{"id":72318,"date":"2022-08-18T00:01:34","date_gmt":"2022-08-17T22:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72318"},"modified":"2022-08-18T04:54:23","modified_gmt":"2022-08-18T02:54:23","slug":"8","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/08\/18\/8\/","title":{"rendered":"8"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Engf\u00fchrungen. Nataly liebt das Halbdunkel, in dem die Realit\u00e4t das Absurde streift, ins Surreale abgleitet, bl\u00fchende Bilder einer Welt, die trotzig ihr letztes Geheimnis bewahrt. Morgens wirkt das Stadtbild auf die Fr\u00fchaufsteherin so zart hinaquarelliert, dass es die Anmutung einer Fata Morgana hat. Die Matrix der Metropole <em>scheint<\/em> der einfache Ausdruck einer bildnerischen Idee und damit das Spiegelbild des Bauzeichners. Diese <em>Grafik<\/em> ist manifest und dokumentarisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausgek\u00fchlte Farben, distanzgebietend in der Komposition, faszinieren Nataly. Unter der gl\u00fchenden Hitze registriert sie die Vorl\u00e4ufigkeit aller Wahrnehmung, bedenkt nachjagende Verst\u00e4ndnisprozesse, die fortlaufende Vertagung der Ansichtssachen und den unausgesetzten Bedeutungsaufschub: Ein Himmel ohne Wolken, Landschaften nackt und ausradiert, Gestalten, allem Zeitlichen enthoben. Fast metallisch wirkt die Realit\u00e4t, so klar und scharf sind die Farben. Gepanzert gegen jede Anfechtung und Verwerfung, letztlich auch: gegen jedes Geheimnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Talat\u2013Harb\u2013Platz pr\u00e4gen Gr\u00fcnderzeit\u2013Bauten das Stadtbild von El Qahira. Viele Geb\u00e4ude wirken auf sie wie aus der Zeit gefallen. Stromleitungen flattern im Eingangsbereich, auf den Briefk\u00e4sten sind die Namen von Kolonisten zu lesen, die nach dem Suezkrieg in das alte Europa zur\u00fcckgekehrt sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schneisen in scharfkantiger Realit\u00e4t. Wo die Fremdheit vor der Welt schrumpft, herrscht zwischen Nataly und Max eine stille Epiphanie der \u00dcbereinstimmung. W\u00e4hrend M\u00e4nnern das Finden wichtig ist, kommt es Frauen auf das Suchen an. Natalys Sehnsucht richtet sich auf etwas, das sich entzieht, die heftigste Form der Erinnerung. Sie erkennt eine Wirklichkeit als unscharf und versteht sie nicht. Natalys Gedenken zielt auf das sich entziehende Leben, sie revoltiert gegen die Verw\u00fcstung des Alters, die Vorarbeiten des Todes. Irritation wird f\u00fcr sie zur Befreiung von erstarrten Vorurteilen und von Wiederholungszw\u00e4ngen. Diese Reizung befremdet sie und zieht sie an; \u00e4ngstigt und entz\u00fcckt sie. W\u00e4hrend ihr Verstand noch kopfsch\u00fcttelnd die Stirn runzelt, hat das Gem\u00fct ihn bereits verf\u00fchrt: zum Schauen, H\u00f6ren, Staunen\u2026 langsam, aber sicher auch zu einem zauberhaft\u2013zauberischen Verstehen, das durch ihre Sinne ins Hirn filtert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Midan Tahrir steigen Beamte aus ihren Taxis, gehen ins Regierungsgeb\u00e4ude Mugamma, wo sie in den Eing\u00e4ngen des kolossalen Bauwerkes m\u00e4usegleich verschwinden. Max muss wegen einer Passangelegenheit vorsprechen. Die B\u00fcrokratie \u00c4gyptens ist sehr alt. Ihr urspr\u00fcnglicher Zweck vor mehr als 4000 Jahren war es, das Wasser des Nils unter den Bauern aufzuteilen. Die Mugamma ist eine Beh\u00f6rde, in der man in allen Formen der Beharrlichkeit geschult wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max sieht Menschen, die sich auf gewundenen Pfaden durch runde Korridore \u00fcber Wendeltreppen durch B\u00fcrofluchten schieben. Er kann hier die wichtigste \u00e4gyptische Tugend erlernen: Geduld. Auch \u00e4gyptische B\u00fcrokraten bevorzugen traditionelle Arbeitsmethoden. Sie sind vernarrt in Papier, Stempel, Unterschriften und Siegel, so dass ein Computer ihrem Job vermutlich den Charme nehmen w\u00fcrde. Probleme werden in der virtuellen Klarsichth\u00fclle abgelegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs fehlt nur ein Stempel auf Ihrem Ausweispapier\u2026\u00ab, verabschiedet ihn der Beamte, riecht an seinem Tee. Das bittere erste Glas, so behaupten die Touareg, schmeckt wie das Leben. Hat man das Gl\u00fcck, s\u00fcssen Tee zu geniessen, so erinnert er an die Liebe. Zuletzt gemahnen die sanften Bl\u00e4tter die Nomanden