{"id":72264,"date":"2009-09-18T00:01:14","date_gmt":"2009-09-17T22:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72264"},"modified":"2022-03-06T13:48:33","modified_gmt":"2022-03-06T12:48:33","slug":"ix","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/18\/ix\/","title":{"rendered":"IX"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weichenstellung. Nataly flieht den Fensterplatz, als sich ein feister Spacko im Taschenmesserformat ins Abteil setzt, eine Zigarre entflammt und damit versucht, seinen alkoholisierten Atem zu maskieren. Sie begibt sich in die <em>einzigste<\/em>klassenlose Gesellschaft, die das Rheinland bietet: das Zugrestaurant.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir kennen einander nicht, aber nun habe ich Sie wieder erkannt\u00ab, begr\u00fcsst Max sie verschmitzt, die zusammengekniffenen Augen unter dem jungenhaft in die Stirn fallenden Haare, umschifft er seine Sch\u00fcchternheit elegant.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbFalls ich Sie nicht bei der Arbeit st\u00f6re\u2026\u00ab, sch\u00fctzt sich Nataly mit einer Aura des pr\u00fcfenden Blicks. Die N\u00e4he, die sie sucht, korrespondiert mit der Distanz, die sie schafft. Ihre S\u00e4tze wirken wie permanent unter Strom und zugleich wie aus dem Eisfach. Ihr entgeht nichts, sie l\u00e4sst aber auch wenig erkennen. Auf dem Resopaltisch wirft eine Lampe mit weissem Knopfschalter und Plastikschirm ged\u00e4mpftes Licht auf das cremefarbene Spitzendeckchen. Vor seiner Nase dampft die H\u00fchnersuppe der <em>Mitropa<\/em>. Sie bestellt heisse Schokolade + Sahne und Mohnkuchen, als er einladend die Notizen beiseite r\u00e4umt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn ich \u00fcber den Tellerrand schaue, hilft es mir, eine Perspektive auf meine eigene Arbeit zu erhalten. Je vielseitiger Erfahrungen sind, desto vielschichtiger ist der Ausdruck\u00ab, rattert er los, damit keine unerfreuliche Pause entsteht, und beschreibt ein Werk, das aus einer offenen Wahrnehmung der Realit\u00e4t kommt und von einer dezidierten Handschrift gepr\u00e4gt wird: \u00bbEs geht um den Versuch, den Blick gleichsam zu konservieren und mit der Kraft der Vergewisserung die Seele des Augenblicks festzuhalten. Fotografie fixiert den Augenblick, als w\u00fcrde sie ihn einfrieren. Diese Bilder halten fest, was nicht festzuhalten ist: die Erscheinung einer Landschaft, eines Gegenstands, eines Menschen. Indem eine Fotografie den Zeitfluss unterbricht, vollzieht sie eine Inventarisierung der Sterblichkeit.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weberschiffchen der Textur. Als Nataly seinem Redestrom folgt, mit dem er neue Ideen aus seinem Thinktank fliessen l\u00e4sst, vollzieht sie nach, dass diese Kunst mit Fantasie, Neusch\u00f6pfung und Zukunft zu tun hat. Max stellt moralische Sinnfragen aus intimer Kenntnis eigener Zerrissenheit heraus, zwingender, als mancher Zeitgenosse und l\u00e4sst die Leerformeln des Kulturbetriebs mit abgehangener L\u00e4ssigkeit auf ein liturgisches Maschinchen zur\u00fcckschrumpfen, dass eine symbolische Deckungsreserve f\u00fcr sinnhungrige Gegenwartsbewohner bereitstellt. Sein blasierter Gesichtsausdruck ist eine Synthese aus Naivit\u00e4t und abgebr\u00fchtestem Durchblickertum, gepaart mit einer wohlkultivierten Dosis Unausgeschlafenheit. Es ist Max bedeutsam, dass er seinen eigenen Stil hat, aber dabei nicht pr\u00e4tenti\u00f6s ist. Seine Art zu M\u00e4andern ist nicht Schandstein, sondern privilegierter Zustand, in dem seine Inspiration zum Gedanken findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEindeutige Bilder entstehen nicht mehr, daher ist <em>Verlassenheit<\/em> kein Thema und konsequenter Nonkonformismus keine Daseinsform\u00ab, wittert Nataly den Tod in allen Begriffen. Die jeunesse dor\u00e9e erscheint ihr als Kadaver, in dem Sprache ihr Zersetzungswerk vollendet; was noch zu leben scheint, sind Verwesungslaute. Nataly gibt den Toten auf, l\u00e4sst ihn fortreisen, damit er nicht als Widerg\u00e4nger zur\u00fcckkehrt, sie spart sich eine weitere Dem\u00fctigung durch die Verwandtschaft auf der Beerdigung, da sie l\u00e4ngst Abschied genommen hat; und begleitet Max zu der Vernissage, die er mit der soeben entstandenen Rede er\u00f6ffnen soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Knotenpunkt. Die Kollegen warten auf dem Parkplatz des Bahnhofs. J\u00fcrgen steht neben dem dunkelgr\u00fcnen Volvo und h\u00e4lt ein St\u00fcck Brot in die H\u00f6he. Eine graugefiederte M\u00f6we bremst ihren Flug ab und steht in der Luft. Peter schaut zu, wie der Allesfresser das Brot aufpickt. Nataly und Max kommen aus der Vorhalle und sehen das Licht durch die Federn des Vogels schimmern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Charmeoffensive. Die Artisten sind erfreut \u00fcber