{"id":72302,"date":"2022-04-18T00:01:58","date_gmt":"2022-04-17T22:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72302"},"modified":"2022-11-20T13:10:43","modified_gmt":"2022-11-20T12:10:43","slug":"4-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/04\/18\/4-2\/","title":{"rendered":"4"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas Meer sch\u00e4rft die Sinne. Seit ich die Wellen jeden Tag sehe, sehen sie jeden Tag anders aus. Vielleicht sollten wir nur noch am Strand leben?\u00ab, spekuliert Nataly, nachdem sie vom Tauchen zur\u00fcckkommt; kontrolliert, ob der Bikini schon einen Abdruck hinterlassen hat, und verschiebt einen Tr\u00e4ger. Sie ist eine sch\u00f6ne Frau, die es sich sogar leisten kann, dies zu bestreiten. Nataly strahlt eine Reife aus, die nichts vergessen hat, und eine Lebensfreude, die so reich und differenziert ist, dass sie enorm viel positiven Ausdruck daf\u00fcr findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blickwechsel. Das Traurig\u2013Ins\u2013Nichts\u2013Schauen geh\u00f6rt zu ihrem Nachdenken. Max registriert die wechselhafte Tiefensch\u00e4rfe des Gesprochenen, ihre unaufdringlichen Verlagerungen in die Bewegungen. Menschen erscheinen ihm als ein informationsverbreitendes System, das Denken als Datenverarbeitung, und das Gehirn als eine Fleischmaschine. Nur eine Denkwindung weiter f\u00fchrt all das genau zu dem, was das Leben so faszinierend macht: Es sind offene Systeme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nataly beobachtet ihn. Sein Oberk\u00f6rper ist nach rechts eingedreht, erfasst ist der Augenblick des Ausholens vor dem Abwurf. Die physische Kraft, die diese Bewegung voraussetzt, wird anschaulich in der Spannung der Muskulatur seines R\u00fcckens. So dramatisch das dynamische Muskelspiel ist, Max&#8217;s R\u00fccken erscheint ihr als zerkl\u00fcftete Landschaft, in der sich Vortreffliches ereignet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max trocknet sich ab. Er hat sein Ausdauer\u2013Programm hinter sich. Fussball ist eine Bastion der M\u00e4nnlichkeit, dazu geh\u00f6rt eine K\u00f6rpersprache mit jenem Akzent von Gewalt, wie ihn nur eine m\u00e4nnliche Anatomie hervorzubringen vermag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denkfigurationen. Nataly hat kein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, verachtet ihn aber nicht. Das Wort, das sie am besten charakterisiert, ist Edelmut. Grossz\u00fcgig verh\u00e4lt sie sich nicht nur, wenn es um ihre pers\u00f6nliche Geschichte geht, sondern auch in ihren Fragestellungen. Freigiebig ist sie, weil sie keine systematische Wahrheit zul\u00e4sst, alles Eindeutige, Rechnerische, Erstarrte immer wieder zum Vibrieren bringt, weil sie unbeirrbar an ihrer Methode festh\u00e4lt, weil sie nicht verurteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Meer ist f\u00fcr sie nicht nur ein Hintergrund, vor dem sie l\u00e4uft und sitzt, das Wasser ist auf magische Weise in ihre Seele gesickert. Die Weite des Meeres, das Betrachten des Horizonts; Nataly liebt es, in der Abendd\u00e4mmerung ins Meer einzutauchen, wenn Wasser und Feuer in den glutroten Wellen verschmelzen\u2026 um im Dunkeln wieder an den Strand zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWeil es f\u00fcr jede Sekunde des Lebens ein Sandkorn bereith\u00e4lt?\u00ab, erwidert Max, der sich auf den R\u00fccken gelegt hat und sie anblinzelt. Nataly l\u00e4sst ihm mit schwebender Intimit\u00e4t <em>eine Handvoll Zeit<\/em> auf seinen Bauchnabel rieseln. Ihm kommt es so vor wie ein Wrack im D\u00fcnenschutt dazuliegen und vom Sand der Stunden \u00fcbersch\u00fcttet zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs kann nicht schaden, vorsichtig zu lauschen, was da jeweils in uns denkt\u00ab, meint Nataly den Klang, der sie selbst sind: der Herzmuskel pumpt, Blut rauscht durchs Venengeflecht, allerorts Str\u00f6me, Atome, Kleinteile, die keine Ruhe geben. Vorsichtig sch\u00e4len sich Kl\u00e4nge aus der konzentrierten Ger\u00e4uschlosigkeit. Entsprechend verst\u00e4rkt erg\u00e4be dies eine Sinfonie ohnegleichen. Mit Hilfe von Elektronik w\u00e4ren sie f\u00e4hig, an das Wesen der Dinge zu gelangen, sie zu verstehen; falls denn das Wesen der Dinge \u00fcberhaupt aus Sound bestehen sollte\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00bbDas Meer sch\u00e4rft die Sinne. Seit ich die Wellen jeden Tag sehe, sehen sie jeden Tag anders aus. 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