{"id":72350,"date":"2020-12-03T00:01:40","date_gmt":"2020-12-02T23:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72350"},"modified":"2021-10-02T09:52:45","modified_gmt":"2021-10-02T07:52:45","slug":"heisszeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/12\/03\/heisszeit\/","title":{"rendered":"Hei\u00dfzeit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie viele andere ist Voss als Ehrengast gekommen, nicht zur Besichtigung oder Emp\u00f6rung. Strahlend winkt er der Menge mit seinen Aufzeichnungen. Weil er schon den gan\u00adzen Vormit\u00adtag auf die D\u00e4mmerung und den Flixbus gewartet hat, der die Demon\u00adstranten in ihre Hotels zur\u00fcckbringt, vergisst er, sich seinen Tag vorzustellen. Die K\u00f6pfe wogen \u00fcber einem Boden, der sie m\u00fchelos verschlingen k\u00f6nnte. Ihre Augen ertrinken, ihre Glieder ertrinken, in einem Panorama schamloser Fl\u00fcchtigkeit, einem \u00fcbern\u00e4hrten Experiment, das unbehilflich in die babylonische Zerstreuung strebt. Wieso stochere ich traurig in dieser traurigen Welt herum, und dann noch mit leuchtenden Augen? Ich bin lang genug klein gewesen. Irgendwo in meinem Innern, das wei\u00df ich, geht es mir doch gut \u2013 wenn ich nur w\u00fcsste, wo. Stimmen kommen nicht aus einem aufger\u00e4umten Innern und ebenso wenig aus der klaren Luft. Es geht mir gut, es geht viel besser, und es ist richtig hier. Alles ist auf eine wohltuende und erdumspannende Weise ger\u00e4umig, keine flaum\u00fctigen Empfindungen, nirgends Stifters Sternenhimmel in gro\u00dfen Farben als Marschiergewand. \u00dcberall sehe ich gehende Menschen und ihre H\u00fcllen, geringe Spuren von Scherz in ihren Mundwinkeln. Ein neues Jahr, das klingt so m\u00f6glich. Aber ich bin vielleicht naiv, und die Maschine spielt gegen mich, kauend besitzergreifend, wo ich schaudere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hei\u00dfzeit<\/strong>, von Ralph Pordzik erscheint in der <em>\u00c9cole Noire<\/em> (W\u00fcrzburg, 2020)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Heisszeit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-72347 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Heisszeit.jpg\" alt=\"\" width=\"128\" height=\"204\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Hei\u00dfzeit<\/em> ist ein St\u00fcck experimenteller deutscher Endzeitliteratur im Stil von J\u00f6rg Steiners <em>Schnee bis in die Niederungen<\/em> (1973) oder Max Frischs <em>Der Mensch erscheint im Holoz\u00e4n<\/em> (1979) und schlie\u00dft selbstbewusst an diese Tradition an. Sein Protagonist Ludwig Voss ist ein thymotischer pharmazeutischer Kleingeist, engherzig und hasenf\u00fc\u00dfig, der zu viel Zeit \u00fcber alternativen Fakten verbringt und sich am Ende in einer paranoischen Deutung der Welt verrennt (die im Text selbst allerdings in sehr differenzierter und satirisch abgezogener Form materialisiert). M\u00f6glicherweise ist er f\u00fcr das Attentat auf eine popul\u00e4re Klimarebellin verantwortlich; vielleicht ist es seinen Anh\u00e4ngern aber auch gelungen, seine Interventionen r\u00fcckwirkend so umzudeuten, dass er in der Nachzukunft als moralischer Sieger dasteht und sich profitabler f\u00fcr ihre politische Agenda vereinnahmen l\u00e4sst. Unter Umst\u00e4nden hat er sich die Ereignisse rund um seine Verfolgung eingebildet, und sie sind nur Ausdruck einer Psychose als Sp\u00e4tfolge eines nicht verarbeiteten Trennungsschocks. Voss ist offensichtlich labil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erz\u00e4hlung