{"id":72281,"date":"2009-12-26T00:01:50","date_gmt":"2009-12-25T23:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72281"},"modified":"2022-03-06T13:47:09","modified_gmt":"2022-03-06T12:47:09","slug":"xii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/26\/xii\/","title":{"rendered":"XII"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nataly und Max haben die Autonomie erlangt, sich \u00fcber Erwartungshaltungen hinwegzusetzen; sie haben keine Berufe, sondern Jobs, verfolgen kein Lebensziel, sondern ein Lebensgef\u00fchl. Die Herzbestimmten verstehen sich gut, weil sie sich gegenseitig durchschauen; f\u00fchlen sich zueinander hingezogen, weil sie sich voreinander nicht verstellen m\u00fcssen; sind sich ebenb\u00fcrtig \u2013 und ein bisschen r\u00e4chen sie sich an jenen, die sie mit einer Grossz\u00fcgigkeit behandeln, die f\u00fcr beide auch etwas Herabsetzendes hat. Ihr Horizont ist die Zukunft, obwohl sie h\u00e4ufig aus dem Vergangenen sch\u00f6pfen, sie entscheiden sich f\u00fcr einen Wunschtraum, weil alle realistischen Alternativen unertr\u00e4glich w\u00e4ren, haben die Pr\u00e4sentation der Reihe im <em>Glaskasten<\/em> der Galerie angenommen, um mit dem verdienten Geld den festen Ort zu fliehen, im S\u00fcden \u00fcberwintern zu k\u00f6nnen; und zu erforschen, wie Pflanzen kleiden, ern\u00e4hren, bei Krankheiten helfen, wie sie inspirieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eingeweideschau. Sie dreht sich zu ihm um. Will ihm die Kaffeetasse reichen. Er wirkt abwesend. Mag sein, dass Max die Entit\u00e4t schon seit Minuten mit einem Horror\u2013 und H\u00f6llenblick anstarrt. Max ist Melancholiker und unersch\u00fctterbar in seiner Beharrlichkeit, der Trauer eine Form zu geben, in der Destruktion und Perversion einen gleichberechtigten Platz einnehmen. Nataly vollzieht nach, was ihn an dem Auswechselgesicht interessiert: Die Tatsache, dass es sich um eine Ruine handelt, Chemikalien haben es zu einer Maske geformt. Die Augen strahlen keine W\u00e4rme aus. Sie wirken starr und nach innen gekehrt. Ins Nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spiegelungen. Vom HiFi\u2013Gesch\u00e4ft gegen\u00fcber ist eine Kamera auf sie gerichtet. Sie \u00fcbertr\u00e4gt ihr Bild auf einen Schirm. Zwischen den Rasterpunkten scheint das Make\u2013up aufzuplatzen, \u00e4hnlich dem Verputz eines einsturzgef\u00e4hrdeten Hauses. Nataly glaubt in seinem umflorten Blick eine meditative Versunkenheit zu erkennen. Sie versucht nicht, Max zu verstehen, sie versucht ihm Halt zu geben, so wie er ihr beim Wechseln des Verbands hilft und das Verheilen der Wunden begleitet. \u00dcber ihrer Interaktion liegt die unm\u00f6gliche Hoffnung, die Last der finalen Vergeblichkeit ins Uferlose hinausz\u00f6gern zu k\u00f6nnen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zerfallsromantik. Natalys r\u00f6ntgenhafter Scharfblick zeigt einen Stadtkern, der aussieht, als h\u00e4tte ihn der Ausstatter einer Miniatur\u2013Eisenbahn erdacht: gepflegt gealterte Fachwerkh\u00e4user, blitzsaubere Trottoirs, verwinkelte Gassen und ein malerischer Marktplatz. Diese Agora wird zum Guckloch der Stadtgeschichte. \u00dcber Pflastersteine stolzieren Paare und Passanten, gelegentlich chorisch vereint, dann wieder zu k\u00fcnstlichen Posen vereinzelt. Welt wird als B\u00fchne begriffen. Die Menschen ahmen Entertainment\u2013Muster nach; gleichzeitig gibt es Elemente des realen Lebens, die zu Entertainment verarbeitet werden. Auch die somnambulste Bemerkung wird von ihnen ins Handfeste und Wirklichkeitstaugliche gewendet. In ihrem Selbstentwurf wollen sie ihr Leben als zusammenh\u00e4ngende Erz\u00e4hlung erfahren, und ihre Existenz als Drehbuchautoren erfinden; sie stellen so ihren Alltag zunehmend als eigenen Film zusammen. Diese Menschen laufen gesch\u00e4ftig von hier nach dort, jeder in die richtige Richtung; nur wenige torkeln aus der Reihe. Fehlende \u00dcberg\u00e4nge verweisen auf das Ungesagte und Denkbare. Der Minutenzeiger der Normalzeituhr besiegelt das Ende der Mittagspause. Nataly ber\u00fchrt Max mit sachtem Fingerzeig an der Schulter und fordert ihn auf:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKomm, wir m\u00fcssen das Schaufenster der Galerie noch fertig schm\u00fccken.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nataly und Max haben die Autonomie erlangt, sich \u00fcber Erwartungshaltungen hinwegzusetzen; sie haben keine Berufe, sondern Jobs, verfolgen kein Lebensziel, sondern ein Lebensgef\u00fchl. 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