>. Deshalb leistet sie sich Events, die ihr ausser \u00c4rger nichts einbringen. <em>TatTwo<\/em> atmet den Geist der Selbstreinigung durch Kunst, des Versenkens in das Bild des Schmerzes, der Anrufung fremder G\u00f6tter. <em>TatTwo<\/em> ist ein Floh, den Libero Concordia der Galeristin ins Ohr gesetzt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Libero Concordia ist ein gescheiterter Pappstar, der <em>Schweinerock<\/em>\u2013Bands produziert und schlechte Plattencover entwirft. Der Lordsiegelbewahrer ist ein \u00fcberzeugter Rockist und Authentizit\u00e4tsverfechter, der versucht, die brutalen Ausw\u00fcchse seiner verkorksten Biografie zu einem rebellischen Akt zu verkl\u00e4ren, einer selbstgerechten und zu Tode liberalisierten Welt ihre b\u00f6se Fratze zu zeigen und in sich s\u00e4mtliche mythischen Rock&#8217;n&#8217;Roll\u2013er zu vereinen. Er tr\u00e4gt ein slickes Oberlippenb\u00e4rtchen, ein silbernes Kettchen, Drapes und lange Jacketts. Dazu Creepers mit dicker Kreppsohle und ein Bolo\u2013Tie, ein d\u00fcnnes Lederband mit silbernem Amulett, um den Hals. Wer cooler ist als er und seine Clique, der friert. Sie versuchen den Eiswinden der Entfremdung zu trotzen und den K\u00e4ltepassagen der Existenz affirmative Strategien entgegenzusetzen. Die Ambivalenzen, die das Leben bereith\u00e4lt, anzunehmen und sich darauf einzustellen, ist die Basis ihres Verhaltens. Crusties, weisse Mittelklasse, die so tut, als w\u00e4re sie Unterklasse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grazia Terribile begreift seine ironische Form der Dekontextualisierung als Vermischung, sie sch\u00e4rft den Blick f\u00fcr das Zeichenhafte selbst und versucht, diesen symbolischen Eklektizismus semiotisch aufzul\u00f6sen. Indem Libero Concordia eingespielte Zuweisungen von Ausdruck und Inhalt bestreitet und auf das Urspr\u00fcngliche des Symbolischen hinweist, kann er nur in dem Augenblick handeln, der ihm geh\u00f6rt, unter den Menschen, die ihn umgeben. Im Grunde will er nur sich und das Publikum auf degoutante Weise zum Lachen bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die K\u00f6rperoberfl\u00e4che dient den Ureinwohnern der Marquesas\u2013Inseln als Zeichentafel f\u00fcr die Schrift des irdischen Paradieses. Sie schlugen sich mit einem <em>Tatauierkamm<\/em>, der aus Haifischz\u00e4hnen bestand, bunte Muster in die Haut\u2026 die Schrottpressengeneration bekommt Druck von allen Seiten. Um Individualit\u00e4t und den Schmerz des Daseins sp\u00fcren zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie die best\u00e4ndige Taubheit mit Schmerz vertreiben. Sie versch\u00f6nern ihre Haut mit Brillanten im Bauchnabel oder an der Nase, piercen sich Brustwarzen, Schamlippen oder die Zunge, joggen oder schwimmen jeden Morgen, experimentieren mit immer neuen Di\u00e4ten und k\u00e4mpfen gegen eine heimt\u00fcckische Dehydrierung. Es sind erschreckte Menschen, die verwirrt auf die Realit\u00e4t oder das, was sie daf\u00fcr halten, reagieren. Vergebliche K\u00e4mpfer, die versuchen sich ein Leben zu arrangieren. Fr\u00f6hliche Untergeher, denen das Gestern ebenso entgleitet wie das Heute, und die Hoffnung sch\u00f6pfen, wenn eine Stimme unaufgeregt in ihr heilloses Durcheinander spricht. Jeans und Turnschuhe werden in Sweatshops in Vietnam oder auf den Philippinen von Kindern zusammengen\u00e4ht, die sie selbst nie tragen werden. Hergestellt wird im Westen lediglich ein Image. Widerstand wird nur geduldet, solange diese Popularit\u00e4t wiederum ein Image, eine Mode, eine Marke kreiert. Die