{"id":72293,"date":"2022-02-18T00:01:44","date_gmt":"2022-02-17T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72293"},"modified":"2022-11-20T13:12:23","modified_gmt":"2022-11-20T12:12:23","slug":"2-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/02\/18\/2-2\/","title":{"rendered":"2"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pegelschl\u00e4ge. Am Strand \u00f6ffnet sich ihr Sehnsuchtshorizont. Aus tiefblauem Meer ragen Felsen hervor, die versteinerten Tieren \u00e4hneln. Perlmuttfarbene Tintenfische trocknen unter der Sonne, ihre Haut ist so d\u00fcnn, dass man hindurchsehen kann. Verlorene Federn. W\u00fchlende W\u00fcrmer. Laufende Limikolen beleben den Strand. Spuren im Sediment f\u00fchren zu etwas, was es zun\u00e4chst gar nicht zu geben scheint. Ist die <em>Premonition<\/em> nicht auch ein Akt der Sinnlichkeit?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Forschungsreisende. Eventuell ist die Vorahnung die aussergew\u00f6hnlichste Art der Wahrnehmung, die Nataly und Max von ihren pr\u00e4historischen Urahnen geerbt haben. Diese Mutmassung ist die Folgerung f\u00fcr die Irrationalit\u00e4t des Universums. Der <em>Homo erectus<\/em> ist wahrscheinlich durch eine Welt voll unheimlicher Zeichen gewandert und hat bei jedem Schritt gezittert. Der hypermoderne Mensch zitiert bei jedem Schritt. Nataly und Max sind umstellt von Nachbildern und Ikonen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erinnerungen sind konkret, nicht konkretistisch. Unaufh\u00f6rliches Sich\u2013Entsinnen w\u00e4re Selbstzerst\u00f6rung. Das blaue Leuchten l\u00e4sst den Himmel erdr\u00f6hnen, zugleich f\u00fcllt es das Meer mit Lapislazuli. Abstrakte Bilder erscheinen Max als fiktives Modell, weil sie f\u00fcr ihn eine Wirklichkeit veranschaulichen, die er weder sehen noch beschreiben kann, auf deren Existenz er jedoch schliessen kann. Er blickt auf das ganz Andere, das g\u00e4nzlich Versunkene, in dem selbst das, was \u00fcber die Jahrhunderte konstant zu bleiben scheint, anders war: die menschliche Seele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit. Max sieht abwesend \u00fcbers Meer, schmeckt mit offenem Mund den Wind\u2026 und wird durch die Bewohner der L\u00fcfte abgelenkt. Hermes, Schutzherr nicht nur der Reisenden, Redner und Diebe, sondern auch der Dichter, soll die Laute nach der Flugformation der Kraniche geformt haben; eine Keilordnung, der das griechische \u1f04\u03bb\u03c6\u03b1 entspricht. So hat der G\u00f6tterbote den Dichtern das Alphabet geschenkt. In der Antike kamen am mittell\u00e4ndischen Meer Menschen aus verschiedenen Weltgegenden zusammen, sie praktizierten eine Atmosph\u00e4re des freien geistigen Austauschs. Die <em>Bibliotheca Alexandrina<\/em> ist daher nicht nur ein Reich des Geistes, sondern auch ein Geisterreich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brennglas. Zur Subversion wird ihnen die Mattigkeit. Die Teilhabe an dieser Welt besteht f\u00fcr Nataly und Max im Lustwandeln. Die rhythmische Ber\u00fchrung der gezeichneten Erde mit den F\u00fcssen ist ihre rituelle Weltbeschw\u00f6rung. Im Unterwegs\u2013Sein bringen sie ihre Befindlichkeiten behutsam zum Sprechen, indem sie ihre Wirklichkeit im Zusammenspiel mit anderen Realit\u00e4ten untersuchen; sie deuten ihre Innenwelt auf der Suche nach dem wahren Sinn und Inhalt so lange aus, bis sie am Ende der Interpretation neben sich steht wie ein zweites Ph\u00e4nomen der Sache selbst. So befreien sich Nataly und Max Schritt f\u00fcr Schritt von einem unseligen Verfahren: das Denken v\u00f6llig unter den Begriffen zu ersticken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Flo\u00eda war der Beiname der griechischen Fruchtbarkeitsg\u00f6tter. Ein Fliessen, das im \u00dcberfluss landet. Ausstr\u00f6men und damit das Aufbl\u00fchen, beides Bewegungen der Vitalit\u00e4t sind hier miteinander verbunden. Dem entspricht die befruchtende und lebensspendende Wirkung des Wassers. Die Nilflut war das Symbol der Wiedergeburt\u2026 das Unbewusste zu denken schliesst Max g\u00e4nzlich aus, weil er als Apologet des Fetischs, der \u00d6konomie und der Handlungsdifferenz, das Versunkene f\u00fcr eine \u00fcberholte, gleichsam romantische Erfindung h\u00e4lt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Pegelschl\u00e4ge. Am Strand \u00f6ffnet sich ihr Sehnsuchtshorizont. Aus tiefblauem Meer ragen Felsen hervor, die versteinerten Tieren \u00e4hneln. Perlmuttfarbene Tintenfische trocknen unter der Sonne, ihre Haut ist so d\u00fcnn, dass man hindurchsehen kann. Verlorene Federn. W\u00fchlende W\u00fcrmer. Laufende Limikolen beleben&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/02\/18\/2-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":97847,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,3354],"class_list":["post-72293","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-vignetten"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72293","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=72293"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72293\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":97850,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72293\/revisions\/97850"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97847"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=72293"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=72293"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=72293"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}