{"id":72259,"date":"2009-08-18T00:01:48","date_gmt":"2009-08-17T22:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72259"},"modified":"2022-03-06T13:50:41","modified_gmt":"2022-03-06T12:50:41","slug":"viii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/08\/18\/viii\/","title":{"rendered":"VIII"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorteilhaft an Schieflagen = etwas kommt in Bewegung. Nataly vermeint einen Bekannten zu sehen, ruft seinen Namen. Der durchn\u00e4sste Max dreht sich herum. Nataly ist verwirrt. Sie murmelt eine Entschuldigung. Max will sie aufhalten, ihn fasziniert jene Art von Cleverness und Alles\u2013schon\u2013gesehen\u2013M\u00fcdigkeit in ihrem Blick\u2026 scheitert jedoch an seinem Zweifel. Es geht ihm um eine Form der Romantik, die nicht mehr so lange durch Kopiersysteme gejagt werden muss, bis sie jegliche Brisanz verloren hat, im gelungenen Fall: um reine Magie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lichtreflexe. Die hypermodernen Menschen jagen der Sichtbarkeit nach; sie erreichen ihre Identit\u00e4t im Erz\u00e4hlen, im Zweifelsfall geben sie der Pointe den Vorzug vor der Geschmackssicherheit. Ihr Leben ist ein Clou, die Liebe der Sprachwitz, der sich auf sie machen l\u00e4sst, sie tauchen ihre Vors\u00e4tze in ein Brillantfeuerwerk aus Worten, ahnen den Verlust der Nachs\u00e4tze und den Lustgipfel der Nachz\u00fcnder. Liebe wird zu einem symbolisch generalisierten Kommunikationsmedium. Die kom\u00f6diantische Vorspiegelung falscher Identit\u00e4ten sorgt f\u00fcr ein entspanntes Klima. Max mag nach der Schrecksekunde nicht zupacken, er l\u00e4sst die Arme sinken und sieht ihr wehm\u00fctig nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Hauptbahnhof: Kathedrale des Industriezeitalters, ein stilles Denkmal minuzi\u00f6s geregelter Betriebsamkeit. Menschen, die umherlaufen, als w\u00fcrden sie an F\u00e4den gezogen, immer in Richtung geradeaus. Nataly geht mit rigoroser Gelassenheit an der Ladenpassage vorbei durch den langgezogenen unterirdischen Fussg\u00e4ngertunnel zur Auskunft. Der Fahrplan sagt ihr: Bahnsteig 3.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEine Fahrkarte, von hier nach dort\u00ab, verlangt sie am Schalter. Die Plattform ist ein sauberer Bahnsteig. Nataly setzt sich auf eine Bank. Versteckt sich hinter einer Zeitung. Starrt in den Himmel, solange bis die Augen tr\u00e4nen und sich ihr Blick in den Hochleitungsmasten verheddert. Die Zeitung wirft sie \u00fcberdr\u00fcssig in einen Papierkorb, sie sagt nichts Neues, nur das Datum hat sich ver\u00e4ndert. Ein Zug f\u00e4hrt ein, gegen\u00fcberliegendes Gleis. Menschen mit Gep\u00e4ck, angef\u00fcllt mit Gedanken und Erwartungen gehen auf andere Menschen zu und vollziehen Rituale. Sie wollte es einst so gut haben, wie diese Menschen, es ist ihr schlecht bekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der rote Sekundenzeiger der Bahnhofsuhr bewegt sich in einem monotonen Rhythmus im Kreis. Bahnarbeiter reparieren ein Gleis, ihre gelben Helme bewegen sich im Takt der Arbeit. Nataly versucht auf ihre Befindlichkeiten einen touristischen Blick zu entwickeln. Der <em>Schienenbus<\/em> f\u00e4hrt ein, die Menge ger\u00e4t in Bewegung. Aussteigende m\u00fcssen Spiessruten laufen. Es lauert ein \u00fcberanstrengter Klumpen, der dr\u00e4ngelt, um einen Fensterplatz zu ergattern, um nicht das Gegen\u00fcber ansehen zu m\u00fcssen. Menschen mit zum Bersten gef\u00fcllten Einkaufstaschen, auf denen grelle Aufdrucke Farbe ins Spiel bringen, Menschen mit anderen Zielen. Ihre Motive sind erschreckend plausibel: sie gipfeln in der Vorstellung, durch den Ausstieg aus einem kranken Milieu w\u00fcrde man gesunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSonst noch jemand zugestiegen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kontrolleur knipst ihre Fahrkarte. Er hat den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als L\u00f6cher in Pappe zu stanzen. Nataly sieht zum Fenster hinaus, in die st\u00e4ndig wechselnden Landschaften. Beobachtet eine grau gefiederte M\u00f6we, die dem Zug in Richtung Horizont voranfliegt. Die Sonne kocht auf Sparflamme.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vorteilhaft an Schieflagen = etwas kommt in Bewegung. Nataly vermeint einen Bekannten zu sehen, ruft seinen Namen. Der durchn\u00e4sste Max dreht sich herum. Nataly ist verwirrt. Sie murmelt eine Entschuldigung. 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