Artgroupies feiern sich auf der <em>TatTwo<\/em>\u2013Vernissage mit ihrer Anti\u2013Haltung als lustigen Guerillaspass. Das Event ger\u00e4t zur normativen Selbstdarstellung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ernst Willem von Wackerzapp ist der noch\u2013nicht\u2013ganz\u2013Ex von Grazia Terribile. Ein Cowboy. Die Er\u00f6ffnung will er zu einem Showdown machen und einen wunden Punkt von der Wand entfernen. Schon am Eingang ger\u00e4t er in Schwierigkeiten. Der Eintritt erfolgt nur gegen Vorzeigen eines Tattoos. Popmoderne Kainszeichen. Ein muskul\u00f6ser, straffer Bauch, ein Tattoo auf glatter, gebr\u00e4unter Haut, sind die Insignien origin\u00e4rer Jugendlichkeit. Zu sp\u00e4t merkt Ernst Willem, dass er seine Haut zu Markte tragen muss. Der Schmerz sch\u00e4rft seinen Verstand und st\u00e4rkt das Seelenleben. Er l\u00e4sst sich auf das Experiment aus der K\u00e4lte, Todesahnung, Lebens\u2013 und Todesbezwingung ein, befragt in einem inneren Monolog das Ungl\u00fcck, die Welt, in resignativem Tonfall und rechnet angelegentlich mit der M\u00f6glichkeit, sich in das Mitglied eines Schurkenstaates zu verwandeln oder zu einem degenerierten Adligen zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oli macht den Job schon seit Jahren. Er l\u00e4sst sich durch nichts beeindrucken. Zeitweise hat er ein abgedrehtes Leben gef\u00fchrt, weil er gehofft hatte, dies w\u00fcrde ihn zu k\u00fcnstlerischen H\u00f6chstleistungen inspirieren. Doch gerade dann ist gar nichts dabei herausgekommen. Er ist modern, weil er sich den Postulaten der Moderne widersetzt, nimmt Zeitlosigkeit in Anspruch f\u00fcr sich, wenigstens f\u00fcr einen Augenblick. Heutigentags ist alles steril: die Maschine, die Nadeln werden nach Gebrauch entsorgt. Farben sind bereitgelegt. Haut wird rasiert. Die Nadel feinnivelliert. Motive werden mit einer Schablone \u00fcbertragen. Routiniert f\u00e4hrt Oli mit der Nadel unter die Haut. H\u00e4lt exakt die Stichtiefe. Beruhigt zudem die <em>Neueintr\u00e4ge<\/em> mit der Nachricht, dass es sich um ein Soft\u2013Tattoo handelt, mit dem nur die oberste Hautschicht gef\u00e4rbt wird. Der K\u00f6rper als Bildtr\u00e4ger. Nach zwei Jahren ist alles vorbei. Die Sonne bleicht die Farbe aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ernst Willem begibt sich unter die Mischpoke. Verschafft sich eine g\u00fcnstige Betrachterposition. Beobachtet Libero, der damit beginnt, verkaufte Bilder abzuh\u00e4ngen. Gratuliert Grazia zum gelungenen Event. Die Galeristin wirkt auf den ersten Blick eher unspektakul\u00e4r: buschiges schwarzes Haar, Allerweltsklamotten, keine All\u00fcren, keine Manierismen. Wer nicht aufpasst, dem k\u00f6nnte es passieren, dass er sie sieht, ohne sie recht wahrzunehmen. Sie ist attraktiv, ohne sch\u00f6n zu sein, eine Sch\u00f6nheit, die nicht der Industrienorm entspricht, so wie Frauen aussehen, die auf Sch\u00f6nheitschirurgie verzichten k\u00f6nnen. Sie hat ein Gesp\u00fcr f\u00fcr Kunst und kann witzig und erotisch zugleich sein. Ihre Vorz\u00fcge ebenso dezent wie nachdr\u00fccklich auszustellen, geh\u00f6rt zum Gesch\u00e4ft. Das Angelernte, Einstudierte, Abgeguckte sieht man ihr nicht an. Beim Schauspielern wird sie von niemandem erwischt. Sie spielt mit dem Herzen, nicht mit dem Kopf und dr\u00fcckt mit einem L\u00e4cheln mehr aus als die meisten Frauen mit ihrem ganzen K\u00f6rper. Ihr Liebesspiel ist wie jedes Spiel, es gen\u00fcgt sich selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seiner unerbittlichen Einsamkeit erweist sich Ernst Willem als