{"id":72238,"date":"2009-04-18T00:01:45","date_gmt":"2009-04-17T22:01:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72238"},"modified":"2022-03-06T13:58:24","modified_gmt":"2022-03-06T12:58:24","slug":"iv","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/04\/18\/iv\/","title":{"rendered":"IV"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Szenenwechsel, hinter der Kuppe. Stilistin des Unterwegs\u2013Seins. Nataly pflegt eine tiefe seelische und k\u00f6rperliche Beziehung zum Rheinland, seinem Verfall, den Ger\u00fcchen, die dieser Landstrich bewahrt. Ihre Fahrt f\u00fchrt sie an den Ort der Jugend, den Erfahrungen der ersten Liebe, dem Versuch das Erleben des anderen zu integrieren, die Zur\u00fcckweisungen, die sie sich ein Leben lang gemerkt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Flickermaschine. Dem Reiz des Zwielichts folgend, mit gleichm\u00e4ssigem Tritt in die Pedale des Fahrrads, durch leere Strassen f\u00e4hrt sie an dem Haus vorbei, in dem sie ihre Kindheit verbracht hat. Der verwilderte Garten umschliesst das Gel\u00e4nde. Emporragende B\u00e4ume umstehen die zur Giebelseite sich \u00f6ffnende Rasenfl\u00e4che. Zwischen Farne, Schachtelhalme und Buschwerk zieht sich ein versteckter Pfad. Der im Winter abgestorbene Wacholder flammt rostbraun. Das Haus ist bis zur Traufe von dichtem Efeu \u00fcberzogen und zur Wetterseite hin mit L\u00e4rchenschindeln versehen. Die Felder hinter dem Gartenzaun biegen sich einer fernen Niederung entgegen. Eine alte Linde streckt ihre \u00c4ste in den blassen Himmel. Aus einer Bibliothek knistert ein Grammophon eine Aufnahme des <em>Figaro<\/em> in die Vorg\u00e4rten und l\u00e4sst Cherubino &#8222;Non so pi\u00f9 cosa son, cosa faccio&#8220; seufzen. Im Vorbeifahren beginnt Nataly \u00fcber den Klang des vergehenden Moments nachzusinnen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeitkapsel. Behutsam st\u00fclpt die Nacht ihren Zylinder \u00fcber die Schlafgem\u00e4cher des <em>Veedels<\/em>. An einer Reihe flackernder Gaslaternen vorbei gelangt Nataly zu der alten Br\u00fccke, die als einzige den letzten Krieg unbeschadet \u00fcberstanden hat. Der Geruch von verdampfendem Regen auf den Pflanzen kitzelt ihre Nase. Bet\u00f6rt vom Nachtatem steigt sie ab. Legt geflissentlich ihr Fahrrad in das nasse Ufergras. Die Aluminiumfelgen spiegeln das Mondlicht gegen die glatt geschliffenen Steine. W\u00e4hrend Nataly gen\u00fcsslich den Rauch einer Zigarette einsaugt, l\u00e4sst sie die Bewegungen des Tages ausklingen. Blickt dem Strom nach, der seinen Lauf nimmt. Der Fluss tut seine Pflicht, er fliesst immer in eine Richtung und trennt die Ufer. Einerseits bef\u00f6rdert er die Menschen, andererseits separiert er sie. Nataly betrachtet das Schwemmland, die sandigen und die bewaldeten Ufer, die von russigen Industrieanlagen ges\u00e4umt sind, h\u00f6rt die Schiffe mit dem tuckernden Dieselmotor. Hier wie dort erreicht der Schwimmer sein Ziel auch bei g\u00fcnstiger Str\u00f6mung nicht ohne eigenes Zutun. Unstillbare Sehnsucht. Nataly f\u00fchlt ein Fernweh\u2026 das Reisen auf dem Wasser ist f\u00fcr sie stets ein mythischer Akt, gleichsam ein <em>Bewusstseinsstrom<\/em>. Die Natur, der Fluss, das Meer, all das bedeutet f\u00fcr Natalyin gleichem Masse Freiheit wie Aufl\u00f6sung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbstverwirklichung und Selbstvernichtung: Eines geht nicht ohne das Andere. Frauen sind das st\u00e4rkere Geschlecht; in der Liebe werden sie grazi\u00f6ser schwach als M\u00e4nner\u2026 Virtuosinnen der Hingabe. Das Erleben der Liebe war f\u00fcr Nataly v\u00f6llig archetypisch. Das Unsagbare und Unvergleichliche ihrer Liebe wurde durch nicht\u2013sprachliche Kommunikation bekr\u00e4ftigt; ihre Liebe \u00fcberbr\u00fcckte die Zeit zwischen der unmittelbaren Zweisamkeit. Alles, was Natalytat, ging ihr Gegen\u00fcber unmittelbar an. Ihre Trauer ist daher so unendlich masslos wie ihre symbiotische Beziehung\u2026 der Tod ihres Partners riss eine L\u00fccke in ihr Leben, lies einst\u00fcrzen, was unverr\u00fcckbar schien. In einem Lebensschwebezustand lotet Nataly die Abgr\u00fcnde des Alltags unmittelbar aus; zuerst empfindet sie die Orientierungslosigkeit als Last\u2026 dann ihre absolute Souver\u00e4nit\u00e4t als Freiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Offenkundige Asymmetrie. Das Sehen der Nostalgikerin