{"id":72314,"date":"2022-07-18T00:01:42","date_gmt":"2022-07-17T22:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72314"},"modified":"2022-11-20T13:07:40","modified_gmt":"2022-11-20T12:07:40","slug":"7","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/18\/7\/","title":{"rendered":"7"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umm el\u2013dunja = die Mutter der Welt. Leben auf einer \u00fcberhitzten Herdplatte, von der sich Dieselschwaden nicht verziehen wollen. Fossile Brennstoffe weisen den Weg in die Zukunft. Im Gegensatz zum muselmanisch\u2013mittelalterlichen Treiben in den Souks der Altstadt steht der chaotische Verkehr von El Qahira mit ihren breiten Strassen und vielen Hochh\u00e4usern. Die Bauweise basiert auf der Einheit von Licht und Raum. W\u00fcstenwinde aus dem S\u00fcden bringen Sand und Staub.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00d6konomische Bewegungen. Verh\u00fcllte Frauen gleiten durch die Strassen. Nataly stellt sich vor, wie es sich hinter einem Schleier lebt. Dieses Kleidungsst\u00fcck erscheint in ihren Augen als Symbol f\u00fcr die unterprivilegierte Stellung der Frauen, f\u00fcr verhindertes Wissen, f\u00fcr den Ausschluss von wirtschaftlicher und politischer Macht. J\u00fcngere Frauen tragen Kopftuch, nicht ohne W\u00fcrde: <em>Ma&#8217;lesch<\/em> = mach dir nichts draus \u2013 Allah wird\u2019s f\u00fcgen, Insch\u2019allah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcnfmal t\u00e4glich ruft der Muezzin zum Gebet. Nataly und Max suchen den Schatten und sch\u00f6pfen frische Luft auf der Insel Ghezira. Von der Spitze des Kairo\u2013Turms geniessen sie den Rundblick auf die Stadt und den Nil. Sie versuchen, das \u00dcberzeitliche in Bewegung zu bringen. F\u00fchlen sich auf eine Zauberwiese versetzt, die mit den heiligen Malen des kulturellen Anbeginns bebaut ist. Einst waren die Pyramiden mit schneeweissen, glattpolierten Kalkplatten verkleidet. Auf ihren Spitzen steckten H\u00fctchen aus Elektrum\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Besuch von Gizeh absolvieren sie ihre Sightseeing\u2013Tour zwischen Sultan\u2013Hasan\u2013Moschee und den Marmeluckengr\u00e4bern. El Qahira ist vollgestopft mit Sehensw\u00fcrdigkeiten aus seiner pharaonischen, koptischen und islamischen Geschichte. Der Stolz auf das Altertum verstellt zuweilen den Blick auf die Geschichte der Neuzeit. Ersch\u00f6pft von der Erkenntnis, dass Verst\u00e4ndnis erst durch Mit\u2013Erleben entsteht, fl\u00fcchten sie sich in den Schatten der Souks am Rand des Khan\u2013el\u2013Khalili\u2013Basars, versuchen sich mit kalten Getr\u00e4nken in den Bars abzuk\u00fchlen und sehen den Hautausd\u00fcnstungen beim Verdampfen zu. In der vielstimmigen Stadt bleiben ihre Worte am Rande des Nichts, stumme Schreie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Realit\u00e4tsfragmente. Es ist wie \u00fcberall im Jederzeit, auch Fellachen ern\u00e4hren sich nicht nur von Foul\u2013Medames, sondern von westlichem Fastfood. Nataly hat eine traumverlorene Traurigkeit in den Augen. Blossgelegt wird von ihr die Anatomie ihres Daseins, in dem das Handeln sich der Souver\u00e4nit\u00e4t entzogen hat und in der Wirkung unberechenbar wird. Nicht das Ungl\u00fcck einer einzelnen verkorksten Biografie, nicht Pech oder Schicksalsschl\u00e4ge sind es, die das Leben so trostlos machen, es ist der fundamentale Riss, der durch ihre Existenz geht. In der Luft liegt ein s\u00fcsslich morbider Geruch. Langsam und unaufh\u00f6rlich treibt die Verwesung tiefe Wunden in die Strassen und Pl\u00e4tze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verst\u00e4ndnis und Vermittlung kann <em>alles<\/em> l\u00f6sen. Als Meisterin der Gleichzeitigkeit aller Wirklichkeiten, versucht Nataly Vergangenes als Gegenw\u00e4rtiges lebendig zu machen. Mit ihrer subjektiven Wahrnehmung erfindet sie die Realit\u00e4t immer wieder neu. Nataly n\u00fctzt ein Drama in Gedanken alles, weil es gerade im Gedachten alle Menschenm\u00f6glichkeiten offen\u2013 und deshalb das Denkfutter <em>buchst\u00e4blich<\/em> vorstellbar sein l\u00e4sst. Sie nimmt sich vor, sichnichts und niemandem zu unterwerfen, ausser den Gesetzen der Physik und ihrer eigenen Moral.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Umm el\u2013dunja = die Mutter der Welt. Leben auf einer \u00fcberhitzten Herdplatte, von der sich Dieselschwaden nicht verziehen wollen. Fossile Brennstoffe weisen den Weg in die Zukunft. 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