verf\u00e4hrt in der Art einer Montage: experimentell, multiperspektivisch, szenisch, auf der Basis von Berichten, (authentischen) Zeitungsmeldungen, Photographien, Depeschen, inneren Monologen und Tagebucheintr\u00e4gen. In der Art einer Brennlinse fasst ein Ausstellungskatalog in der Zukunft alle Ereignisse unter einem Titel zusammen und fungiert dabei als \u00e4u\u00dferster Erz\u00e4hlrahmen, der den Vorg\u00e4ngen einen scheinbaren Zusammenhang andichtet. Statt einer objektiv-summarischen Wiedergabe von Wirklichkeit verzichten die darunter wirksamen Erz\u00e4hlstr\u00e4nge jedoch ganz auf die Realit\u00e4t, sammeln vielmehr Zw\u00e4nge und Phobien, Redensarten, Merkmale und Phantasien anstelle ihres Helden ein: Voss ist nur ein Name, eine Chiffre, f\u00fcr die gef\u00fchlte Ambiguit\u00e4tsintoleranz und Meinungsanf\u00e4lligkeit unserer Zeit. Die verr\u00e4tselte Figur wird in ein Labyrinth gesteckt, glaubw\u00fcrdige Angaben \u00fcber Raum, Zeit und die Ereignisse selbst finden sich auf Spuren reduziert oder fehlen ganz. Das Beschriebene erkl\u00e4rt sich nicht selbst, der Leser soll scheinbar keinen festen Boden unter den F\u00fc\u00dfen bekommen. Schlie\u00dflich geht es ja um nichts Geringeres als die Alternative Wahrheit! Wo der Text Zusammenh\u00e4nge oder gar Anzeichen einer Fabel zul\u00e4sst, sind sie mikroskopisch kurz und bitter. Diese Zerst\u00fcckelung hat allerdings System: Der Protagonist erf\u00e4hrt die Welt mit der ganzen Wucht ihrer H\u00e4sslichkeit, Brutalit\u00e4t und K\u00e4lte, mehr noch: er ist ihr vollkommenes Symptom. Neben den zwanghaften Gedanken, den Wiederholungen und Ritualen, den Reisen und Fahrten rund um den Globus, ist es die Bewusstheit, mit der sich hier einer einrichtet, inmitten der globalen Erw\u00e4rmung in der K\u00e4lte zu leben, die schockiert. Eine L\u00f6sung ist nicht in Sicht, und der Beobachter oder Chronist der Ereignisse h\u00e4lt sich bedeckt: Die Erz\u00e4hlung gibt sich \u00e4u\u00dferlich die Form eines Begleittextes zu einer Ausstellung, die Projektunterlagen und Notizen des \u201ePioniers\u201c Voss mit Fakten zum Klimawandel vermischt (die dabei zunehmend in einem fragw\u00fcrdigen Licht erscheinen) und nur vereinzelt einen Ich-Erz\u00e4hler dazwischenschaltet, dessen Autorit\u00e4t aus dem Strang der laufenden Erz\u00e4hlung weder glaubw\u00fcrdig begr\u00fcndet wird noch an und f\u00fcr sich Anzeichen der Zuverl\u00e4ssigkeit an den Tag legt. <em>Hei\u00dfzeit<\/em> verweigert seiner zynisch-lakonischen Berichterstattung und Anlage der Ereignisse damit jede Unterst\u00fctzung durch Kommentar, Bekenntnis, Erkl\u00e4rung, m\u00f6chte provozieren und beunruhigen, denn Voss\u2019 Gedanken sind nat\u00fcrlich auch unsere eigenen: eine Melange aus ungerichteter Wut, Angst, Trauer und Vergeblichkeit. Die Erz\u00e4hlung weist ihnen einen wilden und unsortierten Platz in besprochenem, gesinnungsethisch und haltungsjournalistisch \u00fcberreguliertem Gel\u00e4nde zu. Vielleicht sind Ungewissheit und Ambivalenz, Aggressivit\u00e4t und Mutlosigkeit nie entschiedener in S\u00e4tzen formuliert worden, die \u2013 ein jeder f\u00fcr sich \u2013 wie Seufzer oder Nachrufe klingen und sich gerade deshalb besser einpr\u00e4gen als jede zusammenh\u00e4ngende Geschichte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wie viele andere ist Voss als Ehrengast gekommen, nicht zur Besichtigung oder Emp\u00f6rung. Strahlend winkt er der Menge mit seinen Aufzeichnungen. 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