{"id":72357,"date":"2023-11-28T00:01:39","date_gmt":"2023-11-27T23:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72357"},"modified":"2022-02-26T09:46:42","modified_gmt":"2022-02-26T08:46:42","slug":"heisszeit-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/28\/heisszeit-4\/","title":{"rendered":"Hei\u00dfzeit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kleine Reisekoffer steht gepackt im Flur. Viel ist es nicht, das Voss mit auf die Reise nehmen wird: Brosch\u00fcren, Dokumente, eine Auswahl seiner Skizzen und Entw\u00fcrfe. Worte, die eng stehen. Sein Plan zur Rettung der Welt liegt obenauf, neben dem Impfpass, den wei\u00dfen Hemden, den Buntstiften und Flugtickets nach Helsinki, die sich er\u00fcbrigen, weil Greta l\u00e4ngst nach New York weitergezogen ist. Sie hat weltweit Unterst\u00fctzer, die emissionsfrei ihren Verkehr regeln. Schlagl\u00f6cher in der Park Avenue, Erdrutsch in der Nehru Tagore Road, Blizzards in Manhattan. Doch Kalkutta bleibt in seinen M\u00fcll vernarrt, begr\u00fc\u00dft die Gesandte mit Pinsel und Staffelei, Menschen mit Trommeln, die Affen an Stricken mit sich f\u00fchren, auf bunte Ladeklappen gemalte br\u00fcllende Tiger. Anderswo ist es nicht anders. Der Verbrauch kalbt und kalbt; Millionenkredite kom\u00admen \u00fcber die St\u00e4dte. (Nur Bhutan sperrt sich.) Selbst der Man\u00adgel wirft gro\u00dfz\u00fcgig hinter sich, Werbeprospekte loben Gretas Ziele aus. (\u00bbFlu\u00dfaufw\u00e4rts geht die Reise, zu Stromsperren und Bastk\u00f6rben, Viersp\u00e4nnern und Wasserr\u00e4dern.\u00ab) Bis hoch in die Kuppel f\u00fcllt die neue K\u00f6nigin ihr Museum, l\u00e4uft sich als Riss im Diskurs selbst davon: f\u00fcr immer gezeichnet durch aufrechten Gang. Die Welt dahinter geh\u00f6rt den Aussch\u00fcssen und Petitionen. S\u00e4uerlich haftet der Geruch. Voss denkt, vielleicht ist Greta gar nicht mit dem Katamaran nach Amerika gesegelt, wie in den sozialen Medien behauptet, sondern mit den Delphinen durchs Nadel\u00f6hr geschwommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hei\u00dfzeit<\/strong>, von Ralph Pordzik erscheint in der <em>\u00c9cole Noire<\/em> (W\u00fcrzburg, 2020)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Heisszeit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-72347 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Heisszeit.jpg\" alt=\"\" width=\"128\" height=\"204\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Hei\u00dfzeit<\/em> ist ein St\u00fcck experimenteller deutscher Endzeitliteratur im Stil von J\u00f6rg Steiners <em>Schnee bis in die Niederungen<\/em> (1973) oder Max Frischs <em>Der Mensch erscheint im Holoz\u00e4n<\/em> (1979) und schlie\u00dft selbstbewusst an diese Tradition an. Sein Protagonist Ludwig Voss ist ein thymotischer pharmazeutischer Kleingeist, engherzig und hasenf\u00fc\u00dfig, der zu viel Zeit \u00fcber alternativen Fakten verbringt und sich am Ende in einer paranoischen Deutung der Welt verrennt (die im Text selbst allerdings in sehr differenzierter und satirisch abgezogener Form materialisiert). M\u00f6glicherweise ist er f\u00fcr das Attentat auf eine popul\u00e4re Klimarebellin verantwortlich; vielleicht ist es seinen Anh\u00e4ngern aber auch gelungen, seine Interventionen r\u00fcckwirkend so umzudeuten, dass er in der Nachzukunft als moralischer Sieger dasteht und sich profitabler f\u00fcr ihre politische Agenda vereinnahmen l\u00e4sst. Unter Umst\u00e4nden hat er sich die Ereignisse rund um seine Verfolgung eingebildet, und sie sind nur Ausdruck einer Psychose als Sp\u00e4tfolge eines nicht verarbeiteten Trennungsschocks. Voss ist offensichtlich