{"id":72392,"date":"2021-11-05T00:01:23","date_gmt":"2021-11-04T23:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72392"},"modified":"2022-02-17T16:56:50","modified_gmt":"2022-02-17T15:56:50","slug":"das-praktikum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/11\/05\/das-praktikum\/","title":{"rendered":"Das Praktikum"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die verkalkte Maschine sprotzt. Kaffee ist gerade durchgelaufen. Die letzten Tropfen dr\u00f6ppeln \u00fcber den Pr\u00f6tt durch den Filter. Der Pr\u00e4parator ist ein grobschl\u00e4chtiger Typ jenseits der Midlife\u2013Crisis, seine Koteletten sind buschig und dicht wie der Schwanz des Eichh\u00f6rnchens. Er m\u00fcmmelt an seinem Fr\u00fchst\u00fccksbrot. Schmatzt unbek\u00fcmmert. Liest die Boulevardzeitung. Grunzt dabei, wiehert. Willbert Neumann steckt seinen Wuschelkopf zur T\u00fcr herein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBin ich hier richtig bei: Manfred Schulz?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBist der neue Sektionshelfer, woll!?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGenau.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSetzt dich erstmal auf &#8217;ne Tass&#8216; Kaff&#8216;.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Willi macht die ersten Pluspunkte. Er schenkt dem Pr\u00e4parator eine Tasse ein. Sie schl\u00fcrfen. Beschnuppern sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWat war&#8217;se fr\u00fcher?\u00ab, erkundigt sich Schulz beil\u00e4ufig, nachdem er den Sportteil und damit seine t\u00e4gliche Lekt\u00fcre hinter sich hat. Er legt das Blatt weg und sieht seinem Gegen\u00fcber in die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMetzger.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd warum bis&#8217;te keiner mehr?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBiofleisch kauft kaum noch jemand. Und ausserdem habe bei meinem Vater in der Firma gearbeitet und der meint, ich soll mich jetzt auf mein Studium vorbereiten\u00ab, haspelt Willbert an der These entlang, nach der ein Auszubildender in einem Betrieb immer der Stift bleibt. Fr\u00fcher las er lieber Windschutzscheiben als B\u00fccher, wollte Zoologe werden und Insekten erforschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMein Onkel, Professor Lurk, arbeitet in der Transplantationsabteilung; der meint, wenn ich den Job hier packe, werd&#8216; ich Arzt\u00ab, erkl\u00e4rt Willi. Auf seinem Gesicht malt sich ein L\u00e4cheln ab, das man verlegen finden k\u00f6nnte, arrogant oder routiniert. Im Gep\u00e4ck hat er nichts als eine saubere Wohlstandsbiografie. Hier will er die Bereitschaft entwickeln, an ihr zu leiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDat wird wohl angehen. Dann woll&#8217;n wir mal.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Willi schiebt den Leichenwagen. Sie fahren in den Keller des Marienhospitals, um frische Leichen zu holen. Jeden Werktag um sieben Uhr morgens st\u00f6sst der Pr\u00e4parator die Stahlt\u00fcre im Untergeschoss der Klinik auf. Sein Blick in den vier Grad kalten Raum verr\u00e4t ihm, wie viele Patienten den Vortag nicht \u00fcberlebt haben. Niemand kann es sich genau erkl\u00e4ren, aber die Menschen im Krankenhaus sterben in Sch\u00fcben. An manchen Tagen liefern die Stationen keinen einzigen Leichnam, heute warten gleich f\u00fcnfzehn K\u00f6rper im K\u00fchlraum: Totgeburten und Verkehrsopfer. H\u00e4ufiger holen die Pfleger hier ausgemergelte Greise mit Operationswunden und Narben heraus, ihr