die zauberhafte Begleitung, die ihr Kustos <em>absichtslos<\/em> im Schlepptau hat, ihnen wird vollauf bewusst, dass die Kunst eine der sch\u00f6nsten Fluchtm\u00f6glichkeiten ist, mit Ankunftswillen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Logistik, Information, Transfer. Bei der Fahrt zur Galerie ziehen sich Peter und Max auf den R\u00fccksitz des Wagens zur\u00fcck, um den Verlauf der Veranstaltung abzusprechen. J\u00fcrgen g\u00f6nnt Nataly eine Stadtrundfahrt. Sein Problem, eine Tripel\u2013Begabung zu sein, folglich in allen k\u00fcnstlerischen Bereichen seine Qualit\u00e4t zu besitzen, stellt sich f\u00fcr Nataly als inspirierender Vorteil dar. So wird ihr im Gespr\u00e4ch mit J\u00fcrgen das Zusammenwirken, die wechselseitigen Abh\u00e4ngigkeiten und Befruchtungen zwischen den k\u00fcnstlerischen Ausdrucksformen klar. Sie sehen sprechend und spazieren sprachlich durch die Bilderwelt, dar\u00fcber tanzen die Noten. In dieser Leichtigkeit macht J\u00fcrgen klar, dass jedes Bild nur die Beschreibung eines Weges ist, das Nataly als Suchende gefunden hat. Kunst sollte bei aller Ernsthaftigkeit nie ihre augenzwinkernde Begleitung aufgeben, doch bei allem Spiel nie die W\u00fcrde vor dem Gegenstand ihrer Betrachtung verlieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bildbeschreibung: die Wandobjekte von Peter erinnern Nataly in ihrer Form und Einfachheit an fr\u00fch\u00e4gyptische <em>Schreibst\u00e4be<\/em>. Ihre Gestaltung mit Fotonegativen stellt dabei einen gedanklichen Bezug zu der verschl\u00fcsselten Zeichensprache der Kartuschen her. Sie \u00fcbertragen diesen kryptografischen Aspekt durch die zus\u00e4tzliche \u00dcberarbeitung der belichteten Negativrollen beil\u00e4ufig in einen zeitgen\u00f6ssischen Kunstausdruck. Diese Kunst kennt immer den doppelten Boden und sie zeigt ihn auch. Als Bindeglied zwischen zwei Negativanordnungen dienen die eingelassenen T\u00e4felchen, die in ihrer Mitte Schriftrollen bergen. Peter l\u00e4sst einen Mythos wieder zum Bild werden, er \u00fcberschreitet das K\u00fcnstlertum und liefert ihm so seine legitimierende Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeitzeugenmosaik. Das Publikum sieht sich beim Sehen zu, weil diese Kunst den Betrachter einl\u00e4dt, einen Farbraum zu teilen, gemeinsam <em>in<\/em> der Kunst zu sein. Die Besucher der Vernissage glauben, in jedem Schnappschuss einen Zipfel von der Sch\u00f6nheit des Lebens zu erfassen; Peter trennt Ort und Zeit voneinander, \u00f6ffnet die Grenze zwischen seiner Bildwelt und dem Raum des Betrachters und macht die Erfahrung von Zeit zum bald gedehnten, bald blitzartig verdichteten Fokus der Kunst. Farbe dient nicht dem Beschreiben, sie erm\u00f6glicht ein Ineinandergreifen von Medium und Thema; zeichnet Wirkungskreise, in denen das Individuum mit den \u00dcbereink\u00fcnften seines In\u2013Der\u2013Welt\u2013Seins vernetzt ist: Das mimetische Ged\u00e4chtnis spielt im Bereich des nachahmenden Handelns seine Rolle; das Ged\u00e4chtnis der Gegenst\u00e4nde h\u00e4lt die passenden Utensilien bereit; das kommunikative Ged\u00e4chtnis bildet sich im sprachlichen Austausch. Der kulturellen Erinnerungsf\u00e4higkeit, in welche die drei anderen Betr\u00e4chtlichkeiten ineinander \u00fcbergehen, er\u00f6ffnet Peter den Raum, in dem der k\u00fcnstlerische Rang \u00fcberliefert wird. In der Werkstattgalerie bildet sich ein Bereich, in dem Bilder und Riten, \u00dcberlieferungen und Ideen, sich legieren und das jeweilige Kunstverst\u00e4ndnis pr\u00e4gen, ohne das dies nach aussen hin in das Bewusstsein treten muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Weichenstellung. Nataly flieht den Fensterplatz, als sich ein feister Spacko im Taschenmesserformat ins Abteil setzt, eine Zigarre entflammt und damit versucht, seinen alkoholisierten Atem zu maskieren. Sie begibt sich in die einzigsteklassenlose Gesellschaft, die das Rheinland bietet: das Zugrestaurant.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/18\/ix\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":97847,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,3354],"class_list":["post-72264","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-vignetten"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72264","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=72264"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72264\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101711,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72264\/revisions\/101711"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97847"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=72264"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=72264"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=72264"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}