{"id":72367,"date":"2024-11-20T00:01:01","date_gmt":"2024-11-19T23:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72367"},"modified":"2022-02-21T15:32:40","modified_gmt":"2022-02-21T14:32:40","slug":"siebenbuergische-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/11\/20\/siebenbuergische-zeitung\/","title":{"rendered":"Siebenb\u00fcrgische Zeitung"},"content":{"rendered":"<div>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Matthias Buth, Jahrgang 1951, seit fast f\u00fcnfzig Jahren im bundesdeutschen Literaturbetrieb mit wachsender Anerkennung pr\u00e4sent, ist ein Dichterjurist, der den gelungenen Spagat zwischen gefl\u00fcgelten S\u00e4tzen und strengen juristisch abgewogenen Sentenzen vollzogen hat. Die vorliegende Publikation, eine Kombination aus freien Versrhythmen, in denen die abendl\u00e4ndische Klangwelt in der siebenb\u00fcrgischen st\u00e4dtischen Mischkultur ebenso eingebettet ist wie der bizarr anmutende Alltag der b\u00e4uerlichen Welt in Siebenb\u00fcrgen. Im Anschluss an die einleitenden poetologischen Aphorismen entwirft er auf einem musikalischen Themenfeld seine Reflexionen zu den Auswirkungen der Kompositionen von <a class=\"ext\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/George_Enescu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">George Enescu<\/a> auf die rum\u00e4nische Mentalit\u00e4t. Dann begibt er sich unter der Fragestellung <i>Rum\u00e4nien \u2013 wo bist du<\/i>? auf die Suche nach Anziehungspunkten, die seit mehr als zwei Jahrzehnten seine Wertvorstellungen von rum\u00e4nischer Kultur gepr\u00e4gt haben. Diese im zweiten Abschnitt der vorliegenden Publikation abgedruckten kurzen Feuilletons stehen in enger Verbindung mit dem Untertitel <i>Die poetische Ann\u00e4herung an Rum\u00e4nien \u2026 und andere Welten<\/i>. Die Erg\u00e4nzung zielt auf die zahlreichen schicksalhaften historischen Geschehnisse, von denen vor allem im 20. Jahrhundert neben den Rum\u00e4nen auch andere Ethnien, wie die Roma, die deutschsprachige Siedlungsgemeinschaft in Siebenb\u00fcrgen und im Banat, die j\u00fcdische Schicksalsgemeinschaft, Ukrainer betroffen waren. Besonders anregend ist der Essay <i>Spiegelbild<\/i>. Buth verwendet dort den einleitenden Begriff Projektion, um die Funktion von Literatur als in Abh\u00e4ngigkeit von politischen und gesellschaftlichen Prozessen wirksamer Faktor zu charakterisieren, der jedoch seine Wahrnehmung und Einflu\u00dfnahme sich erst in Abh\u00e4ngigkeit von ihrer Rezeption entfalten k\u00f6nne. Zentrale Feststellung ist die Aussage, dass \u201eRum\u00e4nien \u2026 als homogene Literaturlandschaft kein homogener Block (ist), weder f\u00fcr die deutsche Sprache noch die Minderheitensprachen Ungarisch, Slowakisch (!), Serbisch oder die der Roma.\u201c (S. 154). In seinen weiteren Ausf\u00fchrungen hebt er das \u201eHochplateau deutscher Literatur: die Bukowina\u201c hervor, um vor allem die Zeugnisse des \u201egeliebten Deutsch\u201c &#8211; unter Verweis auf die Dichtungen von <a class=\"ext\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rose_Ausl%C3%A4nder\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rose Ausl\u00e4nder<\/a>, <a class=\"ext\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paul_Celan\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Paul Celan<\/a>, <a class=\"ext\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl_Emil_Franzos\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Karl Emil Franzos<\/a>, <a class=\"ext\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alfred_Margul-Sperber\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Alfred Margul-Sperber<\/a> u.a. &#8211; zu w\u00fcrdigen. In diesem Kontext verweist er ausdr\u00fccklich auch auf die \u201eSprache der deutschen M\u00f6rder\u201c, deren Tr\u00e4ger die Verantwortung f\u00fcr die beinahe vollst\u00e4ndige Vernichtung auch der Bukowiner J\u00fcdinnen und Juden trugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Buths Reflexionen mischen sich stringente Aussagen \u00fcber tragische historische Abl\u00e4ufe (Auswirkungen der Ceau\u0219escu-Diktatur) mit pers\u00f6nlichen Beobachtungen und Erfahrungen, die er auf seinen Reisen vor allem in den 1990er Jahren wie auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts gesammelt hat. Er bedauert die Ausreise der Mehrzahl der deutschsprachigen Siebenb\u00fcrger und Banater in den sp\u00e4ten 1980er und 1990er Jahren, lobt die Schulpolitik des rum\u00e4nischen Staates, die z.B. im Lenau-Gymnasium in Temeswer daf\u00fcr sorge, dass flie\u00dfend deutsch sprechende Absolventen ausgebildet w\u00fcrden. Seine Anerkennung gipfelt in der Feststellung: \u201eRum\u00e4nien ist das Land einer melancholischen Grandezza, ein Land der Vielkulturen, sowie der sprachlichen Kompetenz und der emotionalen wie geistigen Pr\u00e4senz.