{"id":72276,"date":"2009-11-29T00:01:01","date_gmt":"2009-11-28T23:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72276"},"modified":"2022-03-06T13:45:27","modified_gmt":"2022-03-06T12:45:27","slug":"xi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/29\/xi\/","title":{"rendered":"XI"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Transitraum des Nirgendwo. Falls es ein maximal beschleunigtes Nichts gibt, dann in einer rheinischen Fussg\u00e4ngerzone, in der Zeit und Ort aufgehoben sind. Max \u00fcberschaut ein Areal, das an einen zugigen Platz angrenzt. Aus dem Boden strahlen Ellipsoide, diese Lichtinstallation erinnert ihn an eine Landebahn; in Design gegossene Architektur von bemerkenswerter \u00d6de und Unbrauchbarkeit. Diese urbanistische Auffrischung versteht Max nicht im Sinne eines Gegensatzes zum Erhabenen, vielmehr als dessen Nachtseite, einen zum Verst\u00e4ndnis des Zivilisationsprozesses unabdingbaren Bestandteil des Alltagslebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spielfl\u00e4che f\u00fcr urbanen M\u00fcssiggang. Um die trockengelegten Brunnen sitzen Sonnenanbeter, treiben sich Selbstdarsteller, H\u00e4ndler und Musikanten zwischen den Passanten herum. Eine Mischung aus Volksfest und kultureller Darbietung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Freunde des schlechten Geschmacks ist ihr Auftritt der H\u00f6hepunkt, zwei Schauspieler, die kaum eine Zote auslassen und sich gegenseitig Worte wie Bonbons zuspucken. Sie sind Vergeblichkeitsartisten des Slapstick und zelebrieren die bitters\u00fcsse Tristesse des verd\u00e4mmernden Ruhestandes. Im L\u00e4ssigen werden sie nie nachl\u00e4ssig und im Kontrollierten nie verkrampft. Damit machen sie deutlich, dass man beim Abschied vor allem sich selbst zitieren sollte, um beim Anderen jene Erinnerung wach zu halten, f\u00fcr die man geliebt sein will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fasziniert ist Max von einem Possenreisser, dieser Darsteller ist vom eigenen Sarkasmus \u00fcber den fatalen Weltlauf so angeekelt, dass er schief steht, das Gesicht schr\u00e4g in den Wind stellt, nicht zum Lachen, nur noch zum h\u00f6hnischen Schauen f\u00e4hig. Er erschliesst M\u00f6glichkeiten der Entkoppelung von K\u00f6rper und Sprache, von Rolle und Darsteller, von Performance und Sinnstiftung. Der Vergeblichkeitsclown beschw\u00f6rt einen Echoraum\u2026 marodiert mit einer Lampe umher, wie sie f\u00fcr Bauarbeiten an Strassen und Wegen ben\u00f6tigt werden, um bei Dunkelheit auf die Gefahr aufmerksam zu machen, und deklamiert:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas ich suche, fragt ihr? Die Zukunft suche ich, aber es ist jetzt schon so d\u00fcster, dass ich eine Lampe brauche!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ansammlung menschlicher Seelenhaushaltsdefizite. Aus fr\u00f6hlichen Fatalisten werden Edel\u2013Clochards, die ihre eigene L\u00e4cherlichkeit konterkarieren. Es ist die Selbst\u00fcberhebung und das oberste Gebot dieser Vermasselungsschauspieler, \u00f6ffentlich Schiffbruch zu erleiden. Sie sind gescheiterte Artisten, die \u00fcber ihre Signatur leben. Echtheit ist nurmehr als inszenierte Unbefangenheit m\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann ist Max des forcierten Tiefsinns m\u00fcde. Er lehnt die Verkunstung des Leibes ab, bei der das Individuum vor\u00fcbergehend zur Skulptur wird. Wie sich Schauspieler bewegen und Macht \u00fcber die eigene K\u00f6rpersprache aus\u00fcben, h\u00e4lt er f\u00fcr essenziell. Im \u00dcberlebenskampf des Global Villages wird das Fremde und das Vertraute nicht an kulturellen Grenzen geschieden, es bricht in den Produkten des konstanten Flusses der Codes und schnelllebigen Sensationen immer wieder auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegenwartsverdrossenheit geh\u00f6rt zum Kulturpessimimus. Max registriert, wie das Politische \u00fcber das \u00c4sthetische triumphiert; und intime Sujets eine vorsichtige Skepsis gegen\u00fcber den apokalyptischen Eruptionen einer Realit\u00e4t formulieren, welche die Nachrichtenmedien t\u00e4glich ins Haus sp\u00fclen. Das M\u00e4ngelwesen Mensch figuriert zu einem Prothesenwesen, das seinen Warencharakter entbl\u00f6sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Magischer