{"id":72297,"date":"2022-03-18T00:01:11","date_gmt":"2022-03-17T23:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72297"},"modified":"2022-11-20T13:11:35","modified_gmt":"2022-11-20T12:11:35","slug":"3-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/18\/3-2\/","title":{"rendered":"3"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wellengewisper. Wer gestrandet ist, h\u00f6rt auf, sich den Realit\u00e4ten des Alltags zu stellen. Max baut eine Sandburg. Beginnt mit feinem weissen Sand, der gut durch die Finger rieselt, um Strassen und Wege zu markieren. Aus dem schweren nassen Sand werden Festungen, mit Gr\u00e4ben drum herum, von Tunneln unterh\u00f6hlt. Es geht ihm darum, ein tragf\u00e4higes Konzept zu entwickeln. Ein Geb\u00e4ude muss nicht aus Mauersteinen oder Holz bestehen, es geht auch abstrakter\u2026 daf\u00fcr muss Max die frischen Ideen an die W\u00e4scheleine seines Geistes h\u00e4ngen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Echolot. Nataly und Max sind hierher gekommen, um den Nil zu erleben. Sein Rauschen, Sprudeln und Rieseln. Seinen hurtigen oder verlangsamten Lauf. Sein Tosen oder Murmeln. Sein Farbenspiel. Sein Fl\u00fcstern, sein Schweigen. Es sind Herzlaute, die sie erreichen, wenn der Nil zu ihnen spricht. Im fremden Fluss den Eigenen erkennen, den vertraut\u2013unvertrauten, den hell\u2013dunklen, den geschw\u00e4tzig\u2013unergr\u00fcndlichen. Der Fluss ihrer Kindheit scheint auf, wenn sie die Augen schliessen; der Rhein ist da, wenn sie die Augen \u00f6ffnen, aufmerken, aufhorchen, und den verlorenen Fluss, die vergangene Zeit, so wiedergewinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Abenteuer, den Nil zu befahren, seinem Lauf zu folgen, ist der Augenblick des gegenw\u00e4rtigen Bildes. Das Nachklingen gesehener Bilder und das Erwarten, Erf\u00fchlen des kommenden Geschehens, der kommenden Bilder. In ihrem Blick steckt Unverst\u00e4ndnis und w\u00fctende Erkenntnis, eine Ahnung von jener Trauer, vor der sie fliehen, und die ganze Hilflosigkeit eines Menschen, der am Ende seiner Weisheit angelangt ist. Realit\u00e4t ist etwas anderes als vorgegebene Bilder, sie denken daran mit einer Mischung aus Abgebr\u00fchtheit und Melancholie, H\u00e4rte und Sehnsucht. Es ist die Sehnsucht nach einer archetypischen Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Schluckauf erinnert Nataly an den \u00dcbergang des Lebens vom Wasser auf das Land. Kaulquappen k\u00f6nnen sowohl mit den Kiemen im Wasser als auch mit der Lunge an Land atmen. Damit diese Atmungssysteme nicht durcheinander geraten, tritt ein neuraler Mustergenerator in Kraft, der die Luftr\u00f6hre blockiert. Jedes Tier wird am Nil f\u00fcr Nataly zur Epiphanie ihrer Vorstellungswelt; es gibt Kreaturen, die ihrem Unbewussten n\u00e4her als andere stehen, wie die <em>Kaule<\/em>. Weil diese Amphibie aus dem Wasser kommt, r\u00fchrt sie an eine pr\u00e4historische Herkunft, von der das f\u00f6tale Dasein in ihre Lebenszeit reicht. Ihr zunehmendes Leichter\u2013Werden verdankt Nataly einer nachhaltigeren Selbstvergewisserung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Steter Neubeginn trifft auf st\u00e4ndige Ver\u00e4nderung. Es ist ein erregendes Gef\u00fchl, barfuss \u00fcber den Sand zu gehen, den Tanggeruch in der Nase, Gischtgeschmack auf der Zunge, die Liebkosungen des Windes zu sp\u00fcren und die peitschenden Wellenschl\u00e4ge zu h\u00f6ren. Die Harmonisierung der Welt scheint f\u00fcr den Moment gegl\u00fcckt. Am Strand ist es egal, woher man kommt. Es ist mit Badehosen und Bikinis so wie mit Schuluniformen, sie sind der gemeinsame Nenner, der die Menschen aller sozialen Klassen verbindet. Die Hosen balancieren sie auf den H\u00fcftknochen, so dass jede Bewegung einem uneingel\u00f6sten Versprechen \u00e4hnelt. Ihre Blicke signalisieren: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Hitze ist zu zweit leichter zu ertragen. Fleisch hat sein eigenes Erinnerungsverm\u00f6gen, es ist weitaus weniger vergesslich als das geistige Ged\u00e4chtnis. Hier bewegen sich die Menschen so, dass es egal ist, wie ihr K\u00f6rper geformt ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wellengewisper. Wer gestrandet ist, h\u00f6rt auf, sich den Realit\u00e4ten des Alltags zu stellen. Max baut eine Sandburg. Beginnt mit feinem weissen Sand, der gut durch die Finger rieselt, um Strassen und Wege zu markieren. 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