{"id":72306,"date":"2022-05-18T00:01:06","date_gmt":"2022-05-17T22:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72306"},"modified":"2022-11-20T13:09:24","modified_gmt":"2022-11-20T12:09:24","slug":"5-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/05\/18\/5-2\/","title":{"rendered":"5"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbH\u00f6r mal, wie ruhig es hier ist!\u00ab, haucht Nataly. Ihr Trommelfell ist besonders anf\u00e4llig f\u00fcr mediale Erfahrungen, weil sich das Ohr nicht so einfach verschliessen l\u00e4sst wie das Auge. Das Zusammenwirken von Geist und Seele, Sinn und Expression scheint ihr ein Angelpunkt authentischen Ausdrucks; das schliesst allerdings Schw\u00e4rmerei, Leidenschaftlichkeit und Persiflage nicht aus, sonst w\u00e4re einzig der Urschrei noch beglaubigt, und Kunst immer eine F\u00e4lschung. Nachdem sie die Grenzerfahrung von Surfern nachvollzogen hat, die auf der Suche nach der perfekten Welle dem Sommer nachreisen, weckt sie ihren Reisegef\u00e4hrten aus dem Halbschlaf. Max reibt sich die Lauscher, versucht den Knorpel zu verschliessen und stimmt ihr stillschweigend zu, dass es f\u00fcr das Ohr kein Lid gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKann man in die Stille hinein h\u00f6ren?\u00ab, riskiert Max ein psychopathetisches Wagnis, nachdem die tr\u00e4gen Wellen lange nasse Finger auf den Sand zeichnen und unz\u00e4hlige Taschenkrebse mit ihren gepanzerten Gliedern in den Felsenh\u00f6hlen rascheln\u2026 nachfolgend ist nicht einmal mehr der Wind zu h\u00f6ren. Max gibt seine bewusste Zur\u00fcckhaltung auf, erhebt sich und streunt am Strand entlang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seelenzergliederung. Nataly schweigt und ist erleichtert, wenn sie einen Tag lang ohne ein Wort auskommen. Es ist f\u00fcr sie unfassbar, was alles geredet wird. Sie lebt in einer geschw\u00e4tzigen Welt, in der das Sprechen h\u00e4ufig nicht dazu dient, dass sich Menschen n\u00e4her kommen, sondern dazu, dass sie sich zusch\u00fctten mit Worten und doch jeder f\u00fcr sich allein bleibt. Sie empfindet den sorglosen Umgang mit Sprache als schmerzhaft, weil sie ein Gef\u00fchl daf\u00fcr entwickelt hat, dass Worte auch Gewicht haben und verletzen k\u00f6nnen. Besser erscheint es ihr, vorgepr\u00e4gten Sprachbildern und einge\u00fcbten Redewendungen zu entsagen. Wahrheiten werden ihr durch Sprache vermittelt, Wahrhaftigkeit durch das Schweigen. Stumm\u2013Sein ist leichter als Taub\u2013Sein. Es ist eine best\u00e4ndige Aufwallung f\u00fcr Nataly, Mensch zu werden, aus der verstreichenden Zeit ihren Brustkasten aufzuspannen, dem Formlosen eine Figur abzugewinnen; ein unabl\u00e4ssiger Ringkampf mit den Kr\u00e4ften des zu Gestaltenden, aus dem sie erst hervorgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht sch\u00f6n genug, um wahr zu sein. Sie f\u00fchlt sich irdisch stark und himmlisch fl\u00fcchtig, oszilliert zwischen rauschhaftem Gl\u00fcck, fiebriger Verzweiflung und dem Wissen um die Schuld, die sie auf sich geladen hat. An ihr kr\u00e4nkelt kein Zweifel, sie muss weitermachen, indem sie versucht unter dem mediterranen M\u00fcssiggang das Nachdenken zu \u00fcben; und der Stille ihres Zweifels seine Zeit zu lassen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gl\u00fchende Unbedingtheit. Nataly und Max verstehen einander, ohne viel Worte zu machen, sie empfinden sehr viel f\u00fcreinander; aber sie suchen noch nach einer Sprache f\u00fcr ihre \u00c4ngste und Begierden, ihre Lust und ihr Begehren. Sie k\u00f6nnen einander noch nicht erz\u00e4hlen, was bereits in ihren Leib eingeschrieben ist. Suchen Worte, um dieses <em>Zeichensystem<\/em> zum Teil ihres Universums zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWann wird einem der Andere zum Pr\u00fcfstein?\u201c, gr\u00fcbelt Max. Utensilien \u00e4hneln Menschen, sie sprechen, sind jedoch nicht jedem gegen\u00fcber redselig. Max findet Gegenst\u00e4nde, nimmt sie mit sich, kommt mit ihnen ins Gespr\u00e4ch und erf\u00e4hrt so ihre Geschichten. Er sammelt Treibholz, entfacht ein Feuer, l\u00e4sst Lammfleisch dar\u00fcber kreisen und sieht aufs Meer hinaus. Beim Blick \u00fcber das Nildelta erscheint ihm sein bisheriges Leben als ein Flickenteppich aus Erinnerungsfetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00bbH\u00f6r mal, wie ruhig es hier ist!\u00ab, haucht Nataly. Ihr Trommelfell ist besonders anf\u00e4llig f\u00fcr mediale Erfahrungen, weil sich das Ohr nicht so einfach verschliessen l\u00e4sst wie das Auge. 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