Fatalismus. In ihrer Traurigkeitsemphase macht Nataly niemandem etwas vor, sie erscheint im Profil zart, k\u00fchl, elfenhaft und feilt an einer Allianz von sanfter Sinnlichkeit und athletischer Toughness. Eine geschwungene Linie f\u00fchrt von der hoch gew\u00f6lbten Stirn \u00fcber die Andeutung eines L\u00e4chelns bis zum energischen Kinn. Der Teint schimmert durchsichtig. Sie ist ein Br\u00fcter und nutzt die Mussestunde im <em>Garten<\/em> des Caf\u00e9s, um auf verschiedenen Leveln zu denken; registriert ein verk\u00fcmmerndes normatives Bewusstsein und kann sich trotz ausgepr\u00e4gter Problematiktransferresistenz nicht mehr aus der absch\u00fcssigen Diskussion heraushalten. Aus analytischem Denken heraus Entscheidungen zu treffen, ist etwas Weibliches. Nataly ist aus Neigung Forscherin, sie f\u00fchlt den Durst nach Erkenntnis und die begierige Unruhe, darin weiter zu kommen oder auch die Zufriedenheit bei jedem Erwerb. Sie \u00e4ndert nicht ihr \u00e4usseres Leben, sondern den Orientierungspunkt ihres Denkens. An diesem Tag ist sie ganz K\u00f6rper. Unruhig, flackernd, ungeduldig, stets auf dem Sprung. Sie winkt ihm zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir w\u00fcrden unser Leben verschwenden, wenn wir nicht immer wieder lernend andere werden. Oft genug von Irrtum zu Irrtum, sich mit sich selbst und seinen Unf\u00e4higkeiten bekannt zu machen\u00ab, begreift sie die unterstellte Einzigartigkeit des Individuums als einen Trugschluss; dort, wo die hypermodernen Menschen meinen, besonders individuell zu sein, verhalten sie sich v\u00f6llig rollenkonform. Wenn der Ich\u2013Kern freigelegt, das allgemein Menschliche enth\u00fcllt wird, steckt unter allen Rollenidentit\u00e4ten die gr\u00f6sste gesellschaftliche Dramatik. Erz\u00e4hlen ist eine Funktion der Neurose und das beste Mittel gegen sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nataly ber\u00fchrt Max mit ihrer Verlorenheit, sie bewahrt so ihre anmutige W\u00fcrde. Satzfetzen schweben in Sprechblasen aus der Vergangenheit heran und zerplatzen seifenblasengleich. Max weiss nicht nur nicht, was er erz\u00e4hlen soll, er hat auch vergessen, wie er erz\u00e4hlen muss und betrachtet angelegentlich die Gartenst\u00fchle aus Plastik. Das Material tut ihm nicht weh, weil es abgerundet ist. Er sieht auf Sitzpl\u00e4tze, die vom Kleinkind bis zum alten Mann jeder nutzen kann. Design muss nicht teuer sein. Produkte m\u00fcssen in erster Linie erschwinglich sein. Einfache Objekte, die einfach zu produzieren sind. Als er sieht, wohin dieses Ideal gef\u00fchrt hat, ist er schockiert. Die Formel der Einfachheit ist beliebig geworden. Jeder bedient sich nur noch der Archetypen und alles sieht banal aus. Trotzdem steckt gerade in dieser Einfachheit sehr viel Geschmacksvollendung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nataly und Max sind beseelt davon, die Reste des europ\u00e4ischen Humanismus erleben zu d\u00fcrfen. Nicht Bakschisch auf dem Schweizer Nummernkonto definiert den Reichen; wirklich verm\u00f6gend sind jene Zeitgenossen, die bedenkenlos \u00fcber eine Ressource gebieten, die das Wertvollste ist: Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kapital an Werten und Daseinschancen, dass die vita activa des m\u00fcndigen B\u00fcrgers ihnen in den vergangenen Jahren beigebracht hat, brauchen Nataly und Max als aufmerksame, einsichtige und zukunftsbewusste Haush\u00e4lter seiner Kapazit\u00e4ten. Die auf Zeit gew\u00e4hlten Entscheider r\u00e4umen das Feld und lassen eine \u00d6konomisierung aller Lebensbereiche zu. Die Kulturtechnik des Weglassens, Unterscheidens und Verdichtens, aber auch der Heiterkeit und Gelassenheit wird ihr Programm f\u00fcr k\u00fcnftige Sozialisationen in der Lebenswelt. Jede Reise beginnt im Kopf. Ihre Fantasie braucht Sehnsuchtsbilder. Nataly und Max entz\u00fcnden sich aneinander, fahren ihren Tr\u00e4umen und W\u00fcnschen aus B\u00fcchern nach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Transitraum des Nirgendwo. Falls es ein maximal beschleunigtes Nichts gibt, dann in einer rheinischen Fussg\u00e4ngerzone, in der Zeit und Ort aufgehoben sind. Max \u00fcberschaut ein Areal, das an einen zugigen Platz angrenzt. 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