an den Tod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erde ist keine Scheibe und das Auge kein Weitwinkelobjektiv. Wegen der Hitze bevorzugt Max Plansequenzen. Seine Wahrnehmung erscheint ihm mehrdeutig und tr\u00fcgerisch. Sie birgt das Risiko des Symbolischen. Ihm fehlt der Kontext. Sein Ich wird zu einer Registraturmaschine, das eine aufmerksame Wahrnehmung ben\u00f6tigt, um Nachrichten aus der Wirklichkeit filtern zu k\u00f6nnen und Individuationsformen vom entgegengesetzten Pol aus zu entwickeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Exzess der Sichtbarkeit. Auf diesem Planeten gibt es so viel Sch\u00f6nheit, dass es die Gef\u00e4hrten \u00fcberrascht, wie oft Menschen auf die Wand ihres Nachbarhauses starren. Einen Song kann man abdrehen, ein Buch zuklappen, ein Kino kann man vorzeitig verlassen. Von H\u00e4usern ist man jedoch auf Dauer umgeben, es gibt keinen Menschen, der nicht der Architektur ausgeliefert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lachfalten im Gesicht der Zeit. Die Kairiner unterscheiden zwischen dem, was nur notwendig erscheint und dem, was notwendig ist. Eine Fassade gleicht einem aufgeschlagenen Buch. Fantastische Realit\u00e4t wird zu einer Novelle, und diese erz\u00e4hlt eine wundersame Wirklichkeit. Das Diesseits der Undurchsichtigkeit geht \u00fcber in das Jenseits der Durchsichtigkeit. Das Haus gegen\u00fcber erz\u00e4hlt Geschichte und Geschichten, zuweilen verbirgt es ein Denkspiel aus der Ahnenzeit: Die Geschichte einer Geburt, einer Liebe, eines Totschlags, der in diesem Haus ver\u00fcbt wurde; Schlagzeilenertr\u00e4nkt. Das Geheimnis der Erl\u00f6sung lautet: Erinnerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abglanz und Verfall. Die Hitze l\u00e4sst den Strassenbelag in El Qahira schmelzen, so dass Kronkorken oder Abs\u00e4tze im Asphalt stecken bleiben. Wegen der Temperaturschwankungen, zieht sich der Teer n\u00e4chtens zusammen und dehnt sich \u00fcber Tag solange aus, bis er berstet. <em>Notgrabungen<\/em> nennen Arch\u00e4ologen daher die schnelle Rettung antiker Funde durch Mitarbeiter der Azhar\u2013Universit\u00e4t. Die Forscher stossen auf Wasserkr\u00fcge aus der Fr\u00fchzeit der Pharaonen. Kultur scheint in El Qahira ein unabl\u00e4ssiger Prozess des Absinkens zu sein. Persische und griechische Besatzer hinterliessen ihre Spuren. Diese Spuren werden freigelegt. Betrachter behaupten, das Chaos sei eine Folge der Apathie. Diese Beschreibung erscheint Nataly und Max abwertend. Eher ist sie Folge einer Haltung, die man als Verneigung vor einem z\u00e4rtlichen Nihilismus beschreiben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles ist besser als Indifferenz. Der langsam kreiselnde Ventilator an der Decke des Hotelzimmers wirbelt heisse Luft durcheinander. Diese Tage schleichen scheinbar endlos dahin. Ihr Ziel ist die tintenschwarze Nacht, in welcher der Schlaf unruhig, der Schweiss in das Laken tr\u00f6pfelt und die Tr\u00e4ume zu einem unsichtbaren Begleiter werden, zu einem Blues mit arabischen Rhythmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas Wasser hat hier Geschmack\u201c, fl\u00fcstert ihm das Ged\u00e4chtnis eine Erkenntnis. Er lauscht einem melancholischen Oud\u2013Spieler, der mauretanische Lieder singt. Leicht und luftig klingen seine Melodieb\u00f6gen, schwerelos entsteigen sie dem volumin\u00f6sen Bauch seines Instruments, verbinden sich zu anmutigen Mustern. Max trommelt in Trance zu den Melodien auf der Kurzhalslaute\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr ihr Gef\u00fchl zueinander existiert kein Speichermedium. Ihre Beziehung ist ein kontrolliertes Preisgeben, nicht zu verwechseln mit Offenheit. Ihr Hauptproblem ist, dass sie es nicht aushalten, wenn sie nicht geliebt werden. Nataly tr\u00e4umt nicht von Max. Max tr\u00e4umt nicht von Nataly. Die Hypochonder der Liebe k\u00f6nnen nicht schlafen, sie z\u00e4hlen die Atemz\u00fcge des Anderen und warten darauf, dass die Nacht sich senkt und die Welt an den K\u00fcsten des Schlafes vor Anker geht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Engf\u00fchrungen. Nataly liebt das Halbdunkel, in dem die Realit\u00e4t das Absurde streift, ins Surreale abgleitet, bl\u00fchende Bilder einer Welt, die trotzig ihr letztes Geheimnis bewahrt. 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