{"id":72247,"date":"2009-06-26T00:01:28","date_gmt":"2009-06-25T22:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72247"},"modified":"2022-03-06T13:54:06","modified_gmt":"2022-03-06T12:54:06","slug":"vi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/26\/vi\/","title":{"rendered":"VI"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schnittpunkte. Eine alte Knortze, zahnlos, ihre Schultern gebeugt von den Jahren, schlurft an ihr vorbei. Nataly legt den Weg zum Bahnhof zu Fuss zur\u00fcck, um schrittweise etwas von der pulsierenden Hektik des Alltags abzustreifen. Diese elektrifizierte Hochspannung baut sich in neongeschw\u00e4ngerten Grossst\u00e4dten t\u00e4glich von neuem auf. P\u00fcnktlich, nach Fahrplan. Eine Gereiztheit, in der die hypermodernen Menschen leben. Sie aushalten, ohne Durchhalteparolen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer Revolution\u00e4r ist der Fisch im Wasser des Volkes\u00ab, fliegt sie ein Hauch der Historie an, als sie sich sondengleich in die Stadt senkt. Waschpulver sch\u00e4umt im Springbrunnen, einiges von dieser \u00e4tzenden Lauge ist auf das Kopfsteinpflaster gelaufen. Schaulustige stehen abseits, um Distanz zu bezeugen; merken an, dass ihre Streiche fr\u00fcher bei weitem einfallsreicher waren. Alte Menschen, auf einen Rollator gest\u00fctzt, die ihre Lebenserinnerungen vorantreiben, Denkw\u00fcrdigkeiten aus einer besseren Zeit. Schulkinder mit erhitzten Gesichtern wuseln umher, jagen einander ohne sich fangen zu k\u00f6nnen. Bemerken den Frost nicht, der in den Gesichtern der Alten Einzug gehalten hat, sehen nur sich selbst. Spiegelgestalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frittenbude am Rand des Kopfsteinpflasters. Kartoffelschnipsel schwimmen im heissen Fett. Diese Stadt gleicht einer Fleischwurst, durch deren Mitte sich eine brackig riechende Kloake zieht; am Ufer ragen Schornsteine empor, die Blut und Wasser schwitzen. Ein Agitator steht auf einer Mauer und redet. Um ihn herum lungern Menschen, die ihm zuh\u00f6ren oder belustigt bis gleichg\u00fcltig umherschauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer Verzehr gentechnisch ver\u00e4nderter Lebensmittel ist ein Beitrag zum Schutz der Umwelt\u00ab, dringt es von weitem in einem unerbittlichen Agitationsstakkato an ihr Ohr. Der Demagoge wirkt allein durch sein \u00c4usseres wie aus der Zeit gefallen. Sie n\u00e4hert sich einem drahtigen, z\u00e4hen Burschen mit altmodischer Schieberm\u00fctze \u00fcber den graubuschigen Augenbrauen, markantes Erkennungszeichen in einem von Lebensst\u00fcrmen gegerbten Gesicht. Passanten gehen durch ein unsichtbares Labyrinth vorbei. Die meisten Mitb\u00fcrger registrieren nicht, dass sich die Gewichte von einer repr\u00e4sentativen Demokratie zur populistischen Legitimit\u00e4tssch\u00f6pfung durch eine boulevardeske Stimmungsmache verschieben. Der Ideologe ist ein Ungeborgener in der Welt, der selbst in der Kirche nicht mehr findet, worin er einst so geschwelgt hatte: Gemeinschaft. Er textet weiter:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Natur sch\u00fctzt nur, wer W\u00e4lder wieder aufforstet und die Wildnis vergr\u00f6ssert. Je weniger Land wir bewirtschaften, desto mehr bleibt unber\u00fchrt. Biologischer Anbau ist nicht effizient und sehr landintensiv!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEhj, du Vogel, dat bringt mir d\u00e4 verlorene Zick och nit wieder!\u00ab, p\u00f6belt ein Besoffener aggressiv. Wankt auf den Ideologen zu. Stoppt. Der Sinn des Lebens ist f\u00fcr den Obdachlosen nicht existent. Der Plattenbruder h\u00e4lt das Leben nur noch aus, indem er in einem kleinen Bereich eine Ordnung herstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbZeit ist ein technologisches Konzept, das asynchron zu den Rhythmen des Lebens l\u00e4uft. Aber wir leben in evolution\u00e4rer Realit\u00e4t. Wissen und verstehen, das ist zweierlei. Verstehen ist spirituell. Und wir Gl\u00e4ubigen sind der Geist des Landes\u00ab, gleitet der Ideologe in eine Verk\u00fcndigungssendung ab. Die Disputanten betrachten die Sprachspiele seiner Meinung. Versuchen zu verstehen, wie sich die Ordnung der Geschichte in der Geschichte der Ordnung enth\u00fcllt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Schnittpunkte. Eine alte Knortze, zahnlos, ihre Schultern gebeugt von den Jahren, schlurft an ihr vorbei. Nataly legt den Weg zum Bahnhof zu Fuss zur\u00fcck, um schrittweise etwas von der pulsierenden Hektik des Alltags abzustreifen. 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