{"id":72330,"date":"2022-12-18T00:01:54","date_gmt":"2022-12-17T23:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72330"},"modified":"2022-11-20T12:03:48","modified_gmt":"2022-11-20T11:03:48","slug":"12","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/18\/12\/","title":{"rendered":"12"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeitlupe im Daseinskino. Nataly pellt sich aus dem Schlafsack. W\u00e4hrend sie die Teekanne vom Feuer nimmt, registriert sie aus den Augenwinkeln wie Max einem Touareg eine Zigarette anbietet. Der Scheich zieht die ovale H\u00fclse der L\u00e4nge nach unter der Nase durch. Riecht. Kramt seine Streichholzschachtel aus der Tasche. Fackelt. Die \u00e4ussere Gemarkung, der am Realen festgezurrte Landstrich, spiegelt seine innere Topographie, eine morastige Seelenlandschaft, deren Reichtum die Spr\u00f6dheit des Bodens konterkariert, auf dem der Berichterstatter wurzelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWer einer L\u00fcge verd\u00e4chtigt wird und das nicht widerlegen kann, muss ein gl\u00fchendes Eisen dreimal langsam ablecken\u00ab, murmelt der Touareg, streckt die Zunge heraus und befeuchtet zur Best\u00e4tigung des Gesagten das Zigarettenpapier. Dieser <em>Seelenf\u00fchrer<\/em> ist ein Philosoph des Gl\u00fccks, seine Theorie handelt von nichts anderem als von dessen Abwesenheit. Die Narben, die er \u00e4usserlich und innerlich davontr\u00e4gt, spielen die Rolle von Erkennungszeichen. Weil der Scheich das Leben aussch\u00f6pft, kann er es sich leisten, es darzustellen und einen langen Streifzug durch eine zersplitternde Welt unternehmen. Die W\u00fcste wird dem Scheich zum Ort f\u00fcr die R\u00fcckverwandlung des Menschen in ein Tier. Dieser bes\u00e4nftigte Furor, diese abgebr\u00fchte Sensibilit\u00e4t, entspricht der Metamorphose des Anubis in einen <em>Schakal,<\/em>der mit allem rechnet und sich immer noch \u00fcberraschen l\u00e4sst. Nataly setzt sich zu den M\u00e4nnern und reicht jedem von ihnen eine blecherne Teetasse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir tun der Landschaft unrecht, wenn wir sie einfach nur <em>sch\u00f6n<\/em> finden\u00ab, erkl\u00e4rt Nataly leichthin im gebrochenen Franz\u00f6sisch. Die Genesende ist fasziniert durch die enge Symbiose mit der Natur, in der man den Elementen ausgeliefert ist und bereit, den Rhythmus des Lebens dem Wechsel der Jahreszeiten anzupassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSch\u00f6n sein heisst vor allem: sich erlauben, sch\u00f6n zu sein\u00ab, verneigt sich der Scheich. Anders als im Westen, wo man die Geheimnisse der Natur ergr\u00fcndet, um sie zu beherrschen, ist das h\u00f6chste Ziel der Touareg die Harmonie mit der Natur. Die Durchreisenden erfahren durch den Scheich, dass die Anschauungsweise, Zivilisation bedeute Kampf gegen die Wildnis, grundverkehrt ist. Sie versuchen fortan, die Natur als Verb\u00fcndeten zu begreifen und Wildnis in sich aufnehmen. Die Gesetze der <em>T\u00e9n\u00e9r\u00e9<\/em> schreiben vor, dass ein Touareg nicht l\u00fcgen oder stehlen und nicht die Frau des Anderen begehren, aber auch seinem Gegner zu trinken geben soll. Die Sahara ist elementar, immer fehlt ein Element, ohne das man nicht \u00fcberleben kann. Diese W\u00fcste ist die Erf\u00fcllung aller Sehns\u00fcchte, doch ohne Kamel kann ein Nomade sich in ihr nicht bewegen. Die Feuerung knistert in den Flammen und zerf\u00e4llt zu Asche. Zuweilen schnarrt einer der Kamels\u00e4ttel, die als Windschutz um die verglimmende Flamme herum gruppiert sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Sonnenaufgang geht es mit der Karawane weiter an den oberen Nil, zum Kalashaba\u2013Tempel von Beit\u2013el\u2013Wali. Am Assuan\u2013Staudamm entdecken sie einen Schwarm von Flamingos. Ihr Schnabelrand weist eine Lamellenstruktur auf, die zusammen mit der fleischigen Zunge einen Filterapparat bildet, mit dem die <em>Kiemenf\u00fcsser<\/em>Plankton aus dem Nil filtern. Diese Flamingos beginnen die Brutsaison mit einem Tanz. Ihre Fl\u00fcgel sind abgewinkelt, gleichzeitig wird der Kopf nach hinten gebogen, als wolle das M\u00e4nnchen sein Gefieder unter der ge\u00f6ffneten Schwinge putzen. Das Weibchen streckt ein Bein zu einer Seite aus, winkelt es an, sch\u00fcttelt die Fl\u00fcgel und legt sich in den Wind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zeitlupe im Daseinskino. Nataly pellt sich aus dem Schlafsack. W\u00e4hrend sie die Teekanne vom Feuer nimmt, registriert sie aus den Augenwinkeln wie Max einem Touareg eine Zigarette anbietet. 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