gleitet ins Traumhafte. Nataly beschw\u00f6rt die Kosmogonie des Kontinents, aus denen das alte Europa heraufsteigt. Unter der Oberfl\u00e4che liegen Vergangenheiten begraben, Geschichte im buchst\u00e4blichen Sinn. Sie senkt ein Echolot in die Kulturgeschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">T\u00fcrw\u00e4chter der vergangenen Zeit. Es ist nicht die Wiederkehr des Ewiggleichen, sondern ein Lauf, getragen von der Immanenz der Welt. Die R\u00e4nder dieser Welt bleiben unsichtbar, ebenso der Grund, aus dem die Welt die Kraft der Erneuerung sch\u00f6pft. Die Anf\u00e4nge dieser Besiedlung liegen im Dunkel der Vorgeschichte. Wahrscheinlich begann die Geschichte dieser Spezies, bevor diese Erde existierte. Mutmasslich sind die Bewohner des Rheinlands Emigranten aus anderen Galaxien, ihnen ist nichts Menschliches fremd, aber auch nichts Unmenschliches.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frivolit\u00e4tsepoche. Nataly besch\u00e4ftigt die Spannung zwischen der Sch\u00f6nheit des Einzelnen und seiner Sehnsucht, zu einer Gemeinschaft zu geh\u00f6ren. Ihr \u00e4sthetisch sanktionierter Distanzblick offenbart die Ausgesetztheit der kreat\u00fcrlichen Existenz: die Bedingung, dass die Welt nicht f\u00fcr den Menschen gemacht ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Natur ist ein Rohstoff, aus dem die Zeit den Charakter der Landschaft meisselt. Was Nataly umgibt, sind die Aggregatzust\u00e4nde des festen Landes, des fl\u00fcssigen Wassers, des wehenden Dunstes: das Zerfliessen, der Schleier, der Traum. Auf sie richtet sich ihr Blick in einer Form des sch\u00fcrfenden Lesens und Rekonstruierens, mit der sie arch\u00e4ologische Feldforschung betreibt: Sie will den Bl\u00e4ttern beim Entfalten zusehen, dem Gras beim Wachsen zuh\u00f6ren und dabei die Heilwirkung der Natur erfahren. Verschwindet mit den Augen in der Landschaft, sieht atemlos dabei zu, wie sich die Welt als Rohmaterial darstellt, sich der Blick durch das Dickicht der Dinge windet und sich die Kr\u00fcmmung des Horizonts in seiner ganzen Sch\u00f6nheit zeigt. Nataly beobachtet das Firmament wie durch ein Teleskop und fragt sich, was die Welt im \u00c4ussersten zusammen h\u00e4lt. Erinnerung ist eine Abendd\u00e4mmerung im Schatten der Wahrheit. Der einzige Besitz, den sie hat, ist die Vergegenw\u00e4rtigung dessen, was aus ihr geworden ist: ihre Identit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tendenzen lassen sich \u00fcberall entdecken, wo man sie ergr\u00fcnden will. Es scheint immer noch so zu sein, als schauten die Engel r\u00fcckw\u00e4rts, w\u00e4hrend der Wind des Fortschritts in ihre Fl\u00fcgel bl\u00e4st und die Himmelsboten nach vorne schweben l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Flimmerblick. Auf blassrosa Klangwolken unterwegs. Nataly blickt dem Seraph sehns\u00fcchtig hinterher\u2026 betrachtet es als Privileg, dass sie sich ihrer Spiritualit\u00e4t bewusst sein kann. Ihr wird die Welt zum Symbol\u2013Steinbruch. Sie schaltet vom unbewusst\u2013nat\u00fcrlichen Modus in eine bewusst\u2013gef\u00e4lschte Manier um\u2026 f\u00e4llt in einen Abgrund\u2026 dort wo man f\u00e4llt, ohne je auf dem Grund zu zerschellen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rekurs. Hinter den z\u00e4rtlich gehegten Requisiten verbirgt sich die Gewissheit, aus dem Paradies vertrieben worden zu sein und nur im Medium beschw\u00f6render Erinnerungen dorthin zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen. Natalys unstete geistige Arbeit bestimmt die sprunghafte Struktur ihrer stetigen Wiedererneuerung, mit der sie ihre individuelle Trag\u00f6die aufarbeitet. Sie versucht, hinter die Mechanismen, die geheimen Codes der menschlichen Interaktion zu gelangen, will herausfinden, was es ist, das ihre Mitmenschen immer wieder aufstehen l\u00e4sst, wenn sie die Umst\u00e4nde zu Boden geworfen haben. Die Zukunft leuchtet so hell, dass sie eine gef\u00e4lschte Designer\u2013Sonnenbrille tragen muss, um nicht geblendet zu werden. Die Abendsonne verkleidet sich in Moof.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Szenenwechsel, hinter der Kuppe. Stilistin des Unterwegs\u2013Seins. Nataly pflegt eine tiefe seelische und k\u00f6rperliche Beziehung zum Rheinland, seinem Verfall, den Ger\u00fcchen, die dieser Landstrich bewahrt. 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