{"id":72326,"date":"2022-11-18T00:01:56","date_gmt":"2022-11-17T23:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72326"},"modified":"2022-11-20T12:00:02","modified_gmt":"2022-11-20T11:00:02","slug":"11","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/18\/11\/","title":{"rendered":"11"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tiefgr\u00fcndige Ambivalenz. Die Natur ist kein Fitness\u2013Studio f\u00fcr die Seele. Dort, wo die Landschaft nicht kulturell gereinigt, begradigt und \u00fcberdacht wurde, ist sie der nat\u00fcrliche Feind des Menschen. Nataly befindet sich unter einem Kraftfeld, das auf Entladung seiner Energien dr\u00e4ngt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu n\u00e4chtlicher Stunde. In der Wirklichkeit eines Traums. Und in einem Traum von der Wirklichkeit. Nataly befindet sich im Kellergew\u00f6lbe ihrer Seele, hier zischeln die Schlangen ihrer Phobien, paaren sich die Gespenster des Ruchlosen, bl\u00fchen die Blumen des B\u00f6sen. Was mit ihr geschieht, findet in einer radikalen Innenwelt der freien Assoziationen statt, das Unerh\u00f6rte realisiert sich zwischen Syn\u00e4sthesien und psychischen Sensationen. Diese Nacht wird f\u00fcr Nataly zur Offenbarung der Ungesch\u00fctztheit, der unverf\u00e4lschten Humanit\u00e4t. Die Finsternis ist das Negativ einer selbstvergessenen Region und ein Erinnerungsspeicher des Entsetzens. Rotierende Polygone ihrer Furcht. Diese Nacht ist das Gegenbild zum gleissenden Tag und das verwehte Gewissen der Sahara; der Ort, an dem die stecken gebliebene Ordnung in ein sch\u00f6pferisches Chaos zerf\u00e4llt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehrfachbelichtung. Sie tr\u00e4umt in einer anderen Sprache als der, in der sie lebt. Ihre Tr\u00e4ume bestehen aus einer Vielzahl von Geschichten. Mit radikal subjektiver Wahrnehmung erfindet Nataly ihre Realit\u00e4t immer wieder neu. Solange die Gedankenblitze noch nicht ihre Kraft vergeudet haben, steht die Tr\u00e4umende unter Einfluss einer bangen Erwartung. Ihr Wunsch ist es tr\u00e4umend heimzukehren in die Ferne, in die Freiheit. In einem traurigsch\u00f6nen Gef\u00fchl der Weltabwesenheit l\u00e4sst die Tr\u00e4umende Dinge geschehen, dr\u00e4ngelt sich nicht vor, und ist da, wenn es passiert\u2026 im Wandelgang ihres Traums gibt es kein Umfeld, in das sich Nataly h\u00e4tte hereinfallen lassen k\u00f6nnen\u2026 hier muss sie einzig vor sich selbst bestehen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer tropisch beheizten Glaskuppel. Einem spartanisch eingerichteten Atelier. Eine Werkstatt. Die Skulpturen, verteilt im Raum. Eine Extravaganz des Geistes = ein Ort, an dem Schwingungen ihre Richtung \u00e4ndern. Regentropfen klatschen auf die Aussenh\u00fclle. Ger\u00e4usche eines nat\u00fcrlichen Kontinuums.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein schwarzes Samttuch. Ihr einziges Kleidungsst\u00fcck. Am Hinterkopf mit einem Knoten zusammengebunden. Im Dunkeln nimmt ihre Sehsch\u00e4rfe ab, ihr Tastsinn gewinnt an Bedeutung, f\u00fcr sie \u00f6ffnet sich der klare Raum der Imaginationen. Sie bewegt sich in R\u00e4umen, die unter ihrem Schritt erst zu entstehen scheinen. Ihre H\u00e4nde formen jenes Unsagbare, das im Augapfel sein Unwesen treibt. Das Pendel zwischen Zeigefinger und Daumen schl\u00e4gt aus. Mit den Zehen ertastet sie eine Vertiefung im Boden. Folgt dieser Rinne. Zuwachs an Erkenntnis ist f\u00fcr sie immer auch ein Zuwachs an innerer Unruhe. Ihre Suche nach der inneren Stimme erreicht einen Zustand des Schweigens\u2026 die Spur endet im Binnenbezirk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sichtsamkeit. Feink\u00f6rniger Sand weist ihren Fussballen den weiteren Weg. Die spiralf\u00f6rmige Spur f\u00fchrt zum kupfernen Bett. Sie legt sich flach auf den R\u00fccken. Lockert Beine und F\u00fcsse. Bewegt Becken, Schulterg\u00fcrtel und Kopf minimal. Empfindet das Gewicht des K\u00f6rpers und der Gliedmassen. Atmet ruhig ein und aus. Sinkt in sich ein. Entspannt sich mehr und mehr und immermehr\u2026 die V\u00f6lva platziert ihren Kopf auf das Kissen aus Quarz, bis sich die Energie \u00fcbertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Tiefgr\u00fcndige Ambivalenz. Die Natur ist kein Fitness\u2013Studio f\u00fcr die Seele. Dort, wo die Landschaft nicht kulturell gereinigt, begradigt und \u00fcberdacht wurde, ist sie der nat\u00fcrliche Feind des Menschen. 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