{"id":72243,"date":"2009-05-18T00:01:54","date_gmt":"2009-05-17T22:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72243"},"modified":"2022-03-06T13:55:53","modified_gmt":"2022-03-06T12:55:53","slug":"v","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/05\/18\/v\/","title":{"rendered":"V"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klopfpoch auf Holz. Nach angemessener Weckzeit tritt er ein. Ein Meister im Unterspielen, der einer verschlafenen Bulldogge \u00e4hnelt, ist damit besch\u00e4ftigt, Grafitstifte zu spitzen. Das Zimmer, so kommt es Max vor, hat etwas von der sterilen Sauberkeit an sich, die man sonst nur in Krankenh\u00e4usern findet. Hier riecht es auch so schuppig. Der Ph\u00e4notyp hat sich eingeigelt, abgekapselt und klammert sich, wie den gerahmten Politikerportr\u00e4ts an der Wand zu entnehmen ist, an jene Anf\u00fchrer, die Kontinuit\u00e4t und Einklang mit der Tradition versprechen. In diesem Zimmer wurde scheinbar alles gerade erst zurechtger\u00fcckt, nicht nur die Aktenordner sind sauber in das Regal gestellt worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;In Reih und Glied, stillgestanden!&#8220; Ein Butterbrot, das angebissen auf \u00f6ligem, daf\u00fcr sauber gefaltetem Papier liegt und ein dampfender Kaffee neben einer verschlossenen Thermoskanne vervollst\u00e4ndigen die Beamtengem\u00fctlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max setzt zu einem Gruss an, das L\u00e4uten des Diensttelefons durchkreuzt sein Vorhaben. Die Bulldogge hat ihn und das Telefon fast gleichzeitig bemerkt, sie kl\u00e4fft ein gesch\u00e4ftiges &#8222;Bitte setzen Sie sich doch&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Staatsdiener nimmt den H\u00f6rer in die Hand. Seine Sprache ist ein Ausdruck h\u00f6chster \u00d6konomie. Er versucht alles kurz und m\u00f6glichst mit einem Satz zu sagen. Nichts wird erledigt, Sachverhalte werden der Erledigung zugef\u00fchrt. Gleichfalls wird nichts gepr\u00fcft, sondern der Pr\u00fcfung unterzogen. In <em>seinem<\/em> B\u00fcro herrscht das Passiv, das handelnde Subjekt ist zum Verschwinden gebracht worden. Das Gespr\u00e4ch dauert daher nicht lange. Mit dem Zeigefinger dr\u00fcckt er die Gabel des Telefons herunter, als sei es eine L\u00fcnette.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spot aufs Naheliegende. Mit einem &#8222;Ach Sie sind ja auch noch da&#8220;\u2013Blick nimmt die Bulldogge die Formulare von Max entgegen. Nach dem Verlust der Papiere sieht sich Max gezwungen, seine Existenz beweisen zu m\u00fcssen. Einzig verblieben ist ihm seine Geburtsurkunde. Mit Hilfe von Abschriften und Beglaubigungen l\u00e4sst sich ein Fantom\u2013Bild erstellen. Der Beamte pr\u00fcft den Sachverhalt. Der Ph\u00e4notyp ist im tiefsten Grund seines Innern ein Outcast, der die soziale Ordnung von aussen her auf defekte Stellen untersucht, denn er misstraut allen Gross\u2013Systemen. Und er misstraut der Ordnung so sehr wie jenen, die sie st\u00f6ren. Alles hat seine Schublade, alles seinen Stempel, den die Bulldogge mit der millimetergenauen Pr\u00e4zision eines Fallschirmspringers auf das Papier setzt. Abschliessend stellt er fest, dass Max die <em>richtige<\/em> Hautfarbe hat. Vergewissert sich, dass der Antragsteller \u00fcber hinreichende Sprachkenntnisse verf\u00fcgt, um ihn gegebenenfalls wieder in die Zivilgesellschaft entlassen zu k\u00f6nnen. Mit der \u00dcbergabe eines Stapels Formulare \u2013 zum Verbleib \u2013 ist der Fall f\u00fcr ihn erledigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDieses Ausweispapier ist vorl\u00e4ufig. Der neue ID wird ihnen per Postdienst zugestellt werden\u00ab, rezitiert der Angestellte des \u00f6ffentlichen Dienstes aus einem imagin\u00e4ren Handbuch und sieht seinem Gegen\u00fcber direkt in die Augen. Seine Pupillen sind durch graue Mutlosigkeit und fade Verzweiflung paralysiert, die lebende Anti\u2013These zur allumfassenden speckgen\u00e4hrten Zufriedenheit des Sp\u00e4tkapitalismus, das Produkt einer g\u00e4nzlich gescheiterten Industrierebellion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBedanke mich\u00ab, verabschiedet sich Max. Schliesst die T\u00fcr. Der Flur riecht nach Bohnerwachs. Auf der Wartebank sitzen keine Asylanten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Klopfpoch auf Holz. Nach angemessener Weckzeit tritt er ein. Ein Meister im Unterspielen, der einer verschlafenen Bulldogge \u00e4hnelt, ist damit besch\u00e4ftigt, Grafitstifte zu spitzen. 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