Anblick raubt die letzte Illusion vom friedlichen Einschlafen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorarbeit: Die Pfleger nahmen den Verblichenen die Ringe von den Fingern, bevor sie starr wurden. Sie banden mit weissem Mull das Kinn nach oben. Friedlich und w\u00fcrdevoll sollen die fahlen Gesichter auf dem Totenbett erscheinen. Die Sektion wird vorbereitet. Leichen werden gemessen und gewogen. Kompressoren, Zangen, Bohrer, Edelstahlwannen, ein Gabelstapler, eine riesige Spezialbands\u00e4ge, ein Kran an der Decke. Handwerkszeug f\u00fcr Anatomen. Alles blitzt und blinkt im Licht der eingeschalteten OP\u2013Leuchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Willi und Manfred stellen Tablett und Sch\u00fcsseln bereit. Auf Anordnung der Arztes versorgt der Pr\u00e4parator das Gehirn von Sektionsnummer 7. Entnimmt danach das Retropaket mit Nieren, Blase und Eierst\u00f6cken. Manfreds Handgriffe sind routiniert, pr\u00e4zise, abgezirkelt. Wer nie erf\u00e4hrt, was er falsch gemacht hat, wird immer glauben, dass er alles richtig macht. Kein Zittern. Kein Z\u00f6gern. Keine falsche Bewegung. Kein Nachdenken \u00fcber das Tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz darauf trifft der Pathologe ein. Wirft kurz einen Blick auf die Sektion. Streift die Handschuhe \u00fcber. Der Arzt macht sich an die Arbeit. F\u00fcr jede K\u00f6rperpartie h\u00e4lt Willi auf Anweisung von Manfred ein Tablett bereit. Der Neue hat eine schnelle Auffassungsgabe. Die Arbeit geht ihm flott von der Hand. Bei der Ausbildung von Medizinstudenten ersetzt nichts das reale Pr\u00e4parat, weder Zeichnungen noch Bilder. Anatomische Modelle zeigen nur den Durchschnitt, nicht die individuelle Auspr\u00e4gung eines K\u00f6rpers. In der Praxis erkennt man Krankheiten oder abnorme Organausbildungen. Bei Leichenschauen in den Kliniken lamellieren die <em>Spezialisten f\u00fcr pathologische Anatomie<\/em>Organ f\u00fcr Organ, \u00f6ffnen Ader f\u00fcr Ader, inspizieren Lymphknoten f\u00fcr Lymphknoten, zum Nutzen k\u00fcnftiger Patienten. Nach dem Finale im Seziersaal sind Pathologen die ersten, die Kinder und Enkel der Verstorbenen vor Erbkrankheiten warnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles ist echt, und das kann nie falsch sein. Das Innere des Menschen passt in zwei flache Wannen aus rostfreiem Stahl, zerfliessen seine Organe in den silbern gl\u00e4nzenden Beh\u00e4ltern. F\u00fcr jedes Organ gibt es ein Tablett. Eins f\u00fcr das Herz, die Lunge, die Leber, Milz, Nieren und Magen. Eine Unterlage f\u00fcr die Knochen, Arterien und Venen der Beine. Das Gehirn kommt in einen separaten Eimer. Der Darm kommt in eine Sch\u00fcssel. Man merkt dem Pr\u00e4parator an, dass es ihm unangenehm ist, die Hoden beim n\u00e4chsten Patienten herauszunehmen. Der Anflug von \u00dcbelkeit, die ihn allenfalls bei der Obduktion anfliegt. Ihn plagen regelm\u00e4ssig Anatomen\u2013Alptr\u00e4ume: Er steht vor dem J\u00fcngsten Gericht und muss sich f\u00fcr schlechte Arbeit rechtfertigen. Heute hat er nur einen Brummsch\u00e4del.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwester No\u00ebmi von der Augenklinik schaut herein. Erkundigt sich nach <em>Material<\/em>. Der Pr\u00e4parator hat die passende Sektion parat. Nickt. Die Sache geht klar. Er entnimmt ein Auge. Ersetzt es durch ein Glasauge. Willi bringt die Hornhaut auf die Station.