labil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erz\u00e4hlung verf\u00e4hrt in der Art einer Montage: experimentell, multiperspektivisch, szenisch, auf der Basis von Berichten, (authentischen) Zeitungsmeldungen, Photographien, Depeschen, inneren Monologen und Tagebucheintr\u00e4gen. In der Art einer Brennlinse fasst ein Ausstellungskatalog in der Zukunft alle Ereignisse unter einem Titel zusammen und fungiert dabei als \u00e4u\u00dferster Erz\u00e4hlrahmen, der den Vorg\u00e4ngen einen scheinbaren Zusammenhang andichtet. Statt einer objektiv-summarischen Wiedergabe von Wirklichkeit verzichten die darunter wirksamen Erz\u00e4hlstr\u00e4nge jedoch ganz auf die Realit\u00e4t, sammeln vielmehr Zw\u00e4nge und Phobien, Redensarten, Merkmale und Phantasien anstelle ihres Helden ein: Voss ist nur ein Name, eine Chiffre, f\u00fcr die gef\u00fchlte Ambiguit\u00e4tsintoleranz und Meinungsanf\u00e4lligkeit unserer Zeit. Die verr\u00e4tselte Figur wird in ein Labyrinth gesteckt, glaubw\u00fcrdige Angaben \u00fcber Raum, Zeit und die Ereignisse selbst finden sich auf Spuren reduziert oder fehlen ganz. Das Beschriebene erkl\u00e4rt sich nicht selbst, der Leser soll scheinbar keinen festen Boden unter den F\u00fc\u00dfen bekommen. Schlie\u00dflich geht es ja um nichts Geringeres als die Alternative Wahrheit! Wo der Text Zusammenh\u00e4nge oder gar Anzeichen einer Fabel zul\u00e4sst, sind sie mikroskopisch kurz und bitter. Diese Zerst\u00fcckelung hat allerdings System: Der Protagonist erf\u00e4hrt die Welt mit der ganzen Wucht ihrer H\u00e4sslichkeit, Brutalit\u00e4t und K\u00e4lte, mehr noch: er ist ihr vollkommenes Symptom. Neben den zwanghaften Gedanken, den Wiederholungen und Ritualen, den Reisen und Fahrten rund um den Globus, ist es die Bewusstheit, mit der sich hier einer einrichtet, inmitten der globalen Erw\u00e4rmung in der K\u00e4lte zu leben, die schockiert. Eine L\u00f6sung ist nicht in Sicht, und der Beobachter oder Chronist der Ereignisse h\u00e4lt sich bedeckt: Die Erz\u00e4hlung gibt sich \u00e4u\u00dferlich die Form eines Begleittextes zu einer Ausstellung, die Projektunterlagen und Notizen des \u201ePioniers\u201c Voss mit Fakten zum Klimawandel vermischt (die dabei zunehmend in einem fragw\u00fcrdigen Licht erscheinen) und nur vereinzelt einen Ich-Erz\u00e4hler dazwischenschaltet, dessen Autorit\u00e4t aus dem Strang der laufenden Erz\u00e4hlung weder glaubw\u00fcrdig begr\u00fcndet wird noch an und f\u00fcr sich Anzeichen der Zuverl\u00e4ssigkeit an den Tag legt. <em>Hei\u00dfzeit<\/em> verweigert seiner zynisch-lakonischen Berichterstattung und Anlage der Ereignisse damit jede Unterst\u00fctzung durch Kommentar, Bekenntnis, Erkl\u00e4rung, m\u00f6chte provozieren und beunruhigen, denn Voss\u2019 Gedanken sind nat\u00fcrlich auch unsere eigenen: eine Melange aus ungerichteter Wut, Angst, Trauer und Vergeblichkeit. Die Erz\u00e4hlung weist ihnen einen wilden und unsortierten Platz in besprochenem, gesinnungsethisch und haltungsjournalistisch \u00fcberreguliertem Gel\u00e4nde zu. Vielleicht sind Ungewissheit und Ambivalenz, Aggressivit\u00e4t und Mutlosigkeit nie entschiedener in S\u00e4tzen formuliert worden, die \u2013 ein jeder f\u00fcr sich \u2013 wie Seufzer oder Nachrufe klingen und sich gerade deshalb besser einpr\u00e4gen als jede zusammenh\u00e4ngende Geschichte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der kleine Reisekoffer steht gepackt im Flur. Viel ist es nicht, das Voss mit auf die Reise nehmen wird: Brosch\u00fcren, Dokumente, eine Auswahl seiner Skizzen und Entw\u00fcrfe. Worte, die eng stehen. 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