{"id":72253,"date":"2009-07-18T00:01:45","date_gmt":"2009-07-17T22:01:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72253"},"modified":"2022-03-06T13:51:27","modified_gmt":"2022-03-06T12:51:27","slug":"vii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/07\/18\/vii\/","title":{"rendered":"VII"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aussen. Eine scharfe Brise pfeift Max ins Gesicht. Eilig \u00fcberquert er die Strasse, um die U\u2013Bahnstation zu erreichen. Erste Regentropfen benetzen die Erde. Vermengen sich mit dem Staub der letzten Wochen. Schon riecht es nach Moder, F\u00e4ulnis und Zerfall. Zuerst in der Amtsstube, nun schwebt in der Stadt ein Hauch der Verwesung. Ferner Glanz einer Aura, die in Prospekten des Verkehrsamtes als besonderer Charme verkauft wird. Max registriert vorbeihastende Menschen. Sie jagen auf den Angstraum Fussg\u00e4ngertunnel zu. Am Haltepunkt hat sich bereits eine Menschenmenge angesammelt. Bewaffnet mit Schirmen und spitzen Ellenbogen. Sie bewegen sich in einem Kraftfeld von Eifersuchtsstr\u00f6men. Die Massenmedien lokalisieren diese Zeitstile und amalgamieren sie zu Trends.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leben ist kein Genre. Max studiert diese zappelige Groteske, erlebt es als spannungsvoll, was in die subjektive Welt tritt, w\u00e4hrend er durch die objektive schreitet und ist, das Ende vor Augen, jedem Anfang gegen\u00fcber offen. Das Leben beharrt jedoch unerbittlich auf seinem Authentizit\u00e4tsmonopol. Max f\u00fchlt sich als existentiell Getriebener, nahe an der unschuldigen Reinheit des <em>Sir Galahad<\/em>, aber ebenso nahe an der Selbstzerfleischung. Die radikale Essenz seines Charakters ist der Widerspruch und so nutzt der nachdenklich Gestimmte die einzige Freiheit, die sich zwischen Ausdr\u00fccklichkeiten bietet: Selbstbestimmung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00fcckenmarksintellektualismus. Max durchquert den Park, um ohne Umsteige den Hauptbahnhof zu erreichen. Auf den Glassfassaden reflektiert sich ein St\u00fcck blauer Himmel. Ein kurzer Schauer f\u00e4delt hernieder. Ein Windstoss fegt ihm ins Gesicht, so dass seine Augen tr\u00e4nen und sein Fedora in einem Bogen davonfliegt. Max sieht seinem Hut nach, wie er vom Sturm getrieben durch den Park trudelt, in einem Teich landet\u2026 sich mit Wasser vollsaugt und langsam versinkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stetige Verlangsamung. Max greift kursierendes Gedankentreibgut auf, sinniert dar\u00fcber, ob Bilder bereits die Reichweite von Interkontinentalraketen haben. Wenn er Kunst betrachtet, bewegt er sich in die Bilder hinein. Sobald er diese <em>Innensicht<\/em> einnimmt, sieht er sich mit der Dauer der Werke konfrontiert. Es geht ihm nicht darum, zu finden, sondern zu entdecken. Er l\u00e4sst nie ausser acht, dass eine k\u00fcnstlerische Arbeit da beginnt, wo Geschmack aufh\u00f6rt; reduziert ein Kunstwerk nicht auf den Inhalt; vergisst nie, dass die Kunst ein Zeitspeicher ist; und durchschaut das Material als Ideentr\u00e4ger der bildenden Kunst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Subtiles Denkprotokoll. Er wird gekitzelt von den Strahlen der Sonne, die durch das Gezweig einer Eiche fallen. Ein Licht, das aufleuchtet wie handpoliertes Silber. Max zeichnet Denkbewegungen nach und ruft sich die Gem\u00e4lde von Vermeer van Delft in Erinnerung, der mit Licht immaterielle Gestalten erschuf, als h\u00e4tte er im Geheimnis des Lichts Zugang zu einem feenhaften Universum; dort herrscht das Einverst\u00e4ndnis der Dinge mit dem Nichtsein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Nixe zwinkert. Max spiegelt seine Erscheinung in einer Pf\u00fctze, die sich vergr\u00f6ssert, weil der Rinnstein die Wassermengen nicht bew\u00e4ltigen kann, sich das Wasser einen Nebenweg sucht und in diese Lache m\u00fcndet. Panta rhei. Behext vom Glucksen stellt er sich an den Rand des tempor\u00e4ren Kleinstgew\u00e4sserbiotops. Blickt in sein bewegtes Spiegelbild, versucht zwischen den kr\u00e4uselnden Wogen die Loreley zu entdecken und hinter den Spiegel zu gelangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Aussen. Eine scharfe Brise pfeift Max ins Gesicht. Eilig \u00fcberquert er die Strasse, um die U\u2013Bahnstation zu erreichen. Erste Regentropfen benetzen die Erde. Vermengen sich mit dem Staub der letzten Wochen. Schon riecht es nach Moder, F\u00e4ulnis und Zerfall.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/07\/18\/vii\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":97847,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,3354],"class_list":["post-72253","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-vignetten"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72253","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=72253"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72253\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101714,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72253\/revisions\/101714"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97847"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=72253"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=72253"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=72253"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}