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der n\u00e4chsten Sektion muss Willi ordentlich mit ran. Wirbels\u00e4ulenspann. Mit Hammer und Meissel. Er muss heftig draufkloppen, bis sich der Wirbel regt. Manfred l\u00f6st die Brustplatte mit einer Zange. Nimmt ein Messer f\u00fcr die Oberschenkelknochen. Willi deponiert den Rest auf das Knochentablett. Die ausger\u00e4umten Stellen werden mit Zellstoff gef\u00fcllt. Irritiert registriert er, dass die S\u00f6hne nicht nur fr\u00fcher als ihre V\u00e4ter sterben, sondern auch vor deren Augen. Dieses aktive Sterben ist die radikalste Form ihres Protestes. Das Telefon klingelt. Der Totenbegleiter Alois Rehbein will eine Leiche abholen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMist, den muss ich noch zun\u00e4hen\u2026 halt&#8216; ihn ein bisschen auf\u00ab, flucht der Pr\u00e4parator, legt einen Zacken zu. Bekommt die N\u00e4hte mit viel Routine so hin, dass sie nicht durchbluten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMerken die Beerdigungsunternehmen eigentlich nichts davon?\u00ab, erkundigt sich Willi w\u00e4hrend der Zigarettenpause beim Pr\u00e4parator. Manfred ist erstaunt, dass der Neue schon gepeilt hat, was in der Pathologie l\u00e4uft und wie Menschen in der N\u00e4he des Abgrunds miteinander umgehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSelbst wenn\u2026 die haben Tricks, um die Trauernden in ihrer gef\u00fchlsm\u00e4ssigen Extremsituation auszunutzen. Praktisch denken, S\u00e4rge schenken!\u00ab, schw\u00e4tzt Manfred mit einer Panzerung des Blicks gestochen daher. Dankerf\u00fcllt, mal einen neugierigen Zuh\u00f6rer f\u00fcr sein Expertenwissen gefunden zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbErst locken sie mit Sonderangeboten, diese S\u00e4rge sind leider vergriffen. Dann kommt der Satz, von wegen: &#8222;Ob der Opa nix Besseres verdient h\u00e4tte&#8220;. Ob die in dem Sarg landen, steht auch nicht fest, meist verkloppen sie die S\u00e4rge mehrfach. Bei der Trauerfeier in der Friedhofskapelle steht meist ein <em>Kondolenzdiener<\/em>, der h\u00e4lt den Leuten das Buch hin, in das sie sich eintragen k\u00f6nnen, kostet schlappe 110,\u2013 Euro. Es werden Kerzen und Blumengestecke bei Begr\u00e4bnissen mehrfach verwendet. Aus einer 30\u2013Euro\u2013Kerze ziehen die meist 2000,\u2013 Euro raus.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIst das kein Eingriff in die W\u00fcrde des Menschen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie H\u00fclle bleibt intakt. Die W\u00fcrde des Menschen wird <em>antestbar<\/em>.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manfred muss mal f\u00fcr kleine Jungen. Willi nimmt den Anruf einer Pharmafirma entgegen, mit dem er nichts anfangen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHier will jemand Hirnh\u00e4ute abholen. Darf er das?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas war sicher der Schwarzm\u00fcller, guter Kunde von uns.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKunde?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJong, du schnallst doch alles sehr schnell, woll?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch bem\u00fche mich\u00ab, gibt sich Willi absichtlich bescheiden, weil er glaubt in ein Fettn\u00e4ppchen getappt zu sein. Schwester No\u00ebmi bringt das Mittagessen eines verstorbenen Ersterklasse\u2013Patienten vorbei. Willi lehnt ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manfred langt zu. Schaufelt das Essen in sich rein. Denkt nach. Schwimmt mit geschlossenen Augen in den Erinnerungen wie eine knusprige Weihnachtsente im Bratenfett. Doziert mit vollem Mund:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbFr\u00fcher waren es Hirnanhangdr\u00fcsen. Wurden den Toten durch die Nase entnommen. Die Industrie hat Wachstumshormone daraus hergestellt. Inzwischen wird alles wieder verwertet, was sich zu Geld machen l\u00e4sst. F\u00fcr H\u00fcftgelenk\u2013Prothesen aus Titan bekommen wir 30,\u2013 Euro. Geh\u00f6rkn\u00f6rpelchen bringen auch was, werden als Transplantat benutzt. Auch die Hornh\u00e4ute, die wir am Vormittag entnommen haben werden dringend in der Transplantationsmedizin gebraucht. \u2013 Gibst du mir mal das Salz r\u00fcber?