{"id":72058,"date":"2001-04-04T00:01:22","date_gmt":"2001-04-03T22:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=72058"},"modified":"2020-11-25T18:03:48","modified_gmt":"2020-11-25T17:03:48","slug":"gemaelderetro","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/04\/gemaelderetro\/","title":{"rendered":"Gem\u00e4lderetro"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 118\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwischen den Dosen von Farbe, meist sind es Pigmente, manchmal auch schon fertig anger\u00fchrte Acrylfarben, teilweise auch billiges Abt\u00f6nzeug aus dem Baumarkt, hat er einen Pinsel gefunden. Ein kleiner feiner Haarpinsel, vielleicht St\u00e4rke 0. Er hat sich dorthin verloren und wei\u00df nicht warum. Herr Nipp greift ihn, tunkt ihn in das Wasser, in dem auch andere Pinsel schon stehen, alles war ausgetrocknet gewesen, nichts hatte zum Arbeiten eingeladen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Kaum hatte man den Mut gehabt, einen Keilrahmen zu \u00fcberspannen, zu grundieren, die ben\u00f6tigten Farben auf einen alten Porzellanteller zu platzieren, der in Ermangelung einer Palette her- halten musste. Immer wieder war er dort gewesen, in seinem alten Lebensraum, dem eigentlichen Wohnzimmer und hatte letztlich immer nur da gesessen, hatte Musik aus den achtziger und neun- ziger Jahren geh\u00f6rt, meist von der Schallplatte, Vinylkonserve, hatte manchmal auch das Radio bem\u00fcht, allerdings sich immer \u00fcber den schlechten Empfang ge\u00e4rgert. Dieses Rauschen konnte die letzten Nerven rauben, nicht beim Deutschlandfunk allerdings, dort wurde ja meist nur gesprochen. Dann hatte er sich ein Buch genommen, jeder Ort seiner m\u00f6glichen Aufenthalte h\u00e4ufte B\u00fccher an, ganz ohne sein Zutun, es passierte einfach, er hatte gelesen und notiert manchmal oder ein St\u00fcck Bienenwachs mit den H\u00e4nden er- w\u00e4rmt und bed\u00e4chtig zu einem kleinen Objekt (Plastik im wahrsten Sinne) verformt. Nein, das Wagnis eines Bildes hatte er derzeit nicht eingehen k\u00f6nnen, dann schon lieber Texte schreiben, die ein bisschen bl\u00f6dsinnig sind.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Jetzt aber mussten all die vertrockneten Pinsel gereinigt werden, so ging es nicht weiter. Er f\u00fcllte sich einige Milliliter Tusche ab und setzte erste vorsichtige Linien auf die Leinwand, in die altwei\u00dfe Grundierung, die gebrochene Farbe nahm ihm die Angst vor der Leere, davor, etwas falsch zu machen. Er hatte sich eine der\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Wachsfiguren in die richtige Position gelegt und nutzte diese als Modell f\u00fcr ein erstes Bild nach f\u00fcnf Monaten. Tats\u00e4chlich kam er schnell voran und wurde mit der Zeit richtig zufrieden. Acrylwei\u00df und Gelb l\u00f6sten alte Pigmente vom Teller und vermengten sich zu gr\u00fcnlichen T\u00f6nen. Zum Abschluss wurde eine Schicht Bienen- wachs aufgezogen, dann Schellack, dieses eingeritzt und zuletzt mit einem hauchd\u00fcnnen Film blauer \u00d6lfarbe versehen. Eine dunkelleuchtende Atmosph\u00e4re entstand, mit vielen Bild\u00fcberlagerungen und Durchblicken. Ein Bild zum Erwandern und Erschlie\u00dfen, so dachte er zumindest.<\/span><\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 119\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Nach dem kl\u00e4renden Gespr\u00e4ch ging vieles glatter von der Hand, da hatte einiges wie ein Druck auf ihm gelastet. Jetzt f\u00fchlte er sich endlich wieder frei.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Ein kompletter Borstenpinsel musste an diesem Tag dran glauben, nach und nach kurz gemalt, die Haare auf wenige Millimeter verk\u00fcrzt, das war das Schicksal von Borstenpinseln, wenn man versuchte, ein Valeur zu erzielen. Da Herr Nipp nur selten teure Pinsel verwendete, war dies allerdings nicht so schlimm.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Abends suchte Herr Nipp irgendetwas in einer der vielen Schubladen seiner Planschr\u00e4nke und w\u00e4re fast hint\u00fcber gefallen, als er eines seiner Bilder aus den sp\u00e4ten Achtzigern fand, hatte er als Zivi gemacht. Fettstift auf Papier. Es ist schrecklich, wenn man merkt, dass in all den Jahren nichts gelernt wurde.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 107\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zwischen den Dosen von Farbe, meist sind es Pigmente, manchmal auch schon fertig anger\u00fchrte Acrylfarben, teilweise auch billiges Abt\u00f6nzeug aus dem Baumarkt, hat er einen Pinsel gefunden. Ein kleiner feiner Haarpinsel, vielleicht St\u00e4rke 0. 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