{"id":72385,"date":"2010-12-26T00:01:37","date_gmt":"2010-12-25T23:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72385"},"modified":"2022-03-06T18:54:45","modified_gmt":"2022-03-06T17:54:45","slug":"mutmassungen-ueber-heiner","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/26\/mutmassungen-ueber-heiner\/","title":{"rendered":"Mutmassungen \u00fcber Heiner"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heiner ist weg. Als er die Kommerzgirlanden der Innenst\u00e4dte hinter sich l\u00e4sst, erblickt er einen Himmel, in dessen Schw\u00e4rze hier und da die Positionslampen eines Flugzeugs, weiter oben die rotierenden Satelliten ihre Leuchtspur einzeichnen. Dar\u00fcber stehen unverr\u00fcckt die Sterne. Er hat eine ungef\u00e4hre Vorstellung, wie weit entfernt sie von ihm sind. Es gelingt Heiner nicht, die ausserordentliche Begabung in ein lebbares Leben zu \u00fcberf\u00fchren. Weil gesellschaftlich akzeptierte Formen der Privatisierung des Daseins nicht zu seiner Individuation taugten, bleibt ihm nurmehr die Selbstfiktionalisierung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMan muss immer noch die Vertr\u00e4umtheit besitzen, Dinge zu bemerken, die einem zuf\u00e4llig \u00fcber den Weg laufen. Und dann muss man kristallklar wissen, wo sie hingeh\u00f6ren\u00ab, versucht Angelina auf ein konstruktives Missverst\u00e4ndnis zu reagieren. Sie interessiert die Schizophrenie zwischen seinem Leben nachts und der Normalit\u00e4t am Tag, das emotionale Vakuum, das dabei entsteht. Wie man diese Leere mit Geschichten f\u00fcllt, wie man versch\u00fcttete Phantasien weckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir wollten die Dynamik von Beziehungen aufzeigen; tats\u00e4chlich erstarren wir in tiefgek\u00fchltem \u00c4sthetizismus\u00ab, begreift Heiner, dass sich das Private vom Politischen getrennt hat. Die demokratisierte Gesellschaft ist nach den utopischen Jahren so zersplittert, sind die Probleme so komplex, dass sich die hypermodernen Menschen ohnm\u00e4chtig f\u00fchlten. Der Transitraum, der Nichtort des Kommens und Gehens und des schwerelosen Seins von lauter Luftexistenzen, mit einer Destination zwar, aber ohne Bestimmung, ist zu einem k\u00fcnstlerischen Passepartout geworden, und dieses nomadische Lebensgef\u00fchl der Ortlosigkeit steht in einem aufschlussreichen Widerspruch zu den beharrlichen Beteuerungen von Heiner, er arbeite f\u00fcr die Menschen vor Ort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie kommerziellen Medien haben das Publikum dahin erzogen, sich selbst und ihre kleinb\u00fcrgerliche Sicht ohne Scham als Zentrum jeglichen Denken zu begreifen. Schade, dass Leute wir du nie \u00fcber den ersten Gedanken hinauskommen werden. Du feierst mit grosser Geste die eigene Mittelm\u00e4ssigkeit als historisches Ereignis\u00ab, wirft ihm Angelina den Bettel hin. Ihr Auftreten hat etwas Gehetztes, Getriebenes, ihre Bestimmtheit und ihre Aggressivit\u00e4t sind in Zeiten des Aufbruchs und Wandels ihre Tr\u00fcmpfe. Ein Mensch, der bis an die Grenzen der Liebe geht, mag asozial sei, aber nie destruktiv. Zerst\u00f6rerisch ist nicht Angelina, die auf ihren Gef\u00fchlen besteht. Zerst\u00f6rerisch sind die Arrangements, die Kompromisse. Von ihrer Mutter hat sie gelernt, dass es Liebesheiraten schon im Mittelalter gab, in allen Schichten. Man hat diese emotionale Verbundenheit nur nicht so plakativ gezeigt wie in der literarisierten Gef\u00fchlskultur des Sturm und Drang. Der Spagat zwischen Anpassung und Individualit\u00e4t wird f\u00fcr Angelina zur sportlichen H\u00f6chstleistung. In ihrem Diskursgewirr ziehen Begriffsdonner auf, eine Einladung ist nicht vorgesehen. Der Sturm im Sektglas ist vorbei. Gelingt es einer Elegie, wirklich elegisch zu sein, dann schwingt in ihr etwas seltsam Unbestimmtes mit: die Freude am Augenblick und das gleichzeitige Wissen um seine Verg\u00e4nglichkeit. Erst nachdem Angelina ihre Illusionen verloren hat, ist, was zuvor auswendiger Rollentext war, inwendiges F\u00fchlen, als h\u00e4tte die Erfahrung endlich aufgeschlossen zum Leben, dem sie so lange hinterherhinkte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt bei Heiner Zelmer eine abgrundtiefe Angst vor unabh\u00e4ngigen Frauen, weil sie ein subversives Prinzip verk\u00f6rpern. Er f\u00fcrchtet um sein b\u00fcrgerliches Nest. Konvention und Kultur, seine Auffassung des Sozialen ist