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBitte! \u2013 Was ist mit Gehirnen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKauft die Universit\u00e4tsanatomie f\u00fcr 4,\u2013 Euro das St\u00fcck. Wirst du sp\u00e4ter auch dran rumdoktern. Am besten laufen die Hirnh\u00e4ute. 30,\u2013 Euro das St\u00fcck. Werden Pr\u00e4parate draus hergestellt, die R\u00fcckenmarkserkrankungen von Kindern heilen. Alles f\u00fcr einen guten Zweck, wie du siehst. \u2014 Haste wirklich keinen Appetit?\u00ab, erkundigt sich Manfred und h\u00e4lt ihm den Becher mit dem Fr\u00fcchte\u2013M\u00fcsli hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGoldz\u00e4hne werden aber nicht herausgebrochen\u00ab, \u00fcbergeht Willi ironisch das Angebot. M\u00f6chte sich gleich wieder auf die Zunge beissen, weil er in die Zeit zur\u00fcckgefallen ist, in der er als Flasher mit Styles um sich warf, zu den Egomanen geh\u00f6rte, die alles <em>dissen<\/em> und nur sich selber geil finden. Mit seiner Ausstrahlung beherrscht der Pr\u00e4parator die Situation haupts\u00e4chlich aus dem eigenen Impuls heraus. Er wendet sich dem Nachtisch zu, ratscht den Alu\u2013Deckel vom Becher und kl\u00e4rt die Frage mit seinem Berufszynismus:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch was, das rechnet sich nur bei grossen Mengen. Geht bei dem Aufwand zu viel Zeit verloren.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbM\u00fcssen die Verwandten eigentlich nicht ausdr\u00fccklich zustimmen, falls keine Spendererkl\u00e4rung des Toten vorliegt?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas man nicht weiss, macht einen auch nicht heiss\u00ab, geht Manfred achselzuckend auf einen Allgemeinplatz \u00fcber und skizziert, wie sich die westliche Welt von innen zersetzt, wie sich die Korruption durch die Gesellschaft frisst. Manchmal ist er r\u00fchrend, bisweilen peinlich bis Mitleid erregend. Die Sinnfrage: \u201eWas ist der Mensch, und wie ist seine Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge?\u201c, ist ihm zu komplex. Er mag die Grenze zwischen Realem und Formalem nicht antasten. Seine S\u00e4tze knicken beim Sprechen, wer zu weit denkt, denkt den Tod. In seiner Verzweiflungsrhetorik wird ein tief verwurzeltes Liebesbed\u00fcrfnis erkennbar, von dem seine Ausbr\u00fcche zeugen, seine Angst, das Leben zu verpassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wissen, Wissenschaft, Wissensmacht. Willi blickt mit Respekt und Ehrfurcht auf die Jahrhunderte zur\u00fcck, in denen es eine Einheit von Wissen, Reflexion und Handeln gab. Heute ist Information alles. Ihm ist klar, dass ein Begriff seine Unschuld verloren hat; der mutmassliche Wille eines Patienten. Wie k\u00f6nnen die \u00c4rzte diesen Willen noch erkennen? Wo immer weniger unm\u00f6glich wird, m\u00fcssen Menschen immer mehr entscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKeine moralischen Bedenken?\u00ab, erkundigt sich Willi scheinheilig und popelt dabei unauff\u00e4llig in der Nase.