Frauenheld, der Gelegenheiten ungern verschm\u00e4ht. Ironie eine Art Erl\u00f6sungsform, in der er Haltung bewahrt. In ihrem Gesicht, mit der hohen, steilen Stirn und der perfekt ovalen Form, entdeckt er die aufmerksame Zur\u00fcckhaltung eines Vermeer\u2013M\u00e4dchens. Alles was sie sich \u00fcber das sehr diffizile Geflecht von Beziehungen zwischen M\u00e4nner und Frauen gesagt haben, dokumentiert nur die v\u00f6llige Verst\u00e4ndnislosigkeit. Und doch wollen sie sich dem Gef\u00fchl des v\u00f6lligen Verstr\u00f6mens anheimgeben. Ihr heftiger Flirt wird unterlegt von 124 Dezibel. Feierlich, in dunkler Anmut str\u00f6men Melodien dahin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Triptychon des Rough&#8217;n&#8217;Roll. In der Mitte das Rockbrett: Gitarren, Bass und Schlagzeug. Links der Techniker mit Sample &amp; Hold. Rechts zwei Plattenspieler als Repr\u00e4sentanten des HipHop. Plug &amp; play: Als das Kabel f\u00fcr die Stromgitarre einrastet, wirkt es, als h\u00e4tten sie sich per Klinkenstecker unter Wechselstrom gesetzt und an das Nervensystem der H\u00f6rer angeschlossen. Der Gitarrist blickt stechend aus seinen gr\u00fcnen Augen. Blonde Haare h\u00e4ngen ihm str\u00e4hnig ins Jungsgesicht. Sein schm\u00e4chtiger K\u00f6rper steckt in Jeans und Sweatshirt, damit verk\u00f6rpert er die Symbiose aus Modernisierungsschub und Proletenkultur. Er zupft mit der <em>Gibson Les Paul<\/em> flink Akkorde, arpeggiert rasend schnell, setzt coole bluesige Slides dazwischen, l\u00e4sst grosse Septimen mitschwingen, haut kaputte Kettens\u00e4gen\u2013Riffs raus und macht hymnischen Krach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz zur S\u00e4ngerin der Band. N@sty B. zelebriert den Spagat zwischen fragiler Pers\u00f6nlichkeit und wilder Angriffslust. Sie hebt ihr Medusenhaupt, tr\u00e4gt einen zerfetzten Mini\u2013Rock, hat Lippenstift dick aufgetragen, badet in Wimperntusche und kr\u00e4ht, sie sei eine Bitch \u2013 ihre Ausstrahlung ist die einer Lady. Ihre Stimme erhebt sich voll altmodischer Leidenschaft. Funkyness liegt als Flokati unter der traurigen Stimme. Der K\u00f6rper h\u00e4ngt als sch\u00f6nes Kleid von ihren Schultern. Ihre Arme sind nach ihrem Publikum ausgestreckt, als wollte sie es teilen wie das Meer. Ihr Auftritt ist eine Mischung aus Agro, Melancholie und Zerbrechlichkeit. Als androgyner Macho, n\u00f6rgelnd und bellend und mit Grinsen \u00fcbers Ziel hinausschiessend, steht sie breitbeinig mit federnden Knien da und zieht das Mikrophon samt St\u00e4nder schr\u00e4g zu sich herunter, mal drischt sie in Schrittstellung auf die B\u00fchnenkante. Sie bezwingt auf der B\u00fchne das innere Chaos und verwandelt es dort in d\u00fcster schimmernde Sch\u00f6nheit. Ob mit Gesang\u2013 oder Sprechton, ob der Rhythmus haarscharf beim Singen zu einer Melodie wird, das interessiert sie kaum, wenn sie das Material beschw\u00f6rt und in rasende S\u00e4tze zerlegt. Alles, was z\u00e4hlt, ist die pure Materialit\u00e4t der Stimme, durch die sie auch in den immer lauter werdenden Beats die Oberhand beh\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbH\u00e4rte \/ Action \/ Sinnlichkeit \/ \u2013 \/ Ruhm \/ Reichtum \/ Unsterblichkeit\u00ab, h\u00e4mmert die Intensit\u00e4ts\u2013Maschine, beschleunigt Molek\u00fcle reinen Krachs von null auf vier Strophen in zwei Minuten und pr\u00e4sentiert sich mit Boller\u2013Beats grundeinfach in ihrer \u00dcberm\u00fctigkeit sind: Hier der Shouter, dort die Bridge, dann die Drums.