{"id":71979,"date":"1999-05-04T00:01:42","date_gmt":"1999-05-03T22:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71979"},"modified":"2020-11-25T16:56:30","modified_gmt":"2020-11-25T15:56:30","slug":"himmelsspiele","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/05\/04\/himmelsspiele\/","title":{"rendered":"Himmelsspiele"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" style=\"text-align: justify\" title=\"Page 95\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Herr Nipp hatte in der Badewanne gelegen und durch das schr\u00e4ge Dachfl\u00e4chenfenster den Himmel betrachtet. Irgendwann war er wie immer eingeschlafen und wurde schlie\u00dflich von der K\u00e4lte des Wassers rund zwei Stunden sp\u00e4ter mit Froschhaut geweckt. Es war dunkel drau\u00dfen, nichts mehr am Himmel zu sehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Das Beobachten von Wolken geh\u00f6rt bei Menschen, die sich ein wenig ihrer kindlichen Art erhalten haben, zu den wirklichen Freu- den. In diesen eigentlich nur wei\u00dfen Formationen aus Wasser- dampf k\u00f6nnen alle Dinge vorgestellt werden, in ihnen kann der aufmerksame Betrachter seine Phantasien ausleben. Vom Licht werden sie zu Farbwallungen, zu unglaublichen Verl\u00e4ufen, nicht umsonst haben die Maler der Renaissance hier erste M\u00f6glichkeiten erkannt, sich von den Gegenst\u00e4nden zu befreien und der reinen Malerei zu widmen. Vor allem in der Alexanderschlacht von Altdorfer kann, wenn die Betrachtung der Wolkenformationen in den Focus genommen wird, erkannt werden, dass hier eine Freude an der rein komponierten Dramatisierung von Farbe vorliegt. Auch die Gem\u00e4lde des zeitgen\u00f6ssischen s\u00fcdkoreanischen K\u00fcnstlers Kwang Sung Park thematisieren immer wieder die epische Gela- denheit des Himmels und strapazieren unsere Wahrnehmung bis ins Unertr\u00e4gliche, was auch schon C.D. Friedrich in seinem &#8222;M\u00f6nch am Meer&#8220; vorgeworfen worden war. Stellen wir uns den Wolkenbildern, lassen uns mit ihnen Treiben, ihren Ver\u00e4nderungen folgend, blicken einfach von Zeit zu Zeit nach oben, anstatt nur den Boden zu sehen. Seien wir einfach manchmal Hans Guckindieluft oder fliegender Robert, lassen die Gegenwart f\u00fcr Minuten nur au\u00dfer Acht. Geben wir uns der Sch\u00f6nheit hin. Da w\u00f6lbt sich eine Formation zu einer Venus auf der Muschel, frei nach Botticelli, oder man bemerkt, dass sich eine d\u00fcstere Front lauter mordl\u00fcsterner Drachen aufbaut. Jungfrauen reiten auf Stieren, das<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 96\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Lieblingskuscheltier unserer Kindheit gr\u00fc\u00dft und l\u00f6st sich in das Auto auf, das wir uns niemals leisten k\u00f6nnen. In seinem Traktat \u00fcber die Malerei schreibt da Vinci zwar nur \u00fcber das Betrachten von Steinen, dies kann jedoch wohl als eher beispielhaft gesehen werden, sicherlich wird auch er beizeiten auf einer Wiese gelegen, dem Spiel der langsam treibenden Wolken zugesehen haben und Herden von Schafen, die Schlachtenbilder, die Physiognomien entdeckt und gezeichnet haben.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Als Herr Nipp sp\u00e4t abends nach seinem l\u00e4ngeren Bad in der Bibliotheksbadewanne noch kurz vor K\u00e4lte schnatternd die angelaufenen elektronischen Nachrichten der letzten Stunden abrief, fand er zwischen diesen eine Nachricht, die mit Anhang letztlich nur diese Faszination f\u00fcr die Natur des Freundes kundtat. Herr Nipp war so begeistert von dieser Mischung aus Muschel-, Blatt und Quallenform, dass er sofort seine Tageskleidung wieder anlegte und sich mit der Spiegelreflexkamera auf den Weg machte. \u00dcber drei Stunden suchte er sch\u00f6ne Himmelsgebilde, konnte jedoch nichts finden.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Erst gegen Morgengrauen wurde ihm deutlich, dass man bei schlechten Lichtverh\u00e4ltnissen einfach nichts sehen kann. Immerhin hatte er in der Zwischenzeit sch\u00f6ne Stunden an der frischen Luft verbracht. Es hatte etwas genieselt und diese besondere Zeit des Tageserwachens mit ihren ganz eigenen Klang hinterlie\u00df tiefe Spuren. Das Gef\u00fchl einer seltsamen Zeitlosigkeit, eines in den Raum geworfen Seins, einer Symphonie des \u00dcbergangs. Und gl\u00fccklich fotografierte er letztlich nur den grauen Himmel dieses herbstlichen Hochsommertages.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 94\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Nipp hatte in der Badewanne gelegen und durch das schr\u00e4ge Dachfl\u00e4chenfenster den Himmel betrachtet. Irgendwann war er wie immer eingeschlafen und wurde schlie\u00dflich von der K\u00e4lte des Wassers rund zwei Stunden sp\u00e4ter mit Froschhaut geweckt. 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