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSolange es Menschenleben rettet, nicht. Das Geld daf\u00fcr kommt in die Kaffeekasse, teilen wir am Monatsende. Ich kann den Nebenverdienst gut gebrauchen, muss &#8217;ne Familie ern\u00e4hren\u00ab, l\u00e4sst er beil\u00e4ufig fallen und macht dem Azubi klar, was wichtige Bedeutungslosigkeiten sind. Man wird als Mitglied der Mafia erst anerkannt, wenn sie einem voll vertrauen k\u00f6nnen, und um seine Loyalit\u00e4t zu beweisen, muss man &#8218;Knochen machen&#8216;. Niemand hat Recht. Ihr Erfolg ist die Tatsache, dass alle verloren haben und deshalb haben alle mit verbalkosmetischen Tricks auf ihre Art und Weise am Ende doch Recht. In Sizilien bezeichnet man solidarisches Schweigen als Omert\u00e1.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSoll&#8216; wohl so sein\u2026\u00ab, nuschelt Willi, zuckt mit den Achseln und ist sich nicht sicher, ob er die Regeln verstanden hat. Er will studieren, gleichzeitig etwas ver\u00e4ndern und sich die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnen, am sozialen und politischen Kampf f\u00fcr eine humane Globalisierung teilzunehmen. Die Idee der <em>Zivilgesellschaft<\/em> des 21. Jahrhunderts wird zu seinem kulturellen Leitbild. Der flexible Mensch r\u00fcckt ins Zentrum seiner Betrachtung, ein Indentit\u00e4tsmix aus unterschiedlichen kulturellen Traditionen wird zur Metapher f\u00fcr die Komplexit\u00e4t und Simultaneit\u00e4t im Leben der Gegenwart. Zu Migration kommt Information, f\u00fcr die auf dem gegenw\u00e4rtigen Stand der Technik r\u00e4umliche Distanzen keine Rolle mehr spielen. Alles kann an alle Orte der Welt hin \u00fcbertragen werden, aber nicht von allen Orten der Welt dringen Information gleichermassen zu uns. Der Student untersch\u00e4tzt, dass die Menschen unterhalten werden wollen. Politik hat sich in Entertainment verwandelt. Im Kannibalenkapitalismus ist jede Geste der Abweichung durch potenzielle Vermarktung ins System integrierbar. Demokratie heisst, dass man die Wahl hat, aber nicht, dass man eine gute trifft. Von Manfred Schulz erh\u00e4lt er eine Unterweisung in Demut, die ihn auf eine Welt vorbereitet, in der nichts festgelegt ist. Gelegentlich ereignen sich Spr\u00fcnge, in die Zukunft oder in die Vergangenheit. Alles ist unberechenbar geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas Schicksal disponiert bisweilen vern\u00fcnftiger als der Mensch. Wirst&#8216; Dich dran gew\u00f6hnen\u00ab, beendet der Pr\u00e4parator gleichm\u00fctig die Mittagspause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Nachmittag wird es noch einmal hektisch. Ein Kerl mit Pitbull wurde niedergestochen. Die Wunde ist gross genug, um den Pitbull zu reizen. Der Hund springt seinen Herrn an und zerrt ihm die Ged\u00e4rme aus dem Leib. Willi holt die Leiche mit der neuen Zinkwanne ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Umgang mit dem Tod tr\u00e4gt Z\u00fcge eines Arkanwissens, der Zugang zur eigenen Sterblichkeit hat den Charakter einer Initiation, ohne dass dem Geheimnis seine Unnahbarkeit genommen wird. Ihr Arbeitsplatz ist ein Schwimmbecken mit hohem Adrenalinspiegel. Jeder versucht, sich \u00fcber Wasser zu halten und den anderen unterzutauchen. Inzwischen haben sich im K\u00fchlraum viele Leichen angesammelt. Sie m\u00fcssen gestapelt werden. Humanistische Restbest\u00e4nde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genealogie der Verrohung. Manfred legt an Schnelligkeit zu. Sein zwanghafter Aktionismus ist eine Art R\u00fcckversicherung der eigenen Lebendigkeit, ein Abwehrmechanismus