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Artgroupies covern eine Zeit, in der Rock&#8217;n&#8217;Roll schamanistische Extase versprach. Erscheinungen, die ein erfundenes Ich wie eine Behauptung vor sich hertragen, betrinken sich auf anderleuts Kosten. Mit Hilfe von popmodernen Zeichen erschaffen sie ihre Welt mit Nietenarmb\u00e4ndern, grossfl\u00e4chigen Tattoos, und einer \u00fcbercoolen Ranzigkeit. Diese Zombies stiegen aufs Identit\u00e4tskarussell und w\u00e4hlen zum klinischen Knistern und stoischen Klickern die passende Kleidung, sie stehen morgens vor den Masken ihrer Pers\u00f6nlichkeit und fragen sich: \u201eWer will ich eigentlich heute sein?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Distorschen. Todesbl\u00fchen einer sterbenden Kultur. Wo das sexuelle Begehren aus der Gem\u00fctlichkeit aufbricht, paart sich sonische Wut mit roher Gewalt. Die Rough&#8217;n&#8217;Roll\u2013Bande feiert die Sensationen des Gew\u00f6hnlichen, und zelebriert <em>Rawwwk and Rooooull<\/em> als neue Hochkultur ihrer Epoche. Der Krach muss ohrenbet\u00e4ubend sein, denn er muss \u00fcberw\u00e4ltigen. Die Musik darf nicht geh\u00f6rt, sie muss direkt von den Eingeweiden aufgenommen werden\u2026 bis zu dem Zeitpunkt an dem das Faustrecht des Zeitgeists der Terror des Allt\u00e4glichen beginnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie haben ihre Karriere hinter sich gehabt, bevor sie beginnen konnte\u00ab, weist Libero Concordia mit einem pathetischen, aber eben auch bis zur L\u00e4cherlichkeit hilflosen Satz, auf seine Kollegen. Er geh\u00f6rt zu den Menschen, die vieles erreicht haben, aber diffus ungl\u00fccklich sind. Schatten ihrer selbst. Ernst Willem staunt, wie wenig w\u00fcrdevollen Menschen man im \u00f6ffentlichen Raum begegnet, jeder scheint nunmehr als PR\u2013Agent in eigener Sache unterwegs zu sein. Sein Gesicht ist wie eingefroren. Er ist angenervt. V\u00f6llig angekotzt. Dabei diszipliniert, nicht aggressiv. Findet es unertr\u00e4glich, wenn man Oberfl\u00e4che mit Oberfl\u00e4chlichkeit verwechselt. Stoisch erkl\u00e4rt er sich. Im Vertrauen darauf, dass Worte wirken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist ein Irrtum anzunehmen, dass Qual und Selbstzweifel notwendigerweise zu Meisterwerken f\u00fchren m\u00fcssen. Ich liebe einfache Menschen, die mit ihren zwei H\u00e4nden was anfangen k\u00f6nnen. Sie sind nicht gerade intelligent, aber sehr clever. Ist es altmodisch, eine Kunst machen zu wollen, die das Leben einschliesst, sich auf das Leben erstreckt?\u00ab, spekuliert der Adlige, dem in dieser Nacht klar wird, dass der Mensch ein Tier ist, das zuviel denkt. Nirgends kann man hindenken, wohin nicht schon einmal gedacht worden w\u00e4re. Intelligenz ist das Produkt seiner Versuche, die Dummbatzigkeit in den Griff zu bekommen. Bildung bringt ihm Unabh\u00e4ngigkeit. Nur wer viel weiss, kann die Dinge einordnen und verstehen, die um ihn herum passieren. Taktik und Takt in unzweideutiger Un\u00fcbersichtlichkeit. Er versucht das F\u00e4hnchen des Furors hochzuhalten, verpackt Ablehnung in kollegiale F\u00fcrsorglichkeit und bietet mit vers\u00f6hnlicher Geste ein Kaltgetr\u00e4nk an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas machst du, wenn es nicht klappt?