sehr eingeschr\u00e4nkt. Die Familie ist zur alleinigen Matrix seines sozialen Lebens geworden. Dabei sind die Menschen Individuen mit sehr ausgepr\u00e4gten Trieben, Instinkten und Liebesbed\u00fcrfnissen. Wie der Mehrheit f\u00e4llt es ihm schwer, zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die sich nicht in die K\u00fcchleinformen unserer Gesellschaft pressen lassen. Die Mitte einer Gesellschaft bilden die Opportunisten mit austauschbaren Identit\u00e4ten, die sie wegwerfen, sobald eine andere Scheinidentit\u00e4t gr\u00f6ssere Vorteile verspricht. W\u00e4hrend die gesellschaftliche Mitte das jeweils herrschende System durch Anpassung stabilisiert, hat sie auch etwas latent Stabiles, Schwankendes und Verf\u00fchrbares. F\u00fcr sein Scheitern gibt Heiner Weltekel zu Protokoll. Auf Sex verzichte er daher aus rein \u00e4sthetischen Erw\u00e4gungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tr\u00fcmmerhaufen der Ambitionen. Heiner Zelmer st\u00f6sst sein Unternehmen ab, weil er die Privatisierung der Welt nicht verhindern kann. Die transkontinentale Gesellschaft vernichtet die Demokratie, weil auch der Mensch zur Ware wird. Alles ist auf die Identit\u00e4tsfindung \u00fcber Konsum ausgerichtet. Menschen ohne Kaufkraft sind marginalisiert. Globalisierte Menschen sind, was sie kaufen. Alles in ihrem Leben dreht sich darum, Geld zu beschaffen, eine Identit\u00e4t wieder zu erlangen. Geld wird von ihnen diskreter behandelt als Sex.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einst waren Gottesh\u00e4user die h\u00f6chsten Geb\u00e4ude in den St\u00e4dten, heutigentags sind es Glaspal\u00e4ste, in denen Banken residieren, mit Vorst\u00e4nden, die oben in den T\u00fcrmen sitzen auf alle herabschauen. Ihre Eigner sind Business\u2013Krieger, Klone der Effizienzideologie, die treiben und die getrieben werden. Von der sch\u00f6pferischen Zerst\u00f6rung, die den Kapitalismus \u00fcberlebensf\u00e4hig gemacht hat, ist nurmehr die Zerst\u00f6rung geblieben. Der Kapitalismus erfindet sich nicht mehr neu, er zersetzt sich von innen heraus. Die Kapitalgeber gehen kein Risiko mehr ein, sondern sie denken bei ihren Engagements schon den Ausstieg mit. Dem Kapital ist es in einer beispiellosen Modernisierungsoffensive gelungen, die K\u00f6pfe der Besch\u00e4ftigten zu kolonisieren. Die sch\u00e4rfsten Widerspr\u00fcche toben heute in den Lohnabh\u00e4ngigen selbst: Sie sollen Unternehmer und Arbeiter gleichzeitig sein. Sie treten in ihrer Rolle als Schn\u00e4ppchenj\u00e4ger gegen sich in ihrer Rolle als Produzenten an, sie trachten als Geldanleger nach den hohen Renditen, die ihre Arbeitspl\u00e4tze gef\u00e4hrden. Die modernen Arbeitnehmer sind zerrissene Wesen. Ihre Gesichter verraten eine Mischung aus Apathie und gelassener Ratlosigkeit. An den sozialen Schnittstellen sind Wohlstand und Verdr\u00e4ngung, Sicherheitsstreben und Schuld kaum mehr zu unterscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abgesang. Gekleidet im Dreiteiler, umweht von graumeliertem Ernst. Als Distinktionsfetischist verk\u00f6rpert Heiner Zelmer jene zwischen Drohung und Verlockung oszillierende Genervtheit, die den Glamour charakterisiert, der zu einer Macht\u2013 und Verkaufsstrategie geworden ist und ein zentrales \u00e4sthetisches Paradigma des Raubtier\u2013Kapitalismus wurde. \u00dcber Heiner dehnt sich ein kalter Himmel. Selbst die Sterne flackern dunkel. Es gibt f\u00fcr ihn keine \u00e4sthetische Nische, weil er die Welt der Ideen ernst nimmt. Sein Erinnern wiederholt nicht das Vergessene, weil es keine Garantie daf\u00fcr hat, dass die Erinnerung nicht eine implantierte ist. Die Vergangenheit wird begehbar, ein Zur\u00fcck ist kein R\u00fcckschritt. Ankunft ist ein Prozess, der nicht enden wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div id=\"attachment_20097\" style=\"width: 152px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-image-20097 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"207\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20097\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Heiner ist weg. Als er die Kommerzgirlanden der Innenst\u00e4dte hinter sich l\u00e4sst, erblickt er einen Himmel, in dessen Schw\u00e4rze hier und da die Positionslampen eines Flugzeugs, weiter oben die rotierenden Satelliten ihre Leuchtspur einzeichnen. 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