gegen den Tod. Der begegnet ihm t\u00e4glich. Er ist zerrissen zwischen seiner antrainierten H\u00e4rte und der vermeintlichen Erkenntnis, dass alles keinen Sinn hat. Die Sprache verbarrikadiert sich in ihm, sie tobt und schl\u00e4gt gegen seine Schl\u00e4fen. Bisweilen f\u00fcrchtet er, der Sturm sei draussen zu h\u00f6ren, dann h\u00e4lt er sich den Mund zu. In seinem Hirn tanzen die W\u00f6rter und bringen ihn zum Taumeln. Zur Erleichterung l\u00e4sst er zuweilen lapidare S\u00e4tze fallen wie Kleingeld, nach dem er sich niemals b\u00fccken w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Willi glaubt an die Magie der richtigen Sekunde, an die Eroberung des Moments durch Pr\u00e4zision: Hier ist dieses <em>Sich st\u00e4ndig kontrolliert zu f\u00fchlen<\/em> eine Form von Gef\u00e4ngnis. Jeder Mensch, der kritisch mit sich selbst ist, weiss, dass man nach einiger Zeit eine gewisse Routine entwickelt, dass man komplexe Fragen durch Routine l\u00f6st. Als immer unvollkommener Mensch ist Manfred Schulz ein M\u00e4ngelwesen; mit gefasster Traurigkeit benennt er auf der einen Seite seine Vorstellungen des Gl\u00fccks und der Leidensfreiheit und grenzt auf der anderen Seite jene Unvollkommenen und Andersartigen aus, die dieser Vorstellung durch schiere Pr\u00e4senz widersprechen: die Behinderten und Wahnsinnigen, diejenigen, die entweder der Korrektur an K\u00f6rper und \/ oder Geist bed\u00fcrfen, oder aber die vollst\u00e4ndig aus der menschlichen Gemeinschaft ausgegliedert werden m\u00fcssen. Nicht die Menschen sind seiner Ansicht nach behindert, die globale Gesellschaft behindert den Menschen darin, seine F\u00e4higkeiten ausleben zu k\u00f6nnen. Ihr Denken bewegt sich um die Begriffe: Ich \u2013 mir \u2013 mein. Sie \u00fcberleben nurmehr um den Preis eines lebendigen Todes. Sie wissen nicht, wie \u00e4hnlich sie einander sind. Ihre Unerl\u00f6sbarkeit besteht in ihrer Austauschbarkeit. Die Marktwirtschaft kennt keine ethischen Grenzen mehr, sie w\u00e4lzt Politik und Kultur um, verschafft wenigen grosse Gewinne und hinterl\u00e4sst aber bei allen anderen eine betr\u00e4chtliche Dosis Unvertrautheit im Leben. Manfred Schulz ist ein Mann von grossartig br\u00fcchiger W\u00fcrde, w\u00fcrde sich noch gern mehr verh\u00e4rten gegen die Gef\u00fchligkeit, die ihn immer \u00f6fter \u00fcberkommt. Also st\u00fcrzt er sich mit perverser Freude in die Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Arbeitstag neigt sich dem Ende zu. Willi s\u00e4ubert den Obduktionstisch. Desinfiziert Instrumente und Sch\u00fcsseln. Macht den Arbeitsplatz f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag klar. Manfred Schulz schaut zur T\u00fcr herein, peilt die Lage, seine Miene spiegelt Zufriedenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDat haste joot jemacht Jong, mach&#8216; Feierabend.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor 10 Jahren erschienen die <strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div id=\"attachment_20097\" style=\"width: 152px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-image-20097 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"207\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die verkalkte Maschine sprotzt. Kaffee ist gerade durchgelaufen. Die letzten Tropfen dr\u00f6ppeln \u00fcber den Pr\u00f6tt durch den Filter. Der Pr\u00e4parator ist ein grobschl\u00e4chtiger Typ jenseits der Midlife\u2013Crisis, seine Koteletten sind buschig und dicht wie der Schwanz des Eichh\u00f6rnchens. 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