\u00ab, erkundigt sich der r\u00e4udige Pappstar zwischen zwei Bieren beim Vortrinker der Toscanafraktion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDann ziehe ich mir eine Zwangsjacke an und schliesse mich in den Schrank ein\u00ab, retouniert der Adlige. Er nimmt Grazia ernst, weil er sie nicht f\u00fcr verr\u00fcckt h\u00e4lt, sondern konkurrierende Wirklichkeitserkl\u00e4rungen f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich nimmt. Die Antipsychiatrie hatte den Traum, dass die Irren etwas haben, was uns allen verloren gegangen ist, dass sie unschuldiger, weiser und kreativer sind als wir Domestizierten. Weil sie nicht l\u00fcgen k\u00f6nnen, \u00fcberf\u00fchren sie alle H\u00f6flichkeiten als faule Kompromisse; sie lachen \u00fcber b\u00fcrgerliche Hemmungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grazia lebt eine private Apokalypseverliebtheit, sie kann sich zwischen den Kerlen nicht entscheiden. Jede Vermutung ist so gut wie die andere. Standpunkt bedeutet ihr, dass der Ort, an dem sie sich befindet, \u00fcber die Perspektive entscheidet. F\u00fcr einen Fotografen muss sie sich mit ihrem K\u00fcnstler positionieren. Der erste zu sein, reicht dem gescheiterten Pappstar nicht, man muss der erste sein, der es richtig macht. Er legt ihr die Hand auf das verl\u00e4ngerte R\u00fcckgrat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sollte ein Abend der Besinnung werden, er endet tumultarisch. In dunkelster Depression verwechselt Ernst Wilhelm von Wackerzapp Kraft mit Brutalit\u00e4t, Gef\u00fchl mit Sentimentalit\u00e4t. Hat einen semantischen Ekel vor toten Zeichen, mit denen sich Menschen vor einer Welt sch\u00fctzen, in der es ihnen die Worte verschl\u00e4gt. Liebe dreht sich f\u00fcr Ernst Wilhelm in einem unproduktiven Kreis aus Besitzanspruch, Penetranz und Gekr\u00e4nktheit. Ihre Antriebskr\u00e4fte sind der Wille zur Macht, eine fehlgeleitete Liebe setzt die produktivste aller Energien frei, den Hass. Wenn M\u00e4nner ihre Wut zeigen, k\u00f6nnen sie nur noch irrational sein. Ernst Wilhelm sticht Libero Concordia den <em>Rippenschleicher<\/em> zwischen die Schulterbl\u00e4tter. Krankenwagensirenen kreischen. Niemand kommt hier lebendig raus. Nur im Rausch gibt es f\u00fcr die Artgroupies ein kurzfristiges Entkommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Monster<\/strong>, Short-Stories von A.J. Weigoni. Krash-Verlag 1990<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1990\/01\/Monster_Cover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-48067\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1990\/01\/Monster_Cover.jpeg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"281\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff <em>Trash<\/em> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. Daher sei sei Enno Stahls fulminantes Zeitdokument\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26047\">Deutscher Trash<\/a> ebenso eindr\u00fccklich empfohlen wie Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <strong>Monster<\/strong> Short-Stories waren die Vorstufe zu <strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A.J. Weigoni, Edition Das Labor 2010<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt zu <strong>Zombies<\/strong> einen Artikel von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/05\/turbokapitalistischer-realismus\/\">Kultura-extra<\/a> aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.fixpoetry.com\/feuilleton\/kritiken\/andrascz-j-weigoni\/zombies-0\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>. Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ihr Name klingt nach dem Echo von zwei Peitschenschl\u00e4gen: Grazia Terribile. Die Ausstellungen der Galeristin sind am ersten Abend gepunktet. Deshalb leistet sie sich Events, die ihr ausser \u00c4rger nichts einbringen. 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