\u201c (S. 159)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der abschlie\u00dfende Essay \u201eDas Jerusalem Siebenb\u00fcrgens\u201c verdeutlicht im R\u00fcckblick auf seine vielschichtigen kulturpolitischen und poetischen Reflexionen auch seine innovative Europa-Bewertung. Der Begriff Eurozentrismus sei \u201everfehlt, ahistorisch und ausgrenzend\u201c (S. 162) Es sei an der Zeit, diesen Kontinent, auf dem in den vergangenen Jahrhunderten soviel Unheil geschehen sei, von den R\u00e4ndern her neu zu denken. Es m\u00fcsse ein Kontinent werden, \u201eder das Eigene und Fremde in jeder Nation und in jeder Person nicht nur ertr\u00e4gt, sondern als Lebenselixier pflegt und bewahrt.\u201c (S. 162) Eingel\u00f6st w\u00fcrde diese Wertung unter anderen in dem schriftstellerischen und seelsorgerischen Werk von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eginald_Schlattner\">Eginald Schlattner<\/a>, dessen in der Zwischenzeit europaweit bekannten Romane ein bewegendes Zeugnis daf\u00fcr seien, \u201ewie exemplarisch europ\u00e4isch das Leben im 20. Jahrhundert in Rum\u00e4nien war.\u201c Doch die Trauer der Siebenb\u00fcrger \u00fcber ihre Abwanderung w\u00fcrde auch von Rum\u00e4nen geteilt, in deren Namen <a href=\"https:\/\/www.poetenladen.de\/stelen\/petre-stoica.php\">Petre Stoica<\/a> in dem Gedicht \u201eNach der Trennung\u201c von einem unendlichen Raum voller Spiegel spricht, \u201edie sich verschlingen immer und \/ immer bleibt Trauer Schwert sein Rost.\u201c (S. 164) Im Anschluss an diese Verweise schildert Buth seine tief bewegenden Eindr\u00fccke von Kirchen, huldigt St\u00e4dten, \u201edie sich nicht verfinstern lassen\u201c, verweist auf bedeutende deutsch-rum\u00e4nische Kunsthistoriker, die sich um den Denkmalschutz bem\u00fchen, nennt B\u00fcrgermeister, die sich nach 1989 um die Restaurierung von Kirchen, Burgen und Denkm\u00e4ler erfolgreich bem\u00fchen. \u201eWie sch\u00f6n, hier zu sein\u201c, in einem Rum\u00e4nien, das das \u201eweiche Hier und Jetzt\u201c ist \u2013 so beschlie\u00dft er seinen Essay.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Matthias Buth erweist sich mit seinem Bekenntnis zu einem nunmehr demokratisch gelenkten Rum\u00e4nien als einer der wenigen Vertreter einer deutschen Kulturelite, die sich vorbehaltlos mit hoch reflektierten \u00dcberlegungen, Herzblut und Sehnsucht ein Land angeeignet haben, in dem selbst die winterliche Landschaft sich sch\u00fctzend um die Denkm\u00e4ler stellt. Seine poetischen Ann\u00e4herungen an Rum\u00e4nien sind Schatzgruben, in denen viel zu entdecken ist. Die im Anhang der Publikation abgedruckten Wertungen bedeutender europ\u00e4ischer Dichter und Germanisten beweisen es ebenso wie Markus Bauer, der in seinem bewegenden Nachwort auf das \u201e\u00fcberzeugend-kunstvolle Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein Rum\u00e4nien in Europa\u201c aufmerksam macht. Bleibt nur noch darauf aufmerksam zu machen, dass in der m\u00e4nnlich zentrierten Erneuerungsbewegung leider (noch) die weiblichen Stimmen fehlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Buths Reflexionen mischen sich stringente Aussagen \u00fcber tragische historische Abl\u00e4ufe (Auswirkungen der Ceau\u0219escu-Diktatur) mit pers\u00f6nlichen Beobachtungen und Erfahrungen, die er auf seinen Reisen vor allem in den 1990er Jahren wie auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts gesammelt hat. Er bedauert die Ausreise der Mehrzahl der deutschsprachigen Siebenb\u00fcrger und Banater in den sp\u00e4ten 1980er und 1990er Jahren, lobt die Schulpolitik des rum\u00e4nischen Staates, die z.B. im Lenau-Gymnasium in Temeswer daf\u00fcr sorge, dass flie\u00dfend deutsch sprechende Absolventen ausgebildet w\u00fcrden. Seine Anerkennung gipfelt in der Feststellung: \u201eRum\u00e4nien ist das Land einer melancholischen Grandezza, ein Land der Vielkulturen, sowie der sprachlichen Kompetenz und der emotionalen wie geistigen Pr\u00e4senz.