{"id":72310,"date":"2022-06-18T00:01:52","date_gmt":"2022-06-17T22:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72310"},"modified":"2022-11-20T13:08:31","modified_gmt":"2022-11-20T12:08:31","slug":"6-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/18\/6-2\/","title":{"rendered":"6"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Moral ist die Schminke einer zivilisierten Gesellschaft. Nicht Krieg, sondern die sch\u00f6pferische Z\u00e4hmung der Natur bildet die Basis f\u00fcr die Entwicklung. Auf dem Kanal von Canopus verkehrten Wassertaxen, sie steuerten Herbergen, Traumdeuter\u2013H\u00e4user und Wirtsh\u00e4user an. Dieser Ort war Zentrum des s\u00fcndhaften Luxus, sexueller Ausschweifungen und Hervorbringung \u00e4gyptischen Reichtums. Max geht der Strasse entlang, die am Hippodrom endet und betrachtet Pal\u00e4ste und Denkm\u00e4ler. Ausgrabungsunternehmen forschen nach den Relikten des Leuchtturms von Alexandria. Die Geheimnisse stecken in Sedimenten aus Sand und Ger\u00f6ll. Zu sehen ist nichts. Was hier liegt, das wird bewacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Gezeitenwechsel verzehren Nataly und Max ihre Mahlzeiten und verharren am Gew\u00e4sser bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Nacht am tiefsten und der Tag am n\u00e4chsten ist. Dieser Moment markiert eine lautlose Schnittstelle, die Pforte zum Tiefschlaf, an der nur noch das Rauschen des eigenen Bluts in den Ohren brandet. F\u00fcr Melancholiker ist die Zeit eine Wunde, die niemals verheilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWann f\u00e4ngt man an, Vergangenes als Vergangenheit zu empfinden?\u00ab, wendet sich Nataly mit dem Fetzen eines Traumbilds an Max, als sie am Morgen erwacht. Er war bereits auf der grossz\u00fcgigen Uferpromenade <em>La Corniche<\/em>unterwegs, hat <em>Ful<\/em> zum Fr\u00fchst\u00fcck besorgt, das Nationalgericht aus Bohnenbrei und rohen Zwiebeln. Am Ufer hat erzudem eine Muschel aufgelesen. Nataly nimmt die Muschel zur Hand, blickt auf die Konturen, die das Sonnenlicht auf eine erinnerungsw\u00fcrdige Weise widerspiegeln und sie an die Ruinen von Herakleion erinnern, die sechs Kilometer vor der K\u00fcste \u00c4gyptens liegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ewigkeitsfermate. Letzte Fluchtburg der heidnischen Intelligenz. Noch im sechsten nachchristlichen Jahrhundert wurden in den zahlreichen Tempeln der Stadt viele G\u00f6tter verehrt. Neben Steins\u00e4rgen und zerbrochenen Pharaonenstatuen fanden Forscher den Kopf der Serapis\u2013Statue. Serapis hatte im sp\u00e4ten \u00c4gypten als Heilgott eine herausragende Bedeutung. Wer seine eigenen Schattenzonen kennen lernen will, hat hier eine Chance. In den Serapis\u2013Tempeln liessen sich Kranke und Geplagte nieder und schliefen sich gesund. Max ahnt, dass diese Reise eine \u00e4hnliche Funktion f\u00fcr sie hat, w\u00e4hrend er das Fr\u00fchst\u00fcck zubereitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn das Vergangene nicht vergeht, wuchert der Schuldvorwurf weiter, wenn er nicht zur Sprache gebracht wird\u00ab, bewegt sich Max assoziativ querfeldein. Freundschaft bedeutet ihm, sich dem Anderen r\u00fcckhaltlos zumuten zu k\u00f6nnen. Der beste Freund ist der Mensch, dem er eigentlich Unaussprechliches sagen kann. Aber nicht muss. Max hat noch kein Ziel, Nataly weiss, dass es keins gibt. Also schweigen sie gemeinsam und sehen am Abendhimmel die Sternbilder verblassen: Pegasus neben Delfin und Andromeda\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKann man lernen \u00fcber eine Trauer zu sprechen, so behutsam, so umfassend, dass jeder sich wieder findet?\u00ab, erkundigt sich Nataly als Kaiserin der Grausamkeitsroutine. Schnippt die Muschel zur\u00fcck ins Meer, wo sie auf den Scheitelkamm einer Welle fluppt und langsam in der Gischt versinkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Tag noch am Meer, dicht am Sehkreis, dann f\u00fchrt der Weg vom Delta weg. Flussaufw\u00e4rts, ins Landesinnere, wo Sicheld\u00fcnen mit den Passatwinden wandern und in Ober\u00e4gypten eine zw\u00f6lf Meter hohe Ramses\u2013Statue freigelegt haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Moral ist die Schminke einer zivilisierten Gesellschaft. Nicht Krieg, sondern die sch\u00f6pferische Z\u00e4hmung der Natur bildet die Basis f\u00fcr die Entwicklung. Auf dem Kanal von Canopus verkehrten Wassertaxen, sie steuerten Herbergen, Traumdeuter\u2013H\u00e4user und Wirtsh\u00e4user an. 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