\u201c (S. 159)<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der abschlie\u00dfende Essay \u201eDas Jerusalem Siebenb\u00fcrgens\u201c verdeutlicht im R\u00fcckblick auf seine vielschichtigen kulturpolitischen und poetischen Reflexionen auch seine innovative Europa-Bewertung. Der Begriff Eurozentrismus sei \u201everfehlt, ahistorisch und ausgrenzend\u201c (S. 162) Es sei an der Zeit, diesen Kontinent, auf dem in den vergangenen Jahrhunderten soviel Unheil geschehen sei, von den R\u00e4ndern her neu zu denken. Es m\u00fcsse ein Kontinent werden, \u201eder das Eigene und Fremde in jeder Nation und in jeder Person nicht nur ertr\u00e4gt, sondern als Lebenselixier pflegt und bewahrt.\u201c (S. 162) Eingel\u00f6st w\u00fcrde diese Wertung unter anderen in dem schriftstellerischen und seelsorgerischen Werk von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eginald_Schlattner\">Eginald Schlattner<\/a>, dessen in der Zwischenzeit europaweit bekannten Romane ein bewegendes Zeugnis daf\u00fcr seien, \u201ewie exemplarisch europ\u00e4isch das Leben im 20. Jahrhundert in Rum\u00e4nien war.\u201c Doch die Trauer der Siebenb\u00fcrger \u00fcber ihre Abwanderung w\u00fcrde auch von Rum\u00e4nen geteilt, in deren Namen <a href=\"https:\/\/www.poetenladen.de\/stelen\/petre-stoica.php\">Petre Stoica<\/a> in dem Gedicht \u201eNach der Trennung\u201c von einem unendlichen Raum voller Spiegel spricht, \u201edie sich verschlingen immer und \/ immer bleibt Trauer Schwert sein Rost.\u201c (S. 164) Im Anschluss an diese Verweise schildert Buth seine tief bewegenden Eindr\u00fccke von Kirchen, huldigt St\u00e4dten, \u201edie sich nicht verfinstern lassen\u201c, verweist auf bedeutende deutsch-rum\u00e4nische Kunsthistoriker, die sich um den Denkmalschutz bem\u00fchen, nennt B\u00fcrgermeister, die sich nach 1989 um die Restaurierung von Kirchen, Burgen und Denkm\u00e4ler erfolgreich bem\u00fchen. \u201eWie sch\u00f6n, hier zu sein\u201c, in einem Rum\u00e4nien, das das \u201eweiche Hier und Jetzt\u201c ist \u2013 so beschlie\u00dft er seinen Essay.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Matthias Buth erweist sich mit seinem Bekenntnis zu einem nunmehr demokratisch gelenkten Rum\u00e4nien als einer der wenigen Vertreter einer deutschen Kulturelite, die sich vorbehaltlos mit hoch reflektierten \u00dcberlegungen, Herzblut und Sehnsucht ein Land angeeignet haben, in dem selbst die winterliche Landschaft sich sch\u00fctzend um die Denkm\u00e4ler stellt. Seine poetischen Ann\u00e4herungen an Rum\u00e4nien sind Schatzgruben, in denen viel zu entdecken ist. Die im Anhang der Publikation abgedruckten Wertungen bedeutender europ\u00e4ischer Dichter und Germanisten beweisen es ebenso wie Markus Bauer, der in seinem bewegenden Nachwort auf das \u201e\u00fcberzeugend-kunstvolle Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein Rum\u00e4nien in Europa\u201c aufmerksam macht. Bleibt nur noch darauf aufmerksam zu machen, dass in der m\u00e4nnlich zentrierten Erneuerungsbewegung leider (noch) die weiblichen Stimmen fehlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/31vm00yrzl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-72368 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/31vm00yrzl-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/31vm00yrzl-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/31vm00yrzl-260x356.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/31vm00yrzl-160x219.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/31vm00yrzl.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a><strong>Der Schnee stellt seine Leiter an die Ringmauer<\/strong>, von Matthias Buth, POP Verlag, 2020<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthias Buth, Jahrgang 1951, seit fast f\u00fcnfzig Jahren im bundesdeutschen Literaturbetrieb mit wachsender Anerkennung pr\u00e4sent, ist ein Dichterjurist, der den gelungenen Spagat zwischen gefl\u00fcgelten S\u00e4tzen und strengen juristisch abgewogenen Sentenzen vollzogen hat. 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